Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» RIMBAUD
» Zerstörte Realität

Zerstörte Realität



Man wird gewiß keine Dichtung, am wenigsten lyrische, danach bewerten wollen, wieweit ihre auf die äußere Realität bezogenen Bildinhalte nun auch genau und vollständig sind. Schon immer war es die Freiheit der Dichtung, Reales zu verschieben, umzuordnen, andeutend zu verkürzen, ausweitend zu dämonisieren, zum Medium einer Innerlichkeit, zum Symbol einer umfassenden Lebenslage zu machen. Doch darf darauf geachtet werden, wieweit die Umformungen Rücksicht nehmen auf sachlich vorfindbare Verhältnisse, wieweit sie, bei aller Erdichtung, immer noch mögliche Zusammenhänge der realen Welt sind und wieweit sie im Rahmen jener metaphorischen Bildkräfte bleiben, die allen Sprachen von Anfang an innewohnen und daher verstehbar sind. Seit Rimbaud wahrt die Lyrik solche Rücksichten nur noch in abnehmenden Maßen. Sie kümmert sich immer weniger um die Beziehung der Redeteile untereinander und um deren Rangwerte. Desto notwendiger ist es für den Beobachter, die Realität heuristisch zum Vergleich zu nehmen. Denn erst dann ist der Umfang der nunmehr erfolgenden Realitätszerstörung zu erkennen, wie auch die Heftigkeit in der Sprengung älteren Metaphernguts.

      In seiner letzten Dichtung läßt Rimbaud den Freund Verlaine sagen: . In den fiktiven Worten Verlaines spricht Rimbaud selbst. Er selbst vermag die Gründe seines Ausbruchs nicht zu deuten. Sein Werk aber zeigt uns eine durchaus deutbare Entsprechung zwischen dem Verhalten zur Realität und der Leidenschaft zum . Dieses nicht mehr gläubig, philosophisch, mythisch zu füllende Unbekannte ist, stärker als bei Baudelaire, Pol einer Spannung, die, weil der Pol leer ist, zurückschlägt auf die Realität. Da diese in ihrer Unzulänglichkeit gegenüber der - wenn auch leeren - Transzendenz erfahren ist, wird die Leidenschaft zur Transzendenz eine ziellose Zerstörung der Realität. Diese zerstörte Realität bildet nun das chaotische Zeichen für die Unzulänglichkeit des Realen überhaupt wie auch für die Unerreichbarkeit des . Man darf derartiges die Dialektik der Modernität nennen. Weit über Rimbaud hinaus bestimmt sie europäische Dichtung und Kunst.

 Tags:
Zerstörte  Realität    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com