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Philosophen biographisch

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Taine, Hippolyte



»Ich will Philosoph sein«, schreibt der 20jährige T. an einen Jugendfreund und setzt sich damit ein Ziel, das einem hochbegabten Studenten, der gerade die Aufnahmeprüfungen für die »Ecole Normale Superieure« in Paris mit Auszeichnung bestanden hat, meist vor Augen steht. Kein unübhcher Wunsch, denn die Staatsprüfung zum »Agrege« und die Dissertation, die er nach drei Jahren disziplinierten Lernens zu bestehen gedenkt, eröffnen in der Regel eine brillante akademische Karriere, oft gekrönt von der Aufnahme in die »Aca-demie Francaise«. Doch der Weg. der den Philosophen, Literaturhistoriker und -kritiker. den Reiseschnftsteller und Romancier 1878 tatsächlich in die Akademie zu den sogenannten Unsterblichen führt, nimmt gleich zu Beginn einen überraschenden Verlauf. Denn trotz hervorragender Leistungen verweigert ihm 1851 eine Jury orthodoxer Schulphilosophen die »Agrega-tion«. Als dann im Jahr darauf auch die streng deterministisch angelegte Dissertation über die Sinnesempfindungen nicht angenommen wird, ist T.. künftige intellektuelle Leitfigur der Dritten Republik, vorerst in einem sehr alltäglichen Sinne das. was ein Roman des »Fin de Siecle« als hervorstechende Untugend aller von der Philosophie T.s beeinflußten Zeitgenossen polemisch aufs Titelblatt setzt: ein »Entwurzelter«.

      Indes, T. gibt nicht auf. Die Krise, in die der zum Leistungsbewußtsein erzogene Sproß aus nicht allzu bemitteltem Provinzbürgertum mchtsdestotrotz gerät, zeigt eine Persönlichkeit, die sich ungeachtet dauernder psychosomatischer Erkrankungen und finanzieller Nöte der Maxime verpflichtet fühlt, »man verdient mchts ohne anhaltenden Kampf, Anstrengung des Geistes, unaufhörliche Arbeit und ernsthaftes Kalkül.« Was dazu führt, daß in den gut zehn Jahren, die T. als freiberuflicher Lehrer und Mitarbeiter bedeutender Zeitschriften wie dem Journal des Debats zubringt, bevor er endlich 1863 eine Stelle an der Ecole des Beaux Arts erhält, in rascher Folge ganze Serien von Artikeln entstehen, aus denen z.B. die berühmten Essais de critique et d histoire hervorgehen. Wenn die breitgestreute Thematik seiner Studien mitunter den Eindruck der Heterogemtät erweckt — außer der zweiten Dissertation entstehen Essays zur zeitgenössischen Philosophie, zur Ästhetik, zur antiken, mittelalterlichen und modernen Literatur sowie über berühmte Zeitgenossen, Staatsmänner. Histonographen, Psychologen, Physiologen - so darf man hierin eine Folge jenes Karrierebruchs vermuten, der aus dem jungen Philosophen einen »komme de lettres umständehalber« macht. Mithin profiliert sich T.s intellektuelle Biographie auf dem Hintergrund der Geschichte der französischen Intelligenz zwischen Zweitem Kaiserreich und Dritter Republik. Er teilt das Schicksal des aufklärerisch gesonnenen Teils der zeitgenössischen Kultureilte, der, vor allem in den ersten jähren nach dem Staatsstreich Napoleons I

II.

