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Beispiele der texthermeneutik

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Schwerelosigkeit



Das Spielerische und die Sublimation finden ihre Bestätigung, haben aber auch ihre Begründung in dem glücklichen Ende; die ganze Handlung ist von diesem Ende her mit bestimmt. Die Märchenhelden nehmen im Verlauf der Geschichte meist große Mühen auf sich, aber es sind immer schon entlastete Mühen - Hörer und Leser haben die sichere Erwartung, daß sich alles nicht nur zum Guten, sondern zum Besten wendet, zu einem Glückszustand, der nicht hinterfragt wird. In einigen Märchen - beispielsweise in der Grimmschen Erzählung vom «Teufel mit den drei goldenen Haaren» - kommt der Held oder die Heldin mit einer « Glückshaut» zur Welt. Dieser Begriff führt in Zusammenhänge der Religions- und Mythengeschichte mit Ausläufern in abergläubischen Vorstellungen: Kindern, die mit Resten der Embryonalhaut zur Welt kamen, wurde ein glückliches Leben vorausgesagt. Im Märchen sind auch diese Vorstellungen sublimiert: Die Glückshaut wird materialiter nicht definiert, sondern einfach benannt; und im Grunde haben alle Märchenheldinnen und -helden eine Glückshaut - was sie tun, schlägt ihnen letztlich zum Besten aus. Die Schwierigkeiten, die sich vor den Gestalten des Märchens auftürmen, sind aufgehoben in der Schwerelosigkeit der ganzen Märchengeschichte.

      Die Gattung Märchen ist insgesamt durch weite Spannungsbögen charakterisiert. Extreme Schwierigkeiten sind plaziert in einem Feld der Schwerelosigkeit. Das Gewicht von Gut und Böse ist erkennbar; aber die geordnete Moral wird ausmanövriert vom unbedingten Glück. Das Märchen ist leicht verständlich und spielt doch in einem Raum des Unerklärlichen. Seine Wahrheit ist mit der Unwirklichkeit verknüpft, es ist eine poetische Wahrheit. Goethe sah in den Märchen «Spiele einer leichtfertigen Einbildungskraft», die den Menschen «außer sich hinaus ins unbedingte Freie führen und tragen»36. In vielen Kunstmärchen überwiegt diese Seite des unbedingten und auch willkürlichen Spiels - das Wort « bizarr » gehört zu den Lieblingsvokabeln der romantischen Märchendichter. Im Volksmärchen findet das unbedingt Spielerische aber sein Gegengewicht in einer festen Ordnung; hierher gehören die Wiederholungen, in die Steigerungsmomente eingebaut sind, hierher gehört aber auch die entschiedene und klare Handlungsführung, welche die Phantastik ungebundenen Fabulierens abschneidet.
      In dem Befund, daß die Märchen an Dinge, Konstellationen und Vor-gänge aus der Wirklichkeit erinnern, ohne der Wirklichkeit verpflichtet zu bleiben, steckt eine enorme Verlockung für Deutungen aller Art. Am einleuchtendsten sind dabei wohl psychologische Deutungen, die im Weg der zentralen Märchenfiguren reale Probleme und Lösungsansätze gespiegelt sehen - den Aufbruch junger Menschen etwa aus ihrer gesicherten und beengenden familiären Umgebung in eine sie befreiende Welt. Viele Märchendeutungen unterwerfen sich aber auch vorgegebenen Systemen und Weltanschauungen. Dies reicht vom anthropo-sophischen System der Einweihungs- und Entwicklungsstufen bis zu einem allgemeinen System unbewußter Prozesse, von religiösen Ãoberformungen bis zu bornierten politischen Auslegungen. Das Märchen setzt der Deutungswut wenig Widerstand entgegen; aber die Leichtigkeit und Vieldeutigkeit der Gattung geht unter dem verifikationssüchtigen Zugriff der Deuter verloren. Es gibt allerdings - abgesehen von der Provokation alles Unerklärlichen - noch eine einleuchtende Begründung für die vielen Deutungsversuche. Marie-Louise von Franz, die selbst sensible Märchendeutungen auf der Grundlage der tiefenpsychologischen Methode Carl Gustav Jungs vorgelegt hat, sagt dazu: «Psychologische Deutung ist unsere Art, Märchen zu erzählen.» Sie sieht hinter der Erklärungssucht also das Bedürfnis, die Märchenbilder auch in einer Zeit gegenwärtig zu halten, die diesen leichten und schönen Gebilden an sich nicht entgegenkommt.
     

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