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Handlung und Quelle



Verglichen mit den phantastisch-abenteuerlichen oder mythisch-märchenhaften oder erotischen Handlungen bekannterer mittelalterlicher Werke erscheint diese Geschichte, die einen Stoff der französischen Heldenepik aufgreift, wenig attraktiv. Sie führt in die Zeit Karls des Großen zurück; ihr Held, Graf Wilhelm von Toulouse, ursprünglich eine historische Figur, zeichnete sich unter den Karolinger-Herrschern, mit denen er verwandt war, als Kämpfer gegen die Sarazenen aus, verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in einem von ihm selbst gestifteten Kloster und gewann nach seinem Tod als Befreier Südfrankreichs den Ruhm der Heiligkeit.

      Die Handlung des umfangreichen, über T4 Verse umfassenden Gedichts läßt sich, den Grundlinien nach, etwa so erzählen:
Der heidnische Großkönig Terramer, dessen mit Tybalt vermählte Tochter der Markgraf Willehalm entführt und, nach deren Ãobertritt zum Christentum, geheiratet hat, landet, um die Schmach seines Schwiegersohns zu rächen, mit einem riesigen Heer in der Provence. Bei Alischanz wird Willehalm von der erdrückenden Ãobermacht vernichtend geschlagen und entkommt als einziger dem Gemetzel.
      Abseits vom Schlachtfeld trifft er auf seinen sterbenden Neffen Vivianz, der als Verteidiger des christlichen Glaubens in seinen Armen als Märtyrer stirbt. Der Tod des Verwandten erregt in Willehalm einen solchen Zorn, daß er wenig später den besiegten und bereits verstümmelten, wehrlos um sein Leben flehenden heidnischen Großkönig Arofei ohne Erbarmen eigenhändig enthauptet. In der Rüstung des Erschlagenen gelangt Willehalm unerkannt zu seiner Residenz Orange, von wo er nach kurzem Verweilen wieder aufbricht, um Hilfe gegen die Heiden zu holen. Er reitet zu seinem Lehnsherrn, dem französischen König, seinem Schwager, während seine Frau Gyburg die Stadt gegen den übermächtigen Vater verteidigt.
      Nach vielen Behinderungen gelangt Willehalm schließlich an den Königshof, wo er zunächst abgewiesen wird und aus Zorn über die befremdliche Aufnahme vor versammeltem Hof den König beschimpft. Als sich die Königin, seine Schwester, einmischt und gegen ihn stellt, reißt er ihr die Krone vom Kopf und kann nur durchdas Dazwischentreten seiner Mutter daran gehindert werden, sie totzuschlagen. Erst nach solchem wuthaften Zusammenstoß erreicht er es, und zwar durch Vermittlung der Königstochter Alyze und die Intervention seiner mächtigen Familie, daß der Krieg vom König zur Reichssache erklärt wird.
      Inzwischen hat Gyburg, die selber in männlicher Rüstung auf der Mauer die Verteidigung der Stadt Orange leitet, unter großen Strapazen und unter Einsatz äußerster Mittel dem Angriff der Heiden standgehalten. Während der Kampfpausen versucht ihr Vater Terramer in langen Religionsgesprächen vergeblich, sie zur Rückkehr in die Familie und die alte Glaubensgemeinschaft zu bewegen.
      Die Situation der Belagerten spitzt sich immer mehr zu. So herrscht große Erleichterung, als Willehalm mit einem Hilfsheer vom Königshof zurückkehrt und nun in einem längeren Kriegsrat, bei dem Gyburg in einer großen Rede zur Schonung der Heiden aufruft, die weiteren kriegerischen Planungen besprochen werden. Schon bald kommt es zur zweiten großen Konfrontation zwischen Heiden und Christen, wieder bei Alischanz.
      Mit Unterstützung des riesenhaften Rennewart, eines Sohns Terramers, der unerkannt am Königshof als Küchenjunge dient und von Willehalm zum Helfer und Freund gemacht wird, werden die Heiden in einer gewaltigen, wechselvollen Schlacht besiegt. Die Christen geben sich dem Siegestaumel hin, aber die Freude über den Sieg wird durch das rätselhafte Verschwinden Rennewarts getrübt. Zu Willehalms tiefem Schmerz vermag niemand zu sagen, wo der Freund geblieben ist. Auch seine eigene Suche verläuft ergebnislos. Willehalm läßt die in der Schlacht gefallenen Heidenkönige feierlich aufbahren, einbalsamieren und unter der Obhut des Heidenkönigs Matribleiz mit einer versöhnlichen Botschaft an Terramer in ihre Heimat überführen. Mit dem Abzug des Heidenkönigs endet der überlieferte Text.
      Im Mittelalter werden Handlungen in der Regel nicht frei erdichtet, sondern fast ausnahmslos - wie genau oder frei auch immer - einer Quelle nacherzählt. Der Dichter bindet sich grundsätzlich an eine Ãoberlieferung, und solche Bindung entspricht der Auffassung traditio-naler Gesellschaften, daß erst die Rückbeziehung auf eine vorgängige Ãoberlieferung die Wahrheit des Erzählten verbürgen kann.
