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Desorientierung



Die Wirkung solchen Dichtens ist verwirrend. J. Riviere schrieb 1920 über Rimbaud: Der Satz ist auch insofern richtig, als er in Rimbaud eine Sendung erkennt. Das bestätigt ein an Riviere gerichteter Brief Claudels, worin dieser von seiner ersten Lektüre der Illuminations spricht und fortfährt: Gemeint ist der wissenschaftliche Positivismus, der auf der Ãoberzeugung von der totalen Erklärbarkeit des Weltganzen wie des Menschen beruht und die geheimnisbedürftigen künstlerischen und seelischen Kräfte erstickt. Daher vermag dunkles Dichten, das aus der erklärbaren Welt des extrem wissenschaftlichen Denkens in die extrem verrätselte Welt der Phantasie ausbricht, als Sendung zu wirken, die dem Empfänglichen zu gleichem Ausbruch verhilft. Hier dürfte ein Hauptgrund für die Anziehungskraft liegen, die Rimbaud nicht nur auf Claudel, sondern auch auf viele andere Leser ausgeübt hat. Sein irreales Chaos war Erlösung von der beengenden Realität. Claudel verdankt ihm den Anstoß zur Konversion. Für diese selbstist Claudel allein verantwortlich. Rimbaud darf noch weniger als Baudelaire zum Christen umgedeutet werden, auch wenn sein Dichten Mächte enthält, die der religiösen Ekstase verwandt sind. Aber bei ihm verlieren sie sich im Nichts einer leeren Ãobernatürlichkeit.

      Der Eindruck RiMBAUDScher Texte ist um so desorientierender, als er von einer Sprache ausgeht, die nicht nur mit brutalen Stößen verletzt, sondern auch der zauberhaftesten Melodien fähig sein kann. Zuweilen scheint es, als ob Rimbaud in einer überirdischen Beseligung dahintriebe, als ob er aus einer anderen Welt käme, leuchtend, verzückt. Gide nennt ihn brennenden Dornbusch>. Anderen wird er zum Engel, Mallarme spricht vom . Das dissonanti-sche Werk ruft die widerspruchsvollsten Beurteilungen hervor. Sie bewegen sich zwischen der Erhebung Rimbauds zum größten Dichter und seiner Abwertung zum pubertätsgestörten Jüngling, um den sich maßlos überschätzende Legenden gebildet haben. Eine kühle Prüfung kann die in der Tat vorliegenden Ãoberschätzungen leicht beseitigen. Aber sie wird eben diese Ãoberschätzungen deuten als Folge der Gewalt, die von Rimbaud ausgeht. Wie auch die Bewertungen aussehen, allen ist zu entnehmen, daß man dem Phänomen Rimbaud nicht ausweichen kann, das meteorhaft kam und versank, aber mit seinem Feuerstreifen immer noch am Himmel der Dichtung steht. Autoren, die ihn erst spät kennenlernten und nicht unter seinem Einfluß gedichtet hatten, stellen fest, daß ihr Werk dem gleichen entstammt wie das seine, dem Ausdruckszwang innerer Lagen>, die sich in einer Kulturperiode wiederholen. So hatte sich noch 1955 G. Benn geäußert {547, S. 8).
     

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