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Traugott Teutsch - Leben und Biographie



Traugott Teutsch wurde 1829 in Kronstadt als Sohn eines Predigers geboren. Die Erziehung ist streng und autoritär. Ins Jahr 1835 fällt die Wahl des Vaters als Pfarrer der Gemeinde Brenndorf, ins Jahr 1843 hingegen die Pfarrerwahl an die Kirche von Zeiden. 1840 kommt Traugott Teutsch an das Honterusgymnasium in Kronstadt.
      Im Mai 1848 wird die städtische Bürgerwehr und neben ihr eine Freischar gebildet, der auch die Schüler des Obergymnasiums eingegliedert sind. Als Angehöriger dieser Freischar nimmt Teutsch an verschiedenen kriegerischen Ereignissen teil, beginnend vom 20. März 1849 an der Flucht vor der siegreichen Armee des Generals Bern durch das Prahovatal bis nach Bukarest, wo er sich bis Mitte Juli desselben Jahres aufhält. Diese Monate sind der an äußeren Ereignissen reichste und bewegteste Abschnitt seines Lebens.

      Nach seiner Heimkehr verbringt Teutsch zwei Jahre an der Schule, legt 1851 die Reifeprüfung ab und bezieht im selben Herbst die_Universität Tübingen, um nach dem Willen seines Vaters Theologie zu studieren, mit der er sich aber nicht befreunden kann. Der Widerstreit zwischen Brotstudium und Neigung beginnt ihn zu quälen, und das um so mehr, als er sich selbst noch nicht klar ist, was er werden will. Drei Semester verbringt er in Tübingen, begibt sich zu einem vierten Semester nach Berlin und für weitere vier Monate nach Jena, ohne irgendwelche besondere oder nachwirkende Eindrücke zu empfangen. Nach insgesamt zweieinhalb Jahren kehrt er in die Heimat zurück und wird in Wolkendorf Lehrer , da er unvollständiger Studien wegen das vorgeschriebene Theologenexamen nicht ablegen kann und zugleich den Pfarrerberuf scheut. Im ganzen ist es eine Idylle, und sie dauert bis 1855, dann wird er in der Stadt an der Obervorstädter Armenschule angestellt. 1860 wird Teutsch zum Direktor der Mädchenschule ernannt. Nach fünfzehnjähriger Lehrtätigkeit zieht er sich im Jahr 1870 auf einen kleinen Landbesitz vor Kronstadt zurück. Der Rest seines Lebens ist fast ausschließlich schriftstellerischer Arbeit gewidmet, bei mehr oder weniger produktiver Beschaulichkeit, die nur von einigen Reisen unterbrochen wird. 1913 stirbt Traugott Teutsch in Kronstadt.

     
Sein Werk umfaßt u. a. die Romane Die Bürger von Kronstadt , Ein sächsischer Pjarrhof vor hundert Jahren , An der Aluta , Schwarzburg , Georg Hecht , Die Geschütze des Kastaldo . Außerdem schrieb er noch die Selbstbiographie Ein Siebenbürgisches Dichterleben , kleinere Prosa, Gedichte und die Dramen Sachs von Harteneck und Johannes Honterus .
      Was aus Teutschs Prosawerk vorliegt, sind Bruchstücke der sächsischen Geschichte, mehr oder weniger bewegte Szenen, deren Handlung jeweils ein paar Wochen, bestenfalls ein paar Monate, längstens einhalb Jahre in Anspruch nimmt. In der zeitlichen Andeutung ihrer geschichtlichen Daten ergeben sie zwar eine Romanreihe, aber diese Reihe kann nur dann stellvertretend für eine historische Kontinuität angesehen werden, wenn unsere Vorstellungskraft die oft sehr großen Lücken auffüllt. Diese Romanreihe würde dann diese Ordnung haben: Schwariburg , Georg Hecht , Die Geschütze des Kastaldo , Die Bürger von Kronstadt , Ein Pfarrhof vor hundert Jahren , An der Aluta . Da uns aber hier Teutschs schriftstellerische Entwicklung angeht, werden wir im folgenden die Romane nach ihrer Entstehungszeit besprechen.
      Der Roman Die Bürger von Kronstadt behandelt, nach Teutschs eigener Angabe, 'jene mit dem Ãœbergang Siebenbürgens an Österreich eng verknüpfte Katastrophe in der Geschichte Kronstadts, die in dem großen Brande und in der ungerechtfertigten Hinrichtung von fünf bei dem bekannten Aufstande als Führer beteiligten Bürgern gipfelte..." In diese mit dichterischer Freiheit gestalteten Ereignisse ist das persönliche Schicksal der Hauptbeteiligten und ihrer Angehörigen verflochten. Zunächst des Wortführers der Kronstädter Bürger, Steiner , 'der als die Verkörperung, _ gleichsam zu Fleisch und Blut gewordene alte vaterländische Einrichtung erscheint und ganz richtig als das Haupt oder die Seele der Bewegung dargestellt wird"3. Eine zweite wichtige Hauptgestalt ist Steiners Pflegetochter Margaretha. Sie bringt es, fast durch ihr Dasein allein, darüberhinaus um so mehr durch ihre seltsame, sich selbst täuschende Liebe zu einem kaiserlichen Hauptmann fertig, zugleich mehrere Gestalten, so Steiner und den kaiserlichen Hauptmann, auch menschlich-kreatürliche Konturen gewinnen zu lassen, selbst den in seiner Liebe zu ihr enttäuschten Bewerber Girdo. Margaretha stirbt im Augenblick, da ihr Pflegevater enthauptet wird. Wie durch Schlaglichter treten dem tiefer sehenden Auge hier drei
Gestalten als Personifikationen verschiedener Ordnungen entgegen: Steiner, der Vertreter der alten Ordnung, der Hauptmann als Vertreter der neuen Ordnung und Girdo als Repräsentant einer dilatorischen Epoche, wie sie das 19. Jh. war — wenn man will, eine vom Dichter in anachronistischer Weise hineinprojizierte Gestalt. Der Verfasser läßt Girdo als 'sentimentalen, keiner selbständigen wahrhaft politischen Begeisterung und keines thatkräftigen Einschreitens fähigen" Schwächling auftreten. Rothenbächer, dem Vermittler zwischen alter und neuer Ordnung, gelingt es nach abenteuerlicher Flucht mit seiner Frau Katharina, die ihn lange in einem unterirdischen Gang versteckt gehalten hat, zu entkommen, und Katharina erwirkt für ihn beim Kaiser in Wien den Gnadenbrief. Im Mai 1865, am Tag nach dem Erscheinen einer Besprechung dieses Romans von Friedrich Schmidt in der Kronstädter Zeitung, hält Teutsch seine Meinung hierüber fest, in Sätzen, die man als Vorboten einer Reihe von affektgeladenen Äußerungen ansehen kann, wie sie bei dem bisher scheinbar schlechthin kontemplativphlegmatischen 'Gemüthe" Teutschs kaum hätten erwartet werden können. Darin heißt es: 'in dem gestrigen Kronstädter Zeitungsblatt folgt eine Rezension meiner .Bürger etc.' von Pfarrer Schmidt, meinem ehemaligen Schulcollegen. Dieselbe ist kühl und zurückhaltend, auch in ihren Bemängelungen theils ungerechtfertigt, theils nicht richtig begründet. Aber doch kann er nicht umhin, Einiges vortrefflich zu nennen, wie er mir denn auch in seinem Briefe, womit er jene begleitet, sagt: ,ich hätte das Zeugs vom Poeten in mir'." Hält man sich vor Augen, daß Teutsch beim Erscheinen der Bürger von Kronstadt eben erst sein 'Debüt" feierte, daß der Rezensent Schmidt sein 'Schulcollege", also ein Altersgenosse und zudem ohne literarischen Ruf, war, daß die Besprechung zwar weder eine besondere Lobrede noch eine Schmeichelei, aber auch keineswegs ein Verriß ist und daß Teutsch bisher noch keinen Schock erlitten, der ihn aus dem Gleis geworfen hätte, so ist es erklärlich, wenn er es für diesmal mit einer solchen Tagebucheintragung genug sein läßt, ohne, wie er es später tun sollte, eine Fehde zu beginnen. Wenn man die als 'kühl" gerügte Besprechung Schmidts prüft, läßt sich darin keine andere als eine uns objektiv erscheinende Kühle feststellen. Zudem hat Schmidt mit seinen gar nicht allzu zahlreichen Einwänden recht und trifft wohl auch ins Schwarze, nämlich die von Teutsch vielleicht sich selbst verhehlten wunden Punkte. Sie sollen hier teilweise angeführt werden, nicht ohne den Hinweis, daß es mehr Vorzüge sind, die Schmidt hervorhebt. Schmidt hat u. a. auszusetzen: 'Die Darstellung — wenn auch hin und wieder ein Gefühl des Unbefriedigtseins im Leserzurücklassend — ist im Ganzen klar. [...] Nicht gleiche Anerkennung und gleiches Lob können wir dem Dialog zollen, hauptsächlich deswegen, weil demselben die natürliche Flüssigkeit und Lebensfrische fehlt und die Anschauung kleinlicher Verhältnisse hin und wieder zu sehr hervorleuchtet! — Doch ist das ein Mangel, den der Verfasser bis zum Erscheinen des nächsten Bandes ganz beseitigen wird durch gründliches Studium anerkannter Meisterwerke." Eine mittelbare Folge dieser Besprechung dürfte für Teutsch unbewußt gewesen sein, daß er sich den Vorwurf der Zusammenhanglosigkeit zu Herzen genommen hat und diesen 'Mangel" in seinem späteren Schaffen überkompensiert. Damit dürfte aber Schmidt als Sohn seiner Zeit des Guten zuviel gefordert haben, denn im Grunde genügen die Andeutungen, deren Knappheit die Besprechung beanstandet. Die Bürger von Kronstadt ist kein psychologischer Roman und will keiner sein. Eine gewisse Zügigkeit schadet am allerwenigsten, und die Vorstellungskraft des Lesers will auch aufgerufen sein und nicht eingeengt werden. Das weiß man heute. Schmidt scheint es nicht gewußt und Teutsch mag es daraufhin vergessen haben.
