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Molieres «Tartuffe» - Interpretation eines klassischen Dramas



Die Komödie « Le Tartuffe ou L'Imposteur », das fünfzehnte der erhaltenen 33 Stücke Molieres, war zu seiner Zeit und ist noch heute das beliebteste und meistgespielte Werk des französischen Theaters. Es ist zugleich typisch für die Kunstgesinnung des späten 17. Jahrhundertsund eignet sich daher in besonderem Maße dazu, einen Begriff von der Eigenart der klassischen französischen Dichtung zu vermitteln.

      Andererseits war und ist dieses Werk das umstrittenste der französischen Literatur. Das Stück war noch nicht vollendet, und nur die ersten drei Akte waren durch private Aufführungen - allerdings auch vor dem König - bekannt geworden, als der Sturm bereits losbrach. Am heftigsten bekämpften es gewisse strenggläubige Kreise, weil dieses Stück ihrer Meinung nach nicht nur die falsche Frömmigkeit anprangerte, sondern die Religion überhaupt lächerlich machte. Unter ihrem Druck war der König genötigt, den «Tartuffe » wiederholt zu verbieten, während ein Pariser Pfarrer den Scheiterhaufen für Moliere forderte und der Erzbischof von Paris einen jeden, der dieses Stück auch nur lesen würde, mit der Strafe der Exkommunikation bedrohte/ Moliere selbst verteidigte hingegen unermüdlich die «Unschuld» seiner Komödie. Und doch erreichte er erst nach fünf Jahren zähen Ringens die Aufhebung des königlichen Verbots. Während die Kirche sich niemals von ihrem Interdikt abbringen ließ, wurde die Erstaufführung des «Tartuffe» zu seinem größten Triumph: In hellen Scharen strömte das Publikum an diesem Tag in sein Theater, und trotz aller früheren und noch bestehenden Verbote war das Interesse so groß, daß der «Tartuffe » bis zum Ende der Saison auf dem Spielplan blieb und seitdem nicht mehr von der französischen Bühne verschwunden ist.
      Von einer historischen Literaturbetrachtung wäre zu erwarten, daß sie uns die geschichtliche Bedeutung, den «Sitz im Leben», der Komödie Molieres erklärt. Nur zu oft zeigt sich jedoch, daß statt dessen die Kontroversen des 17. Jahrhunderts - wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen - erneut ausgetragen werden. So behauptet man einerseits, als ein rechter «Bürger» habe Moliere im «Tartuffe» die Aufklärung vorweggenommen und den kirchlichen Lehren die Grundsätze einer « natürlichen » Moral entgegengesetzt - auch wenn man dabei in Kauf nimmt, Moliere selbst der «Heuchelei» zu bezichtigen, denn nichts anderes seien die Beteuerungen der «Unschuld» seines Stücks gewesen. Andererseits will man beweisen, daß gerade jene Passagen, in denen Moliere seine Libertinage und seinen Atheismus bekannt haben soll, auch auf entgegengesetzte Weise zu deuten seien, da eben diese Stellen sehr wohl mit dem «christlichen Humanismus» eines Franz von Sales in Verbindung zu bringen sind. Indessen besteht nicht einmal Einmütigkeit darüber, ob und inwieweit Molieres Polemik überhaupt ernst zu nehmen ist: Für ihn sei die komische Wirkung seiner

Stücke die Hauptsache gewesen; jede ernsthafte ideologische Auseinandersetzung hätte diese Wirkung nur beeinträchtigen können, und somit sei ihm gar nicht zuzumuten, daß er etwas anderes als nur komische Szenen und lächerliche Charaktere auf seiner Bühne darstellen wollte.s
Nun war Ludwig X

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V.

