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Kojeve, Alexandre



Wenn in Raymond Queneaus Roman Le dimanche de la ine 1.1951) die Hauptperson den Wunsch äußert, einmal die Stadt lena besuchen zu wollen, weil dort die Geschichte zu Ende gegangen sei. dann ist das eine flir die Zeitgenossen deutliche Anspielung auf K. So präsent war ihnen die originelle Figur des Russen, der mit seiner einzigen Vorlesung, einer Hegel-Interpretation, die »Generation der drei H« so nachhaltig prägte, daß er zur Schlüsselfigur der französischen Philosophie in der Epoche des Existentialismus wurde. K. ging 1920 nach Deutschland, wo er in Berlin und Heidelberg sowohl fernöstliche wie abendländische Philosophie studierte und 1931 bei Karl Jaspers über Vladimir Solovjov promovierte. Dann zog er nach Paris weiter - wo er seinen Namen französisierte - und setzte von 1933 bis 1939 die von seinem Landsmann Alexandre Koyre am »College de France« gehaltene Vorlesung über Hegels Religionsphilosophie fort. Diese Fortsetzung wurden zu einer sechs Jahre anhaltenden kursorischen Interpretation von Hegels damals noch nicht ins Französische übersetzter Phänomenologie des Geistes. In Paris, wo in dieser Zeit an den Universitäten ein mathematisch orientierter Neukantianismus herrschte und Hegel, der in den philosophischen Handbüchern nur kurz abgetan wurde, kaum zum Programm gehörte, wurde diese heute legendäre Vorlesung zu einem Geheimtip der künftigen intellektuellen Elite. So befanden sich unter seinen Hörern Raymond Aron, Georges Bataille. Andre Breton. Pierre Klossowski. Jacques Lacan, Maurice Merleau-Ponty, Raymond Queneau. Eric Weil und der Jesuitenpater Fessard. Doch erst 1947 gab Queneau die Nachschriften dieser Vorlesung unter dem Titel lntroduction ä la lecture de Hegel 1 Hegel. Eine Vergegenwartigung seines DenkenS) als Buch heraus und machte sie damit der Ã-ffentlichkeit zugänglich. K. selber brach seine akademische Lautbahn ab und arbeitete bis zu seinem Lebensende als Beamter des französischen Wirtschafts- und Finanzministeriums für die OECD. Nach seinem Tod erschienen aus dem Nachlaß ein dreibändiger Essai d itne histoire raisonnee de la philosophie paienne und ein Buch über Kant .