      In den Siebenbürgischen Blättern erschien in einer Folge von siebenundsechzig Fortsetzungen der zweite von Teutschs 'kleinen" Romanen, Ein sächsischer Pfarrhof vor hundert Jahren. Eine Buchausgabe kam nie zustande, nicht einmal einen 'Sonderabdruck" beanspruchte Teutsch, was ihm später selbst 'unbegreiflich" erschien. Auch wenn der Verfasser nicht selbst darauf hingewiesen hätte, wäre es für Kenner der Landschaft und der Lebensumstände deutlich, daß der dargestellte Pfarrhof in Zeiden stehe, daß es sich bei dem gezeichneten 'ebenso lebhaften als heiteren Verkehr" mit einigen benachbarten Pfarrhöfen um 'Traditionen aus früherer Zeit" 6, summa summarum um mehr oder weniger autobiographische Elemente handelt, die durch eine Fabel zusammengefaßt werden.
      In die Gesellschaft von drei Pfarrerfamilien, die sich zu solchem 'Verkehr" zusammenfinden, werden als neue Mitglieder zwei junge Männer aufgenommen, durch die ein unruhiger Geist mitgebracht wird. Der eine ist Junker Paul, der eben von dreijährigem Theologiestudium aus dem Ausland zurückgekehrte Pflegesohn, Nathanaels, des Gastgebers auf dem Pfarrhof, der als der Mittelpunkt des Geschehens anzusehen ist. Der zweite Gast, dessen Name erst spät genannt wird, ein verkappter Jesuit, gibt sich als Seminarlehrer und Pädagoge aus, der seine Stelle verloren habe und durch die Welt ziehe. Nach Siebenbürgen sei er gekommen, um hier das
Geistesleben kennenzulernen. Obwohl er äußerlich sehr höflich, demütig, weitgereist, gelehrt und erfahren ist, begegnet er nur Gefühlen der Antipathie, außer bei Nathanael selbst und bei Therese, der schwärmerischen, sentimental veranlagten jungen Frau des Pfarrers Georg, die sich in diesem Kreis wie überall unverstanden wähnt. Dies ist der Rahmen, in dem sich etwas wie eine Handlung um die Gestalt Pauls abspielt und eine Intrige, die zur Entlarvung des Pädagogen als 'Bruder Antonius" führt, eines Jesuiten, der sich eingeschlichen hat, um im Auftrag seines Ordens in dem protestantischen Marktflecken gegenreformatorische Umtriebe zu versuchen und Druckschriften zu verteilen. Der Pfarrer Nathanael bereut schließlich, dem Pädagogen sein Vertrauen geschenkt zu haben. Paul findet eine Informatoren-Stelle in der Stadt und zu einem geordneten Leben.
      Nach den ersten Tagebucheintragungen vom 16. Januar 1864 über den Beginn einer neuen Arbeit und nach insgesamt sieben knappen späteren Bemerkungen aus den Jahren 1864—66 versiegen sämtliche Angaben über dieses neue Werk, das Tagebuch selbst verstummt bis 1882, und auch in Briefen kommt Teutsch nicht wieder darauf zurück. Erst 1902 findet sich in der Selbstbiographie der Hinweis, der auch die Gattungsbestimmung 'Roman" enthält. Ãœber den Verlauf der Arbeit, über irgendwelche besondere Schwierigkeiten ist nichts bekannt, außer daß die Niederschrift sehr langsam voranging und zwei Jahre nach dem ersten Federstrich das Manuskript noch nicht abgeschlossen war. Im Februar 1866 berichtet Teutsch: 'Verflossene Woche etwas intensiver am .Pfarrhof."
Hingegen lassen sich einige Feststellungen zur Haltung machen, die Teutsch seinen Arbeiten gegenüber eingenommen hat, und auch zu seiner Auffassung und Relativierung mancher Erfahrungen, die sich im Lauf der Zeit für ihn zu ganzen Komplexen auswachsen. Zu dem Anliegen seines Pfarrhof'-Romans bemerkt er in seiner Selbstbiographie: 'Zur Gestaltung kam dabei nur allein die gesellschaftliche Seite jenes Lebens. Scharfe Charakterzeichnung in ausgeprägten Originalfiguren und lebendige, folgerichtig durchgeführte Handlung sind die Vorzüge, übermäßig ausgedehnte beschauliche Breite und Kleinmalerei, sowie vielfältige stilistische und sprachliche Nachlässigkeit die Schwäche dieses Romans, auch wimmelt er von Fremdwörtern, die allerdings zur Sprechweise der gebildeten Gesellschaft von anno 1750 mit hinzu gehören..." 7 Trotz des ruhigen Tons, in dem an dieser Stelle der Selbstbiographie die 'Vorzüge" und 'Schwächen", anscheinend objektiv und bescheiden, verzeichnet werden, darf man weder die Objektivität noch die Bescheidenheit allzu wörtlich nehmen. Briefeund Tagebücher aus dieser Zeit, die sich mit der Aussage der Selbstbiographie vergleichen ließen, liegen nicht vor. Wo ein solcher Vergleich aber möglich ist, kann man feststellen, daß Teutsch vieles zur gegebenen Zeit teils verdrängt, teils überkompensiert hat, wie sehr sich der Bericht in der Selbstbiographie von den anderen Zeugnissen unterscheidet, was er verschweigt, beschönigt oder sogar ins Gegenteil verkehrt. So ist auch jene spätere Stelle der Selbstbiographie, an der Teutsch zum zweitenmal auf seinen Pfarrhof-Roman zu sprechen kommt, zu relativieren: '...der gesellige Verkehr mit den Pfarrhäusern der Nachbargemeinden Neustadt, Rosenau, Weidenbach und Wolkendorf war auf jener Höhe der Bewegung geblieben, wie ich sie im Hinblick auf meinen ,Pfarrhof vor 100 Jahren' angedeutet habe. In Neustadt saß der joviale Christof Bömches, und in Wolkendorf [...] mein Schwager Friedrich Paul. Welch ein Geist stimmungsvoller Heiterkeit in diesem Kreise waltete, bekundet in dem genannten Roman die Schlußszene: sie war Wirklichkeit, ich habe sie mit erlebt."
Nun sind also die Menschen dieses Romans zwar identifizierbar, wenn auch Zeit und Ort ihres Auftretens, ja selbst die Namen vertauscht sind. Aber wenn schon in der Selbstbiographie verschiedene Rücksichten der Wahrheit das Konzept verschieben, um wieviel mehr geschieht das mit dem Stoff einer allem zum Trotz 'idealistisch" konzipierten Dichtung. Das eingestandene vordringliche Anliegen war ja, ein kulturhistorisches Bild jener Welt zu zeichnen, und die Gestalten und das Geschehen sind nur der Vorwand dazu. Also müssen auch die 'Vorzüge", die 'scharfe Charakterzeichnung", die 'ausgeprägten Originalfiguren" in Kenntnis dieser Voraussetzung mit Abstand betrachtet werden.
      Festzuhalten ist, daß in diesem Roman wie auch in der Aluta, die als dritter Versuch entsteht, der Handlung kein historisches Ereignis zugrundeliegt. Die Fabel ist also Eigentum des Verfassers. Zwar wird Belehrung angestrebt, aber nicht durch breite historisch-politische Polemik, sondern durch das Geschehen selbst, durch das falsche oder richtige Verhalten der handelnden Personen. Auch wird die Fabel nicht forciert durch den immerfort anwesenden und hineinredenden Verfasser selbst, was Franz Herfurth erst an dem Roman Die Geschütze des Kastaldo beanstanden wird.
