Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Philosophen biographisch

Index
» Autoren
» Philosophen biographisch
» Lyotard, Jean-Francois

Lyotard, Jean-Francois



Allgemein bekannt wurde L. dadurch, daß er das Schlagwort von der »Postmoderne« in die philosophische Debatte einführte {La conditio»! postmoderne. 1979: Das postmoderne WisseN). Dessen Rezeption lief seinen eigentlichen Intentionen jedoch derart zuwider, daß er sich gezwungen sah. in weiteren Publikationen korrigierend Stellung zu beziehen . L. hatte nicht eine neue Epoche ausrufen, sondern ein I Grundproblem der Gegenwart - das des Widerstreits hetero-gener Diskursgenres. Wissensarten. Lebensformen - philosophisch artikulieren wollen. In Le differend - eigenem Bekunden zufolge -sein philosophisches Buch« - geht es darum, wie man »die Ehre des Denkens retten« könne. Schon seit Au juste vertritt L. die Auffassung, daß es die Frage der Gerechtigkeit nach dem Ende der »großen Metaerzählungen« neu zu stellen gilt, denn diese Erzählungen haben sich selbst diskreditiert. Indem sie je ein Modell über alle anderen herrschen ließen, haben sie letztendlich den realen Terror solcher Ãoberherrschung legitimiert. L.s Analyse des »Widerstreits«, die aufsprachphilosophischer Basis erfolgt, dient generell der kritischen Aufdeckung und Vermeidung solcher Ãoberherrschung. Ein »Widerstreit« ist em Streit »zwischetWwemgstenS) zwei Parteien, der nicht angemessen entschieden werden kann, weil eine auf beide Argumentationen anwendbare Urteilsregel fehlt«. Wird ein solcher Widerstreit - der bereits zwischen zwei einfachen Sätzen bestehen kann, die unterschiedlichen Diskursgenres angehören - wie ein gewöhnlicher Rechtsstreit behandelt , so geschieht dabei mindestens einem det Beteiligten Unrecht. Dagegen kommt es darauf an. ein Idiom zu finden, das den Widerstreit bezeugt, sowie eine Verknüpfungsform von Sätzen, die kein Unrecht hervorruft. Da einerseits »eine universale Urteilsregcl im allgemeinen fehlt«, es andererseits aber unmöglich ist, einfach zu schweigen , versucht L eine dem Dissens verpflichtete Philosophie zu entwickeln, die dem Widerstreit eher gerecht wird als jede konsensorientierte Theorie, die den Terror strukturell in sich trägt.

