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Sartre, Jean-Paul



19 April 1980: Spontan begleiten 50000 Menschen S.s Sarg zum Friedhof Montparnasse. Wochenlang beschäftigen sich Presse, Rundfunk und Fernsehen in Frankreich mit seinem Leben und Werk. Man nimmt Abschied von einer Epoche, die durch S.s Denken und Engagement geprägt war. »Schon jetzt fehlt uns seine Wachsamkeit«, schreibt eine Zeitung. Der entscheidende Impuls für S. und seine Generation, deren Kindheit vom Ersten Weltkrieg bestimmt war, ist das Unbehagen am herrschenden Neukantianismus, den S. als »Verdauungsphilosophie« bezeichnet: Die konkrete historische Welt wird von dieser Philosophie geschluckt und als abstrakter Begriff wieder ausgespuckt. Dagegen sucht diese Generation nach einem Denken, das weder die Sinnlichkeit und Tragik menschlicher Existenz noch das erdrückende Gewicht historischer Ereignisse und gesellschaftlicher Zustände in seiner Begrifflichkeit eskamotiert. Erste Anstöße zu einer Neuorientierung geben Kierkegaard. Husserl und später Hegel. 1929 beendet S. sein Philosophiestudium an der Ecole Normale Supe-rieure und unterrichtet, mit Unterbrechungen, von 1931 bis 1944 an verschiedenen Gymnasien. Im Jahr seines Abschlußexamens macht er die Bekanntschaft Simone de Beauvoirs, mit der er eine lebenslange unkonventionelle Partnerschaft eingeht, die für viele zum Vorbild wird. Die Suche nach einer konkreten Darstellung der Welt läßt ihn zwischen Literatur und Philosophie schwanken. In seinem ersten Roman. La nausee , versucht er beide miteinander zu verbinden: Roquentin. der Ich-Erzähler, beginnt ein Tagebuch, um sich über den merkwürdigen Ekel klarzuwerden, der ihn plötzlich gepackt hat: Es ist der Ekel vor der Kontingenz und Sinnleere der bloßen Existenz. Das pure Vorhandensein der Dinge und Lebewesen, der Menschen und ihrer Körper - auch des eigenen Körpers -, der Stadt mit ihren gesellschaftlichen Konventionen wirkt rein zufällig und überflüssig, obwohl sie alle mit ihrer materiellen Anwesenheit den ganzen Raum einnehmen und uns ihren Widerstand entgegensetzen. Zwar läßt sich diese erdrückende Anwesenheit erklären und mit Wörtern benennen, doch wird damit ihre Kontingenz und Sinnleere nicht aufgehoben. Der Eindruck, daß die Sprache — namentlich die vorgeblich Wissen vermittelnde Sprache - menschliches Dasein nicht zu erfassen vermag, führt schließlich dazu, daß Roquentin seine historischen Studien über das abenteuerliche Leben eines Marquis des 18. Jahrhunderts abbricht. Roquentin hat ein einziges Erlebnis, das nicht vom Ekel begleitet wird, weil sich bei ihm jedes Element sinnvoll auf alle anderen bezieht und damit die Zufälligkeit des Existierenden nicht in Erscheinung tritt: das wiederholte Anhören einer Jazz-Platte. So bricht Roquentin auf mit dem Entschluß, etwas Ähnliches zu schaffen. Um den Entschluß, der Kontingenz konkreter Situationen durch Handlungsentscheidun-gen einen Sinn zu geben, deren Folgen gleichwohl unvorhersehbar sind, geht es in S.s Erzählungsband Le mur . So sehr diese Erzählungen, ebenso wie die Theaterstücke und Romane, von seiner Philosophie geprägt sind, so sind es doch niemals Thesenstücke, weil es ihm in suggestiver Weise gelingt, das Gewicht und die Unvorhersehbarkeit der Situationen, in die seine Personen geworfen sind, spürbar zu machen. Nach diesen Erzählungen schreibt er sein erstes philosophisches Werk: Litnaginaire : »In diesem Buch versuchte ich zu zeigen, daß Vorstellungen keine neuerweckten oder vom Verstand bearbeiteten Empfindungen und auch keine vom Wissen veränderten und verminderten früheren Wahrnehmungen sind, sondern etwas ganz anderes: eine abwesende Realität, die sich gerade eben in ihrer Abwesenheit in dem kundtut, was ich ein Analogon genannt habe, das heißt in einem Objekt, das als Analogieträger dient und von einer Intention durchdrungen wird.«

