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Philosophen biographisch

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Lacan, Jacques



Wohl kein psychoanalytischer Fachgelehrter, Arzt und klinischer Psvchiater hat so sehr die Zeitungsblätter zum Rauschen gebracht; selbst Freud hat mcht in dem Maße erregte und entgegengesetzte Urteile, auch unter Fachkollegen und Schülern, provoziert: »L. der Meister«, »ein neuer Sokrates« -»ein Guru und Hexenmeister ohne Magie«, »großartiger und erbärmlicher Harlekin«, wie ihm 1980 ganz verzweifelt sein früherer Analysant Althusser zuruft: und bestimmt hat keiner aus dieser Zunft nach Freud die Psychoanalyse derart verbreitet, auch in einer solchen Weise über seine Fachgrenzen hinausgewirkt, indem er die Psychoanalyse nicht so sehr als Therapie, sondern als philosophische Denkart bekannt gemacht hat: L. spielte seine -aDerdings distanzierte - Rolle im Surrealismus, er näherte sich zeitweise der Phänomenologie, er verarbeitete wie fast alle Intellektuellen Frankreichs nach 1945 den Hegelianismus ä la Kojeve in seinem Werk, er prägte zusammen mit Levi-Strauss den französischen Strukturalismus maßgeblich, und er wirkte auf Soziologen. Ethnologen. Linguisten, Literaturwissenschaftler und eben Philosophen wie Levi-Strauss. Benveniste, Merleau-Ponty. Hyppolite. de Waelhcns. Ricoeur. Althusser und die jüngeren wie Sebag. Barthes. Foucault. Deleuze. Demda. Baudrillard. Er veröffentlichte in philosophischen Zeitschriften und stand mehrmals im Mittelpunkt von Philosophiekongressen, wo seine Konzeption des Unbewußten als sprachliches System im Sinne Saussures und Jakobsons und seine Reformulierung des cartesiamschen »cogito« als Begehren für Diskussionen sorgten. Wie Newton oder Darwin hat hier ein Fachwissenschattier die Grundlagen des Denkens und Erkennens so verändert, daß nach ihm eine neue Philosophie entstehen könnte oder müßte. In Frankreich hat durch ihn die Psychoanalyse philosophisches Gewicht bekommen, und er hat entscheidend aut die Philosophie des sogenannten Poststrukturalismus gewirkt. In Deutschland merkt man davon nur wenig. Die skeptischen Urteile Freuds über die Philosophie, sein vermeintlicher »Szientismus« , der bei dem Strukturalisten L. noch gesteigert scheint, dessen schwieriger Stil, der dem unzugänglich ist. der sich nicht »fangen lassen« will, dazu ein wissenschaftliches Klima, das Disziplinen säuberlich tremit. sowie der Rückzug der Philosophie vom wirklichen Geschehen auf ihre Geschichte lassen bei uns eine Rezeption der L.sehen philosophischen Psychoanalyse nur sehr langsam zu. Die Psychoanalyse ist hier von den Positionen der amerikanischen Ich-Psychologie besetzt, denen die Polemik L.s seit 1953 galt: in der Philosophie ist er bis aut gelegentliche Seminare tabu: in der Literaturwissenschaft hat er eine gewisse Anerkennung gefunden, wie der V

II.

Internationale Germanisten-Kongreß 1985 in Göttingen zeigte, was aber Anfeindungen nicht minderte.