und der Festigung des autoritären Regimes des »Second Empire«, durch eine strikte Zensur, wirksamstes Instrument einer restaurativen Kulturpolitik, in seinen Arbeitsund Artikulationsmöglichkeiten bis hin zum Entzug jeglicher Existenzgrundlage beschnitten wird. Einspruch, ja Widerspruch gegenüber offiziellen Wertvorstellungen durchzieht daher wie ein Leitfaden T.s Denken. Selbst die Entscheidung zur politischen Enthaltsamkeit. «, die insbesondere nach Erscheinen der großen Nationalgeschichte Les orgines de la France coiuemporaine , als frühes Zeugnis seines »Traditionalismus« verstanden wurde, bezieht schlichtweg Stellung gegen die napoleonische Praxis des Stimmenkaufs: »Es gibt keinen Mittelweg zwischen der Unwissenheit eines Bauern, der wählt, wie es sein Vorteil, sprich sein Acker, will und dem umfassenden Wissen eines Philosophen.« Und wenn sich T.s Interesse mit Vorliebe der englischen Kulturgeschichte zuwendet, dann Hefern ihm Le Positivisme Anglais und Historie de la litterature anglaise reichlich Material, die öffentlich sanktionierte Behauptung einer tranzösischen Kulturhegemonie anschaulich zu widerlegen.
      Verrät T.s kritischer Essayismus in der Wahl der Gegenstände einerseits eine sich in der beobachtenden Distanz manifestierende Urteilskraft, so folgt seine Darstellung andererseits dem Gebot der »Einfühlung«. In seinen psvchologisch scharfsichtigen und das historische Detail sicher pointierenden Essays über Samt-Simon und Balzac hat der Kritiker in einer versteckten Selbstcharakteristik das Ziel seines leidenschaftlichen, vor Einseitigkeiten und Ãœbertreibung übrigens nicht zurückschreckenden Engagements genannt: Seine Stilistik, die virtuos alle Register vom Alftagsjargon bis zum Manierismus zieht, soll gegen alle Regeln klassischen Maßhaltens eine Schreibweise hervortreiben, deren »Schroffheit für die Gewaltsamkeit der Wahrheit« bürgt. Die Leser sind also gut vorbereitet, als 1858 Les philosophes francaise du XIX siede erscheint. Was nämlich der Titel als philosophiegeschichtlichen Abriß tarnt, ist nichts weniger als eine Streitschrift, mit der T. mit Renan zum wichtigsten Promotor des Szientismus wird. Wie in seinen historischen Studien hält T. auch hier den Gegenwartsbezug offen. Die Präsentation der Philosophie im nachrevolutionären Frankreich gipfelt in der Abrechnung mit einem »Erziehungsmittel und Werkzeug der Regierung«, sprich dem in Schule und Universität traktierten Eklektizismus Victor Cousins. Eme Abrechnung, die die Polemik nicht scheut, um das Programm einer auf Wissen und Wissenschaft gründenden Erkenntnis darzulegen -und sei es, daß T. das pädagogische Produkt eines sich auf Prinzipien berufenden eklektizistischen Philosophierens als »Hamlet im Kleinformat« karikiert: Die Primaner von 1858, die »ein halbes Jahr lang ... entmutigt, verzweifelt, verbittert und doch das Glück herbeisehnend« stieren Blickes ein Weltsystem suchen und dabei die Worte »Gott, Natur, Menschheit, Ideal. Synthese« zwischen den Zähnen hervorstoßen, landen in den Niederungen zeitgenössischer Amüsierbetriebe wie dem Theater oder an der Börse. Aus den zur metaphysischen Spekulation angehaltenen Zweiflern werden Hedomsten oder Spekulanten. Dank solcher und ähnlich bissiger Pointen gewinnt der Versuch, die Philosophie als unabhängige und strenge Wissenschaft zu definieren, eine Aktualität, die den Autor der Streitschritt tortan ins Zentrum gesellschaftspolitisch motivierter Kontroversen stellt. Wenn Paul Bourget in einem Büdungsroman die erzieherischen Folgen des Szientismus aufs Korn nimmt, dann resümiert sein genereller Immoralismusverdacht letztlich die Einwände, die 30 Jahre zuvor ein alarmierter Klerus gegen eine szientistische Programmatik vorbringt: In Le disciple wird T.s Ansatz als »Wissenschaft um der Wissenschaft willen«, die selbst tödliche Folgen ihrer Experimentierlust in Kauf nimmt, kriminalisiert. Und noch Sartre läßt sich in L idiot de la fanülle zu heftigen Invektiven gegen T.s »Antihumanismus« hinreißen, der ein Wissenschaftsprogramm eingeführt habe, das die sittlich-praktische Dimension ausblende, da es »den Menschen eskamo-tiert.«
