Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Beispiele der texthermeneutik

Index
» Beispiele der texthermeneutik
» gotes hantgetät und gotes kint

gotes hantgetät und gotes kint



Ãober dem Schluß des «Willehalm» liegt die ganze Last der leidvollen Geschichte, die das Werk erzählt. Die Schlacht ist geschlagen, doch der Familienkonflikt ist nicht gelöst, der Glaubenskrieg hat die unversöhnlichen Fronten erneut aufgerissen, die politische Lage nach dem Sieg hat sich gegenüber dem Anfang des Werks nicht entspannt, Vergeltungshandlungen stehen bevor. Dennoch schließt die Geschichte mit einer versöhnlichen GesteI2: Willehalm läßt die in der Schlacht gefallenen Könige der Heiden einbalsamieren und mit einer Botschaft an Terramer durch den König Matribleiz in ihr Land überführen. Doch auch hier bleibt der gewalthafte Hintergrund: Die Geste des Siegers bezieht sich nur auf die Erschlagenen, die lebenden Heidenkönige werden in Ketten geschlossen. Und auch darin zeigt die Geste ihre beklagenswerte Realität, daß Willehalm in den Bedingungen, die er stellt, die Hoffnung auf Versöhnung mit der Undenkbarkeit ihrer Realisierung verschränkt. Kurz zuvor hatte Willehalm in einer kleinen Binnenerzählung voneiner traurigen Entdeckung berichtet: Am Tage des Siegs sei er, verwundet und dem Tode nahe, in einem Zelt auf dem Schlachtfeld auf 23 feierlich und prächtig aufgebahrte gefallene Könige gestoßen. Daß die eigene Todesnähe ihn empfänglich macht für das Gefühl einer frommen Achtung vor der anderen Religion, wird Willehalm bewußt, gerade auch im scharfen Kontrast zu der Plünderung des Schlachtfelds durch beutegierige Christen, gegen die Willehalm das Zelt von da an schützt. Solche Szenen zeigen, daß das Verhältnis von Christen und Heiden hier in Bewegung geraten ist, und lenken den Blick zurück auf jene Szene, an der sich diese Bewegung zum ersten Mal deutlicher fassen läßt: die große Rede Gyburgs im Kriegsrat der Männer.


     
   Gyburg spricht, aus der persönlichen Betroffenheit einer Frau heraus, die sich zum mindesten eine Mitschuld an diesem Krieg zurechnet, als letzte. Auch sie ist von der Notwendigkeit des Kriegs überzeugt, auch sie spricht von der Rache für Vivianz. Aber Gyburg plädiert für eine Schonung der Heiden als gotes hantgetät , und zwar mit dem Argument, daß alle Menschen vor ihrer Taufe Heiden gewesen sind, auch die Christen.
      Man hat wiederholt darüber diskutiert, weshalb das anfängliche gotes hantgetät, also die Geschöpflichkeit aller Menschen, kurz darauf in derselben Rede in gotes kint umformuliert ist, ein Ausdruck, der theologisch prägnant nur auf die getauften Christen zutrifft, da dem Menschen eben durch die Taufe die Gotteskind-schaft zuteil wird. Nun denke ich, mit Bertau, daß die Gleichsetzung nicht auf eine Ungenauigkeit des Sprachgebrauchs oder auf Reimnot zurückzuführen ist, sondern in der Konsequenz der Rede Gyburgs selbst liegt. Sie spricht nicht wie die Männer von Gegnern, sie spricht von ihren Verwandten, und da kann Schonung letztlich nicht bedeuten, daß man sie etwas glimpflicher erschlägt als im «Rolandslied», sondern daß man sie als Gottes Geschöpfe respektiert und nach Möglichkeit überhaupt nicht tötet.
      Freilich, so wie die Rede Gyburgs immer wieder ansetzt, aber nicht eigentlich ein geschlossener, zwingender Argumentationsgang aufgebaut wird, ja zum Schluß die Sätze einer nach dem anderen zerbrechen und schließlich in fassungsloses Weinen übergehen, kann sich der Gedanke der Gotteskindschaft der Heiden gegen den Kontext der Geschichte noch nicht durchsetzen, einen Kontext, in dem der von der gemeinsamen Geschöpflichkeit und der Gotteskindschaft inspirierte Schonungsgedanke kaum mehr ist als eine Erinnerung an das, was eigentlich sein sollte. In ein harmonisches Verhältnis 'â- ' war hier kaumetwas zu bringen. Dennoch verleiht der humanitätsgeschichtlich unerhört neue Gedanke, auch wenn er im Erzählkontext immer wieder verloren scheint, dem ganzen Werk von da an eine andere Färbung. Die Brüche und Inkongruenzen, Widersprüche und Unvereinbarkeiten in der Motivation von Gewalt und Krieg führen zu häufigeren und tieferen Irritationen als zuvor.
     

 Tags:
gotes  hantgetät  gotes  kint    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com