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Die Brücken



Kristallgraue Himmel. Ein bizarres Gebilde von Brücken - die einen gerade, die andern bauchig, wieder andere schiefwinklig auf die ersteren herabsteigend, und alle diese Figuren wiederholen sich in den anderen beleuch-teten Windungen des Kanals - alle aber derart lang und leicht, daß die dom-beladenen Ufer sinken und schwinden. Einige dieser Brücken sind noch beladen mit altem Gemäuer. Auf anderen stehen Mäste, Signale, schmächtige Geländer. Mollakkorde durchkreuzen einander, ziehen in Streifen dahin; Saiten entsteigen den Böschungen. Man erkennt eine rote Jacke, vielleicht andere Kleider, sowie Musikinstrumente. Sind es Volksweisen, Fetzen hochherrschaftlicher Konzerte, Reste von Staatshymnen? Das Wasser ist grau und blau, breit wie ein Meeresarm. Ein weißer Strahl fällt vom Himmel und vernichtet diese Komödie.

      Der Text verfährt zwar präzis beschreibend. Sein Gegenstand aber ist imaginär, ist der nicht durch Abbilden, sondern durch Vision zustandegekommene Ausschnitt einer Stadt ohne Wo und ohne Wann. Brücken - aber primär an ihnen ist nicht ihr Dingvolumen, sondern ihre Lineatur: gerade, bauchige, schiefwinklige Linien, ein . Summarisch heißen diese Linien daher auch . Die Figuren wiederholen sich in den Kanalwindungen. Die Gesetze der Schwere sind aufgehoben, denn die Figuren sind so leicht, daß sie die schweren Ufer niederdrücken: das Leichte drückt das Schwere nieder. Neue Linien, diesmal aus Tönen gebildet, die zu Streifen werden. Knappe Evokationen einer roten Jacke und einiger Musikinstrumente, und dann der Querschläger des Schlusses. Alles bleibt unfaßlich. Innerhalb einer wieder sehr einfachen Syntax bietet sich eine totale Fremdheit dar. Sie ist erhöht durch die kalte Genauigkeit der Aussage. Menschen fehlen. Die rote Jacke ist isoliert und macht, wie auch die herkunftslose Musik, die Abwesenheit des Menschen nur noch spürbarer. Die Dinge herrschen, aber in der Unbestimmtheit der Plurale, in der Absurdität ihrer Beziehungen, für die es kein normales Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung gibt. Die Dinge sind entblößt zu reinen Bewegungen und geometrischen Abstraktionen. So irreal das alles schon ist, es muß noch irrealer werden durch die Vernichtung des Schlusses. Rimbaud bewegt sich in dieser Nirgendwowelt ohne jedes Pathos. Er kann die revoltierenden Ausbrüche aufgeben, mit denen seine früheren Dichtungen ins Fremde drängten. Denn er ist nun im Fremden. Eine scharf funktionierende Optik nimmt das Absonderliche, das sie selbst erzeugt hat, zur Kenntnis und überläßt es einer Sprache, die es im Tone des Selbstverständlichen berichtet, aber an niemanden weitergibt.
     

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