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Philosophen biographisch

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Plessner, Helmuth



P. wurde 1S92 als Sohn eines Arztes in Wiesbaden geboren, studierte zwei Semester Medizin, um sich dann der Zoologie zuzuwenden, die er bis zu den Vorstadien einer experimentell angelegten Dissertation betrieb. In Heidelberg und Göttingen zog es ihn bei Wilhelm Windelband und Edmund Husserl jedoch zur Philosophie, in der er 1916 promovierte. Seine ersten Publikationen, bereits 1913, zeigen den Doppelwcg, den er nie ganz verließ: Die wissenschaftliche Idee. Ein Entwurf über ihre Form war der philosophische Erstling; parallel erschienen Untersuchungen über die Physiologie der Seesterne in den Zoologischen Jahrbuchern. 1917 wurde P. über seine Bekanntschaft mit dem Erlanger Oberbürgermeister im Rahmen des Zivildienstes nicht der Erlanger Milchversorgung zugeteilt, wie vorgesehen, sondern als Volontärassistent dem Germanischen Museum in Nürnberg, wo er Münzen sortierte und anderen nichtphilosophischen Tätigkeiten nachging. 1920 habilitierte er sich an der Universität Köln für Philosopliie und blieb dort als Privatdozent bis zum Ende des Wintersemesters 193233 : »Das Hitlerregime hatte den Professoren, die von den Bestimmungen für die sogenannten Nichtarier betroffen waren, liebenswürdigerweise empfohlen, tür das Sommersemester nicht anzukündigen.«