sicher nicht der Mann, der es geduldet hätte, daß die Troupe du Roi, wie Molieres Ensemble seit 1665 hieß, vor seinen Augen < bürgerliche > Ideen verbreitet hätte. Andererseits hätten die kirchlichen Kreise der Zeit den vermeintlichen Zusammenhang des «Tartuffe» mit den Lehren des hl. Franz von Sales deutlicher als jeder moderne Interpret erkennen müssen. Und wenn man behauptet, Moliere sei allein auf die komische Wirkung bedacht gewesen, so bliebe unverständlich, warum er gerade in diesem Fall volle fünf Jahre lang mit solcher Hartnäckigkeit um die Aufhebung des Aufführungsverbots kämpfte. Besonders bemerkenswert an seiner Verteidigung des «Tartuffe » ist dabei, daß Moliere ein Argument vorbringt, das anzuziehen wohl keiner seiner Zeitgenossen gewagt hätte. Sowohl in seinen beiden an den König gerichteten Bittschriften wie auch in dem Vorwort seines Stücks spricht er nämlich vom Theater ganz so, als wäre von einer öffentlichen Institution die Rede, die man nicht ohne erheblichen Schaden verbieten und abschaffen könne. Zwar war es zu seiner Zeit ein Gemeinplatz, vom veranlassen sie, so zu handeln, wie sie es tun, sondern allein der Umstand, daß sie sich in irgendeine Marotte verrannt haben und mit größter Verbissenheit ihre Chimären verfolgen.
      Wie bereits Hegel erkannte, gewinnt Molieres Theater auf diese Weise eine Ernsthaftigkeit, die es von aller früheren komischen Dichtung unterscheidet. Mit Recht stellte er fest, daß die Hauptfiguren Molieres eigentlich gar nicht komisch sind, sondern Individuen, denen es in ihrer « Borniertheit» mit ihrem Zwecke « bitterer Ernst ist». Hegel tadelt diese Ernsthaftigkeit und stellt ihr die «franke Lustigkeit» gegenüber, « wie sie als stete Versöhnung durch die ganze Aristophanische Komödie geht», so daß man ohne die Kenntnis des Aristopha-nes kaum wissen könne, wie «dem Menschen sauwohl sein kann». Das Versöhnliche an der alten Komödie aber ergibt sich nach ihm daraus, daß die handelnden Personen dort « für sich selbst» komisch sind,daß ihre Torheit « für sie selber» lächerlich erscheint. Wir lassen dahingestellt, ob das für Aristophanes wirklich zutrifft, halten jedoch fest, daß Hegels Bestimmung die Molieresche Komödie völlig richtig charakterisiert. Hier erscheint das Geschehen auf der Bühne in der Tat nur dem Zuschauer komisch, und es ist sehr die Frage, ob ihm jemals auch die Protagonisten lächerlich vorkommen und nicht nur verächtlich und verabscheuenswert.
      Nun stellt Moliere den in ihre Chimäre verrannten Figuren völlig normale, vernünftig denkende Personen gegenüber. Und zwar sind das zumeist ihre Kinder und nächsten Verwandten, die von ihnen abhängig sind und sich mit ihren bornierten Zwecken auseinanderzusetzen haben. Aus dieser Charakterisierung der Figuren Molieres ergibt sich bereits die Handlung seiner Komödien. Besonders in seinen großen und für sein Theater typischen Stücken kommt demgemäß nämlich die dramatische Handlung in der Regel dadurch in Gang, daß die von ihrem Wahn Besessenen ihre Gegenspieler zu unterjochen suchen und diese sich gegen ihre Vergewaltigung zu wehren haben. Dabei ist es allen Personen mit dem, was sie tun, bitterer Ernst: Die einen suchen die von ihnen Abhängigen zu bloßen Werkzeugen bei der Verfolgung ihrer chimärischen Zwecke zu machen, die anderen wehren sich mit allen Mitteln dagegen, in den Dienst von Zwecken gestellt zu werden, deren Widersinnigkeit klar zutage liegt.
