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Philosophen biographisch

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Klossowski, Pierre



Die Seele der Heiligen Theresa von Avila bemächtigt sich zu ihrer Reinkarnation des Körpers eines jungen androgyncn Lustknaben, an dessen Körperausscheidungen sich eine Hummel gütlich tut. welche die Seele des Großmeisters des Templerordens in sich aufgenommen hat. dessen Widersacher Nietzsche sich wiederum in die Gestalt eines Ameisenbären geflüchtet hat. K., Sohn einer aus Polen stammenden Familie, Bruder des Malers Balthus K.. lernt in seiner Jugend Rilke und Gide kennen, absolviert seinen Militärdienst, übersetzt zusammen mit P. Jouve Hölderlin und findet schließlich in Bataille sein großes literarisches Vorbild. 1934 tritt er in den Dominikanerorden ein, eine Episode, die er 1947 mit der Veröffentlichung seines atheistischen Credo Sade, mon proehain endgültig abschließt.

      Die o.g. zentrale Szene seines Schlüsselromans Le Baphomet umschreibt auf metaphorischer Ebene das entscheidende Problem des Denkens von K.: Identität bzw. Nichndentität des Ichs mit sich selbst. Und auch sein geistiger Vater taucht in dieser Szene auf: Friedrich Nietzsche und ganz besonders dessen Theorem von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen . Was bei K. die Faszination Nietzsches ausmacht - er übersetzte 1954 dessen Fröhliche Wissenschaft — sind indessen nicht allein seine philosophischen Aussagen, es ist vor allem sein Leben, ja K. beschreibt in mehreren Arbeiten Nietzsches gesamtes philosophisches Denkgebäude als »Variationen über ein persönliches Thema«. Für K. ist die Lehre von der Ewigen Wiederkehr nicht in erster Linie eine theoretische Erkenntnis, sondern vielmehr eine pseudo-rehgiöse Offenbarungserfahrung des Menschen Nietzsche, die einer existentiellen Stimmung, einer »Intensitätsfluktuation« entspringt. Diese gewissermaßen uniehrbare Lehre zielt nicht primär auf das theoretische Denken des Rezipienten, sondern auf seine praktische Existenz, deren Identität sie radikal in Frage stellt, indem sie unablässig bewußt macht, »daß ich anders war. als ichjetzt bin«. Zugleich mit dieser Negation der Identität des Ichs negiert K. auch die Existenz des Garanten dieser Identität, die Existenz Gottes; auch hier folgt er Nietzsche und seiner Proklamation vom Tod Gottes, wobei er diese Erkenntnis und ihre praktischen Konsequenzen bereits bei Sade findet : »Der Akzent vor. Der Band vereinigt drei Texte, die zuvor einzeln erschienen waren; Roberte ce soir , La Revocation de l edit de Xantes , Le Souffleur ou Le Theatre de societe . Alle drei Texte kreisen um die Figur der Roberte und ihre verschiedenen Identitäten. Der Ehemann Octave unterwirft sie den Gesetzen der Gastfreundschart, d.h. sie muß den Gästen - z.B. einem Riesen und einem Zwerg — und ihren Wünschen vollständig gehorchen. Octave glaubt, aut diese Weise die Persönlichkeit Robcrtes in all ihrer Vielfalt ausleuchten zu können. Die Unternehmungen fuhren jedoch zu einer letztlichen Auflösung der Identität, ja der Realität überhaupt. Es kommt zu Zweifeln, ob Roberte wirklich Roberte ist. ob wirklich Octave ihr Gatte ist oder nicht vielmehr der Schriftsteller Theodore Lacase. der ein Buch mit dem Titel »Roberte ce soir« verfaßt hat und eigentlich >K.< ist. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen ; die Figuren spielen sich selbst in Theaterauttührungen oder in szenisch nachgestellten erotischen Bildern oder Filmen, die sie ihrerseits selbst abbilden und auch selbst betrachten. In diesem Spiel mit sexuellen Abenteuern, philosophischen Vorträgen, eingelegten Dramentragmenten usw. offenbart sich, vielleicht deutlicher noch als in seiner Schritt über den Circuhti i itiosus. die eigentliche Neuinterpretation von Nietzsches Gedanken der Ewigen Wiederkehr. Anders als bei Nietzsche kehrt bei K. nicht das Gleiche wieder; die Nicht-Identität der Existenz mamtestiert sich - gleichsam potenziert - darin, daß sie ständig das Andere in sich aufnimmt. Die eigene Vergangenheit als Rest einer möglichen Identifikationsbasis wird dem Ich entrissen, es bleibt lediglich tormal als Leerstelle bestehen, als »Vakanz des Ichs«. Immer neue Gedanken. Worte oder Blicke erfüllen diese Leerstelle Ich und lassen sie zu einer unendlichen Metamorphose der Außenwelt werden: »Ich kann mich bei jedem Wort tragen, ob ich denke oder ob andere in mir oder für mich denken oder mich denken, oder auch denken, bevor ich selbst wirklich denke, was sie denken.«
In einer populären neueren Literaturgeschichte wird K. als »romancier du fantasme« definiert: diese Charakterisierung bezeichnet in der Tat formelhaft den Kern seines philosophischen und schriftstellerischen Schaffens: Autlösung der Realität und des Ich. an deren Stelle ein an Georges Bataille und dem Surrealismus geschultes literarisches Universum einer phantastischen Wrelt tritt, in der Gott zwar tot ist. die aber auch ihren Gott anbetet: An die Stelle der Identität tritt die reine Intensität der Ekstase, der unverbunden nebeneinander stehenden Augenblicke, die nun die Stelle von Nietzsches kontinuierlicher Wiederholung des immer Gleichen einnehmen. Die endgültige Auflösung des Ichs bedeutet in K.s Denken die höchste Form des Willens zur Macht und ist die »glanzvolle Trophäe« der Existenz.
     


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Klossowski,  Pierre    





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