P.s akademische Karriere und öffentliche Wirksamkeit in Deutschland war zunächst beendet. Nach einem fruchtlosen Intermezzo in Istanbul konnte er durch Vermittlung des Zoologen Buvtendi]k an der Universität Groningen Fuß fassen, mußte aber nach der deutschen Okkupation seine Stellung wieder räumen und tauchte in Utrecht, dann in Amsterdam unter. Mit knapper Not entkam er einer Gestapo-Falle. 1946 wurde er Ordinarius für Philosophie in Groningen. Nachfolger eines Mannes, der in Sachsenhausen umgebracht worden war. 1952 nahm er einen Ruf aut den neugegründeten Lehrstuhl für Soziologie in Göttingen an. behielt sich aber das Recht vor, auch Philosophie vertreten zu können. Nach semer Emerinerung hat P. in New York unterrichtet und in Zürich, wohin er schließlich gezogen war. In hohem Alter kehrte er nach Göttmgen zurück, wo er auch gestorben ist.
      P.s Bücher standen nie im Rampenlicht, so wenig wie er selber. Ein äußerer Grund Hegt natürlich in der erzwungenen Emigration, mit der auch seine Bücher in Deutsch-land zu existieren aufhörten. Aber keineswegs haben sich deutsche Verlage beeilt, sie nach dem Krieg neu zu edieren. Rs trühere philosophische Schritten waren zum Teil unveröffentlicht, zum Teil schulphilosophische Auseinandersetzungen mit der Tradition. 1923 kam jedoch sein erstes »originelles« Buch heraus: Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Aesthesiologie des Geistes, das »nie eine ernsthafte Besprechung bekam«, wie er selbst teststellte. Es paßte nicht in die Raster der Schulphilosophie und der Biologie. Wir wissen heute, daß es eine wichtige Vorstute zu P.s eigentlicher philosophischer Leistung war, der Begründung einer philosophischen Anthropologie: der Untersuchung der Einheit von Körper und Geist. Gerade auf dem Gebiet der philosophischen Anthropologie hatte P. es jedoch bald mit zwei Konkurrenten zu tun, die seine Mitwirkung überhaupt mcht schätzten: Max Scheler und Arnold Gehlen. 1924. um doch auch einem größeren Publikum etwas zu bieten, tat P. seinen ersten Schritt in Richtung Sozialphilosophie und Soziologie mit dem kleinen Buch Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus, das von der Zunft vermutlich nur einmal erwähnt wurde, von Helmut Schelsky.
      P.s soziologisches Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg stand im Schatten der eher weltanschaulich geprägten deutschen Nachkriegssoziologie. Auch sein bedeutendes Buch Die verspätete Sation - »1 hätte es eine unmittelbare Wirkung gehabt« - erschien erst 1959 wieder. Das Hauptwerk P.s teilte das Schicksal der anderen Werke. Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie erschien 1928. P. hat in einem Rückblick geschildert, daß die Umstände mehr als ungünstig waren. Der Kölner Kollege Max Scheler schwankte zwischen Ignoranz und Plagiatsverdacht , schlimmer aber war der Ruhm des neuen philosophischen Stars: »Heideggers Wirkung überstrahlte alles.« Die Sächsische Akademie der Wissenschaften verlieh 1931 ihren Avenanuspreis an P.. aber das haifauch nichts. Das Bedürfnis nach Weltanschauung war größer, und da war. innerhalb und außerhalb der philosophischen Anthropologie, der Markt schon besetzt.
      Was war sie eigentlich, diese merkwürdige philosophische Anthropologie, die es damals in Deutschland gab? Eine philosophische Lehre vom Menschen - aber wieso so spät, noch 1928? Die Einzelwissenschaften vom Menschen hatten sich ja längst von der Philosophie gelöst, und die Philosophie selber war akademische Einzeldisziplin geworden, keineswegs mehr eine Königin der Wissenschatten. Gerade an Schelers Versuch wird die weltanschauliche Komponente der philosophischen Anthropologie sichtbar: Sein Darmstädter Vortrag Die Stellung des Menschen im Kosmos beschwört schon im Titel die Rückbindung des Menschen an eine metaphvsisch begründete Weltordnung, an die er als Triebwesen zwar gefesselt ist. die er aber als Geistwesen auch transzendiert. Die philosophische Anthropologie wurde von Arnold Gehlen weitergeführt, zuerst in einigen Aufsätzen der 30er Jahre, die in dem Hauptwerk Der Mensch gipfelten. Gehlen kannte die Fallstricke der altgewordenen Metaphysik sehr genau und desavouierte in seinem Buch mit Recht den Schelerschen Versuch ihrer Restauration. Gehlen ging »pragmatisch« vor. d.h. er konnte aus einer Fülle von Funktionsanalvsen menschlicher Handlungen - und dadurch ohne zuviel Philosophie — ein Bild des Menschen und seiner Stellung »in der Welt« zeichnen. Biologen — wie jüngst Norbert Bischof in seinem Buch Das Rätsel Ödipus - haben jedoch daraufhingewiesen, daß Gehlens zentraler Begnit des »Mängelwesens« nicht ganz konsequent ist. Mit so vielen Mängeln, wie sie der Mensch in Gehlens anthropologischer Konstruktion hat, hätte er es schwerlich in der Welt zu etwas bringen können. In die Lücke, die das Mängelwesen in der Konstruktion ließ, setzte Gehlen jedoch die Institutionen, und hier konnte nun auch ein weltanschauliches Bedürfnis betriedigt werden. Gehlens philosophische Anthropologie verhieß, wenn schon nicht Orientierung, so doch wenigstens Ordnung. Und damit war er. wenn auch umstritten, ein brauchbarer Mann — von Scheler. aber auch von P. sprach nun niemand mehr.