      Molieres Protagonisten sind in der Regel nicht einfach harmlose Käuze, deren Schiefheiten und Abnormitäten lächerlich wirken. Sie sind vielmehr höchst gefährliche Personen, die ihre Manie zum Schaden anderer durchsetzen wollen. Immer wieder macht Moliere in seinem Theater sinnfällig, daß die eigentliche Tendenz des in einer Chimäre befangenen Bewußtseins die Korrumpierung des fremden Bewußtseins ist. Lehnen die < normalen > Personen sich bei ihm nun aber gegen eine solche Unterdrückung auf, so wird aus der Komödie zwangsläufig die Darstellung eines Kampfs, in dem es letztlich um die Frage geht, wie ein normales Bewußtsein sich gegenüber einem solchen hoffnungslos in eine Chimäre verrannten Bewußtsein behaupten soll. Dieser Kampf ist wesentlich ein geistiges Ringen, so viele Elemente aus der komischen Tradition Moliere dabei auch verwendet haben mag, so daß man sein Theater mit Recht die « Comedy of Intel-lect» genannt hat.
      Zeigt er nun schon in der « Ecole des Femmes », wie ein eifersüchtiger alter Narr sich christlicher Glaubenssätze bedient, um ein junges Mädchen gefügig zu machen, so hatte er seine Perspektive nur umzu-kehren, damit im «Tartuffe» die falsche Frömmigkeit überhaupt als ein Mittel zur Pervertierung und Beherrschung anderer erscheinen kann. In der Tat wird hier nicht der sündhafte Charakter der Heuchelei hervorgehoben, sondern ihre zerstörerische Wirkung; sie wird nicht theologisch, sondern allein moralisch-praktisch betrachtet. In dieser Perspektive aber erscheint sie bei ihm als die raffinierteste und zugleich radikalste Methode, andere dadurch zu beherrschen, daß man sie geistig korrumpiert. Der Geiz, die Misanthropie, die eingebildete Krankheit lassen sich leicht durchschauen, und man kann sich gegen ihre Ansprüche um so leichter wehren, als nichts dazu veranlassen kann, ihre Berechtigung anzuerkennen. Solange die Scheinheiligkeit hingegen glaubwürdig ist, kann man sich ihr nicht widersetzen, ohne den eigenen Glauben zu verleugnen. Und mit eben diesem Dilemma haben sich die Gegenspieler des Heuchlers in Molieres Komödie herumzuschlagen.
      Moliere hat nicht nur dargestellt, wie sein Heuchler sich mit List und Tücke durchsetzt und schließlich, um die Komödie zu einem guten Ende zu bringen, doch noch entlarvt wird. Schon Aretin hatte in seinem «Hipocrito» die Entlarvung eines Scheinheiligen in solcher Art zum Thema der Komödie gemacht, und eben sein Beispiel zeigt den Abstand zwischen dem Mittelmaß und hoher Kunst. Molieres genialer Einfall war nämlich, nicht den Heuchler, sondern das Opfer des Heuchlers zum eigentlichen Träger der Handlung zu machen. Man bemerkt sofort, welche weitreichenden Konsequenzen und dramaturgischen Komplikationen sich daraus ergeben mußten. Und wenn der «Tartuffe» eine herausragende Stellung in Molieres Theater einnimmt, so liegt es nicht zuletzt daran, daß uns hier nicht einfach eine in irgendeine Chimäre verrannte Person vorgestellt wird, sondern zugleich geschildert wird, wie jemand zu einer derartigen Wahnidee überhaupt gebracht und in ihr festgehalten wird.
      Molieres Scheinheiliger ist ein finsterer Verbrecher, der auch dem Zuschauer als keineswegs komisch, sondern als durchaus verächtlich und hassenswert erscheint. Bei ihm ist von Anfang an klar, welches schreiende Mißverhältnis zwischen seinen Worten und seinen Taten besteht. Seinem frommen Getue nach zu schließen, hat er allem Weltlichen entsagt, und eben die Weltlosigkeit ist die Lehre, die er dauernd predigt. Solange er sich in Sicherheit glaubt, verrät er jedoch, wie faul und gefräßig er ist und in welchem Maße er der Fleischeslust und allen sinnlichen Begierden zugetan ist. Unverkennbar ist bei alledem, daßsein frommes Getue nur dem Zweck dient, Orgon, sein Opfer, zu täuschen, um ihn moralisch und wirtschaftlich zu ruinieren.
