Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Philosophen biographisch

Index
» Autoren
» Philosophen biographisch
» Piaget,Jean

Piaget,Jean



Nur das Kind denkt wirklich kreativ«, hat P. geschrieben, und dieser Satz trifft in zweifacher Hinsicht auf ihn selbst zu. Zum einen war er durch seine eigenen Untersuchungen davon überzeugt, daß Kinder die Möglichkeit zu einer Kreativität haben, um die Erwachsene sie nur beneiden können. Zum anderen war er selbst ein hochbegabter Junge, dem schon im Alter von 15 Jahren aufgrund früher wissenschaftlicher Veröffentlichungen die Stelle als Konservator am Genter Naturgeschichtlichen Museum angeboten wurde. P. studierte zuerst Zoologie und promovierte 1918 mit einer Arbeit über die Verteilung von Mollusken-Arten in den Walliser Alpen. Während dieser Zeit schneb er auch einen wissenschaftlichen Roman, der einige seiner späteren erkenntnistheoretischen Ansichten vorwegnahm.

      Nach der Biologie wandte sich P. der Psychologie zu, die er in Zürich und Paris studierte. Er arbeitete anschließend im Laboratorium des französischen Psychologen A. Binet und erhielt dort die Aufgabe, die von dem Engländer C. Burt entwickelten Intelligenztests zu standardisieren. Bei dieser Arbeit fiel P. auf, daß die von den Kindern gegebenen falschen Antworten mcht zufällig daneben lagen. Vielmehr traten in verschiedenen Altersstufen typische Fehler auf Durch die Publikation dieser Beobachtung wurde P. zum Kinderpsychologen. Er wurde an das »Institut Jean-Jacques Rousseau« in Genf berufen, und hier verfaßte er in den kommenden Jahren seine Untersuchungen zur Entwicklungspsychologie, die weltweit Aufsehen erregten.
      Zwar hatte Rousseau bereits im 18. Jahrhundert die Idee ausgesprochen, daß die Kindheit ihr eigenes Sehen. Denken und Fühlen hat. doch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fingen die Psychologen systematisch damit an, kognitive Fähigkeiten des kindlichen Verstandes zu bestimmen. Doch erst nachdem P. seinen Forschungsweg eingeschlagen hatte, zeigten diese Beobachtungen Wirkungen im erkennmistheoreti-schen Denken. Noch zu seinen Lebzeiten erschienen mehr als zweihundert Doktorarbeiten über P.s Werk, und bereits 1978 widmete sich der Band 7 der Kindler-Enzyklopädie über die Psychologie des 20. Jahrhunderts dem Thema Piagel und die Folgen. P. hat in mehr als fünfzig Büchern das Epos vom Erwachen der Intelligenz geschrieben und dann ein zusammenhängendes Bild vom Werden des menschlichen Erkennens gezeichnet. Als exemplarische Titel seien weiter genannt: La construction du reel chez l enfant . La psychologie de l inteiligence , Biologie et connaissance , La representation de l espace chez l enfant und Die natürliche Geometrie des Kindes . Die beiden zuletzt genannten Bücher hat P. gemeinsam mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Bärbel Inhelder verfaßt.