      Auch Wolfram hat die Grundzüge seiner Handlung nicht selbst erfunden, verdankt sie vielmehr einer identifizierbaren Vorlage: dem Epos «Alischanz» aus dem französischen Zyklus der Wilhelms-Epen, das etwa zwischen 1180 und 1190 entstand. Während aber die Quelle sogleich in das Schlachtgeschehen der Hauptgeschichte hineinführt, eröffnet Wolfram sein Werk mit einem gewaltigen Gebet, einem Lobpreis auf den Dreieinigen Gott, einer Anrufung des Heiligen Wilhelm sowie einer gerafften Vorgeschichte der Ereignisse von Alischanz. Sodann hat Wolfram eine Reihe von Szenen eingefügt, in denen Gyburg neben Willehalm zur gleichwertigen Heldin der Geschichte aufgewertet wird. Schließlich hat Wolfram die zyklische und ereignisorientierte
Anlage seiner Quelle stärker zentriert, indem er Willehalm und Gy-burg in den Mittelpunkt rückte, Vivianz und Rennewart jedoch deutlich gegen sie zurücktreten ließ.
      Es ging bei der Herauslösung des Werks aus dem Zyklus der Quelle um die präzisere Herausarbeitung einer für das Werk grundlegenden Konstellation. Während etwa das frühere « Rolandslied » die Christen als Vertreter des Gottesreichs und, auf der anderen Seite, die zu bekehrenden oder auszurottenden Ungläubigen einander kraß gegenüberstellte, bezieht der «Willehalm» die Fronten aufeinander, indem er den Glaubenskrieg als Familiengeschichte entwirft: Zwischen den Fronten stehen Willehalm und Gyburg, die durch ihre Vorgeschichte -die Entführung, Christianisierung und neue Verehelichung Gyburgs -den Konflikt erst heraufbeschwören. Die Handlung wird also wesentlich getragen von Figuren, die durch ihre Lebensgeschichte und ihre verwandtschaftliche Bindung in ihrem Denken und Fühlen immer mit beiden Fronten verknüpft sind.
      Die Korrespondenzfiguren zu Willehalm und Gyburg sind Rennewart und Alyze. Alyze, die Tochter des französischen Königs, die im Konflikt zwischen Willehalm und ihren Eltern vermittelt, ist Christin. Rennewart, der Sohn Terramers, ist schon als Kind entführt worden und kämpft nun auf sehen der Christen, weil er meint, daß seine Familie ihn nach seiner Entführung nicht gesucht hat. Zwischen dem Küchenjungen Rennewart und Alyze entspinnt sich eine zarte Liebesbeziehung, die, als Rennewart mit Willehalm in den Krieg zieht, durch einen Kuß besiegelt wird.
      Im «Rolandslied» war die einzige Figur zwischen den Fronten Ge-nelun, der Verräter. Die Konstellation war hier ohne Rest auflösbar durch den Sieg der Christen und die Hinrichtung des Abtrünnigen. Wie aber ließ sich die Handlung des «Willehalm» abschließen?
Die Vorlage endete mit der Flucht Terramers nach der zweiten Schlacht und eröffnete damit die Aussicht auf neue Auseinandersetzungen in weiteren Teilen des «Willehalm»-Zyklus. Wolframs «Willehalm » aber war als selbständiges, für sich bestehendes Werk geplant, durfte also die Handlung nicht zur Fortsetzung offenlassen. Ein bloßer Sieg der Christen oder auch der Heiden konnte hier den Konflikt, der sich durch die familiäre Verflechtung der beiden Fronten ergab - und gerade durch Wolframs Ã"nderungen noch verschärft worden war -, nicht beseitigen.
      Ãober Willehalm-Gyburg konnte die Lösung nicht erfolgen. Denn Terramer hatte in den Religionsgesprächen mit der Tochter klarge-macht, daß für ihn nur deren Rückkehr zu Tybalt und zum angestammten Glauben in Frage käme; mit ebensolcher Deutlichkeit hatte der an sich versöhnungsbereite Willehalm genau dies zurückgewiesen.
      Es ist eine viel diskutierte Frage, ob das Werk in der überlieferten Gestalt vollendet oder Fragment ist. Zweifellos ist noch nicht alles erzählt, denn ohne die Wiederbegegnung Rennewarts mit seinem Vater Terramer und die Heirat mit Alyze war das Verhältnis von Heiden und Christen nicht neu zu definieren und keine Versöhnung möglich. Wolfram mag ursprünglich eine solche harmonische Lösung im Auge gehabt haben. Die Logik der im Werk belassenen losen Fäden der Rennewartgeschichte spricht dafür. So wie er die Geschichte schließlich erzählt hat, bleibt aber Rennewart, über den die Fäden zu knüpfen gewesen wären, nach der Schlacht trotz intensivstem Suchen unauffindbar und damit, so könnte man schließen, auch der harmonische Schluß, ja überhaupt ein Abschluß des Werks.
      Kaum zufällig hört die Geschichte an jener Stelle auf, von der sie zu Beginn ausgegangen war: Terramer ist wieder in seinem Land, und unausweichlich wird er den Krieg wiederaufnehmen. Damit schließt sich ein Kreislauf. Um sie als Einzelgeschichte zu erzählen, hatte Wolfram sie aus dem Zyklus herausgelöst. Am Schluß des «Willehalm» aber kehrt sie, ohne daß sich die Konstellation des Anfangs entscheidend verändert hat, wieder in den Zyklus zurück.
     

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