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Sterne, Laurence - Leben und Biographie



Laurence Sterne gilt als wichtiger Vorläufer der Moderne. Er bereicherte mit seinem Roman Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman die Weltliteratur um ein neues Erzählmodell, das die Subjektivität gegenüber äußeren Ereignissen betont und Romane von Kollegen wie Samuel ^Richardson sowie Henry -> Fielding parodiert. Mit seinem humorvollen und gefühlsbetonten Werk löste Sterne in ganz Europa einen Kult der Empfindsamkeit aus.

      Sterne wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater war als Soldat in verschiedenen Ländern stationiert und die Familie zog ihm nach. 1735-40 konnte er, finanziell unterstützt durch seinen Cousin, in Cambridge Theologie studieren und übernahm anschließend eine kleine Pfarrei in der Gegend von York. Ab 1741 war Sterne mit Elizabeth Lumley verheiratet; sie hatten eine Tochter. Nach dem Durchbruch des Tristram Shandy hielt sich Sterne in London auf oder reiste durch Europa, in der Hoffnung auf Heilung seines Lungenleidens. 1762-65 lebte die Familie in Südfrankreich; zwei Jahre späteT schloss sich seine Sentimentale Reise durch Frankreich und Italien an.
      Konservative Zeitgenossen sahen in dem exzentrischen Pfarrer eine Reizfigur: Sein Lebenswandel war nicht eben solide, er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen und mit frivolen Scherzen zu provozieren. Sterne starb berühmt, aber vereinsamt und mittellos.
      Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Der Roman von Laurence Sterne, der bis 1767 in neun Bänden erschien, bewirkte im Winter 1759 eine Sensation, da er er eine Parodie des noch jungen englischen Romans darstellte. Inhalt: Obgleich der Titel eine Lebensbeschreibung des Ich-Erzählers in Aussicht stellt, erfährt der Leser über die Biografie TristTams kaum etwas, und auch andere Erwartungen des Publikums durchkreuzt Sternes Roman gründlich. Angetreten mit dem Vorsatz, sein Leben gewissenhaft und unter Berücksichtigung aller kausalen Zusammenhänge darzulegen, verstrickt sich der Held - eT wird erst im dritten Band geboren! - in zahlreichen Digressionen, die allesamt auseinander hervorgehen. Der chronologische Ablauf wfrd auf diese Weise nicht nur verlangsamt, sondern zum Stillstand gebracht und schließlich sogar ins Gegenteil verkehrt, da der Roman nach dem Bewusstsein des Protagonisten geordnet ist: Die Erzählung beginnt 1718 - neun Monate vor Tristrams Geburt - und wechselt zwischen verschiedenen Daten anscheinend planlos hin und her; das Buch endet in der Erzählung mit dem Jahr 1713. Dazwischen liegt ein vorgebliches Chaos aus scheinheilig kaschierten Schlüpfrigkeiten, eingeschobenen Erzählungen sowie leeren oder geschwärzten Seiten. Das Vorwort reicht der Erzähler im dritten Teil nach. Struktur: Was nach erzählerischer Unfähigkeit bzw. purer Spottlust aussieht, ist tatsächlich wohl durchdacht. Sterne parodiert den Vernunft- und Ordnungsglauben der Aufklärung, zugleich aber setzt er an die Stelle des klassischen Erzählmodells einen neuen, »zirkulären« Romantypus.
      Der eigentliche literarische Kunstgriff des Buchs liegt darin, dass durch das Fehlen einer stringenten Handlung der Blick vom Erzählten auf den Vorgang des Erzählens selbst gelenkt wird. Der Protagonist Tristram denkt laut über seine Schreibweise nach, erwägt, prüft oder verwirft ausdrücklich den Gebrauch verschiedener Stilmittel und diskutiert solche Fragen mit seinen Lesern, welche ihm wiederholt mit Einwänden ins Wort fallen . Dadurch bekommt das Werk den Charakter einer Konversation. Wirkung: Der Roman war nach seinem Erscheinen sofort erfolgreich. Sein Stil wurde u.a. im Sentimental Magazine nachgeahmt. In
Frankreich, wo man Sterne den Titel eines »englischen Rabelais« verlieh, inspirierte er Denis -> Diderot zu dessen Roman Jacques der Fatalist und sein Me/r.
      In Deutschland ist -»Jean Paul sein wichtigster Nachfolger. Die sittenstrengen Viktorianer stießen sich an Sternes Albernheiten und Anzüglichkeiten, seit etwa 1920 aber ist seine Aktualität unbestritten. Für Milan -» Kundera war Tristram Shandy »der modernste Roman des 18. Jahrhunderts«. Indem Sterne dem Bewusstsein des Helden als erzählerischem Strukturprinzip den Vorrang vor einer chronologischen Darstellung einräumte, wies er bereits auf den Roman der Moderne voraus, wie ihn James -> Joyce und Virginia ->Woolf erarbeiteten.
Digressionen
Herkunft: In der antiken Rhetorik bezeichnete der lateinische Begriff digressio eine Abschweifung als schmückenden Teil einer Rede oder Schrift, die den eigentlichen Gegenstand vorübergehend außer Acht liess und sich einer mit dem Hauptthema nicht oder nur lose verbundenen Geschichte, Erinnerung oder Beschreibung zuwandte. Damit sollte das Publikum bei einem allzu trockenen Stoff zerstreut oder aber vor dem Höhepunkt der Darstellung in besondere Spannung versetzt werden. Zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, einer Epoche, die sich Vernunft, Klarheit und Eindeutigkeit auf die Fahne geschrieben hatte, stand man solch rhetorischen Tricks äußerst reserviert gegenüber, die Stilfigur »Digression« aber faszinierte viele Autoren. In Jonathan -> Swifts satirischer Erzählung von einer Tonne gibt es gar einen langen Abschnitt mit dem Titel Eine Abschweifung zum Lobe der Abschweifungen.
      Tristram Shandy: Die Abschweifungen in Laurence -> Sternes Roman höhlen den traditionellen Digressionsbegriff ironisch aus: Wo es keine Handlung gibt, gibt es keinen »eigentlichen« Gegenstand, der die Abschweifung erst zur Abschweifung macht! Aber auch hier erschöpft sich der Sinn des Textes nicht in der Parodie. Mit der Art und Weise, in derTristram ständig vom Hundertsten ins Tausendste fällt, illustriert Sterne vielmehr spielerisch die zu seiner Zeit hochaktuelle Assoziationstheorie des Philosophen John -» Locke . Sein Erzähler vergleicht die um sich selbst kreisenden Digressionen derweil ziemlich selbstbewusst mit den Bahnen der Planeten - für ihn gehorcht sein Roman denselben Gesetzen wie das Universum: »Digressionen sind ohne Zweifel der Sonnenschein, das Leben und die Seele des Lesens. Wollte man sie aus diesem Buch entfernen, so könnte man das Buch gleich mitnehmen.«


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Sterne,  Laurence    





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