Bibel |
| Vorbemerkung
Die Geschichte der Bibelauslegung bietet ein besonders instruktives Beispiel dafür, wie die Auslegungs- und Verstehensgrundsätze dem historischen Wandel unterworfen sind und wie sie vom Verwendungszusammenhang der Texte bestimmt werden. Das liegt zunächst einfach daran, daß die Bibel i |
Zum Auslegungsspielraum von Gesetzestexten |
| Über die Mehrdeutigkeit poetischer Texte gibt es keinen Streit. Eine poetische Metapher entfaltet ihren Beziehungsreichtum erst dadurch, daß ihre Leser sie in wechselnden Lebenssituationen immer neu und anders verstehen können. Dieser offene Spielraum für sinnreiche Interpretationen ist sogar die B |
Wolframs von Eschenbach «Willehalm» - Annäherung an einen mittelalterlichen Text |
| Nähert man sich dem «Willehalm», dem zweiten großen epischen Werk Wolframs von Eschenbach neben dem «Parzival», tauchen schon im Vorfeld der Erkundung Signale auf, die schwer zugängliches und unbekanntes Gelände ankündigen. Gewiß, das Werk wird von den wenigen Kennern geradezu emphatisch gepriesen, |
Handlung und Quelle |
| Verglichen mit den phantastisch-abenteuerlichen oder mythisch-märchenhaften oder erotischen Handlungen bekannterer mittelalterlicher Werke erscheint diese Geschichte, die einen Stoff der französischen Heldenepik aufgreift, wenig attraktiv. Sie führt in die Zeit Karls des Großen zurück; ihr Held, Gra |
Aporie christlich-höfischer Ritterkunst |
| Das Werk, das der Dichter durch die Vermittlung des Landgrafen Hermann von Thüringen, eines der mächtigsten Reichsfürsten und Mäzene zu Beginn des 13. Jahrhunderts, kennengelernt hat, macht im Prolog eine entscheidende Vorgabe: Willehalm wird dort im Legendenstil als Heiliger angerufen, als Nothelfe |
gotes hantgetät und gotes kint |
| Über dem Schluß des «Willehalm» liegt die ganze Last der leidvollen Geschichte, die das Werk erzählt. Die Schlacht ist geschlagen, doch der Familienkonflikt ist nicht gelöst, der Glaubenskrieg hat die unversöhnlichen Fronten erneut aufgerissen, die politische Lage nach dem Sieg hat sich gegenüber d |
Der sin des Dichters und der Sinn der Geschichte |
| Der «Willehalm » macht die hermeneutische Situation des Interpreten schwierig. Denn weder von den gängigen Mustern der Erschließung fiktionaler Werke noch von den überkommenen Modellen faktischgeschichtlicher Sinnerschließung her bietet das Werk einen Ansatzpunkt für eine übergreifende Interpretatio |
Mündliche und literarische Tradition |
| Es wird kaum überraschen, daß sich diese klare Opposition bei näherem Zusehen etwas verwischt. Zumindest in Deutschland ist die Vorstellung vom Volksmärchen aufs engste verbunden mit der Sammlung der Brüder Grimm; und ihre «Kinder- und Hausmärchen» suchen zwar den Eindruck zu erwecken, sie seien unm |
Das Märchen als |
| Es fällt jedenfalls auf, daß die literarische Märchenproduktion eng mit Rationalisierungsschüben verknüpft ist. Die mündlich weitergegebenen Märchen meiden zwar im allgemeinen die distanziert-ironische Einstellung; aber auch sie spielen « sozusagen mit dem, was früher Bedeutung hatte», um noch einma |
Struktur und Stil |
| Fruchtbarer als die Etikettierung « naive Moral» war eine andere Beobachtung Jolles', die er eher beiläufig vorträgt: Das Märchen erzählt « so, daß uns das Ereignis selbst wichtiger erscheint als die Personen, die es erleben»22. Auf den ersten Blick möchte man hier Zweifel anmelden. Die Hauptpersone |
Schwerelosigkeit |
| Das Spielerische und die Sublimation finden ihre Bestätigung, haben aber auch ihre Begründung in dem glücklichen Ende; die ganze Handlung ist von diesem Ende her mit bestimmt. Die Märchenhelden nehmen im Verlauf der Geschichte meist große Mühen auf sich, aber es sind immer schon entlastete Mühen - H |
Molieres «Tartuffe» - Interpretation eines klassischen Dramas |
| Die Komödie « Le Tartuffe ou L'Imposteur », das fünfzehnte der erhaltenen 33 Stücke Molieres, war zu seiner Zeit und ist noch heute das beliebteste und meistgespielte Werk des französischen Theaters.1 Es ist zugleich typisch für die Kunstgesinnung des späten 17. Jahrhunderts
und eignet sich daher |
Goethes Sonett «Mächtiges Überraschen» |
| Mächtiges Überraschen
Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale Dem Ozean sich eilig zu verbinden; Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen, Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale.
