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Epochen



Literaturgeschichtliche Epochenbegriffe stehen für abgrenzbare Zeiträume, innerhalb deren dem überwiegenden oder einem als repräsentativ ausgezeichneten Teil der Literatur bestimmte Merkmale abgelesen werden können, die als charakteristisch für die Unterscheidung von der jenseits der gesetzten Zeitgrenzen dominierenden Literatur angesehen werden und die der Name des Begriffs konnotiert. Die Epochenbegriffe entstanden im Zuge des unausgesetzten Versuchs der Pe-riodisierung der Literaturgeschichte. Die uns heute geläufige Reihe begann sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durchzusetzen, wobei die Ãobertragung des Barockbegriffs auf die deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts erst in den 20er Jahren des zo. Jahrhunderts breitere Akzeptanz gewann und der Vorschlag, die Literatur seit dem Aufkommen des Naturalismus oder des Symbolismus unter den Epochenbegriff der Moderne zu stellen, selbstverständlich auch jüngeren Datums ist. In den Problemkreis, der mit den literaturgeschichtlichen Epochenbegriffen angesprochen wird, gehören auch die Versuche, kürzere Abschnitte der Literaturgeschichte mit dem Namen einer literarischen Strömung, eines Kunst- und/oder Lebensstils zu bezeichnen oder unter Begriffen aus der politischen Geschichte zu subsumieren: Sturm und Drang, Biedermeier und/oder junges Deutschland, Vormärz, Naturalismus, Symbolismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit usw.

      Die Problematik der Epochenbegriffe liegt nur vordergründig in ihrer auf den ersten Blick zu erkennenden Heterogenität. Auch die Frage, ob diese oder jene Bezeichnung < angemessen > sei, d. h. die angenommenen wesentlichen Züge der Literatur des betreffenden Zeitabschnitts benennt, wird kaum mehr diskutiert, seitdem man zwischen Begriff und Bezeichnung zu unterscheiden gelernt hat und Begriffsbildung als einen intersubjektiven Prozeß der Herstellung von Konsens versteht.
      Das eigentliche Problem, das in den Epochenbegriffen zum Ausdruck kommt, ist die Periodisierung der Literaturgeschichte selbst. Dieses kann man zwar als ein Scheinproblem abtun, wenn man die theoretische Begründbarkeit von Epocheneinteilungen überhaupt in Frage stellt. Von dem systemtheoretischen Standpunkt aus, wie ihn z. B. Niklas Luhmann vertritt, erscheinen Epochen nicht mehr, wie in den älteren Entwicklungstheorien, als «die Form, in der die Einheit des historischen Prozesses sich herstellt bzw. erkannt werden kann. Epochen sind nicht evolutionsnotwendig. Sie sind, anders als Strukturen selbst, keine Bedingung der Möglichkeit von Strukturänderungen. Sie sind weder für Variation noch für Selektion, noch für Restabilisie-rung, noch für Trennung oder für zufallsabhängige Rekombination dieser evolutionären Mechanismen unerläßlich.» Andererseits konstatiert Luhmann aber auch, daß « die soziokulturelle Evolution offensichtlich nicht zu einer langsamen, gleichmäßigen, kontinuierlichen Formenentwicklung» führt. «Man kann in ihren Resultaten Klum-penbildungen beobachten. Es kann Zeiten relativ häufiger und tiefgreifender Strukturänderungen geben und dann wieder Zeiten relativer Stagnation. Ein Beobachter kann daraufhin Epochen sehen.»
In der Praxis erweist sich die Periodisierung als ein unverzichtbares Ordnungsprinzip der Fakten. Ihre Problematik fängt damit an, daß keine Geschichtsschreibung alles, was sich ereignet hat, gleichgewichtig verzeichnen kann, sondern daß die Historiker die mitzuteilenden Ereignisse nach Relevanzkriterien, die standortgebunden, d. h. unterschiedlich und veränderlich sind, auswählen, und nach Zusammenhangsannahmen, die ebenfalls variieren, ordnen und interpretieren. Daß also jeder Versuch, die Vergangenheit abzubilden, als Konstruktion betrachtet werden kann, jedenfalls nicht zu leugnen ist, daß er konstruktive Elemente enthält. Die Periodisierung stellt zweifellos eines der wesentlichen konstruktiven Elemente der Historiographie dar.
