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Beispiele der texthermeneutik

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Bibel



Vorbemerkung
Die Geschichte der Bibelauslegung bietet ein besonders instruktives Beispiel dafür, wie die Auslegungs- und Verstehensgrundsätze dem historischen Wandel unterworfen sind und wie sie vom Verwendungszusammenhang der Texte bestimmt werden. Das liegt zunächst einfach daran, daß die Bibel inzwischen eine Auslegungsgeschichte von mehreren Jahrtausenden hat und daß sie eine Textsammlung ist, die mit einem besonderen Geltungsanspruch und daher mit besonderen Deutungsregeln versehen worden ist.

      Die Definition der Bibel als < heilige Schrift > ist ein Ergebnis bestimmter, geschichtlich herausentwickelter Handlungszusammenhänge. Dieser Prozeß der Entstehung und Fixierung der biblischen Schriften zog sich über mehrere Jahrtausende in jüdisch und christlich geprägten Gesellschaften bzw. Gesellschaftssphären hin. Zum anderen ist dieser Entstehungsprozeß immer auch schon Auslegung der benutzten Texte: ihre Deutung auf die jeweilige Anwendung hin.
      Die Entstehung des biblischen Kanons und seine Erforschung
Die Auslegungsgeschichte der biblischen Schriften beginnt schon innerhalb der Bibel selbst, weil die Autoren jüngerer Textbestandteile sich mit älteren Texten auseinandersetzen mußten, die bereits Geltung für die religiöse Praxis gewonnen hatten. Deshalb muß auch die Entstehungsgeschichte der Bibel erforscht werden, wenn man ihre Auslegungsgeschichte behandeln will.

     
Die Verschiedenheit der Textteile als Auslegungsproblem für die Bibelinterpretation Manche Grundsätze der Bibelinterpretation lassen sich nur verstehen, wenn man etwas über die Entstehung der Bibel als Textsammlung weiß - und das heißt ja immer auch: über den Gebrauch dieser Schriften.
      Die Bibel ist eine Sammlung von Texten ganz unterschiedlicher Herkunft und Eigenart und sehr verschiedenen Alters. Diese Sammlung wurde erst in einem langwierigen Prozeß innerkirchlicher Auseinandersetzungen genauer abgegrenzt und schließlich durch offizielle Kirchenbeschlüsse als < Kanon > ihrem Bestand nach festgelegt. Diese Einsicht ist nicht selbstverständlich, sondern mußte sich als Ergebnis moderner Forschung erst nach und nach durchsetzen.
      Jedem aufmerksamen Leser des Neuen Testaments wird auffallen, daß in den Evangelien mehrfach gleiche Begebenheiten in leicht verschiedenen Fassungen erzählt werden: Am deutlichsten ist dies bei der Passionsgeschichte, dem Bericht von Gefangennahme, Kreuzigung und Tod Jesu; die Darstellungen in den vier Evangelien weichen zum Teil nicht unerheblich voneinander ab. Diesen für den von Jesus-Erzählungen geführt.
      Als Ergebnis der textgeschichtlichen Untersuchungen ergab sich mit einiger Sicherheit: Die uns vorliegenden Evangelien gehen auf Vorfassungen zurück, die - aus sehr verschiedenen Quellen gespeist - dann von den Autoren unter je besonderen theologischen Gesichtspunkten zusammengestellt und bearbeitet wurden.
      Was hier an einem Beispiel für die Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments angedeutet wurde, gilt grundsätzlich auch für das Alte Testament: Die biblischen Schriften insgesamt werden heute von der

