Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Philosophen biographisch

Index
» Autoren
» Philosophen biographisch
» Saint-Simon, Claude Henri de

Saint-Simon, Claude Henri de



»Steht auf. Herr Graf, große Taten warten auf Euch«, mit diesen Worten ließ sich schon der 15jährige S.-S. allmorgendlich von seinem Kammerdiener wecken. Große Taten im konkreten Sinne hat der Graf allerdings nicht vollbracht, sondern statt dessen mit mächtiger Imaginationskraft große Entwürfe und Utopien mit dem Ziel der Veränderung der gesellschaftlichen und wirtschattlichen Lebensbedingungen vorgelegt, die ihn zu einem »der Utopisten des Industriezeitalters« und zu einem Vorläufer des Sozialismus haben werden lassen. Utopische Pläne verfolgte schon der junge S.-S. - In Amerika - er nahm als Offizier des französischen Expeditionskorps am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teil — schlägt er dem Vizekönig von Mexiko den Bau eines Kanals zwischen Atlantik und Pazifik vor. Nach Europa zurückgekehrt, versucht er den Spamern den Bau eines Kanals von Madrid zur Küste schmackhaft zu machen. Alles, was groß und phantastisch ist, zieht ihn an. So träumt er von einer Bank mit gewaltiger Kapitalkraft, die menschheitsbeglückende Projekte finanzieren soll. Mit den politisch-gesellschattlichen Zielen der Revolution von 1789 — Abschaffung aller Standesprivilegien — svmpathisiert er zwar, doch verzichtet er auf aktive politische Mitarbeit und profitiert statt dessen von den wirtschaftlichen Folgen der Revolution: als Käufer enteigneter Kirchengüter gelangt er durch Bodenspekulationen zu immensem Reichtum - und verschwendet diesen wieder in wenigen Jahren in einem Leben als Grand-Seigneur und Förderer von Kunst und Wissenschaft. Im Jahre 1805 steht er vor dem finanziellen Rum. In den folgenden zwanzig Jahren - durchweg in größter Armut, immer auf der Suche nach einem Mäzen - verfaßt er seine Schritten. Am Anfang der philosophisch-gesellschaftlichen Werke S.-S.s steht eine politische Utopie: die Forderung nach einer europäischen Konföderation mit europäischem Parlament, das über die allen Europäern gemeinsamen Interessen verbindlich entscheiden solle. Zu der Einheit Europas sollen England und Frankreich, da sie schon parlamentarische Regierungsformen besäßen, den ersten Schritt tun. Ein noch zu vereinigendes Deutschland solle sich diesem neuen Europa anschließen; und unterstünden diese drei Nationen erst einmal einem gemeinsamen Parlament, dann würden sich die anstehenden Probleme Europas unschwer lösen lassen . Eine politische Utopie, gewiß. Doch bedenkt man, daß, als S.-S. seine Vorstellungen von einer europäischen Einheit verkündete, die Nationen Europas im Gefolge der Französischen Revolution bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten im Krieg miteinander lagen, dann erscheint S.-S.s Traum geradezu als eine politische Notwendigkeit. Doch nicht mit seinen politischen Entwürfen, so aktuell sie uns heute auch anmuten, sondern mit seiner Utopie einer neuen Gesellschaftsordnung, die man, vereinfacht gesagt, als Theorie der technokratischen Gesellschaft kennzeichnen könnte, hat S.-S. dank der Propaganda seiner Jünger im 19. Jahrhundert Einfluß und Bedeutung gewonnen.