      Je anspruchsloser diese Fabel und je simpler die eigentliche Intrige angelegt sind, um so mehr Raum ist für das angestrebte 'Kulturbild" gegeben. Die Absicht ist nicht nur eingestanden, sie wird auch augenfällig aus der Gestaltung selbst. Landschaft, Ortschaft, Straßen, Häuser, Interieur, Milieu, Gespräche darüber und die Themen dieser Gespräche sind, außer den Cha-rakteren, Gegenstände der Beobachtung. Ebenso die Sprache, die diese Menschen sprechen und die ein Charakteristikum nicht nur Einzelner, sondern auch der Epoche ist — vielmehr nach Teutsch sein soll. Bei Gebildeten oder Studierten mag das noch hingehen. Auch da wirkt es oft gestelzt, bei Frauen geziert. Mühelos läßt sich dieses Deutsch auf seine verschiedenen Einflüsse zurückführen; die deutsche Aufklärung und Empfindsamkeit ist da, auch wenn ihre Dichter nicht beim Namen genannt werden. Aber ob sie 1750 schon auf dem Zeidner Pfarrhof waren? Das Volksfest auf der Kroner Wiese mit seinen Bräuchen, Spielen und Volksliedern und am Abend unmittelbar darauf die Geßnersche Idylle auf dem Pfarrhof stechen an diesem Ort genau so voneinander ab wie 'das Walten des Gottes Amor", der 'sich neuerdings mächtig erwiesen", von dem bodenständigen 'gewichsten Tschismen-paar" und 'etwelchem Gedudel" nachher.
      Trotz der gerügten Kleinmalerei will uns scheinen, als ob sich das 'Kultur"-Bild im ganzen runde und als ob es in fast allen Zügen mehr Leben habe als manche künstlicher wirkenden Gestalten späterer Werke mit ihren Konstruktionen, die als Kunstwerke höchstes Lob erfuhren, während der Pfarrhof vor hundert Jahren so gut wie totgeschwiegen wurde. Freilich wirkt er seines betont schöngeisternden Gehabes wegen im Burzenland wie ein Fremdkörper.
      Einen ersten Höhepunkt in Traugott Teutschs Schaffen bedeutet sein Roman Schwarzburg. Ein Einblick in seine Tagebuchaufzeichnungen und in die Briefe Michael Alberts an Teutsch zeigt, daß es zu Konfrontationen von Äußerungen beider kam, wonach sich die 'Idee" des Dichters und die Rezeption durch die Kritik Alberts nicht nur voneinander abheben, sondern auch die Möglichkeit gegeben ist, Idee und Haltung des Autors selbst zur Kenntnis zu nehmen. Wichtig ist das Gefühl der Verantwortung für die siebenbürgisch-deutsche Dichtung und ihre eigenständige Geltung, mit dem beide Dichter sich zu ihren Äußerungen gedrängt sehen. Im folgenden wurden die persönlichen Ressentiments, denen die Auseinandersetzung der Freunde nicht entging, von der sachlichen Meinung nach Möglichkeit gesondert und wurde nicht weiter auf die zeitweilige Gefahr einer Trübung im Verhältnis der Freunde eingegangen, selbst wenn sie im Rahmen einer Gesamtdarstellung von Traugott Teutschs Schaffen nicht ganz ohne Belang war.
      Karl Kurt Klein faßt das Thema des Romans Schwarzburg in einem einzigen, leider auch etwas mißverständlichen Satz wie folgt zusammen: 'Die Schwarzburg ist das Hohelied des Gräfentums,jenes mittelalterlichen sächsischen Adels, der voll trotzigen Vertrauens auf seine Kraft dem König die Stirn zu bieten wagte." 9 Damit ist weder über das Geschehen selbst etwas gesagt, noch dürfte der Ausdruck 'Hohelied" die richtige Vorstellung dessen wecken, was wirklich geschieht. Es ist doch nötig, mehr und Näheres mitzuteilen, wenn man ein Bild geben will, das den Dingen und dem Dichter selbst auch nur einigermaßen gerecht wird. Immerhin haben wir ein Werk vor uns, 'mit dem Teutsch eine noch nicht erreichte Höhe erstieg und das in der Geschichte unserer heimischen Dichtung geradezu einen Einschnitt bedeutet"10. Zumindest hätte diese Behauptung irgendeine Stellungnahme gefordert. Schon Michael Albert hatte erkannt, daß wir es in diesem Roman mit einem 'Hauptnerv" und seinen 'Verzweigungen" zu tun haben, die so sehr in die Haupthandlung eingreifen, daß sie sie fast überwuchern. 'Hauptnerv" ist nach Albert die Auseinandersetzung des Grafen Salomon von der Schwarzburg auf dem Zeidner Berg mit dem Prior der Kerzer Abtei Heinrich: Nach dem Abzug der Kreuzritter aus dem Burzenland möchte Salomon die deutschen Ansiedler von Ungarn abtrennen und ein unabhängiges Fürstentum unter der Führung der Grafen gründen, an deren Spitze er sich selber sieht. Der Prior Heinrich betrachtet das als Undankbarkeit, als Treubruch gegenüber dem König und als Voraussetzung für eine künftige Adelstyrannei der Grafen. Heinrich begibt sich zu Verhandlungen auf die Schwarzburg und wird dort von Salomon gefangengesetzt, damit er die umstürzlerischen Pläne nicht durchkreuze. Durch Salomons Tochter Mechthilda und ihren Vetter Johannes befreit, veranlaßt der Prior die königstreuen Führer der Sachsen, die Schwarzburg mit dem ganzen Aufgebot zu belagern, ehe die Partei der Grafen zum Schlag ausholen kann. Salomon wird gefangen und verbringt das Ende seines Lebens bei Kronstadt, am waldigen Fuß des Salomonsfelsens, der nach ihm benannt ist. — Die 'Verzweigungen" ergeben sich aus dem Konflikt der Gräfen-söhne, der Brüder Johannes und Jakob Magnus, den beiden Neffen Salomons, die um seine Tochter Mechthilda werben, Johannes, ein Klosterschüler Heinrichs, eine feine, geistig veranlagte Gestalt, der Sache des Priors ergeben, Jakob sein Widerpart in allem, kräftig, jährzornig, die Stütze seines Onkels und seiner Sache. Die einander widersprechenden Absichten führen die Zerwürfnisse herbei, ohne die ein solches Geschehen nicht erzählenswert wäre, einen Konflikt, den schon M. Albert in seiner Rezension als 'nicht neu in seiner Art" ansieht, der 'aber nach der seelischen Seite und in Bezug auf die spannenden Momente der äußeren Handlung vom Verfasser reich ausgenützt wird".

     
Für Albert liegt der 'ästhetische Grundgedanke" dieses Romans darin, daß das Große, das Individuelle im 'Thatendrang" Salomons, der nach 'Geltung und Dauer, nach Selbständigkeit und Freiheit" strebt, zum Untergang verurteilt ist, denn 'das Volk ist für die Wucht solchen Beginnens zu klein, zu schwach; die Nüchternheit, die Klugheit, das gemeine Wohl treten in ihr Recht, machen sich geltend, und die hoch ausgreifende Thatkraft bricht zusammen und scheitert an der gemeinen Wirklichkeit. Sie endigt tragisch für unser Gefühl, weil unsere Theilnahme der Thatkraft, dem Freiheitsdrange gilt, gleichwohl aber versöhnend, weil wir das siegende Prinzip anerkennen müssen. So stellt sich die Sache, wenn man das Gräfenthum nicht als Vertreter selbstsüchtiger unsittlicher Adelsmacht gegenüber dem Volkswohle auffaßt — Salomon will Größeres, und in ihm erblicken wir ein psychologisch tiefes Moment unserer Sachsengeschichte". Also doch ein 'Hohelied" auf das Gräfentum, das wir nach den Worten des Priors 'eigentlich gar nicht mehr recht zum Volk zählen mögen"?

   Gegenüber dieser Deutung faßt Teutsch seine Ansicht von der Grundidee am Rande seines Tageblatt-Exemplares mit der Albert-schen Besprechung in die Worte zusammen: 'Die Grundidee liegt nicht in der Verherrlichung der Königstreue, sondern vielmehr im tragischen Konflikt zwischen dem Drang und Trieb der gesicherten nationalen Selbsterhaltung und den diesem Drang feindlich entgegentretenden Mächten . Dieser Drang macht sich selbst im Gegner Salomons, im Prior geltend, und bricht stellenweise in diesem hervor: er beklagt es ja selbst, daß er gegen Salomons Ansinnen kämpfen muß! Das aber ist die Tragödie des sächsischen Volkes — die Tragödie: von Anbeginn in der Brust die Sehnsucht nach gesicherter Existenz zu tragen, und doch zum ewigen neuen Ringen um diese Existenz verurteilt zu sein!" 13 Es ist ersichtlich, daß diese Konzeption unter dem Eindruck der Jahre seit 1867 steht, als solche von Haus aus die »sächsische Tragödie" mit einbezog und durchaus nicht als ein Hohelied ausschließlich auf das Gräfentum gedacht sein konnte.