      In P.s Ansatz dient die menschliche Intelligenz nicht als passiver Empfänger und Verarbeiter von Informationen aus der Umwelt. Sie wird vielmehr als eine Strategie betrachtet, mit deren Hilfe die Wirklichkeit aktiv konstruiert wird. Für P. sind die Handlungen der Kinder praktische Vorläufer ihres Denkens. Ihre geistige Entwicklung ist weder eine Entfaltung angeborener Anlagen noch eine Prägung durch die Umwelt. Sie wird vielmehr durch den Tätigkeitsdrang des Kindes ausgelöst, in die Welt einzugreifen und sie zu erobern. Angeborene Wahrnehmungsstrukturen und Handlungsabläufe werden immer wieder auf die Wirklichkeit angewendet. Dabei entstehen stufenweise Denkformen. Das ausgereifte Denken ist schließlich das verinnerlichte und systematische Handeln, und die Begriffe sind verfestigte Denkoperationen.
      Mit der These, daß Denken aus Handeln hervorgeht, stellte sich P. auf eine erkenntnistheoretische Position, die er selbst mit dem Stichwort »Konstruktivismus« bezeichnet hat. P. nimmt nämlich an. daß der Mensch seine Begriffe so konstruiert, wie er Handlungen plant. Da in einer Handlung schon die Idee steckt, betrachtete P. sich auch als Strukturalist. und er versuchte von dieser Position aus, die Gräben zwischen den Wissenschaften zu überbrücken.
      Einen besonders tiefen Konflikt sah er zwischen empirischen Wissenschaften und philosophischen Bemühungen. Philosophie kann seiner Ansicht nach ohne Instrumente und also ohne experimentelle Eingriffe kein Wissen und kerne Kenntnisse erwerben. Die Philosophen - so schrieb P. in seinem Buch über Sagesse et illusions de la Philosophie —, haben Probleme nur formuliert, nie aber gelöst. P. zieht den grundlegenden Schluß: »Die Intention, die Lücken der Wissenschaft durch die Metaphysik aufzufüllen, zunächst nur eine Illusion, ist in manchen Fällen zum Betrug geworden.« In diesem autobiographischen Text formuliert P., wie unbefriedigend das Angebot der Philosophie für ihn war und warum er stattdessen ein »wissenschaftlicher Epistemologe« geworden ist.
      P.s Arbeiten und Schlußfolgerungen zur kognitiven Psychologie werden oft als »genetische Epistemologie« bezeichnet, die von ihm als Wissenschaft und nicht als Philosophie verstanden wird. Die Frage: »Was ist Erkenntnis?«, wird nämlich in die Frage: »Wie wird Erkenntnis?«, umgewandelt und damit einer empirisch-analytischen Behandlung zugänglich. In seiner Vorlesung über die Geuctic Epistcmology schreibt P.. daß hiermit versucht wird, »Erkennen, insbesondere wissenschaftliches Erkennen, durch seine Geschichte, seine Soziogenese und vor allem die psychologischen Ursprünge der Begriffe und Operationen, auf denen es beruht, zu erklären.« Als letztes Ziel der genetischen Epistemologie sieht P. eine damit selbst wieder wissenschaftliche Erklärung für das Werden der Wissenschaft. Die Entwicklung der kindlichen Intelligenz ist dabei das von P. entdeckte Glied, das die biologische Organisation des Lebens mit dem wissenschaftlichen Denken zusammenbringt.
      Kesselring. Thomas: Entwicklung und Widerspruch - Ein Vergleich zwischen Piagets genetischer
Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik. Frankfurt am Main 19S1. Fürth. Hans G.: Intelligenz und Erkennen. Frankturt am Main 1976. Ginsburg. Herbert Opper. Sylvia: Piagets Theorie der geistigen Entwicklung. Stuttgart 1975.