Forschung als zeitbedingte Produkte angesehen, die aus einer oft langen und komplizierten Überlieferung entstanden sind. Man hat in ihnen die unterschiedlichsten Traditionselemente erkannt und die heute vorliegende Form in vielen Fällen als eine relativ späte Überarbeitung nachgewiesen, bei der oft auch die Angabe eines bestimmten Autors nur als Vorspiegelung gelten kann.
      Bei der Feststellung und Beschreibung der verschiedenen Elemente ist man darum bemüht, den genauen Verwendungszweck der Texte oder Textstücke bei ihrer Entstehung und Überlieferung zu ermitteln, den sogenannten - etwa bei dem herausgeschälten Bruchstück eines frühchristlichen Liedes seine Verwendung im Gottesdienst.
      Durch die historisch-kritische Forschung werden die biblischen Texte grundsätzlich aller überlieferten Literatur gleichgestellt; man untersucht sie in gleicher Weise mit den Mitteln der Textkritik, der Sprach- und Stilanalyse, der form- und typengeschichtlichen Verfahrensweisen, den Methoden der religions- und kultursoziologischen Forschung, kurz: Man zieht die Verfahren all der Wissenschaften heran, die an der Erforschung von Kulturerzeugnissen vergangener Zeiten beteiligt sind.
      Die Beziehung der Entstehungsgeschichte zur Auslegungsgeschichte der Bibel
Besonders am Neuen Testament wird augenfällig - allein schon durch die dort vorkommenden Zitate aus dem Alten Testament und ihre Deutung -, daß die Auslegungsgeschichte der Bibel schon innerhalb des biblischen Kanons beginnt. Erklären läßt sich das nur aus der langen Entstehungsgeschichte der Bibel.
      Drei Momente sind dabei für die Auslegungsproblematik besonders wichtig:
- die Spannung zwischen älteren und jüngeren Bestandteilen der Bibel;
- die Einbettung ursprünglich profaner bzw. profan erscheinender oder fremdkultureller Texte oder Textteile in die religiös bestimmten biblischen Schriften;
- die Übernahme der heiligen Schriften des Judentums in den biblischen Kanon der christlichen Kirchen.

     
Die Notwendigkeit einer Umdeutung profaner bzw. profan erscheinender Textteile des biblischen Kanons Besonders solche Textstellen oder Texte der Bibel, die in einem stärker profanen Zusammenhang entstanden waren oder die man später für < profanen Charakters > hielt, mußten umgedeutet werden, um sie unter die kanonischen Schriften aufnehmen zu können. Sie schienen gewissermaßen einer in Richtung auf die religiöse Verwendung zu bedürfen. Als Beispiel ist besonders die allegorische Auslegung des Hohenliedes, einer Sammlung von Liebesliedern zu nennen: «Braut» und «Bräutigam» des Textes wurden als allegorische Darstellungen von christlicher Kirche und Christus gedeutet. Derartige Umdeutungen von Elementen, die nicht in dem Rahmen der bestimmten religiösen Lebenspraxis entstanden und als erst nachträglich für sie verwandt wirkten, kann man bereits innerhalb der Bibel entdecken.
      Im Neuen Testament hat man unter anderem bei manchen Gleichnissen, die in den Evangelien als Worte Jesu präsentiert werden, die Vermutung stützen können, daß Umdeutungen profaner Stücke vorlägen, indem man beispielsweise Entsprechungen in orientalischen Märchen beibrachte/
Die Umdeutung der heiligen Schriften des Judentums bei ihrer Aufnahme in den biblischen Kanon der christlichen Kirchen Für die Auslegungsgeschichte der Bibel im Christentum wurde entscheidend, daß das Alte Testament - die Sammlung von heiligen Schriften aus der jüdischen Religion - für die Christen seine Geltung nicht verlor, als die gegenüber dem Judentum scharf abgegrenzte Glaubensgemeinschaft entstand. Die Autorität des Alten Testaments wurde durch die Kirchen später sogar bestätigt und festgeschrieben.
      Die Aufnahme des Alten Testaments in die christliche Bibel setzte voraus, daß die Christengemeinde einen Zusammenhang zwischen sich und dem alttestamentarischen Volk Israel sah. Geschichtlich beruht ein derartiger Zusammenhang zunächst einmal darauf, daß der Christusglauben im jüdischen Religionsraum entstand. Genauer aber ist zu sagen: Entscheidend für die Übernahme des Alten Testaments wurde, daß die Bezugsperson des neuen Glaubens, der historische Jesus, offenbar ein für die jüdische Religion ganz neues Verständnis der heiligen Schriften gepredigt hatte; er lehnte die herrschende jüdische Auffassung scharf ab, Gott habe in den Schriften gesetzliche Vorschriften gegeben, die es bis ins kleinste zu erfüllen gelte, um sich zu

