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Whitman, Walt(er) - Leben und Biographie



Mit seinem Lebenswerk, der Gedichtsammlung Grashalme, wurde Walt Whitman zum patriotischen Sänger Amerikas und zum Begründer einerneuen freien lyrischen Form.
      Whitman gehört zu den großen Autodidakten der Literatur. Er arbeitete als Druckergehilfe, Schullehrer und auch als Journalist für Tageszeitungen. Auf einer Reise in den Staat Mississippi 1847/48 lernte Whitman den Westen der
USA kennen und engagierte sich anschließend als Publizist in New York für die Agrardemokra-tie. Zahlreiche Theater- und Opernbesuche dokumentieren seine Liebe zur Bühne, die sich in seiner Dichtung in einem Hang zum Theatralischen und Deklamatorischen niederschlug.
      Ebenfalls in seiner New Yorker Zeit entstand das Gefühl der innigen Vertrautheit mit dem einfachen Mann auf der Straße, das Whitmans späteres Werk durchzieht. Der amerikanische Bürgerkrieg, den Whitman als Pfleger im Lazarett erlebte, bekräftigte seinen Glauben an Demokratie und Brüderlichkeit. Diese Gesinnung kommt vor allem in seinem kulturkritischen Essay Demokratische Ausblicke zum Ausdruck. 1864-73 wohnte Whitman als Beamter in Washington und führte nach einem Schlaganfall 1873 ein zurückgezogenes Leben im Kreis einer Gruppe von Verehrern.
      Grashalme
Grashalme won Walt Whitman ist die Initialzündung der selbstständigen US-amerikanischen Lyrik und einer der berühmtesten Gedichtzyklen der englischsprachigen Literatur. Entstehung: Whitman veröffentlichte 1855 im Selbstverlag die ersten zwölf Gedichte anonym; durch Umarbeitungen, Erweiterungen und Korrekturen in den folgenden 36 Jahren wuchs das Werk auf fast vierhundert Gedichte an und erfuhr acht weitere Auflagen. Einige Gedichtgruppen erschienen zunächst in Einzelbänden. Durch die komplizierte Text- und Editionsge-schichte dauerte es bis 1980, bevor erstmals eine definitive kritische Ausgabe erschien.
      Inhalt: In seinen Gedichten stilisiert Whitman sich selbst als poeta vates und Nationaldichter, als Sänger des amerikanischen Volkes, der amerikanischen Demokratie und des modernen Menschen. Er preist zugleich das große Ganze und das Individuelle; der einzelne Mensch ist Vertreter der gesamten Menschlichkeit und ebenso wie die Natur eine Offenbarung des Göttlichen. Dazu gehört auch die bis dahin in der Lyrik unerhörte Offenheit bei der Schilderung von Sinnlichkeit und Sexualität , die Whitman im puritanischen Amerika einige Schwierigkeiten einbrachte. Unter dem Einfluss von Ralph Waldo Emerson entwickelte Whitman eine pantheistische Naturmystik, in der Körper und Geist, das Selbst und der Kosmos eine untrennbare Einheit bilden. Besonders die frühen Gedichte sind durch eine freudige Selbstbejahung und einen kraftvollen Optimismus in Bezug auf den zu erwartenden evolutionären Fortschritt der Menschheit geprägt.
      In seinem Credo Gesang von mir selbst entwickelt Whitman das Bild der Grashalme als zentrales Natursymbol. Es ist »Taschentuch Gottes«, »ein Kind«, »eine einzige große Hieroglyphe«, »Haar von Gräbern« - Zeichen des ewigen Kreislaufs der Natur, des göttlichen Rätsels und Stellvertreter des Kosmos: »Ich glaube, ein Grashalm ist nicht geringer als
das Tagwerk der Sterne«.
      Whitmans spätere Gedichte stehen unter dem Einfluss des Bürgerkriegs und der Ermordung Lincolns , sindmelancholischer und weniger optimistisch im Ton. Dennoch gehören gerade einige diese Texte zu den bekanntesten der Grashalme.
      Aufbau: Whitmans Lyrik ist gekennzeichnet durch die starke Expressivität und Bildlichkeit der Sprache, den musikalischen Rhythmus und die zahllosen Wiederholungen und Variationen, die den berühmten Whitman-schen »Katalogstil« erzeugen. Durch die freien Verse ist die Grenze zwischen Prosa und Lyrik fließend. Der Stil ist zugleich hymnisch und episch, orgiastisch und litaneihaft und entspricht so Whitmans Absicht, die »amerikanische Religion« der Demokratie zu verkünden und zu feiern. Wirkung: Die Sammlung Grashalme hatte zunächst nicht die von Whitman erhoffte Wirkung, obwohl Emerson ihm nach der ersten Auflage einen anerkennenden Brief schrieb.
      Erst nach der zweiten Auflage fanden die Gedichte größere, wenn auch sehr ambivalente Beachtung. Sowohl die neue lyrische Form als auch der pathetische Ton, vor allem aber die unverhüllte Thematisierung der Körperlichkeit spalteten die Kritiker. Erst spät fand Whitman Anerkennung im eigenen Land, das ihm die Emanzipation der Lyrik von Europa verdankt. Großes Ansehen genoss Whitman bei den englischen Dichtern Lord Alfred Tennyson , Christina Rossetti und Charles Swinburne , auch in Deutschland und Russland war er sehr populär. Direkte Wirkung hatte sein Werk vor allem auf die Lyrik der Beat-Generation . Der Komponist Ralph Vaughan Williams vertonte 1910 Gedichte von Whitman zu A Sea Symphony.
      Freie Verseund Freie Rhythmen
Bedeutung: Unter dem von Walt Whitman begründeten »free verse« versteht man reimlose und metrisch ungebundene Verse, die in der Länge stark variieren können und sich nur in Ausnahmefällen reimen. In Deutschland wird diese Gedichtform unter »Freie Rhythmen« gefasst, während man als »Freie Verse« gereimte Zeilen ohne metrische und prosodische Regelung bezeichnet, die sich aus dem italienischen Madrigal und dem »vers libre« aus Frankreich herleiten. Der »free verse« wird durch Rhythmisierung, rhetorische Mittel wie Alliteration, Anapher und Parallelismus sowie Enjambements strukturiert. Anwendung: Die Dichtung in freien Rhythmen wird in der deutschen Literatur durch Friedrich Gottlieb -> Klopstock in bewusster
Ablehnung des metrischen Zwanges begründet und findet ihre ersten Höhepunkte beim jungen -> Goethe, Friedrich -> Hölderlin und -> Novalis. Heinrich -> Heine bedient sich in seinen Nordseebildern dieser Form ebenso wie Ludwig —»Tieck in seinen Reisegedichten. 20. Jahrhundert: Ab der Jahrhundertwende spielen freie Rhythmen in der modernen Lyrik eine immer wichtigere Rolle . In der englischsprachigen Literatur findet der »free verse« in der Nachfolge Whitmans Verwendung u.a. bei William Ca rlos Williams , Ezra^Pound, Thomas Stearns -» Eliot und Wystan Hugh -»Auden.
     


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