      Grundprinzip der neuen Gesellschaft ist die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder durch die Produktion nützlicher Güter. Alle verfügbaren Kräfte werden auf die Steigerung der Produktion mit dem Ziel, den Wohlstand aller zu vermehren, ausgerichtet . Eine primär ökonomische und weniger eine politische Ideologie ist also die staatstragende Idee in S.-S.s Gemeinwesen. Wenn der Produktion das größte Gewicht in der neuen Gesellschaft beigemessen wird, dann ist es für ihn nur konsequent, daß den Produzenten der Güter auch die Macht im Staate übertragen werden muß und daß der Rang, den der einzelne innerhalb der Gesellschaft einnimmt, bestimmt wird von dem Gewicht seines produktiven gesellschaftlichen Beitrags. Das Prinzip der Verteilung »Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Leistungen« wurde von S.-S.s Schülern formuliert. - Die neue Gesellschaft ist also keine demokratische, sondern eine hierarchisch geordnete Geseüschaft mit einer aristokratischen Führungsgruppe. Aristokratisch jedoch nicht in dem überlebten Sinne der Herrschaft einer müßiggängerischen Feudalschicht, gleich ob adeliger oder bürgerlicher Herkunft, sondern aristokratisch in dem Sinne der Herrschaft der produktiven Klasse über alle anderen Klassen. »La classe industrielle« nennt S.-S. diese neue führende Klasse und die Herrschaft, die sie ausübt, ganz entsprechend »le regime industriel« . Der »Industrielle« ist für S.-S. nicht nur der Unternehmer im heutigen Wortverstande. Den »Industriellen« definiert er vielmehr als »einen Menschen, der arbeitet, um zu produzieren oder um den verschiedenen Mitgliedern der Gesellschaft eine oder auch mehrere materielle Möglichkeiten anzubieten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen« . In diesem Sinne gehören Bauern und Handwerker, Kaufleute und Matrosen, Fabrikanten und Bankiers und auch die »Proletarier« zu den Industrieilen, wobei allerdings die Unternehmer die »chefs naturels« der Arbeiterschaft sein sollen. Daß die marxistische Kritik die Vorstellung von einer einzigen und geschlossenen arbeitenden Klasse als »utopisch« und als »Geblendetsein durch junges industrielles Up to date« ablehnen mußte, hegt auf der Hand. Innerhalb der als »Corporation« strukturierten »classe industrielle« nehmen die Bankiers als Verwalter des modernen Wirtschaftslebens den ersten Platz ein. da sie neben ihren eigenen Interessen das Allgemeininteresse aller »Industrieis« am stärksten berücksichtigen. S.-S.s neue Gesellschaft beruht neben dem ökonomisch-produktiven Prinzip auf der Vorstellung der Ungleichheit der Menschen, die allerdings ausschließlich durch deren unterschiedliche Fähigkeiten bedingt ist. Er beruft sich mit dieser Vorstellung u.a. auf die sogenannten »Ideologues« des 18. Jahrhunderts, etwa Condorcet. Gemäß diesem Grundsatz der angeborenen unterschiedlichen Begabungen propagiert er eine Dreiteilung der Gesellschaft in Industrielle. Wissenschaftler und Künstler, wobei die letzten beiden Korporationen immer der ersten unterstellt bleiben. Aufgabe der Wissenschaftler sei es, den »pouvoir spirituel« auszuüben, d.h. vor allem, die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Produktionssteigcrung zu schatten. Eine nicht minder dienende Funktion haben die Künstler: sie sind die Propagandisten der Zukunftsvisionen der neuen Gesellschaft.
      Am Ende seines Lebens sucht S.-S. die Härten seines rationalistisch-ökonomischen Gesellschaftsmodells mit Hilfe der ReUgion zu entschärfen. Kernpunkte des neuen Christentums . das er verkündet, sind die Gebote der Friedfertigkeit und der Brüderlichkeit im Umgang mit den Ärmsten und die Abkehr von allem Aberglauben. Als Soldat unter General Washington und als Nachfahre Karls des Großen pflegte S.-S. sich gerne vorzustellen. Und genau so widersprüchlich wie dieses zweifache Rollenspiel. sowohl dem Alten als auch dem Neuen verhaftet, ist auch seine Gedankenwelt. Sein Traum vom allgemeinen Wohlstand durch Steigerung der Industrieproduktion weist in die Zukunft, sein Bild von der neuen Gesellschaft aber zurück in die Vergangenheit. »Das sind alles nur Kleingeister aus dem Mittelalter« - so urteilt Gustave Flaubert abschätzig über Charles Founer und S.-S. Gerechter erscheint die Beurteilung, die er bei Ernst Bloch findet: Eine »Haß-Liebe zur Feudalität« zeichne S.-S. vor allem aus.
      Bedarida. Francois Bruhat.Jean Droz. Jacques: Der utopische Sozialismus bis 1S48. Berlin
1974-Fehlbaum. Rolf Peter: Samt-Simon und die Samt-Simomsten. Vom Laissez-Faire zut Wirt-schattsplanung. Basel. Tübingen 1970.

