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Mündliche und literarische Tradition



Es wird kaum überraschen, daß sich diese klare Opposition bei näherem Zusehen etwas verwischt. Zumindest in Deutschland ist die Vorstellung vom Volksmärchen aufs engste verbunden mit der Sammlung der Brüder Grimm; und ihre «Kinder- und Hausmärchen» suchen zwar den Eindruck zu erwecken, sie seien unmittelbar aus dem Volksmund aufgezeichnet, sind aber tatsächlich inhaltlich und stilistisch von den Brüdern, vor allem von Wilhelm Grimm, bearbeitet worden* und werden seither in dieser literarisch fixierten Form überliefert. Nun wird allerdings postuliert, daß es sich hier um einen späten Entwicklungsprozeß handle, bei dem eine Zwischenform von Volks- und Kunstmärchen entstanden sei, für die gelegentlich die Bezeichnung Buchmärchen verwendet wird; die Sammlung bezeuge aber indirekt eine reiche mündliche Ãoberlieferung, die bei uns inzwischen fast ganz zum Erliegen gekommen ist, die aber anderswo noch bis in die jüngste Zeit beobachtet werden konnte.

      Tatsächlich gibt es aus Rand- und Rückzugsgebieten Europas ebenso wie aus einigen außereuropäischen Ländern nicht nur reich-haltige Sammlungen, die noch in den letzten Jahrzehnten bei begabten Erzählerinnen und Erzählern aufgezeichnet wurden, sondern auch Studien zu den Umständen und Vorgängen des Erzählens. Die mündliche Tradition wirkt sich auf die Gestalt der Erzählungen in mehrfacher Hinsicht aus. Mündliches Erzählen bedeutet, daß sich die Erzählung jederzeit verändern kann und auch tatsächlich vielfach verändert. Das erstaunliche Gedächtnis geübter Erzählerinnen und Erzähler und die feste Erwartung der Zuhörerschaft, die in vielen Fällen die Geschichte schon kennt, wirken allzu großen Schwankungen entgegen - aber das ändert nichts an der Tatsache, daß es nicht die eine, gültige Form gibt.
      Bogatyrev und Jakobson haben «Die Folklore als eine besondere Form des Schaffens» untersucht. Sie heben hervor, daß sich die mündlichen Volksüberlieferungen sehr viel entschiedener als geschriebene Literatur an den kollektiven Ãoberzeugungen, am herrschenden Geschmack der jeweiligen Gesellschaft oder Bezugsgruppe orientieren. Die beiden Verfasser sprechen von einer «Präventivzensur der Gemeinschaft»: Was nicht den gängigen Normen und Erwartungen entspricht, kann kaum überleben; der Erzähler nimmt die Urteile seines Publikums vorweg, kontrolliert diese aber auch kontinuierlich an dessen Reaktionen.
      Inhaltlich tragen die Variabilität der Texte und die soziale Kontrolle - zwar nicht zwangsläufig, aber im allgemeinen - dazu bei, daß Annäherungen an den eigenen Lebenskreis und an den der Zuhörer vorgenommen werden. Bei Märchen ist dies deshalb besonders auffallend, weil es der geläufigen Vorstellung einer ganz und gar realitätsfernen Gattung widerspricht. In Sammlungen aus Gegenden, in denen das lebendige mündliche Erzählen von Märchen bis in die Gegenwart hineinreicht, tauchen immer wieder höchst moderne Züge und Requisiten auf6: Der König telefoniert mit seiner Frau; der Märchenheld reist, um schnell in ein anderes Land zu kommen, mit dem Flugzeug; die sieben Zwerge stimmen - so in einer Fassung aus Graubünden - demokratisch ab, was mit Schneewittchen geschehen soll. Es ist anzunehmen, daß die Erzähler solche Modernisierungen mit der Absicht eines humoristischen Effekts vornehmen; aber sie bezeugen mit dieser Verfremdungsmöglichkeit doch, daß die Gattung Märchen weniger historisch oder mythisch festgeschrieben ist, als es das aus den Buchmärchen abgezogene Bild nahelegt.
      Die Brüder Grimm reinigten die Märchen von moralisch fragwür-digen Partien und färbten sie im Sinne bürgerlicher Moral und Erziehung ein. Dies war in gewisser Weise eine Modernisierung - aber auf der anderen Seite tilgten sie alle näherungsweise < modernen > Züge zugunsten einer archaisierenden Darstellung. Sucht man diese historisch-gesellschaftlich zu verorten, so könnte man mit dem freilich nicht sehr trennscharfen Schlagwort der Feudalzeit operieren. Aber die historisierende Tendenz zielte letztlich auf Enthistorisierung; die Märchen waren für Jacob und Wilhelm Grimm Reste und Zeugen einer mythischen Vergangenheit.
      Diese Auffassung, eingebettet in die rückwärts gewandten Vorstellungen eines wesentlichen Teils der deutschen Romantik, wurde bestimmend für das Bild vom Märchen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde das Märchen mehr und mehr der «Gattung Grimm» gleichgesetzt. Das Personeninventar blieb gleich, und auch die Requisiten wurden eingefroren; wenn Autoren - etwa im Zuge der kritischen Revision der Märchen seit den 60er Jahren unseres Jahrhunderts - < Requisitverschiebungen > anbrachten, also moderne Arbeitsverhältnisse, Sozialbeziehungen, Verkehrsmittel etc. in die Märchen einführten, geriet dies automatisch in den Umkreis der Parodie.
      Aber nicht nur die Gestalt des Märchens wurde auf diese Weise festgelegt, sondern auch die Theorie seines Alters und seiner Herkunft. * Märchen galten als uralt - wobei das so wichtig war wie das , weil sich die Spur in der konturlosen Landschaft jenseits der Geschichte zu verlieren schien. Zwar hatte schon Wilhelm Grimm festgestellt: «Das Märchen spielt sozusagen mit dem, was früher Bedeutung hatte » und damit die spezifische Form und Haltung des Märchens richtig beschrieben.' Aber das Interesse der Forschung übersprang diese Charakterisierung. Johannes Bolte rückte am Ende seiner Darstellung «Zur Geschichte der Märchen», welche die Erzählstoffe bis in die letzten historischen und geographischen Verästelungen verfolgt, die Motivforschung in den Mittelpunkt: Sie erst vermöge «die Vorgeschichte des Märchens, seine geistige und sittliche Welt» aufzuhellen." Und auch Lutz Röhrich sucht primär «Vorstellungen einer Frühzeit» im Märchen: «Für die Erforschung von Herkunft und Alter des Märchens heißt das zentrale Problem: In welcher geschichtlichen Epoche sind die uns heute unwirklich erscheinenden Motive historische Tatsache oder wenigstens geglaubte Wirklichkeit gewesen? »I
Bei solchen Fragestellungen ist im allgemeinen die stillschweigende Vorgabe im Spiel, mündliche Ãoberlieferung verharre gewissermaßenin einem geschichtslosen Zustand und konserviere die ältesten Schichten. Deshalb gibt es, gemessen an der Breite folkloristischer Forschungen, erstaunlich wenig Untersuchungen, die sich der besonderen Gesetzlichkeiten dieser Tradierungsform, der Spezifik der stets neu aktualisierten Produktion und der daraus abzuleitenden Wandlungsprozesse annehmen. Mündlichkeit galt vielmehr in erster Linie als Garantie für lange, ungebrochene Kontinuitäten - neben oder unter der Literaturgeschichte mit ihren epochalen Veränderungen. Und dies, obwohl schon für die frühen Sammlungen literarische Quellen eine wesentliche Rolle spielten - sei es, daß sie direkt daraus schöpften, oder sei es, daß die Gewährsleute durch literarische Vorlagen beeinflußt waren, wie dies inzwischen für wichtige Erzählerinnen der Brüder Grimm nachgewiesen ist.
     
