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Einleitende Charakteristik



Ein Leben von siebenunddreißig Jahren; ein im Knabenalter beginnendes Dichten, das nach vier Jahren abbricht; der Rest, bei völligem literarischen Schweigen, ein unruhiges Umherreisen, das am liebsten bis nach Asien vorgedrungen wäre, sich aber mit dem Nahen Osten und Zentralafrika begnügen mußte, ausgefüllt von vielerlei Beschäftigungen in Kolonialarmeen, Steinbrüchen, Exportfirmen, schließlich im Waffenhandel für den Negus von Abessinien, und nebenbei von Berichten an geographische Gesellschaften über bisher unerforschte Gebiete Afrikas; innerhalb jener knappen Dichterzeit ein rasendes Tempo der Entwicklung, die schon nach zwei Jahren dazu geführt hatte, den eigenen Anfang, aber auch die hinter diesen stehende literarische Tradition zu sprengen und eine Sprache zu schaffen, die bis heute eine Ursprache moderner Lyrik geblieben ist: das sind einige Tatsachen der Person Rimbauds.

      Ihrer Heftigkeit entspricht das Werk. Es ist schmal. Aber ein Schlüsselwort Rimbauds läßt sich darauf anwenden: Explosion. Es begann mit gebundenen Versen, ging zum entgliederten Freivers über und von da zu den asymmetrisch rhythmisierten Prosagedichten der Illuminations und der Saison en enfer . Diese Einebnung der Formen, von Früheren vorbereitet, erfolgt zugunsten einer dynamischen Lyrik, die sich des Gegenständlichen wie des Formalen als beliebiger Medien ihrer Freiheit bedient. Im übrigen kann für uns die Einteilung des Werks in Vers und Prosa außer Betracht bleiben. Eine andere Einteilung wäre sinngemäßer: diejenige nach der ersten, bis etwa Mitte 1871 reichenden Periode zugänglichen Dichtens, und nach der zweiten des dunklen, esoterischen Dichtens.
      Rimbauds Dichtung läßt sich zunächst begreifen als Verwirklichung jener theoretischen Entwürfe Baudelaires. Aber sie bietet ein völlig verändertes Bild. Die ungelösten, doch geordneten und formstreng ausgesagten Spannungen der Fleurs du Mal werden hier zu absoluten Dissonanzen. Die Themen fügen sich nur zuweilen nochahnungsweise aneinander, weisen übermäßig viele Bruchstellen auf, liegen meist wirr durcheinander. Der Kern dieses Dichtens ist kaum noch von thematischer Art, sondern eine brodelnde Erregung. Seit 1871 bringt es keine nachvollziehbaren Sinngefüge mehr hervor, sondern Fragmente, gebrochene Lineaturen, sinnlich scharfe, aber irreale Bilder, - dies alles aber so, daß das Chaos in derjenigen Einheit schwingt, zu deren Sprachwerdung es benötigt wurde: in der Einheit eines sinnüberlegenen, alle Mißklänge und Wohlklänge durchlaufenden Tönens. Der lyrische Akt verlagert sich zunehmend von der Gehaltaussage in eine diktatorische Sehweise und damit in eine ungewöhnliche Technik der Aussage. Diese Technik braucht nicht einmal im Zertrümmern syntaktischer Ordnungen zu bestehen. Das geschieht bei dem eruptiven Rimbaud sogar selten, merkwürdigerweise dann um so mehr bei dem stillen Mallarme. Für Rimbaud genügt es, die chaotischen Gehalte in Sätze zu spannen, die bis zur Primitivität vereinfacht sind.
     

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