< rechtfertigen >. Statt dessen legte er das Gewicht auf die Verheißung in den Schriften, die von einem gnädigen, versöhnbaren Gott sprachen.
      Das war keine bloß zufällige Neuauslegung der Bibel, sondern sie muß auf dem Hintergrund der veränderten sozialen Bedingungen der jüdischen Kultgemeinschaft gesehen werden, aus denen eine solche Interpretation entstand und die ihre Verbreitung begünstigten: Die Christen sahen in der Person Jesu den von Gott gesandten Versöhner, durch den der alte Bund Gottes mit dem Volk Israel von einem neuen Bund Gottes mit allen Christusgläubigen abgelöst worden sei. Der strikte Bezug des Wirkens des historischen Jesus auf die heiligen Schriften des Judentums setzt sich bei den Christusgläubigen also um in eine Deutung dieses Jesus Christus vor dem Hintergrund jener Schriften: Die Verheißungen, die sich im Alten Testament finden, werden in ihm als erfüllt gesehen.
      Damit behält zwar das Alte Testament seine Geltung in der neuen Glaubensgemeinschaft, aber seine Funktion wird radikal verändert: Das < gesetzliche Verständnis > ist durch Christi Leben und Tod überwunden; in der Auferstehungsgeschichte drückt man die Besiegelung dieser Überwindung aus. Nun sieht man gewissermaßen die gesamte im Alten Testament erzählte Geschichte auf Christus zulaufen; sie wird insgesamt zur Verheißung Gottes, die mit Christus als dem mußte die Bibel als feststehende Grundlage dieser Glaubensgemeinschaft ausgelegt werden.
      Die Differenz zwischen Entstehungs- und Verstehensbedingungen als Ausgangspunkt für die moderne Bibelauslegung Eine entscheidend neue Phase der Bibelauslegung setzt mit der Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaften ein. Dabei spielt für die Beschäftigung mit der Bibel die Ausbildung eines modernen historischen Bewußtseins die wesentliche Rolle: Die Menschen erkennen einen unüberbrückbaren geschichtlichen Abstand zwischen sich bzw. ihrer Gegenwart und vergangenen Verhältnissen.
      Das Bewußtsein für die Differenz zwischen den Entstehungs- und den Verstehensbedingungen eines Textes war bis ins 18. Jahrhundert hinein keineswegs selbstverständlich. So galten in der literarischen Theorie vorher die antiken Autoren, von deren großer zeitlicher Entfernung man natürlich wußte, dennoch als unmittelbare, für die Gegenwart gültige Autoritäten. Im Zuge der Auflösung einer eher auf Unbeweglichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse angelegten feudalen Gesellschaft wuchs das Bewußtsein davon, daß vergangene Zustände mit ihren Normen aus den Bedingungen der jeweiligen Zeit erklärt werden müssen und daß sie nicht die Maßstäbe für später entwickelte Verhältnisse abgeben können.
      Der Ausbildung dieses historischen Bewußtseins entspricht im Bereich der Erkenntnistheorie die Berufung auf die menschliche Vernunft >, die rationale Einsicht, als den einzig zu rechtfertigenden Maßstab für die Wahrheit. Im Rahmen solcher Veränderungen mußte sich auch das Verhältnis der Bibel grundlegend wandeln: ihre Aussagen konnte man nicht mehr gleichsam naiv als hinnehmen, an die man eben - gegen alle Vernunfteinsicht - zu glauben hätte. So mußte die Bibel mehr und mehr als ein zeitbedingtes, geschichtlich erklärbares und zu erforschendes Dokument gelten.
      Die Entwicklung des historisch-kritischen Verhältnisses zur Bibel soll nachfolgend an zwei Punkten verdeutlicht werden.