      Dagegen ist der betrogene Orgon im Grunde ein rechtschaffener Mann und Familienvater, mit einem fatalen Hang zu einem frommen Leben und einer daraus entspringenden Leichtgläubigkeit, die ihn dazu verführt, Tartuffe für einen wahren Heiligen zu halten und seine Lehren wortwörtlich zu befolgen. Seitdem er Tartuffe des öfteren im Gottesdienst in sanfter demütiger Haltung beobachtet hat und ihn unter diesem Eindruck in sein Haus aufnahm, ist er ihm völlig verfallen. Sein Wunsch ist, ihn für immer an sich zu binden, wozu ihm nichts geeigneter erscheint als die Vermählung seiner Tochter mit einem so heiligen Mann.
      Hier bedingen sich, wie man sieht, der Betrüger und der Betrogene wechselseitig; und jeder der beiden wäre ohne den anderen nicht der, der er ist. Zwar sind, da der eine bewußt betrügt, der andere hingegen Opfer eines falschen Scheins ist, ihre beiderseitigen Bestrebungen zwangsläufig einander entgegengesetzt. Trotzdem gibt es eine gewisse Parallelität zwischen ihnen: Tartuffe sucht Orgon zum Instrument seiner Machtgelüste zu machen, während Orgon sich seinerseits in dem Wahn, dem er selbst erliegt, dadurch zu bestätigen sucht, daß er seine ganze Familie tyrannisiert, um sie zu seiner eigenen Frömmigkeit zu bekehren.
      Tartuffe hat zwar in Orgons Mutter, einer alten, ebenso starrsinnigen wie bornierten Person, ein weiteres Opfer gefunden. Alle übrigen Familienmitglieder widersetzen sich hingegen seinen Absichten, und sie tun es mit um so größerer Entschiedenheit, als sie den Betrüger als solchen durchschaut haben und nicht gewillt sind, sich dessen Machenschaften ohne Gegenwehr zu unterwerfen. Wie immer bei Mo-liere, sind die Gegenspieler des weniger närrischen als kriminellen Protagonisten auch hier normale, vernünftige Personen, die sich gegen seine Forderungen auflehnen. Nur haben sie es in diesen Fall nicht allein mit dem Betrüger, sondern auch mit dem Betrogenen zu tun. Denn schließlich ist Orgon derjenige, von dem alle anderen abhängig sind und von dem daher die größte Gefahr ausgeht, während er selber in seiner Leichtgläubigkeit nicht bemerkt, daß er im Begriff ist, aus religiösem Wahn seine ganze Familie zu ruinieren.
      Zwar sind die Ziele, die die verschiedenen Personen und Personengruppen verfolgen, einander vollkommen entgegengesetzt. Trotzdem sind alle Personen aufs engste miteinander verbunden, eben weil ihre Bestrebungen jeweils auf die anderen gerichtet sind und ein jederdarum bemüht ist, auf den anderen einzuwirken, sich gegen seinen Angriff zu wehren oder ihn selbst in Bedrängnis zu bringen. Dabei bilden die dadurch entstehenden Beziehungen ein kompliziertes Geflecht, das alle Personen - wie auch sonst bei Moliere und wie im klassischen französischen Theater überhaupt - in ein solches enges Verhältnis zueinander setzt, daß das Handeln einer jeden Person Konsequenzen für alle anderen hat und jede Aktion zugleich Reaktion auf das Tun anderer ist. Da nun aber der Betrüger im Gegensatz zu dem Betrogenen steht und beide wiederum im Gegensatz zu den vernünftigen Personen, da sich im Verlauf der Handlung somit drei Parteien gegenüberstehen und sich wechselseitig bekämpfen, ist auch der Sinn ihres Handelns mehrfach gerichtet. Setzen beispielsweise die vernünftigen Gegenspieler alles daran, den Scheinheiligen zu entlarven, so kann das doch nur geschehen, indem gleichzeitig der Betrogene desillusioniert und zu der Einsicht gebracht wird, nicht nur einem falschen Schein zum Opfer gefallen zu sein, sondern vor allem sich selbst getäuscht zu haben.