      Oberflächlich betrachtet, besteht der Unterschied in den Auffassungen Teutschs und Alberts scheinbar nur aus leisen Abtönungen. Denn in beiden Fällen steht die Gefahr des Untergangs für das Volksganze im Hintergrund. Kampf um 'Dauer und Geltung, Selbständigkeit und Freiheit", dessen symbolischer Vertreter nach Albert Salomon ist — und Ringen um die 'gesicherte Existenz eines Volkes" nach Teutschs Formulierung: das ist beide Male dasselbe mit andern Worten. Allerdings unter dem sehr wichtigenund unabdingbaren Vorbehalt für Teutsch, daß auch der Prior in die Tragödie mit eingeschlossen ist, daß er also nicht ein Gegner nach der Schablone Schwarz-Weiß sei, sondern daß der Widerstreit auch in ihm selbst ausgetragen wird. Das heißt aber implizite: Jede der Hauptgestalten ist mit hineinverwickelt, und das augenfälligste Symbol dafür ist die Gestalt Mechthildas. In ihren beiden Bewerbern sind die zwei einander bekämpfenden Mächte als Brüder personifiziert. 'Wie in der Haupthandlung", sagt Adolf Schul-lerus — aber im Grunde ist dieses Nebengeschehen sogar eine Spiegelung der Haupthandlung selbst —, 'so kann auch hier der Konflikt nicht friedlich gelöst werden. Dem Ringen zwischen Gräfentum und Bürgertum entspricht der schaurige Zweikampf der beiden Brüder am Rande des todestiefen Abgrundes. Die Entscheidung heißt — entsagen."

   Im übrigen ist für einen Leser von Teutschs Tagebuch seit der Eintragung vom 8. Oktober 1882, in der Teutsch u.a. auf Alberts Besprechung eingeht, der Beweggrund dieser aufschlußreichen Tüfteleien schon klar: '...daß nicht die Rezension als solche, sondern die Einleitung zu dieser Rezension den Gegenstand der nachstehenden Erörterung bildet. [...] Man stellt an die Spitze der Rezension die paar einfachen Sätze: Unsere heimische Dichtung kann nimmermehr mit der Dichtung Deutschlands konkurrieren. Im Bücherschranke versteckt man des Dichters Werk in die dunkelste Ecke; nur verschämt spricht man von ihm und ist froh, wenn er rasch vergessen ist. Hat man die Entschlossenheit, ihn der deutschen Kritik vorzuführen, so kommt, was kommen muß: .Unter dem Maße; zu jung, zu schwach für den Dienst Apollos'! heißt die Meinung. Und das Urteil ist gerecht. [...] ,Weh euch, heimische Musen!' Man braucht, wie gesagt, nur diese Albert'schen Sätze an die Spitze der Besprechung zu stellen, und alles, was man dann nachträglich zur Anerkennung des betreffenden Dichtwerkes sagt, ist von vornherein durch die obigen Sätze wieder aufgehoben. Denn immer und immer wieder klingt's wie ein böser Refrain im Ohre des Lesers: Zu jung, zu schwach — es ist nichts mit der heimischen Dichtung!"

   Wägt man aber alles Für und Wider in den in- und ausländischen Besprechungen wie auch im Briefwechsel zwischen Teutsch und seinen Zeitgenossen ab: Es bleibt im Urteil der Mitwelt die Anerkennung für den 'großen Wurf", das Einmalige der Leistung hier und für seine Zeit, das Bewußtsein dessen, daß Teutsch auf dieser Entwicklungsstufe das Beste gegeben hat, es bleibt die Anerkennung für seine Gestaltungskraft, für den großen Atem, die Farbigkeit seiner 'individuell schattierten" Gestalten, der Land-schaften, des Zeit- und Kulturbildes, für die Dramatik in Handlung und Bau, für die Massenszenen im Rahmen der jeweiligen historischen Zeit, für die kraftvolle Sprache und vor allem für sein Ethos . Das summiert sich insgesamt und geht mit der Albertschen Prägung als 'ausgesprochenes Erzählertalent" ins Bewußtsein der Leser ein, ja es wird von Egon Hajek ergänzt, der dem frühen Werk Teutschs schon 'eindringende psychologische Beobachtung" zugestand. Eingedenk des Ãœmstands, daß sonst kaum Vergleichbares da ist und auch, wenn man davon absieht, daß Teutsch selbst mit einem so umfangreichen Werk allein dastand, sind das wirkliche Vorzüge, wie kritisch man sie heute auch abwerten mag.
      Die Einwände seiner Zeitgenossen richten sich gegen Breite, Langatmigkeit , mangelndes 'poetisches Feuer" in den Reden und 'ermüdende Liebesgespräche" 17, eine gewisse 'Mittelmäßigkeit" als 'Basis" für die 'individuellen Schattierungen" seiner 'Typen", 'häufige Dürftigkeit der Fabel" 18. Vor allem aber ist es die Breite, die noch Meschen-dörfer beanstandet — und es 'juckt" ihn 1909 in den Fingern, die Schwarzburg, diesen wuchtigen 'Erzblock unserer sächsischen Literatur", tüchtig zusammenzustreichen. Im übrigen sind das alles Einwände, die sich nachlesen lassen. Ãœber die nicht nachlesbaren, die Teutsch 'hineingelesen" hat, ist es müßig zu sprechen.
      Aber kein einziger Rezensent geht auf diese Einwände, etwa auf die Ursachen dieser 'Breite" ein, keiner greift etwa auf die Schmidtsche Besprechung der Bürger von Kronstadt aus dem Jahr 1865 zurück, keiner vergleicht die Schwarzburg mit den bisherigen kleinen Romanen Teutschs, deren Mängel, deren ungenügende 'Motivierung" er vielleicht wettmachen wollte. Keiner geht auf den Stil als solchen ein, außer daß etwa ganz obenhin 'die Sprache" gerühmt wird. Auch die Albertsche Besprechung bleibt in der ganz allgemeinen Bemerkung stecken: 'Der Stil ist warm durchhaucht, oft dichterisch schimmernd und glühend, anfangs mit mancherlei freytagschen Wendungen. Daß hie und da ein Ausdruck mißglückt, manches Gesuchte und Erkünstelte in der Sprache sich vordrängt, mag man dem Verfasser am Ende hingehen lassen; die deutsche Literatur der Gegenwart leistet in der Formspielerei, im Absetzen der Sprache so Erkleckliches, daß wir uns darüber bei unserem Dichter nicht so sehr zu ereifern brauchen." Kein einziges Beispiel, kein einziger Beleg. — Kein einziger Rezensent vermißt den Humor. Keineruntersucht oder stellt fest, ob oder daß und worin es eine Entwicklung gibt. Albert allein spricht von einer Entwicklung, ohne sie im Grunde nachzuweisen, was eben den Vergleich mit dem bisherigen Werk voraussetzen würde. Richard Csaki erwähnt dann im Vorbericht, daß sich, nach E. Hajeks Feststellung, an den 'Jugendwerken die Eigenschaften auch des weiteren künstlerischen Schaffens Teutschs grundlegend nachweisen" lassen. Das hieße aber mit anderen Worten: Von Anfang an ist der ganze Teutsch in seinem Werk da — und irgendwie ist das richtig; zu Ende argumentiert aber würde das nur heißen, daß es in diesem Werk überhaupt keine Entwicklung gibt — und das stimmt wiederum auch nicht.
      Also muß es doch etwas Stärkeres, Bedeutenderes, Hinreißenderes, zumindest etwas schlechthin Neues geben. Wo steckt es, und wie ist es beschaffen? Michael Albert gibt eine Umschreibung davon: Ãœberblickt man die Schwarzhurg, so muß man sagen, daß das Werk sich 'weit erhebt über freundschaftliches Geltenlassen und Lobesgehudel; es fordert die ernste Meinung, es fordert Beifall und Widerspruch heraus, eben weil es von tieferer Wirkung ist und kraftvoll genug dasteht, selbst ein noch so strenges Ur-theil zu vertragen; darum auch erachte ich die .Schwarzburg'' als eine bedeutsame Entwicklungsphase unserer heimischen novellistischen Literatur; wir sind doch allmählich da angekommen, wo das Platte, Schlendernde, das gemüthliche Erzeugniß einiger Mußestunden, keinen Raum mehr hat. [...] Ãœberhaupt zeigt die .Schwarzburg' eine Wendung des Verfassers zu realistisch-kräftiger Zeichnung. [...] In alle Ewigkeit liegt das Schöne nur im Einfachen". Man sieht: zu einem Zug um Zug durchgeführten Vergleich kommt es nicht, weder zu einem Vergleich des Teutschischen Werks mit irgendeinem andern Werk seiner Zeitgenossen — denn es gibt kaum ein zweites vergleichbares Romanwerk hierzulande —, noch auch der Teutschischen Romane untereinander. Man nimmt schlechthin das ernste Anliegen und den vollen Einsatz der Personen, den Grad der Entschlossenheit für eine 'Entwicklungsphase": die durch das ganze Buch hin bewiesene Entschlossenheit nämlich, einmal alle Kraft zusammengerafft zu haben, um die unabdingbare Haltung darzulegen, ein Werk von großem Ausmaß zu schaffen, in dem damit Ernst gemacht wird.