      Ernst Peter Fischer


Piaget jean

Jean Piagets Studien über die Entwicklungsstufen des Kindes sind von grundlegender Bedeutung für die heutige Pädagogik und Psychologie, die er auch als Lehrer und Leiter mehrerer Institutionen nachhaltig prägte. Bereits im Kindesalter widmete sich der hochbegabte Piaget intensiver Naturbeobachtung .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Racine jean

Jean Racine ist einer der bedeutendsten Vertreter der klassischen französischen Bühnendichtung. Wie in seinem Hauptwerk Phädra sind die Figuren seiner Stücke meist dem Schicksal ausgeliefert, dem sie jedoch als Individuen - und nicht als Marionetten der Götter wie in den antiken Vorbildern - entgege .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Rousseau, jean-jacques

Jean-Jacques Rousseau ist einer der wichtigsten französischen Schriftsteller und Philosophen des 18. Jahrhunderts. Er gilt als einer der ideellen Wegbereiter der Französischen Revolution und als einer der bedeutendsten Pädagogen der Neuzeit. Rousseau verlebte eine schwierige Kindheit. Der Sohn eine .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Sartre, jean-paul

Jean-Paul Sartre ist die Galionsfigur des philosophischen Existenzialismus und zugleich gemeinsam mit Albert -»Camus als Dramatiker, Romancier und Essayist dessen Repräsentant innerhalb der Literatur. Als Schüler zweier Pariser Elitegymnasien und Student an der Ecole normale superieure durchlief Sa .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Jean-paul sartre die wörter

Die Wörter In Die Wörter untersucht Jean-Paul Sartre seine eigene Biografie anhand einer analytischen Untersuchungsmethode um herauszufinden, woher sein von ihm selbst als neurotisch bezeichneter Schreibdrang kommt. Sartre ersetzt dabei das chronologische Prinzip der Autobiografie durch ein inhaltl .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Jean paul friedrich richter (i763-i825)

Während Heinrich von Kleist an der Wirklichkeit zerbrach, hat sie Jean Paul gemeistert und überwunden. Aus der Enge des damaligen Bayreuth baute er sich das Weltall seiner sehnsüchtigen Träume und Ideale. Und was die Bereicherung der deutschen Sprache vom Dichterischen her angeht, muß Jean Paul nebe .....
[ mehr ]
Index » ZWISCHEN KLASSIK UND ROMANTIK

Jean paul

Jean Pauls Leben war bis zu seiner endgültigen Ãœbersiedlung nach Bayreuth eine wechselnde Abfolge zwischen ländlicher oder kleinstädtischer Zurückgezogenheit und längeren Aufenthalten in Univer-sitäts- und Residenzstädten - oder ins Literarische übersetzt: zwischen der scheinbaren Beschaulichkeit .....
[ mehr ]
Index » ZWISCHEN KLASSIK UND ROMANTIK

Trauerarbeit der moderne in romanen von francois bon, jean echenoz und marie redonnet

Auch wenn man das Paradigma der Nachmoderne nicht als Epochen-Signum akzeptiert, stellt die jahrzehntelange Debatte um seine Legitimität unter Beweis, daß sich die Moderne tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt sieht, die in vielem Merkmale einer Krise aufweisen. Auf diesen Veränderungsprozeß, der .....
[ mehr ]
Index » Die Generation der 80er Jahre

Der spielerische umgang mit der absurdität des alltags in den romanen von patrick deville und jean-philippe toussaint

Der Franzose Patrick Deville und der Belgier Jean-Philippe Toussaint, beide 1957 geboren, zählen mit ihren Kurzromanen zu den richtungsweisenden Nachwuchsautoren der achtziger Jahre. Toussaints Debüt 1985 mit La salle de bain war ein Erfolg, an den er mit drei weiteren Romanen, Monsieur , L appareil .....
[ mehr ]
Index » Die Generation der 80er Jahre

Auslegung von elektronischen texten - jean-luc godards mini-serie «histoire(s) du cinema»

Das medienkulturelle Niveau, auf dem wir uns im 20. Fin de siecle bewegen und das die Rede vom < elektronischen Text> grob markiert, zeichnet sich aus durch den Versuch der Machtübernahme einer spezifisch begründeten Bezeichnungspraxis: Das Symbolische in seiner höchsten Form des zweiwertigen Zahlen .....
[ mehr ]
Index » Beispiele der Texthermeneutik

Zur stellung des ,titan im werk jean pauls

Für Jean Paul ist die Poesie „die einzige zweite Welt in der hiesigen" . Die empirische erste Welt erscheint ihm platt, öde, seelenlos und von allem höheren Sinn verlassen. Daher muß sich die Seele mit Hilfe der Phantasie über sie hinausschwingen, um ihrer höheren Bestimmung innezuwerden. Das Gegebe .....
[ mehr ]
Index » Goethezeit » Jean Paul: Titan

Derrida, jean-pierre richard und mallarme: dekonstruktion oder dialektik der totalität?