      Vergleicht man diesen späten, an Kant und Wittgenstein »als Vorläufern einer ehrbaren Postmoderne« orientierten Entwurf, der mit genauesten Differenzierungen arbeitet und dabei hyperrational wirken kann , mit früheren, sich eher mit Marx und Freud auseinandersetzenden Publikationen über die libidinösen Triebstrukturen , die L. vor allem im deutschen Sprachraum den Vorwurfdes Irrationalismus eingetragen haben, so könnte man meinen, in seinem Denken sei im Laufe der 70er lahre ein Bruch eingetreten. Doch seine Philosophie ist mcht so disparat, wie es scheint. Die Economic libidinak. Dokument einer Verzweiflung und Befreiung - es galt endgültig einzusehen, daß man die Politik keinen moralischen Kriterien unterwerfen darf-, ist wie alle Schriften L.s ein auf Abweichung zielendes Buch. Nur der Ton hat sich geändert: L. ist mittlerweile zu einem Stil übergegangen, der an die klassischen Formen der Philosophie erinnert.
      L. mißtraute schon früh den modernen Fortschritts-Ideologien, die er später »große Erzählungen« nannte. Diese kritische Haltung, die er mit manchen engagierten Linken der ersten Nachknegsgeneration teilte und die ihn vor dem Anschluß an eine neue Ideologie - wie sie z.B. der Existentialismus bot - bewahrte, wurde durch seine Erfahrungen im algerischen Widerstand noch verstärkt und sollte für sein ganzes Werk bestimmend bleiben. Philosophie ist für L. immer zugleich politisches Engagement. Beide dürfen aber niemals zur Dokmn erstarren, und ihre heterogenen Bestandteile müssen sorgsam unterschieden bzw. in dem Bewußtsein verknüpft werden, daß dieser »Ãobergang« selbst schon ein politischer Akt ist. Den politisch engagierten Intellektuellen konventioneller Art wie Jean-Paul Sartre, die sich in den Dienst der Realisierung einer allumfassenden Idee. z.B. der Emanzipation, stellten, schrieb L. 1984 ihr â- »Grabmal« 1 Tombeau de l mtelleauel: Grabmal des Intellektuellem. Seme Absicht war es, eine »philosophische Politik abseits derer der >Intellektuellen < und Politiker aufzubauen«.
      Während seiner Assistentenzeit an der Sorbonne gehörte L. der extrem-marxistischen Gruppe »Socialismc ou Barbane« um Cornelius Castoriadis und Claude Lefort an. die er aber Anfang der 60er Jahre verließ, weil sie begann, eme dogmatische Linie zu verfolgen. Seme Lehrtätigkeit an den durch den Mai 68 hochpolitisierten und der etablierten Sorbonne fernen Universitäten von Nanterre bzw. St. Denis und seine Forschungstätigkeit am CNRS sind ebenso als politische Aktivitäten zu verstehen wie sein Engagement für das von ihm mitbegründete und zeitweilig geleitete interdisziplinäre »College International de Philosophie«.
      Seme undogmatische Haltung macht L. nicht nur zu einem brillanten Pädagogen, sie zeichnet auch seine philosophischen Schriften aus. Es handelt sich fast ausnahmslos um »Relektüren« der großen modernen Autoren, die L. durcharbeitet, um ihnen neue und eigene Impulse abzugewinnen. Dieses »Redigieren« der Philosophiegeschichte nennt L. in Anlehnung an Freud »Anamnese«. In diesem Smn ist auch seine Konzeption von »Postmoderne» zu verstehen: keine Verabschiedung der Moderne, sondern deren Radikalisierung in Form eines kritischen Durcharbeitens, ohne ihre widerstreitenden Elemente durch eine allumfassende Idee zu versöhnen. Philosophieren heißt für L. reflektieren und kritisch nach den Bedingungen ihrer Möglichkeit fragen, gerade auch der Möglichkeit eines kritischen Standpunktes heute, wo keine Metatheorie mehr zur Verfügung steht. Die Philosophie ist durch die Suche nach der »Regel des Denkens« charakterisiert. Diese bleibt reflektierend und regulativ.
      L. sieht solch eine kritische Reflexion in den Unternehmungen der Avantgarden dieses Jahrhunderts vorgezeichnet, die stets zugleich die Bedingungen ihrer Arbeit mitreflektierten und sozusagen permanent auf der Suche nach ihren Regeln waren. Ihre Produktionen hatten von daher eher den Charakter von Ereignissen, in denen Unvorhergesehenes geschieht, als von Werken nach den Regeln der Kunst.
      L.s Interesse an der Ã"sthetik zieht sich durch sein gesamtes Werk. Ã"sthetik ist dabei sowohl im weiteren, wahrnehmungsonentierten als auch im engeren, kunstbezogenen Sinn zu verstehen . zum letzteren die Habilitationsschrift Discours, ßgurc und mehrere kleinere Gemeinschaftsproduktionen mit Künstlern, so z.B. Recits nemblants mit Jacques MonorV). In diesem Zusammenhang stand auch die Ausstellung Les immateriaux im Pariser Centrc Georges Pompidou. deren Hauptorganisator L. war. Sie befaßte sich mit den Auswirkungen der Neuen Technologien auf Kunst und menschliche Wahrnehmung insgesamt. Wie schon in La conditio» postmoderne deutlich wurde, sucht L. die Herausforderung der Neuen Technologien anzunehmen, ohne ihr blinder Apologet zu sein. In dem Bewußtsein, daß der Technisierungsprozeß nicht rückgängig zu machen ist -denn er wurde nicht von Menschen erfunden, sondern ist Manifestation eines überall auf der Erde stattfindenden »Komplexifizierungsprozesses« -. kommt es L. darauf an, die Menschen zu einem angemessenen Umgang mit ihm zu befähigen. Dafür gilt es, die Möglichkeiten der neuen Technologien zu erproben sowie ihre Eigenheiten und Wirkungen für den begrenzten Wahrnehmungsapparat der Menschen überhaupt erst einmal fühlbar zu machen.
      Dieser ästhetische Zugang L.s und sein politisches Interesse kulminieren philosophisch in der bislang noch unabgeschlossenen Arbeit über den Begriff des Erhabenen. In seinemjüngsten Buch über die kleinen Schriften Kants macht er deutlich, in welchem Maß das ästhetische und politische Gefühl des Erhabenen an den Nahtstellen zwischen den abgrundtief getrennten, heterogenen Diskursgenres auftaucht und vielleicht das einzige Kriterium ist, um deren Widerstreit aufzudecken. Die Suche nach den nötigen legitimen Ãobergängen ist mühsam und langwierig, denn man muß Heterogenes verknüpfen, ohne der Heterogcnität Abbruch zu tun. Das kann nur durch nachhaltiges Reflektieren gelingen, d.h. durch eine große Anstrengung der Einbildungskraft und eine enorme Schärfung des Wahrnehmungs- und Urteilsvermögens: nur so läßt sich eine »Geschmeidigkeit« im Umgang mit den heterogenen Diskursgenres erlangen. Wie sich bereits die künstlerische Avantgarde durch Anspielungen auf das Undarstellbare dem Erhabenen näherte, so muß auch eine kritische Philosophie ihr Augenmerk aut das Ereignis richten, wenn sie um Gerechtigkeit bemüht sein und vom Widerstreit Zeugnis ablegen will.
     


Postmoderne sozialphilosophie und das ende der meta-erzählungen: von koucault, deleuze und lyotard zu vattimo und rorty

Wer seit Jahren die postmodernen Debatten über das »linde der Melaerzählungen« verfolgt, der mag sich bisweilen verwundert fragen, weshalb Albert Camus nicht als der eigentliche Initiator dieser Auseinandersetzungen erkannt und genannt wird. Möglicherweise hängt diese Zurückhaltung mit der Forderung .....
[ mehr ]
Index » Moderne / Postmoderne Literatur » Postmoderne Philosophien als Kritiken der Moderne

Erkenntnistheorie iii: lyotard vs. habermas

Der im folgenden entwickelte Grundgedanke ist in wenigen Worten zusammenzufassen: Lyotards partikularisierende und Habermas universalisierendc Reaktionen auf die postmoderne Problematik sollen in dem hier konstruierten Kontext kritisiert und dialektisch miteinander verknüpft werden. Es soll gezeigt .....
[ mehr ]
Index » Moderne / Postmoderne Literatur » Postmoderne Philosophien als Kritiken der Moderne

 Tags:
Lyotard,  Jean-Francois    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com