      Wenn wir also nun vergleichen, so ergibt sich zunächst, daß im ersten Roman, in den Bürgern von Kronstadt mit den chronikalischen Ereignissen, wenn sie auch mehr oder weniger frei gestaltet waren, Stoff und Handlung gegeben waren und ihren eigenen Atem sowohl mitbrachten als auch bewahrten. Anders im Roman Ein

Pfarrhof vor hundert Jahren, der am meisten unter dem Mangel an zügiger Handlung leidet: das führte zur Notwendigkeit, aufzufüllen, ohne daß der epische Atem stark genug gewesen wäre, dem aufgeschwemmten Stoff Dichte zu geben. Der Roman An der Aluta hält sich in Grenzen, sowohl in der Länge wie in den Leidenschaften, die Handlung wäre stark genug, wenn der eigenen Erfindung auch eigene wirkliche psychologische Beobachtung und Erfahrung zugrundelägen und künstlerisch wahr gestaltet wären. So scheint er ein Kompromiß zwischen volksgebundener Kon-venienz und aufklärerisch fortschrittlicher Toleranz.
      Anders liegen die Dinge, sobald im Roman Schwarzhurg mit selbstgesteckten Dimensionen auch Handlung, Gestalten und Proportionen erfunden, beseelt, überzeugend in Bewegung gesetzt und gehalten werden müssen. Diese durchgehende starke Handlung ist da. Wenn sie auch der Geschichte entnommen ist, so doch nicht als 'belebte" Chronik und nicht mit dem Anspruch, auf angenehme Art Geschichte zu lehren. Auch nicht allein, um zu unterhalten, selbst wenn darin und in Briefen wie in Besprechungen von 'Genießen" und 'Erbauen" die Rede ist. Daß der Roman 'nicht losgelöst vom nationalen Boden" und nicht nach 'fremden Mustern von zweifelhaftem Wert" konzipiert war, galt als 'ein Vorzug." Man argumentierte23: Wenn unseren früheren literarischen Arbeiten 'bleibender Kunstwert versagt" war, ist den unsrigen mit der Hinwendung zu 'neuen, schwersten", den 'unerhörten Aufgaben" — vorausgesetzt, daß die Dichtung sie für unser Gefühl befriedigend gelöst habe — ihr bleibender Wert gesichert. Daran kann man sich aufrichten, und man tut es. Weil man sich aufrichten kann, hat sie ihre Aufgabe erfüllt, muß also als Stütze verläßlich, also stark, ein bleibender Wert sein. Das ist ein Zirkelschluß, an dessen Richtigkeit man glaubt, ohne daß er etwas beweist.
      Im Grunde aber haben alle zeitgenössischen Rezensenten die schöpferische Kraft übersehen, die diesen Roman sozusagen aus dem Nichts ins 'desertum" hinstellt. Dies Faktum allein ist schon ein Neues. Der erste 'große" Roman seit Marlin — aber wer wußte noch davon? —, seinen Ausmaßen und seinem Anliegen nach. Eine Zusammenfassung aber auch des Teutschischen Anliegens, das sich bisher zerteilt und in drei Vorstufen geäußert hatte.
      In den Bürgern von Kronstadt hatte sich 1865 das historischsozialpolitische Bewußtsein als Anliegen zum Wort gemeldet. Kurz danach kommt im Pfarrhof vor hundert Jahren das kulturhistorisch-sittliche, das im Grunde konservative Anliegen zu Wort, zugleich das zweite Thema eines Dichters, der schon beim ersten
Wurf Volksmassen in Bewegung gesetzt hatte und sich nun den 'Interieurs" quasi als Studienobjekt zuwendet — Interieurs auch im Sinne psychologischer 'Idyllen". Beide Romane entstanden aber noch vor 1867. Während des Jahrzehnts, das noch vergeht, ehe die erste Fassung des Romans An der Aluta entsteht, rückt die Frage des national-ethnischen Fortbestandes in den Vordergrund des allgemeinen, insbesondere auch des schöpferischen Bewußtseins von Traugott Teutsch. Daß er sie für sich selbst nicht befriedigend gelöst glaubt, geht daraus hervor, daß er die Aluta in den ersten neunziger Jahren in eine zweite Fassung umgießt. Die erste Aluta-Fassung darf also auch als Vorstufe des großen Wurfs, der Schwarzburg, angesehen werden. LJnd was lag näher, als daß der nunmehr fünfzigjährige Dichter die einzelnen Posten seiner eigenen Rechnung mit dem Absolutismus wie auch die der zertrümmerten 'Uni-versitas" aufstellen und durch Addition die Summe ziehen wollte. Eine Zwischenbilanz also mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Was diese anlangt, war man nicht anspruchsvoll, und die alten waren gut genug. Man darf nicht aus dem Auge verlieren, daß auch in der binnendeutschen Literatur der Naturalismus noch nicht das Neuste war, daß er eben erst proklamiert und programmiert wurde. Als große Vorbilder galten Felix Dahn und Gustav Freytag, es war schon viel, daß Teutsch mit Lienhard und Bleibtreu persönlich bekannt war, aber um selbst noch auf den Naturalismus zu schwören, war es nun für den erfolgreichen Dichter zu spät. Und: Wer hierzulande verlangte Modernität von ihm? Unsre Kritik glaubte wirklich, nun 'große" Dichtung zu haben, man sprach auch später noch längere Zeit in der Literaturgeschichte von der 'Blütezeit". Der Roman von Teutsch war das 'Neue" schlechthin, und daß er 'Bein von unserm Bein, Geist von unserm Geist" 2i war —: genau das war der Fall.
      Ãœber die Entstehung des Romans An der Aluta 25 wissen wir nichts: weder woher der Einfall stammt, noch wann der Beginn der Arbeit anzusetzen ist. Die Selbstbiographie erwähnt zunächst nur den Erstdruck im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt aus dem Jahr 1877 und kommt in dem Kapitel 'Eine Tragödie in Berlin" zwar darauf zurück, doch nur, um von dem Schicksal einer späteren Fassung ausführlich zu sprechen. Teutsch berichtet von der Reise, die er 1895 unternahm, um in Berlin der Zeitschrift Daheim den Roman in der umgearbeiteten zweiten Fassung zum Vorabdruck anzubieten 26; durch die Absage sei er so enttäuscht gewesen, daß er das Manuskript in Leipzig verbrannt habe.

     

Nun würde es erstens interessieren, zu erfahren, was Teutsch im besonderen veranlaßt hat, dem Roman diese zweite, die Berliner Fassung, zu geben. Seine Hinweise sind zu allgemein. Zweitens würde es interessieren, worin sich diese Berliner Fassung von der ersten, der Tageblatt-Fassung unterschied — abgesehen von der aus der Selbstbiographie belegbaren Abweichung, daß Wolfgang, eine der Hauptgestalten, sich dem Willen seines Vaters beugt und nicht Ilona, die Tochter eines unitarischen Pastors, sondern Irmgard heiratet, die Pflegetochter des Brenndorfer Pfarrers: dieses Interesse wäre aber nicht Neugier schlechthin, sondern eine legitime Unruhe darüber, ob wir mit dieser Fassung nicht wirklich 'den Dritten der großen Romane" 28, den, neben Schwarzburg und Georg Hecht, 'vollkommenen" verloren haben. Schließlich wäre zu erfahren, ob die Berliner Fassung wirklich 'nur" die zweite war. Aus nachgelassenen, unvollständig erhaltenen Entwürfen geht nämlich hervor, daß es noch mindestens zwei Fassungen gegeben hat. Es wäre so nicht ausgeschlossen, daß die Berliner Fassung tatsächlich erst die vierte, wenn nicht gar die fünfte war.