      Dabei liegen die Dinge für die politische Geschichtsschreibung insofern noch einfacher, als sie für die Zäsuren, die sie setzt, die Daten aus der politischen Geschichte und/oder aus der Wirtschafts- und Sozialgeschichte nimmt, also quasi autonom periodisieren kann. Aus der Heterogenität der literaturgeschichtlichen Epochenbegriffe ist demgegenüber zu ersehen, daß die Literaturgeschichtsschreibung mit einer autonomen Periodisierung ihre Schwierigkeiten hatte. Bis heute gehen die Meinungen darüber auseinander, ob sie überhaupt anzustreben sei und was man darunter zu verstehen habe. Denn hier stellt sich erst einmal die Frage nach dem der Literaturgeschichtsschreibung zugrunde gelegten Literaturbegriff. Verbleibt er auf der Ebene der Literaturproduktion , dann würde man unter einer autonomen Periodisierung heute wohl in erster Linie eine verstehen, die diskurs-, struktur- oder stilgeschichtliche Daten anvisiert. Faßt man den Gegenstand der Literaturgeschichtsschreibung als Geschichte der literarischen Kommunikation der Gesellschaft oder als Geschichte eines Kultursystems , dann verlieren bestimmte kultur- und sozialgeschichtliche Daten ihren heteronomen Charakter, rücken in den Bereich der Autonomie.
      Weiterhin macht es einen Unterschied, ob der zugrunde gelegte Literaturbegriff auf die Schicht der traditionell höher evaluierten Texte und/oder den Umgang mit diesen eingegrenzt ist oder ob er auch dieliterarische Massenproduktion umfaßt. Man kann zwar davon ausgehen, daß Unterscheidungen wie die zwischen Renaissance- und Barockkunst oder zwischen romantischer und realistischer Literatur auf analytisch nachweisbare Unterschiede in der künstlerischen Formierungsweise zurückgeführt werden können. Man kann annehmen, daß die Summe der Werke, die aufgrund ähnlicher Formierungsweise als barock oder als romantisch interpretiert worden sind, im großen und ganzen sich nach ihrer Entstehung zeitlich eingrenzen läßt, eine Barockarchitektur oder eine romantische Literatur als geschichtliche Phänomene objektivierbar sind. Das funktioniert, obwohl die Unterscheidung zwischen Renaissance- und Barockkunstwerken, zwischen romantischen und realistischen Texten nie die Festigkeit von Artunterschieden gewinnen kann und obwohl allenfalls ein ungefährer Konsens darüber herstellbar ist, welche objektiven Merkmale für die Bestimmung etwa des Romantischen oder des Realistischen gelten sollen, also zumindest breite Randzonen bestehen, in denen die Zuordnung von interpretatorischen Entscheidungen abhängig bleibt. Aber selbst wenn man zumindest < Kernzonen > von romantischer und realistischer Literatur für zeitlich objektivierbar hält, kann mit dem Verfahren, nach dem das traditionelle Periodisierungsschema gebildet wurde, auch für die Geschichte der Literaturproduktion immer nur eine grobe Orientierungshilfe gewonnen werden. Denn erstens ist es ja ein Verfahren, Innovationen zu markieren und Dominanzen zu bestimmen, das folglich die Gleichzeitigkeit des nicht abbilden kann. Die Kontemporaneität von deutscher Klassik und Romantik muß in eine zeitliche Abfolge übersetzt werden. Zweitens bezieht sich das Schema überhaupt nicht auf die gesamte Literaturproduktion, sondern nur auf einen schmalen Ausschnitt aus ihr. In einem bestimmten Zeitraum waren Literaturmuster, die wir als romantisch interpretieren, zweifellos auch in der Masse der Literaturproduktion dominant. Diese Zeit begann aber sicher nicht 1794 und auch nicht 1805 oder 1806 , sondern später, und sie reichte auf jeden Fall weit in die Periode des Realismus hinein. Der Zeitpunkt, zu dem sich in der Masse der Literaturproduktion die Dominanz von den Literaturmustern der Spätaufklärung auf die der Romantik verschob, muß alsoirgendwann zwischen den Zäsuren liegen, die das traditionelle Periodisierungsschema setzt.