      Mit bloßen Vernunftgründen kann Orgon indessen nicht zur Raison gebracht werden. Schon im i. Akt des Stücks unternimmt sein Schwager Cleante den Versuch, vernünftig auf ihn einzuwirken, und von all den ähnlichen Szenen in Molieres Theater, in denen die Vernunft immer wieder mit einem bornierten chimärischen Bewußtsein ringt, ist diese Szene gewiß schon wegen der Bedeutung ihres Themas die großartigste und eindringlichste. Mag Cleante aber auch noch so überzeugend demonstrieren, daß die wahre Frömmigkeit nicht das vom Menschen fordert, was Orgon unter Tartuffes Einfluß von ihr verlangt; mag er ihm mit noch so guten Gründen beweisen, daß die Abkehr von der Welt, wie Orgon sie praktizieren will, den Grundprinzipien der christlichen Religion widerspricht und ebenso allen Gesetzen der primitivsten Humanität: Der in seinem Wahn befangene Orgon hat auf alles eine Antwort. Für ihn steht nämlich von vornherein fest, daß der bloße Versuch, ihn mit vernünftigen Einwänden vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was er für wahr hält, ein untrüglicher Beweis der Libertinage und des Unglaubens sei.
      Die Augen gehen ihm auch dann noch nicht auf, als sein Sohn ihm berichtet, er habe gehört und gesehen, wie Tartuffe, der mit Orgons Tochter vermählt werden soll, inzwischen seine Frau mit unzüchtigen Anträgen behelligt hat. Da er weiß, daß sein Sohn Tartuffe ohnehin nicht ausstehen kann, tritt derselbe Mechanismus wie zuvor in Kraft: Weil sein Sohn es gewagt hat, einen so heiligen Mann zu verdächtigen,kann er selber nur schlecht sein und verdient Strafe. Und nicht Tartuffe, sondern sein Sohn ist zuletzt derjenige, der aus dem Haus gejagt wird.
      Da vor so viel Unvernunft alle Vernunft versagt, muß zu anderen Mitteln gegriffen werden. Man beschließt, Tartuffe zu überlisten, um Orgon endlich die Augen zu öffnen. Da man inzwischen die schwache Stelle Tartuffes entdeckt hat, soll der Schein gegen den Schein, die Täuschung gegen die Täuschung gesetzt werden. Elmire, die Gattin Orgons, geht.scheinbar auf Tartuffes unzüchtigen Antrag ein, und da sie den Betrüger auch noch bei seiner Eigenliebe packt, fällt es ihr nicht schwer, ihn zu weiteren Annäherungsversuchen zu veranlassen, selbst auf die Gefahr hin, daß Tartuffe sich jetzt nicht mehr mit schönen Worten begnügen will. Wie soll sie aber seinem Begehren nachgeben, ohne den Zorn des Himmels fürchten zu müssen ? Da ist Tartuffe in seinem Element. Er lehrt sie, mit dem Himmel sei leicht auszukommen, wenn man sich nur auf die Kunst der «Absichtslenkung » verstehe IO und wisse, wie das Böse durch die Reinheit der Gesinnung zu eliminieren ist. Auch ihren Gatten brauche Elmire nicht zu fürchten: Das sei ein Mann, den man leicht nasführen kann, und er habe ihn inzwischen so weit gebracht, daß Orgon alles sehe, ohne zu glauben, was er sieht. Wähnt Tartuffe sich aber im Augenblick in völliger Sicherheit und glaubt er, an das Ziel seiner Wünsche gelangt zu sein, so hat Orgon unter dem Tisch versteckt alles mit angehört. Und wie er jetzt hervortritt, ist es mit der Scheinheiligkeit vorbei. Der Heuchler ist entlarvt und muß nun sein wahres Gesicht zeigen.