Teutsch faßte seine Erzählung als 'ethnographischen" Roman auf, in dem ungarisches und sächsisches Volksleben gestaltet werden: 'Nirgends treten die beiden Elemente einander so deutlich und so unmittelbar gegenüber, als hier auf dieser Linie von 4—5 Meilen am Altfluß: — in Masse und in handelnden Einzelpersonen. Der sächsische Pfarrerssohn in Marienburg und die madj. Pfarrerstochter drüben in Komlosch — der sächs. u. der madj. Pfarrer — der madj. Edelmann — die sächs. Bauern-Burg und der madj. Edelhof — Marienburg und Brenndorf..." Aufschlußreich ist dabei, wie der Verfasser das Problem der Mischehe in den zu verschiedenen Zeiten entstandenen Fassungen behandelt. Deutlich ist und bleibt, darin stimmen alle Anzeichen überein, daß anfangs eine Ehe Wolfgangs mit Ilona im Sinn einer nationalen Verbrüderung für richtig gelten konnte — unter der Voraussetzung freilich, daß Ilona selbst und ihre Kinder Deutsch lernen. Nach dem Georg Hecht, nach der ungarischen Schulgesetzgebung, nach den immer deutlicheren Magyarisierungsbestrebungen der Budapester Regierung verhärteten sich die Fronten so, daß die erste Fassung im nationalen Existenzkampf mit dem sächsischen Gewissen offenbar nicht mehr vereinbar war. Es macht nicht den Eindruck, als ob Teutsch künstlerische Gründe davon abgehalten hatten, ein Happy-End zuzulassen. Die Frage, ob das Faktum, daß ein Sachse eine Ungarin heirate, für die Kunst belangvoll sei, dürfte für ihn kaum von Bedeutung gewesen sein. Die Frage nach dem Wie und Warum steht auf einem andern Blatt, wird aber auch nicht überzeugend beantwortet. Er-stens hat Wolfgang nämlich auch in der Druckfassung, trotz seines anfänglichen Versprechens, daß er gegen alle Hindernisse Ilona 'heimführen" werde, kaum um sie gekämpft. Außer passiver Auflehnung, außer dem Verlassen des Vaterhauses setzt er kaum einen Willen ein, geschweige einen so starken, der die Schranken niederreißt. Ein Unwetter bringt ihn und Ilona in Gefahr, und beide werden von andern gerettet, sein Vater wird aber durch Ilonas Liebreiz gewonnen, nicht durch Wolfgangs Gründe. Das ist an sich keine Lösung des Problems. Zweitens streben auch die letzten Entwürfe und Fassungen nur einen politisch-tendenziösen Schluß an, nicht eine psychologisch oder künstlerisch begründete Lösung, geschweige eine lebendig gestaltete — nur eine enunziative, durchaus keine dichterische. Dazu ist auch die Zeit, die Wolfgang in 'Wolkenheim" verbringt, viel zu kurz bemessen, um eine andere als rein opportunistische Wandlung herbeizuführen.
      Dieses Fazit ist zu bedauern. Denn alle erhaltenen Roman-Anf'dnge sind von einer zügigen Kraft getragen, die selbst bei Teutsch selten ist und unsere Aufmerksamkeit weckt. Im Problem selbst steckt genügend Zündstoff, und Carl Wolffs brieflich geäußerte Meinung ist bis zur gezogenen Grenze gerechtfertigt: es 'knistert", gibt Funken, 'ohne Brandstiftung an der Ästhetik". Auch wenn wir dies Lob wegen des künstlerisch nicht überzeugenden Schlusses zurücknehmen, beweist das 'dramatische Element", 'daß nur Leben lebendig wirken kann". Leider fällt eben dieses Leben dann dem allzu betonten Sachsentum jener Zeit zum Opfer, und zwar in jeder Fassung im extremsten Sinn. Das beweist — was bis 1900 kaum einer merkte —, daß es doch nicht genügte, ein guter Sachse zu sein, um dichterisch zu überzeugen. Von den insgesamt dreihundert Bücherlesern in Siebenbürgen, die es nach C. Wolff gab 31, lehnte ihn keiner ab, als die Aluta in Fortsetzungen erschien. Dem einen, Johann Leonhardt, der sich erst 1884 brieflich meldete 32, verschloß Teutsch sich immer mehr, je mehr ihm alle andern recht zu geben schienen und je älter er selbst wurde.
      Zwar wissen wir .genau, daß wir es hier mit lauter Trümmern zu tun haben , mit einem Torso, der auch in seinen Ansätzen zu einer großen bleibenden Gebärde so aussieht, wie wir es um seiner selbst willen nicht gewünscht hätten, weil er seine Möglichkeiten übersteigt. Dies einzusehen und doch an ihm auszusetzen, grenzt an Unvernunft. Aber wir tun es selbst voll Bedauern darüber, daß wir das Werknicht haben. Denn es hätte vielleicht der bedeutendste sächsische Roman des 19. Jh. sein können.
      Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Türkenkriege in der zweiten Hälfte des 15. Jh. spielt sich, nach Michael Alberts Worten, 'die freie Gestaltung der poetischen Fabel" ab, die im Roman Georg Hecht entfaltet wird. Außer Teutschs eigenen knappen Angaben im Tagebuch, in der Selbstbiographie und gelegentlichen Hinweisen in Briefen, die an ihn gerichtet wurden, besitzen wir noch keine Nachrichten über die Umstände oder etwaige Schwierigkeiten, unter denen der Roman Georg Hecht entstand. Zum erstenmal erwähnt Teutsch in seinem Tagebuch am 8. Oktober 1882 neben den 'laufenden Correcturen" zur Schwarzburg, deren Druck 'sich bis Juni hinschleppte", neben Arbeiten für den '1883er Kalender" und 'Hausfreund" diesen Roman: 'Dabei manche sorgliche Unruhe und manche neue Erfahrung! Dazwischen die Arbeit am neuen Roman." In der Aufzeichnung vom 18. November 1882 bemerkt Teutsch: 'Eigentlich hätten wir ja den längst pro-jectirten Reiseausflug nach Hermannstadt thun sollen, der im Hinblick auf unterschiedliche zu meinem nächsten Roman daselbst zu machende Studien nothwendig [...] gewesen wäre." Die Selbstbiographie bestätigt, daß ihn schon vor seiner Zeit als Reichstagsabgeordneter 'die Idee zu einer neuen Dichtung beschäftigt, die ein umfassendes Kulturbild aus der Blütezeit des Sachsenvolkes zur Darstellung bringen sollte. Es war der Roman Georg Hecht". 1884 wurde Teutsch zum Abgeordneten gewählt. Ãœber die Folgezeit bemerkt der Autor der Selbstbiographie, ein wenig im Widerspruch zur ersten Tagebuchaufzeichnung: 'Bald nach meiner Ankunft in Pest begann die Arbeit." Das soll doch wohl heißen: die eigentliche Arbeit, wenn wir einräumen, daß mit der bisherigen Arbeit und der bisherigen Beschäftigung mit der 'Idee" Vorbereitendes gemeint ist. Aber auch jetzt gibt er zu: 'Sie rückte nur mühsam vorwärts; denn es waren [...] alle [...] verstreuten Materialien heranzuziehen." Verschiedene Aufträge halten ihn ab, Reisen und wohl auch der eigene Hang zur Bequemlichkeit schoben die wirkliche Arbeit immer wieder hinaus. Zwischendurch mahnte Albert einmal 35, als aber Teutsch sich endlich aufraffte, erschienen ihm 'von mittlerweile neu erstandenen Gesichtspunkten aus durchgreifende Umgestaltungen sehr angebracht. Ich begann also wieder von vorne." Das war nach dem Juni 1887. 'Erst im Sommer 1890 kam die Arbeit zum letzten Abschluß", sagt die Selbstbiographie. 36 Ab' Januar 1891 erschienen die Fortsetzungen im XX. Jahrhundert, und am 12. Februar, meldet Albert37, hat der Hecht die 'Mauer ein-geschlagen" — das ist die erste heimische Stimme, die das Ereignis festhält.
      Die in- und ausländischen Besprechungen verzeichnet Teutsch selbst. In seiner zur Manie gewordenen Art der Selbstverteidigung zählt er auf insgesamt elf Seiten seiner Selbstbiographie, sozusagen nach Punkten geordnet, die einzelnen Einwände seiner Rezensenten auf, geht sehr ausführlich auf 'gewisse Momente" ein, weil 'der Kritiker " sie leicht übersehe, obwohl sie 'im Organismus des Ganzen von größter Wichtigkeit" seien. 38 Auf seine teils gekränkte, teils auktorial-au-toritär überlegene Weise legt er in der Folge dar, daß jede dieser Fragen, die seine Rezensenten erheben und die Michael Albert in seiner Formulierung gewissermaßen zusammenfaßt, 'eine müßige ist" 39.
      In seinem 'dialektischen Kampfe gegen den Dichter" hatte Michael Albert diese Grundfrage so einfach formuliert, daß Teutsch offenbar den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen, die Frage selbst vor lauter Implikationen nicht mehr begriffen hat und ausschließlich gegen ihre Implikationen Sturm gelaufen ist. Albert fragt ganz schlicht: 'Ist die Nötigung stark genug, die den Hecht von Gertrud zu Margareth treibt?" Mit andern Worten: die Tat Hechts ist im Sinne Teutschs keine solche mehr, wenn man die Gegner auch ohne sie aus dem Feld schlägt. Die schlichte Tat wird zur Pose aufgebauscht, um als 'That" notwendig und glaubwürdig zu scheinen: 'Er hat den doppelten Feind, den inneren und den äußeren bezwungen." 40 Man muß also nur die Fiktion hinnehmen, auch wenn es einem schwerfällt. Schon J. Leonhardt konnte das nicht mehr — aber er kam mit dem Hinweis, daß Teutsch seine Themen 'rein idealistisch" behandelt habe, um fünfzehn Jahre zu spät. Bereits damals 'arbeitete" man nicht mehr so, eben weil man 'Verständnis für psychologische Entwicklung" und erkannt hatte, daß eine so 'idealistische" Prämisse das ganze Gebäude in Frage stellen würde, 'alles andere wäre Lüge". 42 Aber wer war 'man"? Unter allen Lesern Teutschs redete ein einziger diese Sprache. Schon Albert hatte seine Bedenken so gut wie zurückgenommen: 'Ich überlasse es billig anderen, an den schwachen und schadhaften Stellen dieser Dichtung kritisch herum zuzupfen und sich in hochmütigem Besprechen selbst zu bespiegeln..." 43 Albert selbst ist zu früh gestorben, um die Entwicklung der Literatur gerade der neunziger Jahre noch zu erleben, vor allem zu früh, um die positiven Auswirkungen des Naturalismus auf die deutsche Dichtung verzeichnen zu können. Teutsch selbst hatte sich, wie wir wissen, von den naturalistischen Proklamationen angewidert abgewandt.