     
Der Konflikt von Bibelglaube und naturwissenschaftlich bestimmtem Weltbild
Zweifel an der unmittelbar zu nehmenden Wahrheit wurden besonders an den Punkten laut, an denen eine fortentwickelte naturwissenschaftliche Erkenntnis den buchstäblichen Aussagen der Bibel widersprach.
      Unter anderem mußte die moderne Biologie, insbesondere die Evolutionsforschung, die Gültigkeit der Schöpfungsgeschichte als eines wahrheitsmäßigen Berichts vom tatsächlichen Entstehungsvorgang der Erde und der Lebewesen bestreiten. Dennoch hielt die katholische Kirche noch lange gegen die naturwissenschaftliche Erkenntnis daran fest, daß die Schöpfungsgeschichte als unmittelbare Wahrheit über die Erdentstehung zu glauben sei.
      Der Konflikt zwischen kirchlich festgelegtem Bibelverständnis und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen hat den einzelnen Christen, der an der grundsätzlichen Autorität der Bibel festhielt, immer wieder - und bei vielen vermutlich bis heute - in tiefe Zweifel gestürzt:
- Einerseits ist in den Industriegesellschaften ein naturwissenschaftlich begründetes Weltbild die selbstverständliche, gar nicht mehr bedachte Grundlage des Alltagshandelns.
      - Andererseits berichtet die Bibel wieder und wieder von Ereignissen, die auf der Durchbrechung eines naturgesetzlichen Ursachenzusammenhangs beruhen.
      Deutliche Beispiele liefern die neutestamentlichen Wundergeschichten. So muß etwa die Auferweckung eines Toten durch Zuruf oder Berührung nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen als völlig unmöglich gelten.
      Soll nun der gläubige Christ derartige Erzählungen der Bibel für unwahr halten ? - Die moderne Theologie hat entschlossen diese Folgerung gezogen: Wie die Texte der Bibel überhaupt, so sind auch die Wundergeschichten als zeitbedingte Dokumente zu sehen; in diesen Erzählungen bezeugt sich ein bestimmter Glaube, nämlich der an die Allmacht Gottes und an sein Handeln mit den Menschen. Die Menschen, zu deren Zeit die Texte des Neuen Testaments entstanden, hielten für einen Bestandteil ihrer Wirklichkeit; sie drückten ihren Glauben in den ihnen geläufigen Vorstellungen aus.
      Diese Vorstellungen sind für ein modernes Weltverständnis unannehmbar; daher kann man christliche Gläubigkeit heute nicht mehr von einem abhängig machen. Der Theologe Rudolf Bultmann geht sogar so weit zu erklären, selbst wenn es sich wissen-schaftlich nachweisen ließe, daß Jesus tatsächlich einige «Wunder > vollbracht habe, so wäre dies für den christlichen Glauben heute völlig unerheblich, «weil sie als Werke eines Menschen der Vergangenheit uns unmittelbar nichts angehen. Deshalb sind in der Diskussion die , sofern sie Ereignisse der Vergangenheit sind, restlos der Kritik preiszugeben, und es ist mit aller Schärfe zu betonen, daß schlechterdings kein Interesse für den christlichen Glauben besteht, die Möglichkeit oder Wirklichkeit der Wunder Jesu als Ereignisse der Vergangenheit nachzuweisen, daß im Gegenteil dies nur eine Verirrung wäre.»
Der wörtliche Sinn des biblischen Textes ist damit insofern < unwesentlicH) geworden, wie er als buchstäblich zu glaubende Wahrheit genommen würde. Er ist aber in einer anderen Hinsicht in den Vordergrund gerückt: als genau zu erforschendes Dokument zeitbedingter Ausdrucksweise. Dann aber erhebt sich unweigerlich eine Frage: Wenn die biblischen Texte als ganz und gar zeitbedingte, aus einer bestimmten geschichtlichen Lage erklärbare Zeugnisse begriffen werden müssen, wie können sie dann heute noch als gültige und bestimmende Grundlage für den christlichen Glauben ausgelegt werden?

Lösungsversuche durch
Im Grunde dreht sich die gesamte Arbeit der modernen Theologie um die oben gestellte Frage. Rudolf Bultmann hat mit seinem Prinzip der eine Lösung versucht, die inzwischen zum theologischen Allgemeingut gehört.
      Danach wurde die Bibel von Menschen formuliert, die ein mythisches Weltbild hatten: Diese Menschen hielten das Vorhandensein von Geistern und Teufeln, das Eingreifen Gottes durch , den Wechsel von Personen zwischen der anschaulichen und einer überwirklichen Welt selbstverständlich für konkrete Wirklichkeit. Ihren Gottes- und Christusglauben bezeugten diese Menschen daher auch mit entsprechenden Berichten.
      Für die Welt, in der wir leben, komme es nun nicht auf die damals durchaus buchstäblich gemeinten Aussagen an, sondern auf das in ihnen enthaltene Zeugnis vom Glauben an Gott und Christus. Denn in seiner zeitbedingten Einkleidung enthalte dieses Zeugnis einen Sinn, der auch den modernen Menschen angeht. Es sei darin eine Verkündigung ausgedrückt, die zeitübergreifend auf die Grundlage jeder menschlichen Existenz in ihrem Selbstverständnis zielt.

