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Das Märchen als



Es fällt jedenfalls auf, daß die literarische Märchenproduktion eng mit Rationalisierungsschüben verknüpft ist. Die mündlich weitergegebenen Märchen meiden zwar im allgemeinen die distanziert-ironische Einstellung; aber auch sie spielen « sozusagen mit dem, was früher Bedeutung hatte», um noch einmal Wilhelm Grimm zu zitieren. Dies heißt aber, daß ihre Interpretation nicht primär von den früheren Bedeutungen her erfolgen kann, daß sie vielmehr die Perspektive des Spiels einzubeziehen und näher zu bestimmen hat. Die Frage nach der Gestalt des Märchens kann nicht über die stoffliche Zerlegung in Motive beantwortet werden, sondern indem die Art und Weise der Motivverwendung und -Verknüpfung untersucht wird. Andre Jolles zählte das Märchen in seinem gleichnamigen Buch zu den « Einfachen Formen», allerdings - paradox ausgedrückt - zu den etwas komplizierteren einfachen Formen, im Gegensatz etwa zu Rätsel, Legende, Witz. Mit dem Konzept der einfachen Formen erneuert Jolles die romantische Idee der Naturpoesie, die nach Jacob Grimm nicht durch « Zubereitung », sondern durch ein « Sichvonselbstmachen » charakterisiert ist. Nach Jolles kommen die einfachen Formen zustande, wenn der Mensch mit einer bestimmten « Lebenshaltung» und «Geistesbeschäftigung» der Welt gegenübertritt; die bestimmte Haltung erzeugt einen bestimmten sprachlichen Gestus, der in einer Gattung seinen Ausdruck findet. Die einfachen Gattungsformen sind also keine beliebigen ästhetischen Angebote, unter denen nach Bedarf gewählt werden könnte; sie bilden vielmehr ein Inventar ästhetischer Erfahrungsmöglichkeiten des Menschen, welche die Welt in je spezifischer Weise aufschließen.

      Für Jolles' Konzept spricht, daß bei der konkreten Realisierung einfacher Formen schon nach wenigen Sätzen, ja oft nach wenigen Worten deutlich ist, worum es sich handelt: Man weiß, ob ein Witz oder eine Legende oder ein Märchen folgt, weil man es bei jeder Passage mit « vom Ganzen geladenen und geschwängerten Einheiten »I zu tun hat.
      Problematischer erscheint Jolles' Versuch, die einfachen Gattungsformen gewissermaßen aus einem einzigen Punkt heraus zu charakterisieren. Bei der Legende gelingt dies noch einigermaßen, indem er sie der spezifischen Geistesbeschäftigung der «imitatio», der religiös fundierten Nachfolge im mittelalterlichen Sinn, zuordnet - obwohl man darüber streiten kann, ob nicht das Moment des Wunders so wesent-lieh ist, daß es für die Definition der Legende nicht entbehrt werden kann. Wunder und das Wunderbare scheinen bei einer vorläufigen Annäherung auch für das Märchen charakteristisch. Aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß das Wunderbare im Märchen seinen Signalwert einbüßt. In den Worten von Jolles: « das Wunderbare ist in dieser Form nicht wunderbar, sondern selbstverständlich.» Dies hängt mit der Geistesbeschäftigung zusammen, die Jolles für die Form Märchen postuliert; er bezeichnet sie als «naive Moral» und versteht darunter die «Erwartung, wie es eigentlich in der Welt zugehen müßte».'
Der ungarische Märchenforscher Janos Honti hat dagegen eingewandt, diese Erwartung lasse im Grunde nur ein einziges Märchen zu, das vom Schlaraffenland - und gerade dieses Märchen mache sich über eine solche Erwartung lustig. In dieser Beobachtung liegt freilich auch schon der Schlüssel für ein präziseres Verständnis des Märchens. Die Geschichte vom Schlaraffenland rückt deshalb in ein ironisches Licht, weil sie die Märchenhaltung pervertiert. Man kann schon bei der Behauptung bleiben, das Märchen erzähle, «wie es eigentlich in der Welt zugehen müßte» - aber diese «naive Moral» ist nicht so naiv und wirklichkeitsfremd, daß sie darunter ein kontinuierliches Lotterleben begreift. Das Märchen bedient sich des Erfahrungsprinzips, das man als « Ã-konomie der Wunscherfüllung» bezeichnet hat; es erreicht das Glück nicht im direkten Zugriff, sondern über Hindernisse - weil « Glück nur in dem Maße empfunden wird, wie es gegen das Unglück absticht»21.
     

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