      Anders in Frankreich: Als 1986 die erste große Biographie über ihn erscheint , beschwören die Zeitungen eine Epoche, als Barthes. Dernda. Foucault. Levi-Strauss, Althusser und eben L. Frankreich zum intellektuellen Mittelpunkt der Welt machtenund im Seminar von L. > das Begehren zu verstehen sich mischte mit der Gewißheit, einem unerhörten Ereignis beizuwohnen«.
      1953. 1963 und 19S0 haben die Trennung mit Lagache. Favcz-Boutonier, Dolto von der anerkannten Gesellschaft der Psychoanalyse in Frankreich , der Ausschluß L.s aus der neu entstandenen »Societe francaise de psychana-lyse« auf Betreiben der »International Psychoanalytical Association« und die Auflösung der eigenen florierenden Schule, der »Ecole freudienne de Paris«, für öffentliches Aufsehen gesorgt und den Laeamsmus als psychoanalytische Theorie und als intellektuelle Strömung durchgesetzt. Vor allem die Auflösung der »Ecole freudienne« im Jahr 19S0. verbunden nnt der Neugründung der »Ecole de la cause freudienne« unter seinem Schwiegersohn Jacques-Alain Miller, macht deutlich, daß es ihm neben der Einrichtung einer streng psychoanalytischen Ausbildung um die Darstellung und Verbreitung einer Theorie des Unbewußten geht, die weit über psychoanalytische Fachbelange hinausreicht und die daher aus Schulabhängigkeiten befreit werden mußte.
      Diese Einflüsse auf das Denken Frankreichs verdanken sich einem Mann, der eigentlich nur seine medizinische Doktorarbeit von 1932. worin er den Fall einer paranoischen Identifikation beschreibt, als Buch veröffentlicht hat. dessen wichtigste Aufsätze von 1953 bis 1964. die als Vorträge vor einer schon mit ihm vertrauten Hörerschaft gehalten und sonst nach eigenem Urteil »unlesbar« sind, erst 1966 in einem Buch mit dem unscheinbaren Titel Ecrits einer größeren Ã-ffentlichkeit bekannt gemacht wurden, der aber seit 1953 bis kurz vor seinem Tod ein jährliches Seminar hielt, das allgemein zugänglich war. zuerst in der Klinik Samte Anne, dann nach seinem Ausschluß aus der psychoanalytischen Vereinigung seit 1964 an der »Ecole Normale Supeneure« vor einem größeren Publikum, nach seiner Vertreibung auch dort, in der Folge der Mai-Ereignisse von 196S, ab 1969 an der Universite du Pantheon. Von diesen Seminaren, in denen L. seine Neufassung und Ausweitung der psychoanalytischen Theorie, immer in der - allerdings einseitig die Sprache des Unbewußten betonenden - Berufung auf Freud, durchführt, sind zur Zeit sechs veröffentlicht: das 11. Seminar von 1964. Les quatres Concepts fondamenteaux de la psychanalyse , mit dein er seine eigene Schulgründung einleitet: die ersten beiden von 1953 54 und 1954,55. die seine Theorie des Symbolischen und Imaginären im Ausgang von Freud darstellen: das 20. Seminar von 1972/73, Encore. das über Liebe. Genuß und Frauen handelt: das 3. Seminar von 1955,56 über Die Psychosen, das seine Sprachtheorie entfaltet; schließlich 19S6 das 7. Seminar über Die Ethik der Psychoanalyse von 1959 60. in dem er die Psychoanalyse an der Tragödie des Sophokles orientiert. Daneben ist noch ein Artikel von 1938 über Die Familie und eine Fernsehsendung mit ihm. Television. 1973 publiziert. Das übrige existiert in Zeitschriften, vor allem Scilicet. von 196S bis 1976. und Ornicar?. seit 1975, sowie in Raubdrucken und Archiven.
      L.s Leben versteckt sich - vor allem in späteren Jahren - fast ganz hinter seinem Werk. Wie bei Freud, wo dieses Zurücktreten hinter der Aufgabe allerdings im Gegensatz zu L. zu extremer persönlicher Zurückhaltung führte, hat man den Eindruck einer Inszenierung der eigenen Biographie, was die oft eitel erscheinende ästhetische Stilisierung der eigenen Person und seines öffentlichen Auftretens erklärt.