      Das tut er denn auch! Nur stellt sich sofort heraus, daß die Bloßstellung des Heuchlers nicht das Ende der Komödie und keine Lösung des dramatischen Konflikts ist. In seiner Verblendung hat Orgon ihm sein Haus und sein ganzes Vermögen überschrieben, dazu noch die Briefe eines außer Landes geflüchteten Freundes anvertraut, so daß Orgon jetzt selber in Gefahr gerät, des Hochverrats bezichtigt zu werden. Tartuffe kann nach seiner Demaskierung zwar nicht mehr die Rolle des Scheinheiligen spielen. Um so eifriger übernimmt er jedoch die Rolle eines getreuen Staatsbürgers und Dieners des Königs. Auf seine Veranlassung hin ist bereits der Gerichtsvollzieher erschienen, der Orgon und seinen Angehörigen befiehlt, das Haus bis zum nächsten Morgen zu räumen. Nur wenig später trifft ein Polizeioffizier ein, der Orgon aufgrund der Denunziation Tartuffes als Hochverräter verhaften soll. Doch da tritt der große Umschwung ein, der das glückliche Ende der Handlung ermöglicht. Statt Orgon wird Tartuffe ver-haftet, und zwar, wie der Offizier erklärt, weil dem König, der die Herzen seiner Untertanen nur zu gut kennt, die wahren Verhältnisse nicht verborgen geblieben seien. Eben durch seine Denunziation habe Tartuffe sich als ein lange gesuchter Verbrecher selber entlarvt, während die Verdienste, die Orgon sich um die Sache des Königs in den Kriegen der Fronde erworben hatte, nicht vergessen seien und die königliche Gerechtigkeit sich weit besser an die guten Taten als an die bösen erinnere.
      Kann das Geschehen im «Tartuffe» zwar nicht für die handelnden Personen und schon gar nicht für den Protagonisten, wohl aber für den Zuschauer trotzdem komisch erscheinen, so ergibt diese Wirkung sich nicht daraus, daß am Ende der Schlechte bestraft und die Guten belohnt werden. Die Voraussetzung für diese Wirkung ist vielmehr, daß der Zuschauer dem Konflikt in der Rolle eines Zeugen beiwohnt, ohne selbst von ihm betroffen zu sein. Er allein kann die Angemessenheit oder Unangemessenheit, das Sinnhafte oder die Unsinnigkeit jeder Handlung einer jeden Person beurteilen. Und da er von vornherein weiß, daß Tartuffe ein Heuchler ist, kann er in dessen Tun und Reden von Anfang an die Doppeldeutigkeit des Gesagten und eigentlich Gemeinten erkennen, die scheinbare Übereinstimmung der Worte und Taten und die wirkliche Diskrepanz zwischen dem, was er vorgibt zu sein und im Grunde eigentlich ist. Derart ist es aber dem Zuschauer auch möglich, die Gegensätzlichkeit der verschiedenen Aktionen und Reaktionen wahrzunehmen und die paradoxe Gegensinnigkeit zu erkennen, die beispielsweise darin liegt, daß ein und dasselbe Verhalten den Heuchler täuscht und ihn zugleich bloßstellt, während Orgon eben durch die Täuschung Tartuffes von seiner Selbsttäuschung befreit und zur Wahrheit bekehrt wird.