Es geht hier im Anschluß an die dekonstruktive Aufhebung des Gegensatzes literarisch/philosophisch um zwei Mallarmc-Kommentarc, die einander widersprechen. Der eine ist Dcrridas bekannter Text "La Double seance", der zuerst in Tel Quel , später in La Dissemination erschien, der andere Jean-Pierre Ri .....
[ mehr ]
Index » Literarische Ästhetik - Aufläse » Dekonstruktion: Theorie und Praxis

Jean paul (d.i. johann paul friedrich richter)

Geb. 21.3.1763 in Wunsiedel; gest. 14.11.1825 in Bayreuth »Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete: fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht« . Den Weimarer Klassike .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachige autoren

Hans/jean arp (i886-i966)

I. Arps Texte als Provokation konventioneller Gedichtanalyse Müßig ist die Diskussion, ob Hans Arp in erster Linie Bildender Künstler oder Dichter war - schärfer noch, sie verkennt die Reziprozität als Grundelement seines ästhetischen Schaffens: Der Dichter ist nicht ohne den Künstler, der Künstler .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Lyriker des 20. Jahrhunderts (Deutschsprachige)

Dissemination und dialektik der totalität: derrida, jean-pierre richard und mallarme

Die Konfrontation zwischen Strukturalismus und Dekonstruktion im vorigen Abschnitt könnte als eine theoretische Einleitung zu Derridas Kritik an Jean-Pierre Richards thematischer Interpretation von Mallarmes Dichtung gelesen werden. Obwohl Richard kein Vertreter des linguistisch-semiotischen Strukt .....
[ mehr ]
Index » Derrida: Dekonstruktion, Philosophie und Literaturtheorie

Amery, jean

In seinem Werk beschreibt Jean Amery Grenzsituationen des menschlichen Daseins und Denkens. Insbesondere durch die Philosophie von Jean-Paul -> Sartre beeinflusst, thematisiert er in seinen gesellschaftskritischen Essays sowohl Probleme der Gegenwart als auch exis-tenzielle Fragen und bezieht dabei .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Brillat-savarin, jean anthelme

Jean Anthelme Brillat-Savarin verdankt seinen Ruf als geistreicher Verkünder des »savoir vi vre», der französischen »Lebenskunst«, seinen im Alter verfassten Betrachtungen über das höhere Tafelvergnügen. Die berufliche Karriere des wohlhabenden Juristen aus einer Familie höherer Beamter führte über .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Cocteau jean

Jean Cocteau gilt als Universaltalent, war Lyriker, Dramatiker, Romancier, Essayist, Maler, Filmregisseur und Kunstkritiker in einer Person. Für Igor Strawinski , Arthur Ho-negger und Darius Milhaud schrieb er Opernlibretti sowie Ballettvorlagen und entwarf die Dekorationen und Kostüme für ihre A .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Geriet, jean

Jean Genet wuchs als Waise auf und begegnete der damit verbundenen Identitätskrise mit jener Umkehrung der Werte, die sein Schreiben prägt. Die bewusste Annahme der Rolle als Außenseiter der Gesellschaft, der sich mit Diebstahl, Bettelei, Verrat und Prostitution durchs Leben schlägt und dies in Roma .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Jean paul

In seinen humoristischen Romanen entfaltete Jean Paul das Konzept einer Herz und Verstand gleichermaßen ansprechenden Literatur, die das ästhetische, philosophische und naturwissenschaftliche Wissen der Zeit durch die Kontrastierung mit alltäglichen Situationen und witzigen Figuren ironisch bricht. .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Murdoch, (jean) iris

Iris Murdoch ist eine der produktivsten Autorinnen der englischen Nachkiegsliteratur. In ihren Gesellschaftsromanen behandelt sie philosophische Fragen wie die Grenzen menschlicher Freiheit, den Gegensatz von »Gut« und »Böse« oder die Wahrheitssuche. Dabei steht die realistische Zeichnung menschlich .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Jean paul (d.i. johann paul friedrich richter)

»Ich habe ihn ziemlich gefunden, •wie ich ihn erwartete: fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht« . Den Weimaraner Klassikern, auf der Suche nach Bündnispartnern und Gefolgsleut .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

 Tags:
Piaget,Jean    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com