      Aber welchen Literaturbegriff wir unserer Arbeit auch zugrunde legen, literaturgeschichtliche Periodisierung kann, wenn sie mit Begriffen wie Romantik oder Realismus Dominanzen bestimmen will, immer nur ungefähr sein. Denn Dominanzen stellen sich nicht auf den Tag ein. Sie sind auch nicht statistisch feststellbar. Wenn nichtsdestoweniger häufig Ereignisse zur Zäsurierung der Literaturgeschichte herangezogen werden, dann markiert diese Art der Periodisierung im Grunde nur das Datum, von dem aus der Aufstieg einer dominant werdenden Strömung zu rechnen ist oder das das Ende einer Epoche besiegelt.
      Noch komplizierter stellt sich das Periodisierungsproblem dar, wenn wir den nationalliterarischen Rahmen verlassen und übernationale, etwa gesamteuropäische Literaturzusammenhänge ausgemacht werden sollen. Denn einerseits ist wohl unstrittig, daß - um bei unserem Beispiel zu bleiben - die meisten europäischen Literaturen ihre romantische und ihre realistische Periode hatten. Andererseits verläuft die Entwicklung der Literatur in den einzelnen europäischen Ländern nicht kongruent. In einigen ost- und südosteuropäischen Literaturen z. B. greifen Aufklärung und Romantik viel stärker ineinander als etwa in Deutschland oder behaupten romantische Literaturmuster noch lange ihre Vorherrschaft, nachdem die großen westeuropäischen Literaturen und die russische Literatur bereits vom realistischen Roman bestimmt werden. Dementsprechend differieren auch die in der Literaturgeschichtsschreibung der einzelnen Länder tradierten Epochensequenzen. Versuche zu einer einheitlichen Periodisierung der europäischen Literaturen haben demzufolge mit großen Phasenverschiebungen zu rechnen und können jeweils nur einen Teil der in der Nationalliteraturgeschichtsschreibung erhaltenen Epochenbegriffe gebrauchen.
      Die ältesten, bereits seit der Antike verwendeten Periodisierungsar-ten waren die nach der Regierungszeit des Monarchen oder nach Zeitaltervorstellungen, die von der Annahme eines absteigenden oder aufsteigenden Verlaufs der Geschichte ausgingen . Beide Periodisierungsarten sind von der neuzeitlichen Literaturgeschichtsschreibung auf die neuere Literatur übertragen worden, die von daher auch z. T. bis heute verwendete Epochenbegriffeerhielt . In Ãobertragung des monarchischen Periodisierungsprinzips auf die Lebenszeit eines Dichters, die in der ursprünglichsten Form der Literaturgeschichtsschreibung - der Biographik - die Zäsuren gesetzt hatte, konnte auch ein Epochenbegriff wie Goethezeit gebildet werden.
      Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein erfüllten diese Periodisierungsarten jedoch mehr eine klassifikatorische Funktion, d. h., sie dienten der systematischen Zuordnung der Fakten. Solange in der bildenden Kunst wie in der Literatur die normative Geltung des griechisch-römischen Altertums unangefochten war, hatte auch die triadische Zeiteinteilung, die in der - die Kunstideale der Antike wiederaufgreifenden - Renaissance aufkam, prinzipiell keine andere Bedeutung. Erst mit der Entwicklung des historischen Denkens, das die vielen Geschichten zu der einen Geschichte zusammenschloß, der -zumeist gekoppelt mit teleologischen Richtungsannahmen - eine eigene Dynamik unterstellt wurde, gewann die Frage der Periodisie-rung ein neues Interesse: Der Historiker konnte sich nicht mehr damit bescheiden, die kontinuierlich sich verlängernde Reihe der Namen und Ereignisse nach abstrakten Zeitmaßen abzuteilen, wie das in den sog. Litterärgeschichten des 18. Jahrhunderts üblich gewesen war. Vielmehr war es ihm nun aufgegeben, im Gang der Ereignisse selbst die Zeitgrenzen aufzusuchen, an denen ein geschichtlicher Zustand von einem anderen abgelöst wurde oder in einen anderen überging. Die Geschichtsschreibung trat mit dem Anspruch auf, in ihrer Periodi-sierung den periodischen Verlauf der Geschichte selbst abzubilden.
      Dabei weisen noch die deutschen , in denen die Literatur mit dem philosophischen, religiösen und politischen Denken sowie mit allen anderen Künsten vereinigt war. Es wurde ein

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