      Hans Feiten


Alain-fournier, henri

frz. Schriftsteller_________ *3.10.1886 La Chapelle d Angillon bei Bourges________ 122.9.1914Saint-Remy bei LesEparges_____________ n Der große Meaulnes, 1913 Henri Alain-Fournier gelangte durch seinen einzigen vollendeten, unter dem Einfluss des Symbolismus entstandenen Roman Der große Meoiv/n .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Cueni, claude

Pseud. für: Marcel Schwarz Biografie: 13.1.1956 in Basel. C. Cueni brach seine Schulausbildung ab und reiste per Anhalter durch Europa. Zwischen 1974 und 1982 nahm er immer wieder Gelegenheitsarbeiten an, die stets auch zur Stoffbeschaffung für seine schriftstellerische Arbeit dienten. So war er unt .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachigen Krimi-Autoren

Presentifier - representer. pedantische und unzuverlässige ecriture. zu claude simon: l invitation (i987)

Retrospektiv, im Vergleich mit der älteren Programmatik des Nouveau Roman1, namentlich von Robbe-Grillet, und eigenen Positionen in Einzelwerken vor 1987, werden Claude Simons Textqualitäten der achtziger Jahren solider zu bestimmen sein als im punktuellen und darum fast beliebigen Austausch mit gle .....
[ mehr ]
Index » Klassiker der Gegenwart

Die stillen im lande - johann heinrich jung: henrich stillings jugend

Entstehung Johann Heinrich Jung , der seine I.ebensgeschichte unter dem Pseudonym Henrich Stilling veröffentlichte, kam 1770 nach Straßburg, um dort Medizin zu studieren. Im Kreise der Tischgesellschaft bei Johann Daniel Salzmann wurde er mit Goethe bekannt, der im neunten Buch von Dichtung und Wah .....
[ mehr ]
Index » Sturm und Drang Epoche » Lyrik

Vigee, claude

Winterweiden Melchinger, Christa. In: Frankfurter Anthologie 11, 1988, S. 199-202. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

Simon, claude

Claude Simon gilt als einer der letzten großen Vertreter der klassischen Moderne der europäischen Literatur. In seinem ca. 20 Romane umfassenden Werk setzt er sich mit dem Problem der Wahrnehmung und der sprachlichen Gestaltung von Wirklichkeit auseinander. Wiederkehrende Themen und Motive sind Kri .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Murger, henri

Das Hauptverdienst des Schriftstellers Flenri Murger besteht in der detaillierten Darstellung der zeitgenössischen Pariser Künstlerwelt. Seine Geschichten und Beschreibungen prägten das bürgerliche Geschmacksideal um die Mitte des 19. Jahrhunderts und wurden zum Ausgangspunkt der so genannten Boheme .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Levi-strauss, claude

Claude Levi-Strauss, ein führender Vertreter der sozialen Anthropologie, wurde durch seine Anwendung des damals in der Linguistik verbreiteten strukturalistischen Ansatzes auf sozialwissenschaftliche Wissensgebiete ab den 1960er Jahren zu einer der einflussreichsten, wenn auch umstrittensten Persönl .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Ibsen, henrik

Henrik Ibsen, der Wegbereiter des Naturalismus in Skandinavien und Deutschland, begründete 1877 mit dem Drama Stützen der Gesellschaft die neue Gattung des Gesellschaftsstücks, das mit radikaler Kritik an den sozialen Verhältnissen der Zeit den Beginn des modernen Dramas markiert. In seiner ersten S .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Bergson henri

Henri Bergson brach in seinen Schriften mit den Denkmustern des 19. Jahrhunderts - insbesondere dem Positivismus - und widmete sich vor allem den unmittelbar gegebenen Tatsachen des physischen und psychischen Lebens, wie etwa der subjektiven Zeit . Dem Sohn eines jüdisch-polnischen Vaters und einer .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Henricks, paul

Pseud. für: Edward Hoop Biografie: *19.5.1 in Rendsburg-Büdelsdorf. P. Henricks studierte in Kiel Geschichte und Deutsch, promovierte in Geschichte und war seit 1952 im Schuldienst. Er arbeitete als Studiendirektor und Kommunalpolitiker und übte acht Jahre lang das Amt des Bürgervorstehers in seine .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachigen Krimi-Autoren

 Tags:
Saint-Simon,  Claude  Henri  de    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com