Im September 1939 wird S. eingezogen und gerät am 21. Juni 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Erfahrung des Krieges und die davon geprägte Lektüre von Heideggers Sein und Zeit sollten sein weiteres Leben und Denken nachhaltig beeinflussen. So bildet er nach Heideggers Begriff »Sein zum Tode« den Begriff »Sein zum Kriege.« Schon diese Neubildung zeigt, daß S. den zeitlosen Heideggerschen Begriffen eine moralisch-politische Bedeutung gibt. Während sich Heidegger dem Nationalsozialismus verschrieben hatte, engagierte sich S. seit seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft für die radikale Linke. Aus S.s Lettres au Castor geht hervor, daß er in dieser Zeit, neben der Arbeit am Roman Lage de raison , mit der Niederschrift seines philosophischen Hauptwerks L etre et le neant sich nicht mit sich selbst identisch ist. sondern »das ist. was es nicht ist. und mcht das, was es ist«. Die Einklammerung des »von« soll verdeutlichen, daß es sich hier nicht um ein Bewußtsein handelt, das sein »sich« zum Gegenstand hat. sondern daß Bewußtsein und »sich« identisch sind, also Sich-Bewußtsem. Doch nicht-identisch ist dieses Bewußtsein sich oder Sich-Bewußtsein mit seinem Sein, weil es ja durch sein Für-sich-sein für sich selbst in Frage steht, weil ihm mit seiner bloßen Existenz nicht das mit sich selbst identische Wesen des An-sich-seins der nichtmenschlichen Dinge und Lebewesen gegeben ist. Genau das will die gängige existentiahstische Formel sagen: »Die Existenz geht dem Wesen voraus.« Das nicht mit sich identische Für-sich-sein schafft also eine Lücke im sonst lückenlosen mit sich identischen Sem des An-sich. Durch diese Lücke im Sein kommt Nichts oder, anders übersetzt, Nicht-sein ins Sein, und das faßt der Titel Das Sein und das Xichts zusammen, den man auch mit »Das An-sich und das Für-sich« wiedergeben könnte. Diese Lücke im Sein, oder dieses Nicht-sein des Für-sich. ist jedoch ein »Rut nach Sem«, d.h.. sie will sich mit Sein ausfüllen. Weniger terminologisch ausgedrückt: Da der Mensch als emziges Sein sich seiner Existenz bewußt ist und diese für ihn daher in Frage steht, ist er gezwungen, sich das Wesen, das er dieser Existenz verleihen will, durch sein Lebenje erst zu schaffen. Doch so sehr auch dieser »Ruf nach Sein« anhält, solange er lebt, so wenig kann es ihm je gelingen, zur mit sich selbst identischen Seinsweise des An-sich zu gelangen, weil ja sein Bewußtsein sich erst mit demTod endet. Deshalb bleibt er für immer dazu verurteilt, sich in die Welt des An-sich hinein zu »entwerfen«, sich zu »wählen«, ohne daß sein »Entwurf«, seine »Wahl« je etwas Abgeschlossenes, Endgültiges, eben Mit-sich-selbst-Identisches erlangen können. Er bleibt »zur Freiheit verurteilt«, aber seine Freiheit wird immer nur die Bewegung des Entwurfs, der Wahl auf sie hin sein. Diese Ungewißheit seiner Existenz ist Ursache für das grundlegende Gefühl der »Verlassenheit«, der »Angst«. Und diese Angst verleitet den Menschen oft dazu, daß er sein im Sein »nichtendes« Für-sich-sein vor sich selbst verleugnet und sich vormacht, nach der Seinsweise des An-sich zu existieren. Sein Für-sich spielt dann die Rolle eines An-sich und befindet sich damit im Zustand der »Unaufrichtigkeit« . Erst wenn er sich darauf besinnt, daß er sich sein Wesen unablässig selbst zu wählen und dafür Verantwortung zu tragen hat, ohne daß die Aussicht besteht, diese Wahl könne ihn je zur Seinsweise des An-sich gelangen lassen, befindet er sich im Zustand der »Authentizität«.