      Man muß diesen Hintergrund sehen, um sowohl die Leistung wie auch die Nichtbeachtung von P.s philosophischer Anthropologie genauer zu erkennen. Das Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch ist freilich nicht auf Breitenwirkung hin geschrieben, im Grunde überhaupt nicht auf Wirkung. Der Titel ist nicht gerade verlockend, und der geneigte Leser erfährt das Geheimnis des Buches ziemlich spät. Erst im Schlußkapitel ist überhaupt vom Menschen die Rede. Der Witz des Buches besteht natürlich darin, wie der Autor überhaupt zu diesem Schlußkapitel kommt und welche Stufen des Organischen dem Menschen sozusagen vorausgehen. P. entwickelt in diesem Kapitel seinen inzwischen berühmten Gedanken von der »exzentrischen Position« des Menschen. Tiere, das weiß heute jeder Konrad-Lorenz-Leser, haben eine fest geordnete Position im Leben: Sie sind durch angeborene Triebe und Wahrnehmungen auf eine für sie spezifische Umwelt hin orientiert, und sie bleiben im fest geschlossenen System von Trieb. Wahrnehmung und Triebhandlung ihr ganzes Leben lang — sie können daran nichts ändern. Bei den Haustieren ist diese Zuordnung bereits gelockert, viel weitergehend ist sie es beim Menschen - wobei die Fachleute über Einzelheiten und Grenzen dieser Betrachtungsweise durchaus streiten. P. betont gegenüber der Umwelttixiertheit des Tieres die Welt-Oftenheit des Menschen als den unterscheidenden Außenaspekt. Es gibt aber auch einen Innenaspekt von großer Bedeutung: der Mensch lebt mit sich selbst nicht in natürlichem Einklang ; er kann und muß zu sich selbst Stellung beziehen. Der Mensch ist das Wesen, das nicht im Zentrum seiner Welt oder Umwelt oder Existenz steht — er ist von Natur aus in eine exzentrische Position gestellt, sozusagen ohne Mitte. P. hat seinen Zentralgedanken von der exzentrischen Position des Menschen später aus der etwas umständlichen Verpackung des Sfi. P. hat bereits 1924, in einer Hoch-Zeit ideologischer Sinnsuche, mit seinem Buch GrenzeT) der Gemeinschaft die Gefahren der Gemeinschaftshuberei analysiert, die Illusion der distanzlosen sozialen Beziehung ohne Macht und ohne Differenzierung. Elt Jahre später, bereits im Exil, schrieb er sein Buch über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, das später den Titel Die verspätete Sation bekam. 1935 war es schon zu spät — die große »Gemeinschaft« hatte sich bereits zusammengeschlossen und wartete daraut, auch das übrige Europa »anzuschließen«.
      Ãœber vermittelte Unmittelbarkeit hat P. in einigen Studien über Enttremdung, soziale Rolle und Öffentlichkeit geschrieben. Er greitt die klassische Dichotomie des »wahren« und des »bloß vermittelten« Selbst aut, an der sich alle Entfremdungstheorien gerieben haben. Exzentrische Position bedeutet jedoch, daß wir »unvermittelt« gar nicht bei uns selbst sein können, ein Gedanke, der bei Hegel und. interessant zugespitzt, auch bei Gehlen vorkommt. Heidegger hatten gerade mit dem unmittelbaren »Sein« gelockt. Es ist aber, wie P. fast erbarmend zugibt, den Menschen nicht immer leicht, bei der »natürlichen Künstlichkeit« ihres Tuns zu verharren, das oft bloß in künstliche Künstlichkeit mündet. So landen sie denn, exzentrisch wie sie sind, beim dritten Gesetz ihres Wesens, dem utopischen Standort: »Nach dem Gesetz des utopischen Standorts ist der Mensch der Frage nach dem Sem ausgeliefert, das heißt, warum etwas ist und nicht lieber nichts. Diese Bodenlosigkeit. die schlechthin alles transzendiert, kann nur religiös beantwortet werden, weshalb keine Form von Menschsein ohne religiöses Verhalten zu finden ist,... ob das der Anthropologie ohne eine sinnhafte Direktion paßt oder nicht.«
Es wird deutlich, warum man sich auf P.s Anthropologie mcht gerade gestürzt hat. An all die liebgewordenen Ausgänge aus dem irdischen Jammertal hat er »Verboten!« geschrieben. P. aber, offenbar von der eigenen Philosophie auch belehrt . läßt keinen Raum für Melancholie. Wenn wir denn schon exzentrische Positiomsten sind, so scheint seine Weisheit zu lauten, dann muß man das eben genießen. In vielen Arbeiten hat er beschrieben, wie gerade die exzentrische Position zu den raffiniertesten Kulturleistungen führt. Schon der hereingeschneite Volontärassistent des Germanischen Nationalmuseums schrieb 1918 über die Geschichtsphilosophie der bildenden Kunst seit Renaissance und Reformation, kein Meisterschuß zwar, aber Zukünftiges anzeigend. In Köln denkt P. bereits Ãœber die Möglichkeiten einer Ästhetik nach - hat aber selber keine geschrieben. Man lese statt dessen seine Rezensionen von Adornos Ästhetik , die leider m der Ausgabe der Gesammelten Schriften fehlen. Ebenfalls in Köln schreibt P. über die Phänomenologie der Musik. Die Deutung des mimischen Ausdrucks ist schließlich ein drittes Thema P.s in der frühen Kölner Zeit und auch dieses wegweisend. Gerade an der Anthropologie des Schauspielers konnte er das Exzentrische der exzentrischen Position besonders gut demonstrieren. Aufsätze über Spiel und Sport setzten das Thema fort, und eine seiner letzten Arbeiten hieß Die Musikalisierung der Sinne.
     



P.s bekanntestes Buch war wohl Lachen und Weinen , mehrfach aufgelegt und für seine Verhältnisse fast ein Hit. Lachen und Weinen sind Extremsituationen des menschlichen Verhaltens, sozusagen extreme exzentrische Verhaltensweisen, die sich immer dann einstellen, wenn die normale Verhaltensregulation nicht ausreicht. Vielleicht ist das die wirklich utopische Situation, aber P.s Sprödigkeit läßt es zu dieser Deutung nicht kommen. Später hat er noch über das Lächeln geschrieben, die »vieldeutigere Form«, bei der man nie weiß, »was oder was nicht dahintersteht«. Keine schlechte Formel auch tür die »conditio humana«, deren Rätsel hinter aller Philosophie und Wissenschaft P. stets gesehen hat.
      Rehberg. Karl Siegbert: Das Werk Helmuth Plessners. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsvchologie 4 11984). S. 799-811.
      Hammer. Felix: Die exzentrische Position des Menschen. Methode und Grundlinien der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners. Bonn 1967.

      Werner Brede f


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