     
Daß der Roman im übrigen dramatisch gearbeitet sei, hat seine Richtigkeit, und Teutsch hält es sich selbst zugute. Diese Feststellung hatte zunächst Schullerus gemacht45, Teutsch greift sie nur auf, beruft sich auf Freytag46, ohne im einzelnen auszuführen, worin sein 'bewußtes Vorgehen" bestehe. Es ist ein handwerksmäßig tüchtiges Verfahren mit erregenden Momenten nach vorangegangener Exposition, die selbst schon wegen zahlreicher Beschreibungen etwas stagniert, Entwicklung der Fabel, Unterbrechungen, retardierenden Momenten, Steigerungen, geschickt plazierten Ãœberraschungen, den notwendigen Peripetien und rasch abfallender Handlung nach Ãœberschreitung des Höhepunkts. Indes, was wir eigentlichen dichterischen Schwung nennen, die Zügigkeit fehlt. Dieser Mangel stört das Konzept des 'bewußten Vorgehens". Tempo scheint keine dramatische Grundbedingung gewesen zu sein. Dafür Ausführlichkeit, die immer wieder gerügte 'Breite", die dem Leser nichts erspart. Das wirkt sich bis in die Struktur, bis in die Fügung seiner Sprache aus, bis in die Haltung seiner Gestalten und ihrer Sprechweise. Denn jede spricht, als ob sie der Autor selber wäre. Keineswegs nämlich ist das für diesen Roman allein bezeichnend, so daß wir behaupten dürfen: Auch der Hecht unterscheidet sich nur durch Handlung, Zeit der Handlung und Umfang von den anderen Romanen Teutschs. Was zur Schwarzburg gesagt wurde, trifft hier in noch höherem Maße zu: Teutsch wollte alles zusammenfassen, was er bisher erreicht und gegeben hatte, und auf eine höhere Stufe heben. Damit war es ihm ernst, mit seinem Ethos, mit der Pflicht, mit der Würde der Person wie des 'Volkes", wenn er hier auch die Bürger von Hermannstadt meint, und diesen Ernst spürt man. Was den Ernst aushöhlt, ist das Pathos, mit dem er ihn verwechselt, ist die romantisch-idealistische Gebärde und Motivik.
      Die Geschütze des Kastaldo 47 schildern folgende historischen Geschehnisse: Der kaiserliche General Kastaldo hat 1556, nachdem ein Vertrag zwischen König Ferdinand und Königin Isabella abgeschlossen worden war, die Truppen Ferdinands aus Siebenbürgen abgezogen und in Hermannstadt als Entschädigung vierzehn Geschütze zurückgelassen. Durch die Königin Isabella ist der Stadt Frieden und die Anerkennung aller geschichtlichen Rechte zugesichert worden. Dennoch treffen zwei Abgesandte der Königin hier ein, um, unter 'Berufung auf die gute Gesinnung der Stadt", die Geschütze anzufordern. Der Altbürgermeister Haller vertritt die Meinung, daß die 'Herausgabe der Geschütze [...] eine Erschütterung des [...] wichtigen Vertrags" wäre, und rät, wenn auch be-kümmert, 'der Königin sechs Geschütze freiwillig zu schenken, womit der Vertrag unverletzt bleibe". Dieser Vorschlag wird teils aus Schwäche, teils aus Ãœberzeugung — durch die Meinung Wurmlochers, des abgesetzten Stadtschreibers — abgelehnt. Durch Wurmlochers unbefugte Äußerungen und Zwischenträgereien wird der Unwille der Hundertschaft erregt, zugleich aber auch Unruhe in der Stadt geschürt, so daß schließlich die Gesandten der Königin aus der Stadt hinausgesteinigt werden. Da die Hundertschaft das Vorgehen des Rats durchaus nicht billigt, ist die Lage in der Stadt aufs äußerste gespannt, die Bürger jedoch sind fest entschlossen, nicht im geringsten nachzugeben. Ein Brand und eine Pestseuche verursachen den 'unerwarteten schnellen und jähen Abschluß" der Ereignisse.
      Um die Familie des Rotgießers Paulus Hedwig und sein Haus sind die persönlich-menschlichen Schicksale seiner Angehörigen geordnet und in größerem oder kleinerem Abstand dazu die Gestalten und das Tun derer, die ihnen im Guten oder Bösen nahestehen. In kleinerem Maßstab spiegelt sich da auch das geistige und das Gefühlsleben dieser Menschen. Hier spinnt sich die Geschichte einer Liebe an zwischen einem Nürnberger Landsknecht und der Tochter des Meisters. Die Beziehung gipfelt in der Verlobung der beiden. In diesem Haus werden auch die Beratungen der dreizehn Hundertmänner abgehalten, die das Volk vertreten und seine Haltung gegen die Schwächlinge und Verräter in den eigenen Reihen und gegen äußere Feinde bestimmen. Es ist symbolisch zu verstehen, wenn dies Haus durch den Brand teilweise zerstört wird.
      Ãœber die Entstehung dieses Romans wissen wir wenig, und auch das wenige ist ungenau. Die Selbstbiographie gibt an, daß er nach dem Sommer 1898 verfaßt worden sei. In seiner Streitschrift von 1911 gegen Franz Herfurth sagt Teutsch, daß der Roman schon zwölf Jahre zurückliege. Es dürfte also 1899 zu einer ersten Fassung gekommen sein, die bis frühestens 1910 abgelegt wurde. Diese Annahme wird von Teutsch durch eine Aussage seiner Widerlegung bestätigt, daß er auf 'Wunsch und Hinweis Herfurths den Roman" umgearbeitet habe. 50 Dies muß zwischen Ende April und Mitte November 1910 zu einer zweiten Fassung geführt haben, nach deren Lesung Herfurth am 5.1.1911 einen letzten Bogen 'Bemerkungen" übersendet. Zwar lautet der Begleitbrief durchaus anerkennend: 'Vortrefflich. Der Aufbau und die Personen gut entworfen." Da aber Herfurth die Menge der Einwände vielleicht selbst betroffen gemacht hat, fährt er fort: 'Sollte Ihnen diese Feil-Arbeit beschwerlich sein, so bin ich gerne bereit,wenn das Manuscript in die Druckerei gehen soll, die von mir auf beiliegendem Bogen gemachten Anmerkungen selber durchzuführen."
Es ist begreiflich, daß Teutsch in Harnisch .geriet, selbst wenn der gereizte Ton verfehlt ist, in dem er sich an die Widerlegung macht. Denn der Roman muß schon im Druck gewesen und die Widerlegung kann frühestens unmittelbar nach dem Herfurthschen Brief vom 5.1.1911 und nach dem Erscheinen des Romans entstanden sein — selbst wenn die mit einem Sternchen eingefügte Randbemerkung Teutschs, daß der Roman 'vorläufig in dem weitverbreiteten Wiener Blatt .Ostdeutsche Rundschau' veröffentlicht wurde", später hinzugesetzt worden sein sollte.
      Sicher ist, daß, gewisse 'haarspalterische" Erwägungen in theologisch-konfessionellen Dingen abgezogen, der Kastaldo-Roman gewonnen hätte und gewonnen hat, wo Teutsch auf die Herfurthschen Vorschläge einging — doch fallen die wenigen Stellen kaum ins Gewicht. Auch mit der Gesamteinschätzung 'vortrefflich" und 'vorzüglich und spannend aufgebaut" hat Herfurth recht. Es ist der zügigste, der straffste Roman, zugleich also der dramatischste, und er verliert an Dramatik, die Teutsch sich selbst zugutegehalten hat, eben dort, wo er sich nicht herbeiläßt, die Weitschweifigkeit zu vermeiden.
      Die Kritik scheint sich ausgeschwiegen zu haben, und auch in den Briefen an Teutsch finden wir nur ein einziges Zeugnis seiner Wirkung. Es kam aus Wien, wo der Roman auch erschienen war: 'Von Ihnen, Herr Direktor, haben wir in letzter Zeit die .Geschütze des Kastaldo' gelesen. [...] Ich war überrascht von den vielen Mahnungen, die Sie Ihrem Volke darin geben. Wir hatten beim Lesen die Empfindung, daß diese Kanonen nur symbolisch aufzufassen sind, Sie meinen damit wohl die vielen Schätze und Rechte, die die Sachsen der heutigen Zeit preiszugeben im Begriffe stehen. [...] Der Kampf der Bürgerpartei mit dem Rat scheint ganz aktuell zu sein. Es scheint mir, als hätten die gegenwärtigen Verhältnisse Ihre Stoffwahl beeinflußt."