Mittelbar trifft der Vorwurf des Existentialisten, »Tarne spreche vom Menschen wie von einem Gegenstand«, die epistemologischen Vorgaben, die das Hauptwerk De Lintelligente im Zusammenschluß der Philosophie mit den zeitgenössischen Erfahrungswissenschaften festschreibt — ein »Wechsel des Gesichtspunkts«, der eine Autwertung der philosophischen Vorgehensweise zur Wissen-schaftspropädeutik der säences de t homme zur Folge hat insofern er die Frage nach der »Methode«, und damit die einer zielgerichteten Anleitung des Verstandes durch Beobachtung und Analyse, in den Vordergrund rückt. Der methodischen Orientierung entsprechend schließt T. mit dem Vorsatz, wie ein »Phvsiologe oder Pathologe« Fakten, also aus Beobachtung und Experiment erhellende Tatsachen und Ereignisse, zu verknüpfen anstatt »die Frage der Substanzen zu studieren«, eine transzendentale Problematik von vornherein aus. Seine Theorie der Erkenntnis ordnet sich vielmehr wie bei Condillac, aut den er sich in der Abhandlung mehrfach beruft, ausgehend von der externen Beobachtung solcher Phänomene wie Empfindung und Erinnerung von außen, um die physiologischen Grundlagen mentaler Operationen freizulegen wie z.B. Sinnesdaten, aus denen sich das »sichtbare Ich« elementar zusammensetzt. Nicht zuletzt die erfahrungswisscnschatfliche Ausrichtung der Abhandlung Ãœber den I erstand, die die neuesten Ergebnisse der Psychophysiologie, Neurologie, physiologischer Optik, Sprachwissenschatt und Aphasieforschung verarbeitet, trägt zur raschen Popularität des Buches bei: Es führt den Leser an die Stätten aufsehenerregender Experimente - Charcots Station an der Salpetriere »und das Amphitheater des Vivisektionssaals« - oder ins Labor, wo er Claude Bernard beim Sezieren oder Helmholtz beim Aufbau einer technischen Apparatur über die Schulter blicken kann. Weniger die Verschiebung von der Logik zur experimentellen Psychologie der Erkenntnis, die T. in der Formel vom »Bewußtsem als Halluzination« verdichtet, als vielmehr die aut Mill zurückgehende Annahme, daß jede Erkenntnisoperation. gleich ob als Satzaussage oder mathematisches Kalkül, eine Verallgemeinerung aus der Erfahrung sei. ruft eine Kritik auf den Plan, die Bergson dann einschlägig unterm Stichwort des »psychophysiologischen Parallelismus« zusammenfassen wird. Sem Versuch, die von T. bei der Genese der Erkenntnis unterstellte Verbindung von Nervenreizen und Gedanken zu widerlegen, weist nun paradoxerweise mcht allein auf das Skandalon einer empirischphysiologischen Fundierung des Erkennens. sondern trifft implizit deren spekulative Seite, die in der Ãœberzeugung von emer alle Erscheinungen determinierenden Gesetz-mäßigkeit zutage tritt. Und in der Tat: an der Naturphilosophie und den mechanistischen Parametern der zeitgenössischen Naturwissenschaften findet T., in dem die Freunde ohnehin einen verkappten Romantiker sahen, seine konzeptuelle Grenze. Nietzsche indessen, der sich mit seinem Leser und Verehrer T. soweit identifiziert, daß er dessen Kritikern ein Mißverstehen auch seiner »Aufgabe« unterstellt, würdigt den Ãœberwinder eines bewußtseinsphilosophischen Paradigmas und Vordenker einer biologischen Kognitionstheone immerhin als »den Erzieher aller ernsteren wissenschaftlichen Charaktere Frankreichs.«
Leger. Francois: La jeunesse d Hippolyte Taine. Paris 1980. Evans. Colin: Taine. Essai de biographie interieure. Paris 1975. Weinstein. Leo: Tarne. New York 1972.
     


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Taine,  Hippolyte    





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