      Ihren dramatischen, ja in beide Richtungen bedrohlichen und gefährlichen Charakter erhält die Seinsweise des Für-sich jedoch — und darin unterscheidet sich S.s Philosophie grundlegend von der Heideggers - durch die Existenz anderer Menschen, anderer Für-sich: Wenn sich mehrere Für-sich begegnen, dann können sie aufgrund ihrer Seinsweise einander nur negieren, weil sie ja nur im Sem nichten können. Also versucht jeder jeden als ein zu nichtendes An-sich wahrzunehmen. Das geschieht durch den Bhck des anderen: Dadurch, daß der andere mich, der ich mich selbst nicht sehen kann, anbhckt, versteinert er mich zu einem An-sich. das ich mcht sein kann, so wie auch ich ihn durch meinen Blick zu einem An-sich versteinere, das er nicht sein kann. Demnach ist die primäre Beziehung der Menschen untereinander die agonistische Beziehung von einander versteinernden Medusenblicken. Diesen Zustand illustriert S. 1944 in seinem Theaterstück Huis dos , in dem die Protagonisten zu der Erkenntnis gelangen: »Die Hölle, das sind die anderen.« Die versteinernde Fähigkeit erhält der Bhck des anderen durch das An-sich-sein meines Körpers, der zur Kontingenz meiner Existenz gehört, da ich ihn mir ja nicht habe wählen können. Durch diese kontingente Körperlichkeit erfahren die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Sexualität eine weitere Dramatisierung: Denn gerade in seinem Körper will ich mir den anderen aneignen, um den Skandal eines mich nichtenden Für-sich aus der Welt zu schaffen. Zerstöre ich jedoch das Für-sich des anderen, dann eigne ich mir einen toten Körper an, lasse ich mir vom anderen mein eigenes Für-sich zerstören, dann eignet er sich einen toten Körper an. Daher sind sexuelle Beziehungen von einem Wechsel zwischen sadistischen und masochistischen Verhaltensweisen geprägt. Erst durch ein gemeinsames Streben nach Authentizität, bei dem jedes Für-sich dem anderen Für-sich teilweise und zeitweise Raum gibt, wird ein freies Miteinander der Menschen möglich.
      Aus alldem ergibt sich, daß die von der Erfahrung des Krieges geprägte Illusionslo-sigkcit des Sartreschen Denkens zu strengen moralischen Konsequenzen führt, die dem Menschen absolute Verantwortlichkeit aufbürden, ihn aber dadurch auch zu unablässiger Kreativität anstiften. So schließt S. sein Werk mit »moralischen Perspektiven«: »Die wesentliche Konsequenz unserer vorangehenden Ausführungen ist, daß der Mensch,dazu verurteilt, irei zu sein, das Gewicht der gesamten Welt auf seinen Schultern trägt: er ist für die Welt und für sich selbst als Seinsweise verantwortlich. Wir nehmen das Wort Verantwortlichkeit< in seinem banalen Sinn von >Bewußtsein , der unbestreitbare Urheber eines Ereignisses oder eines Gegenstands zu seinüberzählig< ist, deshalb verhungert, getötet wird oder eine Minderheit ernähren muß. Diese Ãœberzähligen erleben ihr Leben als Unmöglichkeit des Lebens. Da aber diese Unmöglichkeit unmöglich ist, werden sie immer wieder dazu getrieben, freie Pläne zur Veränderung ihrer Umwelt zu machen. Das ist jedoch erst in der »Gruppe« möglich, denn nur wenn sie ihre potentielle Freiheit mit der Freiheit der ebenso Bedrohten multiplizieren, können sie den Kollektiven entkommen, in denen sie als austauschbare Sericnmitglie-der Gegenstand der Praxis anderer sind. So wie die Praxis ganz allgemein die Trägheit ihrer Instrumente benutzt, um auf die Trägheit der Umwelt einzuwirken, so benutzt die Gruppe die Zahl ihrer Mitglieder als Instrument, um sich von der Herrschaft der Zahl des Kollektivs als bloßer Austauschbarkeit zu befreien. Aus austauschbaren Anderen werden Gleiche. Aber die Furcht, daß die Gruppe zerfallen und damit die gerade errungene Freiheit verHeren könnte, führt dazu, daß sie sich selbst mit Trägheitaffiziert: Treueid, Terror-Brüderlichkeit, Arbeitsteilung. Funktion, Institution, Hierarchie sind die Stuten dieser Selbsterhaltung der Gruppe, die ihre Freiheit schließlich auf ein einzelnes Individuum überträgt. Der Versuch jedoch, die Gruppe zu einem individuellen Organismus zu machen, scheitert an der Unüberschreitbarkeit der individuellen Praxis und läßt sie in den Status der Serie zurückfallen. Ebenso wie auf der psychischen Ebene von L etre et le neant muß auch auf der sozio-historischen Ebene die Freiheit immer wieder ihrer Entfremdung abgerungen werden. Wie dort ist sie nur in der Bewegung auf sie hin zu erreichen: die globale permanente Revolution.