Am 18. Oktober 1907 hatte Adolf Meschendörfer als Herausgeber der Karpathen Teutsch ein Ehrenexemplar der Zeitschrift angeboten und, indem er sich zum Sprecher der 'sächsischen literarischen Jugend" machte, einen Brief an Teutsch geschrieben als an 'einen Mann, der ein halbes Jahrhundert sächsische Literaturgeschichte verkörpert und dessen bleibende Verdienste auch wir jungen Modernen zu würdigen wissen" 53. In einem der letzten Briefe, am 17. Januar 1909, schreibt Meschendörfer wieder 'aus reiner Hochachtung für Ihre Lebensarbeit" und erwähnt, er seineben seinen 'Hauptarbeiten: .Karpathen', Schule und eigenen belletristischen Arbeiten noch mit einer neuen großen Arbeit beschäftigt: Leben und Werk von Traugott Teutsch, historisch kritisch dargestellt. Bruchstücke daraus hoffe ich sowohl in meiner, als in reichsdeutschen Zeitschriften zu veröffentlichen, später mit einer ebensolchen Würdigung Michael AI-berts in Buchform..."
Die Worte 'historisch-kritisch" muß Teutsch mißverstanden haben. Wir wissen, wie allergisch er gegen Kritik war und was er darunter verstand. Seine Antwort auf diesen Brief, in dem auch der Gedanke ausgesprochen wurde, den 'Erzblock" der Schwarzburg zusammenzustreichen, versetzte ihn in Panik und löste eine weitere Streitschrift aus 55, die psychologisch ebenso interessant ist wie alle übrigen und es zugleich begreiflich macht, daß Meschendörfer von ihr empört war 56. Daraufhin konnte es zu keiner historisch-kritischen 'Darstellung" kommen. Möglicherweise besäßen wir sonst eine Fassung des Werkes, das die siebenbürgisch-sächsische Literatur dieser Jahrhunderthälfte nicht nur virtuell verkörpern würde.
      Daß Traugott Teutsch als Dichter allein stand, war eine Gunst und ein Verhängnis. Er war allein zu Lebzeiten Michael Alberts, trotz der Freundschaft, die, so wie sie war, doch beide verband. Er war allein, weil auch Albert ihm im Grunde nichts geben konnte als ab und zu etwas Ermutigung durch Lob. Er war allein besonders als Romanschriftsteller — denn als in den neunziger Jahren sich die neue Generation zum Wort meldete, hatte er das Seine schon getan, und unter irgendwelchem fremden Zuspruch seine Schlacken auszuscheiden, hat er ohnehin jedesmal abgelehnt. So verschließt er sich dem Einfluß des deutschen Naturalismus, den er in Bausch und Bogen ablehnt, er 'verschließt sich mit bestem Grunde gegen die .Modernen' und die .Naturalisten " 57 ebenso wie er seine Landsleute Leon-hardt, Meschendörfer und Herfurth abgelehnt hat. Was sollte ihm ein jüngeres, ein 'moderneres" Beispiel? Seine Schaffensmethode angesichts einer solchen Kritik einer Revision zu unterziehen, hätte geheißen, seine ganze Leistung selbst in Zweifel zu ziehen oder, im extremsten Fall, sie selbst zu verwerfen. Wer wollte dies im Ernst von ihm erwarten?
Dazu war es zu spät, und dazu war Teutsch überhaupt nicht der Mann, als der Einzelgänger, der er durch sein Werk geworden war. Aber um sein Werk schaffen zu können, mußte er so werden, wie er geworden war, indem er es schuf. Von Natur verletzlich, trotz Abhärtung und lebenslang enttäuschender Erfahrungen, oder was er so nannte; wenig kommunikativ, trotz 'Freundeskreis",

Waffenbrüderschaft im 48-er, Burschenkneipen und Bierabenden in der Abgeordnetenzeit, meditativ-introvertiert trotz weitschweifiger Expektorationen im geschriebenen Wort, nie von sich selbst losgekommen, auch wenn es scheinbar um eine Auseinandersetzung, um eine 'Sache", um die 'Idee der Schwarzburg" etwa ging, und nie von der 'Heimat" distanziert, auch auf noch so weiten Reisen nicht — und wenn er sich doch hingab, dann im geschriebenen Wort, gleichsam monologisch, denn er mußte auch dem Leser gegenüber im Recht bleiben. Seine Erziehung hatte ihn einer Schablone, einem Zwang zum Dekorum unterworfen, das ebenso Konvention war, wie seine spätere Selbststrenge, Härte, Pflichterfüllung Klischee blieb, mit einem Plus oder Minus an hypochondrischem Selbstbemitleiden zum Ausgleich. Dabei behielt er doch immer das Ziel einer dichterischen Leistung im Auge, die bei so viel Zähigkeit nur darum nicht größer war, weil sie sich nicht der angemessenen Mittel bediente, weil er nicht einen Größeren neben sich hatte, den er hätte übertreffen müssen, oder einen Älteren, dessen ästhetischem Urteil er hätte vertrauen können — soweit Teutsch eben vertrauen konnte. Auch Gustav Freytag war nicht bedeutend genug, um ihn über Friedrich Theodor Vischer hinwegzulocken. Aber Gustav Freytag war dem geschichtsverankerten Gewerb- und Erwerbssinn der Sachsen eben recht, so daß Teutsch glauben durfte, er müsse sich nicht auch nach andern Vorbildern umsehen. Was hätte etwa unter ein wenig Kellerschem oder Fon-taneschem Einfluß mit Teutschs unverdrossenem Arbeitseifer erreicht werden können? Seinem Werk nach würde man nie auf den Einfall kommen, daß es solche Zeitgenossen in der deutschen Literatur je gegeben haben könnte. Und das trotz seiner Behauptung, daß es ihm um Humor zu tun gewesen sei. Ein wenig echter Humor und Ironie, ein wenig Abstand von sich selbst und etwas von der echten Leidenschaft, von der Provokation, mit der er gegen Albert, gegen Herfurth vom Leder gezogen hat — freilich nur in seinen Tagebüchern und in der Schublade liegegengebliebenen 'Widerlegungen" —, und sein Werk wäre aufs Ganze gesehen etwas weniger ledern geworden.
      Allerdings darf man nicht vergessen: Als dies Werk entstand, meinte hierzulande kaum jemand etwas anderes mit Literatur als Teutsch selbst, und wirkliche Dichtung kannte sozusagen überhaupt niemand. Man hungerte nicht nach mehr als nach ein wenig Unterhaltung, ein wenig Belehrung, ein wenig Erbauung und Erhebung des Gemüts, Gelegenheits-'Poesie" — wenn es hoch kam —, in hochtrabender kanzleipapierner Sprache bei Prosa, in möglichst Uhlandschen Alexandrinern, mit Reimen, die auf der Straße lagen.
      Und doch urteilt man falsch, wenn man so schlechthin abfällig urteilt, ja man trifft die Sache selbst nicht, geschweige daß man ihr .gerecht würde. Die 'Sache" des siebenbürgisch-deutschen Romans in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist als Ganzes — trotz der Versuche von A. Schullerus und E. Hajek, trotz R. Csaki und K. K. Klein — so gut wie umgangen worden, und zwar seit es ihn gibt, vor allem aber seit es die Romanproduktion des 20 . Jh. gibt. Nie ist seit Albert und Schullerus die Frage gestellt worden, ob der siebenbürgisch-deutsche Roman jener Jahrhunderthälfte für seine Zeit etwas und was er geleistet hat.
      Wenn wir einräumen, daß das künstlerisch-schöpferische Element, das Dichterische gering gewesen sei, ist immerhin noch das Faktum der unverdrossenen fortgesetzten Produktion zu verzeichnen, einer Kontinuität also, die der Lesererwartung schlecht und recht die Waage hielt. Es muß also noch ein außerliterarisches Faktum geben, das eine solche Produktion, wie sie war, nicht nur ermöglichte, sondern auch bedingte und rechtfertigte, obwohl unser heutiges ästhetisches Urteil die Beschaffenheit und Qualität dieser Leistung verwirft. Aber dürfen wir sie einfach verwerfen und über sie hinwegsehen, als ob es sie nie gegeben hätte, wenn sie sich selbst ein eminent wichtiges Anliegen war? Alle persönliche Empfindlichkeit und Kränkung abgezogen, liegt doch die Erwägung nahe, wie es wohl um den heimischen Roman stände, wenn wir auch das Romanwerk Teutschs nicht gehabt hätten. Die Kontinuität selbst scheint uns ein Verdienst, denn schon das Dasein dieses Werks mußte zur Diskussion, wenn nicht gar zum 'Bessermachen" mit angemesseneren Mitteln, Maßstäben und einer der Wirklichkeit zugewandten Optik herausfordern. Aber auch ohne die verspätete Diskussion ist der Roman durch Teutsch über dieses halbe Jahrhundert hinweg gerettet worden, und das darf nicht allzu niedrig eingeschätzt werden.
     


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