      Gibt Moliere seinem Zuschauer somit das Gefühl, den handelnden Personen auf der Bühne überlegen zu sein und selbst im Einklang mit dem wahrhaft Vernünftigen zu stehen, so gibt er ihm andererseits keineswegs den Eindruck, schon im voraus zu wissen, wie alles ausgehen muß, und den Text der Komödie eigentlich gar nicht zu benötigen, um zur Erkenntnis dessen zu gelangen, was ihm hier vorgeführt wird. Der von ihm erzielte Effekt ist vielmehr der genau umgekehrte. Er benutzt nämlich das von ihm selbst erzeugte Überlegenheitsgefühl des Zuschauers in der Weise, daß dieser sich um so mehr für den genauen Wortlaut des Textes interessieren wird, je mehr er sich diesem Gefühl überläßt. Der Zuschauer kann Schritt für Schritt beobachten, welche Folgen sich aus bestimmten Absichten ergeben, wie eine Denk- und

Verhaltensweise und selbst jeder einzelne Satz auf andere wirkt und in welches Verhältnis einer sich zu anderen durch diese oder jene Einstellung versetzt. Auf solche Weise wird aus der Darstellung zwischenmenschlichen Handelns im Drama unter Molieres Feder ein Mittel zur praktischen Verifikation des Denkens und Handelns, und indem dabei die Wirkung auf andere, der tatsächliche Erfolg in der gegebenen Situation, stets der Maßstab für die Beurteilung des Verhaltens ist, geschieht diese Verifikation durchaus im Sinn jener «Verantwortungsethik», die den sittlichen Anschauungen einer Gesellschaft entsprach, deren anthropologische Grundansichten am gültigsten in dem Ideal des « honnete homme » zum Ausdruck kamen.
      Erwies sich dabei die Form der dramatischen Darstellung als ein Instrument zur Überprüfung selbst religiöser Ideen und Überzeugungen, und zwar am Maßstab ihrer praktischen Wirkung, so hatte die Kirche sehr wohl Grund, über eine solche Entgegensetzung von Ethischem und Religiösem entrüstet zu sein. Jedoch entsprang ihre Entrüstung mehr der Theorie als der Praxis; denn der Grundsatz des cuius regio eius religio hatte sich längst durchgesetzt, und keine der bestehenden Kirchen besaß noch die moralische Autorität, auf die sie sich zu berufen pflegten. Ebenso war die bis in die Gegenwart anhaltende Entwicklung bereits in vollem Gange, daß die Staatsraison ohne Rücksicht auf religiöse Bedenken regiert - hatte sie sich doch als das einzige Mittel zur Beendigung der Religionskriege erwiesen.
      Hält man sich die religiöse Situation der Zeit vor Augen, so wird auch der Schluß der Komödie verständlich, von dem man nur zu oft behauptet hat, Moliere wende hier nur einen alten Theatertrick an und bei ihm müsse nun der König die Rolle eines deus ex macbina spielen. Dem widerspricht indessen schon der Textbefund. Von Anfang an ist nämlich das Stück so angelegt, daß der Konflikt der Personen ohne eine äußere Einwirkung als ganz und gar unlösbar erscheint. Zudem werden schon im ersten Akt Orgons Verdienste um die königliche Sache erwähnt, an die der König sich am Ende erinnern wird. Und der letzte Akt ist so gestaltet, daß alles in Hoffnungslosigkeit versinken müßte, gäbe es nicht doch eine unvorhersehbare, aber wirksame Rettung. Im Hinblick auf die Situation der Zeit ist aber der Umstand von größter Bedeutung, daß es aus religiösen Gründen zerstrittene Untertanen sind, die der König zu retten hat. Auf diese Weise läßt Moliere den König in seinem Stück genau die Rolle spielen, die er der zeitgenössischen politischen Theorie nach in der Wirklichkeit spielte und auf der sein Anspruch auf , vonallen religiösen und moralischen Rücksichten entbundene Herrschaft beruhte: der Richter im Streit von religiösen Parteien zu sein, die von sich aus nicht zu Versöhnung und Frieden fähig sind.
     
   Es ist daher kein Zufall, daß Moliere den König in seinen Bittschriften in der gleichen Weise und fast mit denselben Worten rühmt wie in seiner Komödie. Und wenn Moliere auch für den «Tartuffe» nicht die für ein Lustspiel ideale Lösung gewählt hat, daß der Streit sich wie durch ein Wunder in ein Nichts auflöst und eigentlich gar nicht notwendig war, so hat er doch einen Schluß gefunden, der für den zeitgenössischen Zuschauer eine wahrhaft befreiende Wirkung hatte und ihm das wohltuende Gefühl gab, vor allem Eifer der Frömmler und Heuchler in Sicherheit zu sein.
     

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