      In ganz anderer Form schlägt sich S.s politische Erfahrung in seinen Kindheitserinnerungen nieder, die er 1963 unter dem Titel Les mots veröffentlicht. Er schildert hier sein bisheriges Schriftstellerdasein als eine Neurose, in der reale Dinge mit Wörtern verwechselt werden. S. lehnt 1964 die Annahme des Nobelpreises für Literatur als Vereinnahmungsmanöver ab; 1967 übernimmt er den Vorsitz des Russell-Tribunals gegen die Kriegsverbrechen der USA im Vietnamkrieg: von 1968 an beteiligt er sich aktiv an der linksradikalen Protestbewegung und übernimmt die Herausgabe strafrechtlich verfolgter linksradikaler Zeitschriften wie La cause du peuple. die er selbst auf der Straße verteilt. 1973 gründet er die Zeitung Liberation.
      Sein letztes und umfangreichstes Werk erscheint 1971 72: Lidiot de la famille. Gustave Flaubert 1821 ä 1857 . Am Ende von L etre et le neant hatte S. eine existentielle Psychoanalyse entworfen, die an konkreten Beispielen die existentielle Dialektik von Determiniertheit und Wahl darlegt: sie soll aufzeigen, wie ein Individuum seine Determiniertheit überwindet, indem es sie annimmt und sich dadurch zu dem macht, was es ist. S. hatte das später an den Beispielen Baudelaire , Xlallarme . Genet und Tintoretto vorgeführt, bevor er sich an seine monumentale Studie über Flaubert machte, der ihn sein Leben lang beschäftigte.
      Dieses Werk ist eine angewandte Summe seiner Philosophie: S. selbst betrachtet es sowohl als Fortsetzung von L imaginaire wie der Critique de la raison dialectique. Er versucht hier die Entsprechung von individuellem und kollektivem Entwurf einer ganzen Epoche nachzuweisen, die Entsprechung von dem, was er subjektive und objektive Neurose nennt. Die subjektive Neurose Flauberts besteht darin, daß er in seinem Leben und Werk wie entweichendes Gas ins Imaginäre hinausstrebt, daß Flaubert die verhaßte Realität nur benutzt, um deren Nichtigkeit aufzudecken. Der Erfolg seiner Bücher hegt darin begründet, daß auch die Leser vor der Realität ins Imaginäre fliehen, indem sie die gesellschaftliche Lüge des Zweiten Kaiserreichs leben. Doch gerade in solcher Flucht ins Imaginäre ist das ganze Gewicht der Realität mit ihrem unverwechselbaren Geschmack gewissermaßen in Hohlform vorhanden. Dieses letzte Werk S.s ist sicher eine der größten Herausforderungen für den Strukturalismus, der mit seinem radikalen Paradigma Wechsel den Existentialismus in den 60er Jahren ablöst und als Irrweg angreift: Es bleibt zu fragen, ob das Denken von S. die Positionen des Strukturalismus nicht implizit als Untersuchung des Praktisch-Inerten integriert, als Stadium der analytischen Vernunft in semer Dialektik überschreitet und im Hegel-schen Doppclsinn »aufhebt«.

     


Sartre, jean-paul

Jean-Paul Sartre ist die Galionsfigur des philosophischen Existenzialismus und zugleich gemeinsam mit Albert -»Camus als Dramatiker, Romancier und Essayist dessen Repräsentant innerhalb der Literatur. Als Schüler zweier Pariser Elitegymnasien und Student an der Ecole normale superieure durchlief Sa .....
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