     
« Denn das ist nun die Frage der sogenannten Entmythologisierung, ob mit der Erledigung der mythologischen Vorstellungen das letzte Wort gesprochen ist oder ob in ihnen ein bleibender Sinn Ausdruck gefunden hat; ob ihnen eine Anschauung, ja ein Wissen vom Wesen der menschlichen Existenz zugrunde liegt, das vielleicht nicht das einzig mögliche Verständnis menschlicher Existenz wäre - denn es gibt deren manche, und eines zu wählen ist immer Sache der Entscheidung -, das aber eine Möglichkeit ist, die ihr Recht nie verlieren kann. Liegt also jenen Mythologe-men ein solches Verständnis zugrunde? Und wie wäre es in der Vorstellungsweise und Sprache des modernen Menschen zum Ausdruck zu bringen?»
Es versteht sich, daß die Theologen die vorletzte Frage bejahen: Die befremdlichen, geschichtlich fernher kommenden biblischen Texte enthalten eine zentrale Aussage, die über die Zeiten hinweg den Menschen vor existentielle Entscheidungen stelle. Die von Bultmann zuletzt gestellte Frage fassen die Theologen als eine ständige Aufgabe für die Bibelauslegung auf.
      Die geschichtliche Differenz zwischen den Entstehungsbedingungen der Texte und den Voraussetzungen des Verstehens in der Gegenwart ist also der Ausgangspunkt für das Prinzip der < Entmythologisierung >. Zugleich wird mit diesem Ansatz erklärt: Das Verstehen des Textes bestehe darin, daß der Sinn des Textes Bedeutung für das Selbstverständnis des Lesers oder Hörers gewinnt. Dieser Sinn sei durch die historisch fremde Erscheinungsform des Textes hindurch zu suchen; aber er lasse sich nicht einfach von ihr ablösen, weil er ja in eben dieser zeitbedingten Formulierung begegnet.
      Daraus ergibt sich, daß der ursprüngliche Text nicht einfach durch seine Interpretation ersetzt werden kann; denn auch diese Interpretation ist geprägt von den Lebens- und Denkbedingungen ihrer Zeit und darf daher den Text nicht sozusagen < verbauen > wollen, indem sie ihr Verständnis als unbedingt und zeitlos setzt - obwohl gerade dies in der Geschichte der Bibelauslegung immer wieder geschehen ist. Es gilt vielmehr: Jede Zeit muß den Bibeltext neu für sich auslegen.
      Hinweise auf Weiterführungen der modernen theologischen Hermeneutik
In der protestantischen Theologie seit Bultmann, aber auch in der allgemeinen, philosophischen Hermeneutik der gleichen Zeit - etwa bei Hans-Georg Gadamer - war die Erörterung des stark von der Existentialphilosophie geprägt. Daher beschäftigte sich die Diskussion der Verstehensbedingungen vor allemmit dem allgemein gefaßten Wesen des Menschseins überhaupt, mit der in den aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen aus programmatisch bestimmte < Interessen > in den Ansatz der Bibelauslegung hineingenommen werden. So gibt es z. B. Ansätze zu einer feministisch orientierten theologischen Hermeneutik6, zu einer Hermeneutik aus dem Blickwinkel der < Befreiungstheologie > oder auch zu einer psychologisch konzipierten Hermeneutik, die Erkenntnisse der Psychologie bzw. der Psychoanalyse in die Verstehensmöglichkeiten für biblische Texte einzubeziehen versucht.
      Solche Entwürfe radikalisieren in gewissem Sinn die skizzierten Grundprobleme der neuzeitlichen theologischen Hermeneutik, revidieren sie aber nicht grundsätzlich. Ausgangspunkt ist immer die historische und kulturelle Differenz zwischen Text und Deutung sowie die Berücksichtigung des konkreten Funktionszusammenhangs, in den der Text und seine Auslegung eingebunden sind. Die Frage nach dem der biblischen Texte wird schärfer als mit der existentialen Interpretation in der Bultmann-Nachfolge auf die soziale, kulturelle oder politische Situation derer bezogen, die die Texte verstehen wollen. Nach wie vor liegt aber die zentrale Herausforderung der Bibelauslegung in dem Geltungsanspruch der biblischen Schriften, dem sich auch die neuen Hermeneutiken stellen. So sehr die modernen theologischen Hermeneutiken ihren Prinzipien und Verfahren nach den allgemeinen Grundsätzen der Textinterpretation gleichgestellt werden, so sehr bleibt auch in ihnen die Besonderheit eines religiös geprägten Textverstehens erhalten, das den verpflichtenden oder auffordernden Charakter des Textsinns für die Lebenswirklichkeit der Leser oder Hörer durch die enorme geschichtliche Differenz zwischen Textfixierung und Auslegung hindurch zu fassen sucht. Nie wird daher eine theologische Hermeneutik die extremen Thesen Text- und Literaturtheorien übernehmen können, in denen sich mit der normativen Vorgabe des Ausgangstextes auch die Frage nach dessen verbindlichem in den Verweisgeflechten der auflöst.
     

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