   Tatsächlich ist mit einem dichten Ineinander von literarischer und mündlicher Kommunikation und Tradition zu rechnen. Das ältere Modell, nach dem die Literatur aus einer vitalen Unterströmung mündlich verbreiteter volkstümlicher Poesie schöpfte, wird heute öfter in Frage gestellt durch das gegenteilige, nach dem die mündliche Ãoberlieferung letztlich auf das Werk einzelner Autoren zurückgeht und in vielen Fällen in literarischer Form faßbar ist. Die Frage nach dem Alter des Märchens wird dann entlang einer Linie verfolgt, auf der die italienischen Novellisten Gianfrancesco Straparola und Giambattista Basile , aber auch die französischen Verfasser der Feenmärchen einen wichtigen Platz halten. Wenige Jahre nach dem Tod Straparolas taucht in der deutschsprachigen Literatur erstmals eine Erzählung auf, die man als Märchen bezeichnen kann: die von Martin Montanus zwischen Schwanke, Exempel und Schauergeschichten geschobene Aschenputtel-Variante vom Erdkühlein. Auch die Contes des fees wirken nach Deutschland hinüber als beliebte Lektüre der gebildeten, französisch sprechenden Schicht, aber auch in Ãobersetzungen, Bearbeitungen und schließlich in einer eigenen Märchenpoesie - an erster Stelle ist hier Christoph Martin Wieland zu nennen. Die Märchenfassungen der Brüder Grimm sind bis zu einem gewissen Grad eine Gegenkonzeption zu den ironisch mit Wirklichkeit und Wunder spielenden Märchen der Aufklärungsepoche, die im frühromantischen Kunstmärchen eine Fortsetzung fanden; aber auch in der bleiben die archaischen Züge entschärft und sublimiert.
     

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