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Philosophen biographisch

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Riehl, Alois



R. wurde als Sohn eines Gastwirts geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Geographie war er zunächst als Gymnasiallehrer tätig. 1870 schrieb er, noch ganz in den Denkbahnen Johann Friedrich Herbarts, seine erste philosophische Untersuchung Realistische Grundzüge und habilitierte sich an der Universität Graz, an der er 1873 außerordentlicher und 1878 ordentlicher Professor wurde. In der 1872 veröffentlichten Schrift Ãober Begriff und Form der Philosophie kündigt sich bereits der Ãobergang zu Kant an, dessen Kritik R. nunmehr als die unaufgebbare Grundlage einer wissenschaftlichen Erkenntnistheorie gilt. Ausdrücklich vollzogen wird diese Hinwendung zu Kant in R.s philosphischem Hauptwerk, Der philosophische Kritizismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft, das in drei Bänden zwischen 1876 und 1887 erschien und wie folgt aufgebaut ist: Band I behandelt die »Geschichte des philosophischen Kritizismus«, Band II »Die sinnlichen und logischen Grundlagen der Erkenntnis« und Band III ist überschrieben »Zur Wissenschaftstheorie und Metaphysik«. 1883 wurde R. Nachfolger Wilhelm Windelbands in Freiburg. Zu Heinrich Ricken, dem anderen Neukantianer vor Ort, entspann sich ein freundschaftliches Verhältnis. Aufgrund von Schwierigkeiten, die ihm aus seiner antiklerikalen Position in der Bischofsstadt Freiburg erwuchsen - in einer Frühschrift hatte er etwa das Dogma angeprangert »als Unrecht an der Menschheit« und als »Wahn, den man nicht genug verfolgen und ausrotten kann« -, trennte sich R. 1896 von seinem badischen Wir- kungskreis und ging nach Kiel und von dort 1898 nach Halle. Schließlich wurde er 1905 Nachfolger Wilhelm Diltheys in Berlin. 1924 starb er m Neubabelsberg. Wenn R. in seinen letzten Lebensjahren auch eine Reihe weiterer kleinerer Schriften veröffentlichte, u.a. eine Arbeit über Xietzsclie, den »Denker und Künstler«, und eine Einführung m die Philosophie, so galt sein Hauptinteresse doch der Neubearbeitung des Kritizismus, der mehrere Auflagen erlebte und in eine Reihe von Sprachen übersetzt wurde. Charakteristisch für R.s Sicht dessen, was er als philosophischen Kritizismus bezeichnet, ist, daß er auf eine empiristische Traditionslinie rekurriert. Mit John Lockes Versuch über den menschlichen Verstand, so seine These, wurde ein neuer philosophischer Anfang gemacht, derart, daß nunmehr erstmals die Frage nach den Grundlagen und Grenzen des Wissens als das philosophische Problem par excellence gesehen und Philosophie als »Wissenschaftslehre« verstanden wurde, die sich von den Einzelwissenschaften unterscheidet, ohne jedoch aus dem Zusammenhang mit den Wissenschaften herauszutreten.
      Allerdings ist die von Locke entwickelte Lösung des Erkenntnisproblems seines Erachtens in zweifacher Hinsicht nicht überzeugend. Einmal sei es Locke nicht gelungen, das Synthetisch-Tätige im menschlichen Erkenntnisakt in seiner Eigenart zu erfassen und zum anderen habe er zwar mit der Unterscheidung von primären und sekundären Sinnesqualitäten auf Grenzen der Erkenntnis aufmerksam gemacht, ohne jedoch die Tragkraft des empirischen Erkenntnismoments einer grundsätzlichen Prüfung zu unterziehen. Dies blieb David Hume vorbehalten, der unter Festhalten des rein empirischen Ursprungs aller Erkenntnis zu skeptischen Ergebnissen gelangte »nicht nur in Hinsicht auf die Vernunft, sondern auch auf die Erfahrung selbst«. Auch Humes Lösung des Erkenntnisproblems bleibt jedoch unbefriedigend. Sein Grundirrtum ist nach R., daß er die Impressionen mit den Ertahrungsgegenständen verwechselte, während sie doch »in Wirklichkeit subjektiv und individuell sind und auf Zustandsän-derungen unserer Sinnesnerven beruhen«. Die Frage, wie wir von den Sinneseindrük-ken zur Erkenntnis von Objekten gelangen, konnte sich daher für Hume noch überhaupt nicht stellen. Erst Kant stellte sie, der nach Locke und Hume für R. gewissermaßen die dritte und abschließende Stufe in der Entwicklung des philosophischen Kritizismus markiert. Was speziell R.s Kantinterpretation angeht, so nimmt er, aus der Ãoberzeugung heraus, daß Kant die Existenz der Dinge an sich, in der strengsten Bedeutung des Wortes, lehre, den Königsberger Denker für einen erkenntnistheoretischen Realismus in Anspruch und fordert zum »Bruch mit der traditionellen subjekti-vistischen Auffassung« von Kants Philosophie auf. Gegen diese macht er geltend, der schlüssige Beweis für den Ursprung der Erkenntnisformen des Anschauens und Denkens im Subjekt, den Kant erbringe, erlaube noch lange nicht die Schlußiolgerung, daß auch die Erkenntnisinhalte im Subjekt anzusiedeln seien, im Gegenteil, wenn bewiesen werden könne, daß das Wissen a priori, das dem Subjekt entstammt, nur die Form des Erkennens betrifft, dann sei damit allein schon bewiesen, »daß der Inhalt des Erkennens von einer Existenz herrühren muß, die von derjenigen des Subjekts verschieden und unabhängig ist«. Diese begriffliche Trennung von Erkennmisform und Erkenntnisinhalt durch Kant ermöglicht für R. eine angemessene Lösung der Erkenntnisfrage, die sich so resümieren läßt: Wir haben Erscheinungen der Dinge, weil wir Sinne haben und Sinne ihrer Natur nach rezeptiv sind, wir haben Erfahrungen vonden Dingen, weil ihre sinnlichen Erscheinungen in einer ursprünglichen Beziehung zum Denken und seiner Einheit stehen. Wie für die Formen des Anschauens, so muß auch für die Formen des Denkens ein Grund in den Objekten vorausgesetzt werden. Damit aber läßt sich nicht nur der Anteil des Subjekts am Erkennen vom Anteil des Objekts sauber trennen, sondern es läßt sich auch eine Lösung finden für das seit Locke ungelöste Problem, wieso den apriorischen Momenten unseres Wissens objektive Gültigkeit zukomme. Im ganzen ist die positivistische Grundrichtung von R.s philosophischem Kritizismus unübersehbar, geht es bei diesem doch zuletzt um eine episte-mologische Legitimation der »Tatsachen der Wissenschaft«.
      Köhnke. KlausC: Entstehung und Autstieg des Neukantianismus. Frankfurt am Main 1986. Jung. M.: Der neukantianische Realismus von Alois Riehl. Diss. Bonn 1973.

      Hans-Ludwig Ollig


Schumpeter, joseph alois

Bereits sein erstes Hauptwerk, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung , in dem Joseph Alois Schumpeter die investierenden Unterneh- mer als die wesentlichen Träger der wirtschaftlichen Entwicklung identifiziert, gehört zu den bedeutendsten Beiträgen zur Wirtschaftstheorie in der ersten Hälfte des .....
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