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Philosophen biographisch

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Sextus Empiricus



»Für diejenigen, die sich der Untersuchung irgendeines Gegenstandes widmen, ist es natürlich, daß sie am Ende das Gesuchte finden, oder daß sie behaupten, das Gesuchte sei nicht auffindbar und seine Unerkennbarkeit eingestehen, oder aber, daß sie ihre Untersuchung fortsetzen.« Mit diesem Satz beginnt S., über dessen äußere Lebensumstände nichts bekannt ist und dessen Beiname lediglich seine Zugehörigkeit zur empirischen Arzteschule bezeichnet, seine Grundzüge des Pyrrhonismus. der einzigen überlieferten Summe der skeptischen Philosophie pyrrhomscher Prägung. »Daher sieht man leicht ein, daß es offenbar drei philosophische Hauptrichtungen gibt: die dogmatische , die akademische und die skeptische.« S. widmet sein Werk der Widerlegung der beiden ersten Richtungen und der Apologie des Skeptizismus, wobei er nicht nur die von den drei traditionellen Disziplinen der Philosophie - Logik, Physik und Ethik - erhobenen Ansprüche systematisch verwirft, sondern in seiner »negativen Enzyklopädie des Wissens« auch zu einem vernichtenden Schlag gegen die sogenannten zyklischen, das heißt nicht-philosophischen Wissenschaften Grammatik. Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astrologie und Musiktheorie ausholt.

      Die theoretischen Grundlagen des Skeptizismus werden im ersten Buch der Hypoty-posen gelegt: Sein Hauptmerkmal ist die Gegenüberstellung einander widersprechender sinnlicher oder geistiger Eindrücke, die aufgrund ihrer gleichen Stärke oder Gültigkeit zur völligen Urteilsenthaltung führen müssen. Im Gegensatz zum Stoiker erkennt der Skeptiker kein Kriterium an. das ihm die theoretische Wahrheitserkenntnis erlaubte: dennoch teilt er auch die Auffassung des Akademikers nicht, daß in letzter Konsequenz jegliches Handeln im praktischen Leben unmöglich sei. Die zur Urteilsenthaltung führende Methode hegt in den sogenannten skeptischen Wendungen begründet, die allesamt die Relativität der Sinneswahrnehmungen und die Unmöglichkeit der Beweisführung - und somit der gesicherten Erkenntnis -zum Inhalt haben. Die skeptische Haltung beruht auf der Hoffnung, daß man mit ihrer Hilfe zur seelischen Unerschüttertheit hinsichtlich der von unserer Einschätzung abhängigen Dinge und zum maßvollen Empfinden gegenüber dem Unausweichlichen gelangen könne. Von Bedeutung ist, daß der Skeptiker also keineswegs das -Glück«. sondern vielmehr einen nur negativ definierbaren, aus der Betreiung von Sorgen und Autregungen erwachsenen, illusions- und erwartungslosen Ruhezustand anstrebt. Dieser antimetaphysische Minimalismus entspricht einem Zug der Zeit: Für einen Großteil der denkenden und fühlenden Menschen innerhalb der griechischsprechenden Welt waren seit dem Hellenismus das Leben und die Existenz so fragwürdig geworden, daß sie die Frage nach dem Glück nicht einmal mehr zu stellen wagten.
      S. Werk war während des Mittelalters nahezu unbekannt; erst nachdem Henri Estienne im Jahre 1562 die erste lateinische Ãobersetzung der Hypotyposen veröffentlicht hatte, sollte sein Denken wieder Eingang in die europäische Philosophie finden. Sein berühmtester geistiger Nachtahre ist zweifellos Montaigne: gegen diesen, und also gegen S: bezeichnet Pascal das »pvrrhonische Kesseltreiben« als »zweifelhafte Zweitel-haftigkeit« und »fragwürdiges Dunkel«. Rabelais verspottet die skeptische »epoche« in einem grotesken Dialog über Wert und Unwert der Heirat, während Descartes im hyperbolischen Skeptizismus, der ihm die erste Gewißheit liefert, den Ausgangspunkt seiner Philosophie findet.
      Popkin. Richard Henry: The History of Scepticism from Erasmus to Spinoza. Berkeley Ca. 1979. Goedeckenmeyer. Albert: Die Geschichte des griechischen Skeptizismus. Leipzig 1905.
      Luc Deitz


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