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Aufruhr gegen christlichen Erbzwang:



Dann die Frage nach Rimbauds Christentum. Kein ruinöses Christentum mehr wie bei Baudelaire. Die Texte zeigen, daß er beim Aufruhr beginnt und mit der Marter endet, dem christlichen Erb-zwang nicht entrinnen zu können. Gewiß ist das immer noch weit christlicher als Gleichgültigkeit oder als aufgeklärte Ironie. Rimbauds Gegnerschaft ist von jener Art, die unter der Gewalt eben dessen steht, wogegen sie sich aufbäumt. Er hat das selbst gewußt. In Une Saison en enfer wird solches Wissen zur Dichtung. Aber die Empörung gegen das Christentum kommt nicht zur Ruhe. Sie wird nur qualvoller und intelligenter - und bricht ab im Schweigen. Sie ist ein Teil seines Aufruhrs gegen Erbtümer überhaupt, aber auch ein Teil seiner Leidenschaft zum , zu jener leeren Transzendenz, die er nicht anders als durch Zertrümmerung des Gegebenen anzeigen kann.

      Die Texte der ersten Phase enthalten die offensten Angriffe und gehen über in eine psychologisierende Zersetzung der christlichen Seele. So in dem Gedicht Les premieres communions: eine Halbwüchsige erliegt dem Aufstand der Triebschichten, die am Christentum schuldig werden, weil es an ihrer Unterdrückung schuld war. Doch Rimbaud geht weiter. Wohl um 1872 schrieb er ein Prosastück, das mit den Worten beginnt: Bethsaida, la piscine des cinq galeries. Zugrunde liegt ihm der Bericht des Johannesevangeliums über die Wunderheilung eines Kranken durch Christus am See Bethsaida . Aber er ist völlig umgebildet. Krüppel steigen in das gelbe Wasser, doch kein Engel kommt, niemand heilt sie. Christus steht an eine Säule gelehnt und blickt regungslos auf die Badenden, aus deren Gesichtern ihm Satan entgegengrinst. Da erhebt sich einer und geht sicheren Schritts der Stadt zu. Wer hat ihn geheilt? Christus sprach kein Wort, warf keinen Blick auf die Gichtbrüchigen. Vielleicht Satan? Der Text schweigt darüber, begnügt sich damit, Christus nur räumlich in die Nähe des Kranken zu stellen. Eben daraus kann die Ahnung aufsteigen: nicht Christus hat geheilt, vielleicht auch Satan nicht, sondern eine Kraft, von der niemand weiß, wo sie wohnt und wer sie ist. Leere Transzendenz.
      Hier ist kurz auf Une Saison en enfer einzugehen, weil sie das letzte Wort Rimbauds zum Christentum enthält. Der Text besteht aus sieben großen Prosastücken. Seine Sprache hat vielartige, übergangslos nebeneinander gesetzte Bewegungen: ruckartige Stöße, die eine Aussage anfangen, ohne sie zu beenden; taumelnde oder gehetzte Worthäufungen; Fragen, auf die keine Antworten kommen, und dazwischen die ebenso zauberhafte wie unheimliche Wahnsinnsmelodie der großen Periodenbögen. Inhaltlich ist das Werk eine Revision aller bisherigen Phasen Rim-bauds. Jedoch geschieht sie so, daß er im Versuch, zurückliegende Phasen abzustoßen, erneut in sie hineingerät, um sie dann erst abzustoßen. So ergibt sich ein verwirrendes Hin und Her: was er liebte, haßt er jetzt, liebt es wieder, haßt es noch einmal. Was in einem Satz bejahend vorgetragen wird, ist im nächsten aufgehoben, im übernächsten wiederholt. Die Revolte revoltiert gegen sich selber. Erst der Schluß reißt dies alles in ein Ende, in den Abschied von jeder geistigen Existenz.
      Heimatlosigkeit in der herkömmlichen Welt des Dinglichen, Seelischen, Vernünftigen: so läßt sich der Gesamtsinn dieser Zickzacklinien zusammenfassen. Er bestimmt auch die Seiten über das Christentum. Christliche Vokabeln stehen da - Hölle, Teufel, Engel -, aber sie schwanken zwischen wörtlicher und metaphorischer Bedeutung, sind nur darin beständig, daß sie Zeichen blinder Erregungen bilden. , dem Teufel präsentiert, so nennt Rimbaud das Werk. Doch zwischen diesen Sätzen hieß es: , und einige Seiten später wiederum: Er ruft nach den . Sie kommen nicht. Weder Christus noch Satan kommt. Aber er spürt ihre Fessel. Die Hölle ist das Sklaventum unter dem Katechismus; Heiden haben keine Hölle. Darum verweigert sich ihm auch das Heidentum.
      Solche Sätze scheinen zu sagen, daß der Sprecher unter dem Christentum leidet wie unter einem Trauma. Die Erregung wird zur Grimasse, ist Angriff und Verfallensein in einem. Eben dies bedeutet ihm, in der Hölle zu sein. Daß dies Hölle heißen muß, ist christliche Nötigung. Unausgesprochen, aber spürbar geistert die Frage durch den Text, ob die Wirrnis der modernen Welt wie der eigenen Innerlichkeit ein pervertiertes christliches Schicksal ist. Aber die Frage, zu der Rimbaud anhebt, löst er nicht. Das zweite Leitthema der Saison tritt hervor: den Kontinent verlassen, weggehen aus den abendländischen Sümpfen>, aus der Torheit des Westens, und nicht zu merken, daß mit der Geburt Christi der Spießer geboren wurde. Zunehmend befreit sich dieses Thema aus den Zickzacklinien, nimmt bestimmte Richtung an, führt in Herbst, Winter, Nacht, willentlich ins Elend, - . Aus völligem Ausgebranntsein kommt der Entschluß, , Europa zu fliehen und ein Leben der harten Tat zu beginnen.
      Rimbaud hat den Entschluß verwirklicht. Er kapituliert vor den für ihn unlösbaren Spannungen der geistigen Existenz. Der Dichter, der am weitesten von allen sich hinausgestellt hat in das , konnte nicht zur Klarheit kommen, was das Unbekannte sei. Er kehrt um und nimmt den inneren Tod auf sich, verstummt vor der von ihm selbst gesprengten Welt. Ihr schwerster Widerstand war ihm das christliche Erbe. Es genügte seinem maßlosen Hunger nach dem Ãoberwirklichen nicht und erschien ihm eng wie jedes Irdische. Mit der Explosion, die Rimbaud in allem Wirklichen und Vererbten entzündete, riß auch das Christentum auseinander. Baudelaire konnte aus seiner Verdammnis noch ein System machen. In Rimbaud wurde sie zum Chaos, schließlich zum Schweigen. Zu dem allem stimmt, daß der Bericht seiner Schwester, er sei gläubig gestorben, sich als fromme Fälschung herausgestellt hat.
     

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