     
Jacques-Marie Emile L. stammt aus einer dem mittleren Bürgertum zuzurechnenden, streng katholischen Familie und empfangt seine klassische Bildung aut einem angesehenen Pariser Jesuiten-Gymnasium, dem College Stanislas. Er studiert Medizin und durchläutt eine Karriere als Arzt für Neurologie und Psychiatrie in den besten Institutionen Frankreichs, vor allem an der Klinik Sainte Anne in Paris, wo er einer der Klinikchefs wird. Er ist beeinflußt von der deutschen und schweizerischen Psvchiamc. arbeitet 1930 an der berühmten Klinik Burghölzli von Zürich bei E. Bleuler und CG. hing und engagiert sich seit 1926/27 mit seinen Freunden Henri Ey und Pierre Male in der »Evolution Psychiatn-que«, die sich neuen Ideen in der Psychiatrie öftnet und deren Vizepräsident er 1936 wird. Seit Veröffentlichung seiner Dissertation von 1932 gemelk er die Anerkennung der Surrealisten, vor allem Batailles. Caillois . Leins und Dans, und nimmt am Leben der intellektuellen Avantgarde in Kunst und Philosophie regen Anteil, ohne ihre Gruppenaktivitäten mitzumachen; abgesehen davon, daß er mit Queneau. Bataille. Jean Wahl. Merleau Ponty. Raymond Aron. Eric Weil. Klossowski. Pater Fessard und anderen dem faszinierenden Ereignis von Kojeves Vorlesungen über die Hegeische Phänomenologie von 1933 bis 1938 folgt, deren Interpretation der Dialektik von Herr und Knecht und Auffassung des Hegeischen Begriffs der »Begierde« sein Werk tief prägen sollte. Von 1932 bis 1938 unterzieht er sich einer Analyse bei dem russischpolnischen Juden Rudolph Loewenstein. gegen dessen spätere in den USA austormuherte »Ich-Psvchologie« er seine psvchoanalvtische Konzeption einer »Rückkehr zu Freud« mit der Bestimmung des Unbewußten durch die Sprache entwickeln wird. Seine Theorie des »Spiegelsta-diums«, der Ich-Bildung in der vorgreifenden Identifizierung mit dem Bild eines anderen, entsteht in dieser Zeit. Dieser Aufsatz ist weithin aufgenommen und mit der Position L.s verknüpft worden, wobei seine spätere Weiterführung zur Theorie des Begehrens oft zu wenig beachtet wird. Aut L. richten sich die Hoffnungen führender französischer Analytiker der 30er Jahre wie Pichon und Hesnard für eine »psychanalyse ä la francaise« - damals mit scharf antigermanischem, in den 50er und 60er Jahren mit ebenso antiamerikanischem Akzent.
      1934 heiratet er Marie-Louise Blondin. Tochter eines angesehenen Mediziners, mit der er drei Kinder hat; 1941 wird die Ehe geschieden. Seit 1939 ist er mit der Schauspielerin Sylvia Makles hiert. 1941 wird ihre Tochter Judith geboren, die später mit ihrem Mannjacques-Alam Miller das institutionelle Erbe L.s übernimmt. Erst 1953 heiraten Sylvia und er.
      Während der Besetzung Frankreichs veröffentlicht er nichts, er unterhält nur eine private Therapie-Praxis in Paris und bildet Analytiker aus. 1946 fragt er sich nach einem »gewissen Versagen« deswegen, er hätte sich der »Phantasie hingegeben, die Hand voller Wahrheiten zu haben, um sie umso besser über ihnen zu schließen«. Die ungeheure Kraft, mit der er in der Nachkriegszeit seine Theorie ausbildet und seinen Einfluß ausweitet, belegt die Intensität, mit der er gearbeitet haben muß. Seit 1946 beherrschen Sacha Nacht. Daniel Lagache und L. die französische Psychoanalyse. Der Konflikt von 1953, der sich in dem von 1963 tortsetzt, entzündet sich an institutionellen Problemen und Machtfragen; als Vorwand dienen die psychoanalytischen »Kurzsit-zungen« L.s. mit denen er an der Technik der Psychoanalyse experimentiert. Nachdem Bruch von 1953 wird er der profilierteste Denker der französischen Psychoanalyse, der diese mit der Linguistik, der Ethnologie, der Philosophie und später, ab den Toer jähren, mit der mathematischen Topologie verbindet und auf diese Weise die alte Sehnsucht nach einer »psyehanalvse ä la francaise« erfüllt, wobei er allerdings die Kritik, die die Psychoanalytiker der 30er Jahre am »Pansexualismus« Freuds übten, umkehrt 111 eine Betonung der unbewußten Bedeutung der Sexualität, die er als das versteht, was von der Sprache geformt wird, aber nur in den Lücken ihrer Ordnung existieren kann und daher eigentlich unmöglich ist. Seine Theorie läßt sich in der doppelten These zusammenfassen, daß das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert und von ihr hervorgebracht ist. Das heißt, das Unbewußte entsteht durch die Sprache, die einen strukturellen Einschnitt schattt. der als symbolisch-kulturelle Ordnung mit ihrem Gegenstück, dem Begehren, das Subjekt in seinen signifikanten Abhängigkeiten entstehen läßt. Der berühmte »Rom-Vortrag« von 1953. Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, und der Vortrag über Diis Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud von 1957 sowie die ersten drei Seminare entwickeln diese Position eines durch und als Sprache konstituierten Unbewußten. Durch die Ausweitung seiner Lehre an der »Ecole Nonnale« ab 1964, aut dem Höhepunkt des französischen Strukturalismus . wirci seine Theorie zu der intellektuellen Instanz, als die sie sich heute darstellt. Gleichzeitig nehmen ab 1967 die institutionellen Probleme seiner Schule alle Kräfte in Anspruch, so daß sieh seine theoretische Arbeit fast ganz in seiner Lehre im Seminar erschöpft. Ab 197" scheint er ermüdet. Offensichtlich im Hinblick aut seinen nahen Tod ordnet er 19S0 die Institution neu: er stirbt an den Folgen einer Darmkrebs-Operation in einer Klinik in Nemllv. zur Vermeidung öffentlichen Aufsehens unter falschem Namen.
     


Berndorf jacques

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