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Das künstliche Ich; die Enthumanisierung



Das Ich, das aus Rimbauds Dichtungen spricht, läßt sich so wenig von der Person des Autors her begreifen wie das Ich der Fleurs du Mal. Die Erfahrungen des Knaben und des Jünglings können zwar zu manchen psychologischen Erklärungen der Texte herangezogen werden, wenn man dazu Lust hat. Aber für die Erkenntnis ihres dichterischen Subjekts taugen sie wenig. Der Prozeß der Enthumanisierung beschleunigt sich. Das Ich Rimbauds ist in seiner dissonan-tischen Vielstimmigkeit das Erzeugnis jener operativen Selbstverwandlung, von der oben die Rede war, und damit des gleichen ima-ginierenden Stils, aus dem auch die Bildinhalte seiner Dichtungen hervorgehen. Dieses Ich kann alle Masken anlegen, sich auf alle Existenzweisen, Zeiten und Völker ausdehnen. Wenn Rimbaud am Anfang der Saison von seinen gallischen Ahnen spricht, so mag man das noch wörtlich nehmen. Wenige Sätze danach aber liest man: , mit Reizstoffen des

Ã-stlichen und des Primitiven, wird planetarisch, macht sich zum Engel und zum Magier. Mit Rimbaud hat die abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich eingesetzt, die man in der Gegenwart bei Ezra Pound, bei Saint-John Perse wiederfinden wird und die allein schon verbieten würde, moderne Lyrik als biographische Aussage zu verstehen.
      Auch Rimbaud deutet sein geistiges Schicksal aus überpersönlichen Verhältnissen der Modernität. , sagt er im gleichen Text, wo er Verlaine gegenüber seine Bestimmung verteidigt, der tiefer Gestürzte zu sein, der darum auch in weitere Fernen sieht, aber von niemandem begreifbar, tödlich wirkend selbst in der Sanftheit. Er hat den Stolz zu wissen, daß . Ein überlieferter Ausspruch lautet: An romantischer Dichtung sind ihm widerwärtig die empfindenden Herzen>. Eine Gedichtstrophe lautet: .
      Das sind nicht bloße Programme. Die Dichtung selber ist enthumanisiert. Zu niemandem redend, monologisch also, mit keinem Wort um den Hörer werbend, scheint sie mit einer Stimme zu sprechen, für die es keinen faßbaren Träger gibt, vor allem dort, wo selbst das imaginierte Ich einer ichlosen Aussage gewichen ist. Unterscheidbare Gefühle machen einem neutralen Vibrieren Platz, stärker noch als bei E. A. Poe. Man sieht das z. B. an einem Prosagedicht Angoisse . Der Titel scheint auf einen präzisen Seelenzustand zu deuten. Eben dieser aber fehlt. Selbst die Angst hat kein vertrautes Gesicht mehr. Ist sie überhaupt da? Was man wahrnimmt, ist eine un-fixierbare Intensität, die aus vielerlei gemischt ist, aus Hoffnung, Sturz, Jubel, Grimasse, Frage, - alles rasch gesagt und rasch wieder übergangen, bis der Text in Wunden, Qualen und Torturen einmündet, von denen man nicht weiß, was sie sollen und woraus sie entstehen. Das Ganze ein Taumel des Unbestimmten im Bild wie in der Emotion, so unbestimmt wie die beiden weiblichen Wesen, die der Text flüchtig nennt. Mag mit der Emotion auch die Angst gemeint sein, so ist sie doch so sehr aus den normalen Konturen des Gefühlslebens gelöst, daß sie den menschlichen Namen nicht mehr tragen kann.
      Macht Rimbaud Menschen zum Inhalt eines Gedichtes, so erscheinen sie als herkunftlose Fremdlinge oder als Fratzen. Die einzelnen

Körperteile, im Mißverhältnis zum Körperganzen stehend, werden überbelichtet, mit anatomischen Fachausdrücken belegt, die für eine harte Versachlichung sorgen. Selbst ein so ruhig klingendes Gedicht wie Le Dormeur Au val darf als Beispiel der Enthumanisierung erwähnt werden. Von einer kleinen Talwiese, die , führt es in den Tod. Parallel dazu verläuft die Sprache von den leis verzückten Versen des Anfangs zum nüchternen Schlußsatz, der eröffnet, daß der stille Schläfer ein toter Soldat ist. Sehr langsam geschieht der Abstieg ins Tödliche, verzögert es und läßt es erst ganz am Ende schnell und unerwartet hervorbrechen. Der künstlerische Gehalt des Gedichtes ist sein Bewegungsverlauf vom Hellen ins Dunkle. Doch erfolgt er ohne Anteilnahme, in kühler Friedlichkeit, die auch nicht vom Tod spricht, sondern dafür das gleiche Wort gebraucht, das vorher die Talwiese bezeichnet hatte: dort

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Das  künstliche  Ich;  Enthumanisierung    





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