      Folgenreich an K.s Hegel-Interpretation war seine - aus späterer Sicht - »existentiali-stische« Deutung des Kampfes der Bewußtseine um gegenseitige Anerkennung auf Leben und Tod. mit dem sich das Selbstbewußtsein und damit der Geschichtsprozeß konstituieren. Daher stand für K. das Kapitel »Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins. Herrschaft und Knechtschaft«, dem in der Phänomenologie des Geistes die Bewußtsemsstufen der sinnlichen Gewißheit, der Wahrnehmung und des Verstandes vorausgehen, im Mittelpunkt: Da auf diesen drei Stufen der Mensch in passiver Betrachtung seines Gegenstands von dem Gegenstand absorbiert wird, können sie nicht erklären, was das Selbstbewußtsein ist. das ihn vom Tier unterscheidet. Selbstbewußtsem kann nur durch die Begierde entstehen, weil die Begierde nichts anderes ist als das Begehren, sich das betrachtete Objekt durch eine Tat anzueignen und sich ihm gegenüber dadurch als selbständig zu erweisen. Doch das gilt ebenso für dieanimalische Begierde, die noch mcht zum Selbstbewußtsein führt, weil die rein biologische Befriedigung vom bloßen Sein, von der Natur abhängig bleibt. Wer sich vom oloßen Sein wirklich befreien will, muß seme Begierde auf etwas Nichtseiendes richten, das heißt auf eme andere Begierde. Damit begehrt er nicht das Objekt, das der andere begehrt, sondern das Recht auf dieses Objekt, er begehrt also die Anerkennung durch den anderen. Und nur dadurch, daß der andere ihn anerkennt, gelangt er zum Selbstbewußtsein. Streben aber alle nach Selbstbewußtsein durch Anerkennung, dann herrscht überall ein Prestigekampf auf Leben und Tod. Endet dieser Kampf mit dem Tod beider Protagonisten, dann gibt er kern Selbstbewußtsein. Verliert nur einer von ihnen das Leben, gelangt der Sieger auch nicht zum Selbstbewußtsein, weil er sich ja nur von einem lebenden Subjekt anerkennen lassen kann. Unterwirft sich der andere jedoch, macht er sich zu seinem Knecht, so kann auch das seinen Herren nicht befriedigen, denn dadurch, daß jener die Knechtschaft dem Tod vorzog, bewies er seine Abhängigkeit vom Sein, das heißt seine Unselbständigkeit. Also kann der Herr auch von ihm sich nicht anerkennen lassen. Somit endet sein Sieg in einer Sackgasse. Vom Knecht aber geht die Entwicklung weiter: da ihn der Herr zur Befriedigung seiner Begierden arbeiten läßt, unterwirft der Knecht durch seine Arbeit das Sein, indem er es verändert. Damit verändert er auch sich selbst, denn er beweist jetzt nachträglich Selbständigkeit gegenüber dem Sein, dessen Nichtigkeit ihn bereits seine Todesfurcht bei der Unterwerfung unter den Herrn gelehrt hatte, und gelangt nun seinerseits zum Selbstbewußtsem. Da sich dieses Selbstbewußtsein mit der Existenz des Herrn nicht mehr verträgt, wird er schließlich jede Herrschaft beseitigen. Zurück bleibt die Gesellschaft der freien Bürger, die einander anerkennen, weil sie durch Kampf oder Arbeit zur Selbständigkeit des Selbstbewußtseins gelangt sind. Damit vollendet sich die Geschichte, und alles, was folgt, ist nur die Durchsetzung ihrer Vollendung.
      Hegel sah diesen Prozeß in der Französischen Revolution und in der Errichtung des Napoleonischen Weltstaates, und die ganze Phänomenologie des Geistes ist nach K. - der behauptete, vor dieser Erkenntnis kein Wort von ihr verstanden zu haben - eme philosophische Apologie Napoleons. 1937 war K. noch der Meinung. Hegel habe sich um etwa einhundert Jahre irren müssen, denn nicht Napoleon, sondern Stalin sei der Vollender der Geschichte. Aber seit Ende des Zweiten Weltkriegs war er davon überzeugt. Hegel habe sich doch nicht geirrt und mit Napoleons Sieg in Jena habe tatsächlich das »Ende der Geschichte« begonnen, denn sowohl in den kapitalistischen wie in den kommunistischen Industriegesellschaften verwirkliche sich trotz aller Rückschläge und Verzögerungen der homogene bürgerliche Weltstaat, den sich schon die Theoretiker der Französischen Revolution als eme stände-lose Gesellschaft vorgestellt hatten. Alle Kriege. Revolutionen. Restaurationen und Befreiungsbewegungen seitdem seien nur Kämpfe zu dessen allgemeiner Durchsetzung. Mit dem Ende der Geschichte war für K. auch die menschliche Rede zu Ende, das heißt die Rede, die nicht nur Paraphrase des bereits Gesagten ist. sondern etwas Neues sagt, und daher interessierte er sich für die Frage, wie der posthistorische Mensch aussehen würde. Hier sah er nur die Alternative zwischen dem animalischen »amencan wav of life« eines alles umlassenden Konsums oder der »japanischen« Lösung des Snobismus durch Harakiri oder Kamikaze, bei dem man sein Leben für nichts aufs Spiel setzt. K. selbst zog die Konsequenz aus seiner Erkenntms und schwieg oder dachte - wie es vonder Parodie seiner Person in dem Queneauschen Roman heißt - »im allgemeinen an nichts.. .. wenn aber doch, dann am liebsten an die Schlacht von Jena«, und genoß den »Sonntag des Lebens«, wie dieser Roman nach einem Hegelzitat heißt. K.s nachgelassenes Werk erwies sich denn auch lediglich als ergänzende Einführung in sein Denken. Gegen Ende seines Lebens verschaffte sich K. einen provokatorischen Abgang, indem er am 26. Juni 1967. aut dem Höhepunkt der Berliner Studentenbewegung, kurz vor dem Euitretten Herbert Marcuses an der Freien Universität 111 einem Vortrag mit dem Titel Was ist Dialektik? Die Struktur der Rede seine Theorie vom Ende der Geschichte verkündete. Doch nicht diese Theorie hatte inzwischen unübersehbare Folgen für die französische Philosophie gehabt, sondern die Tatsache, daß er mit seiner Interpretation vom Prestigekampt aut Leben und Tod den rein erkenntnisthcoretischen Rahmen des Neukantianismus gesprengt und eine dialektische Philosophie in das französische Denken eingeführt hatte, die aut die konkreten Beziehungen der handelnden Subjekte untereinander und damit zur Geschichte anwendbar war. was auch die bald einsetzende Rezeption des Marxismus prägte. Deutliche Spuren dieses Einflusses findet man z.B. sowohl in Merleau-Pontys Humanisme et terreur als auch beim Batailleschen Schlüsselbegriff der Souveränität, bei Lacans Auffassung der Begierde und indirekt bei Sartres Beschreibung der wechselweise agonistischen Beziehung zum Anderen.
     


Dumas, alexandre d.a.

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Kojeve,  Alexandre      





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