Dämonisch aber stürzt mit einem Male -Ihr folgten Berg und Wald in Wirbelwinden -Sich Oreas, Behagen dort zu f |
Fragendes Verstehen. Zu Paul Celans Gedicht «Psalm» |
| Name und Werk Paul Celans sind seit seinem frühen Gedicht «Todesfuge»1 untrennbar mit der Thematik der Vernichtung des jüdischen Volkes verbunden. Sie ist aus keinem seiner Gedichte wegzudenken, auch wenn nicht ausdrücklich von ihr die Rede ist. Celan schreibt aus dem Grauen heraus - nicht darüber u |
Hörspiel - Zur Hermeneutik akustischer Spielformen |
| «Wenn ich schwiege, würde ich nichts mehr hören. Aber wenn ich schwiege, würden die anderen Geräusche wieder beginnen, für die mich die Worte taub machten, oder die wirklich aufhörten» (Bcckett: Texte um Nichts, T950).
Unser Ohr ist den eigenen Stimmbändern näher als den Schalleindrük-ken des Raums |
Auslegung von elektronischen Texten - Jean-Luc Godards Mini-Serie «Histoire(s) du cinema» |
| Das medienkulturelle Niveau, auf dem wir uns im 20. Fin de siecle bewegen und das die Rede vom < elektronischen Text> grob markiert, zeichnet sich aus durch den Versuch der Machtübernahme einer spezifisch begründeten Bezeichnungspraxis: Das Symbolische in seiner höchsten Form des zweiwertigen Zahlen |
Gattungen |
| Zu den wichtigsten Einteilungs- und Gliederungsmöglichkeiten der Literatur und Literaturgeschichte gehören literarische Gattungen. Durch das Herausarbeiten signifikanter Faktoren und dominanter Tendenzen werden Gesichtspunkte gewonnen, die ein gegebenes literaturgeschichtliches Datenmaterial gruppie |
Epochen |
| Literaturgeschichtliche Epochenbegriffe stehen für abgrenzbare Zeiträume, innerhalb deren dem überwiegenden oder einem als repräsentativ ausgezeichneten Teil der Literatur bestimmte Merkmale abgelesen werden können, die als charakteristisch für die Unterscheidung von der jenseits der gesetzten Zeitg |
Unterhaltungsliteratur |
| «Afterschrifttum, Anti-, Pseudo-, Talmi-, Mülleimer- und Pfeffertüten-Literatur, Plüschlektüre, (...) Sensations-, (...) Traumliteratur, (...) Schmutz und Schund».1 Solche und andere, an die 200 Bezeichnungen für die «minderwertige Prosaliteratur», die aus dem Bewußtsein, im Besitz der richtigen Wer |
Kategorien der literarischen Ästhetik |
| Wer Auskunft über Kategorien der literarischen Ästhetik geben möchte, sieht sich mit einem delikaten Definitionsproblem konfrontiert. Wird Ästhetik schulgemäß als diejenige Disziplin der Philosophie definiert, die sich mit dem Schönen und der Kunst befaßt, so ist auch die Literatur auf selbstverst |