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Philosophen biographisch

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Hegel, Georg Wilhelm Friedrich



Das Portrait des versunkenen Professors auf dem Katheder über den Köpfen der andächtig mitschreibenden jungen Herren im Frack zeigt H. im Jahre 182S. auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, in Berlin. Dieser H. ist es. der in die Nachwelt einging, dessen Denken z.B. dem jungen Marx noch ganz selbstverständlich »jetzige Weltphilosophie« war. In systematischer Form, als Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse mit ihren insgesamt 577 Paragraphen. Unterabschnitten und mündlichen Zusätzen ruht s:v scheinbar in sich selbst. Welch verschlungene Wege aber solcher Svstematik vorausgegangen waren, wieviele Brüche. Umwege. Neuansätze dazu notwendig waren, wurde nur allmählich und erst im Laufe unseres Jahrhunderts bewußt. Nach und nach wurde sichtbar, wie sehr auf H.s denkerischen Weg selbst eine seiner berühmtesten Einsichten zutrifft: Philosophie is: »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«. H. hat seine Zeit sehr bewußt gelebt - daß seine erste wie die letzte Veröffentlichung überhaupt ganz aktuellen politischen Fragen gilt, is: hierfür mehr als nur ein Indiz. Es ist eine Zeit des Umbruchs: 1817 schreibt er selbst von »diese letzten 25 Jahre. die reichsten, welche die Weltgeschichte wohl gehabt hat. und die für uns lehrreichsten, weil ihnen unsere Welt und unsere Vorstellunger. angehören.«

H. stammt aus der württembergischen Oberschicht, die m einer für Schwaben charakteristischen engen Verbindung von Kirche und Unterrichtswesen - »Scholarchen und Pfarrer« - das kulturelle Leben dauerhaft bestimmte. Seine Mutter Maria Magdalena Fromme war »für die damalige Zeit eine Frau von vieler Bildung« : sein Vater Georg Ludwig war herzoglicher Beamter in gehobener Stellung, ein Bürgerlicher von entschieden aristokratischer Gesinnung. G.W.F. war das älteste von drei Kindern, er hatte noch eine jüngere Schwester und einen Bruder. Insgesamt ist es für H. charakteristisch, daß sein äußeres Leben ziemlich ruhig und undramatisch verläuft und daß er sehr spät, mit mehr oder weniger fünfzig Jahren, erst wirklich bekannt und berühmt wurde. Das Stuttgart seiner Kindheit war als Haupt- bzw. Residenzstadt des Herzogtums Württemberg Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen absolutistisch-aufgeklärter Herrschaft einerseits, den Landständen andererseits, die 1770. m H.s Geburtsjahr, im sog. »Erbvergleich« eine feierliche Bestätigung ihrer traditionellen verfassungsmäßigen Rechte errungen hatten. Natürlich war Stuttgart auch kulturelles Zentrum. Nach der sog. »Lateinischen Schule« besuchte H. hiervom siebten bis zum achtzehnten Lebensjahr das »Gymnasium illustre«, das 16S6 als weltliche Alternative zu den eindeutig kirchlich orientierten Klosterschulen gegründet worden war. Daß H. zusätzlich von Pnvatlehrern unterrichtet wird, zeigt die Bedeutung, die die Eltern seiner Karriere beimessen. In einem zum Teil lateinisch geschriebenen Tagebuch gibt sich der nicht weiter auffällige Musterschüler Rechenschatt über seine intellektuelle Beschäftigung. Was sich an Exzerpten. Ãœbersetzungen und Präparationen erhalten hat, zeigt die Gründlichkeit, mit der der Schüler sich die Bildungswelten des klassischen Altertums, der jüdisch-christlichen Tradition wie auch semer Zeit, der westeuropäischen Aufklärung, aneignet.
      Mit dem Studium der Theologie in Tübingen schlägt H. einen gleichsam vorgezeichneten Weg ein. Vorgezeichnet war auch, daß der Musterschüler wie viele Generationen des »schwäbischen Pfarradels« vor ihm nach ertolgreichem •■Landexamcn« auf herzogliche Kosten im Tübinger Stift wohnt. Hier regiert strenge Zucht: »Der unbegreifliche Kontrast zwischen der freien, beinahe ausgelassenen Den-kungsart. die im Stift herrscht und in einigen Punkten sogar begünstigt wird, und der höchst sklavischen Behandlungsart, der man Unterworten ist - alles dies läßt den Denker eine Revolution ahnen, die unvermeidlich ist.« Diese Äußerung eines Zeitgenossen aus demjahre 1785 trifft natürlich um so mehr auf H.s Studienzeit zu. die genau in die Zeit der Französischen Revolution fällt. Die Stittler nehmen daran leidenschaftlich Anteil, und so überrascht es nicht, wenn sich in H.s Stammbuch Losungen wie â– â– Vivc la liberte«. »Tod dem Gesindel« und Ulrich Huttens »In tyrannos« finden. In diesem Sinne wird auch die Kantische Philosophie gefeiert. Kants »Revolution der Dcnkungsart« bietet den Stiftlern die Grundlage und liefert die Waffen für eine Kritik der protestantischen Theologie, die innerhalb der säkularen Auseinandersetzung von Vernunft und Offenbarungsreligion gerade mit Tübingen eine Bastion der Orthodoxie besaß. Im Stift lernt H. den gleichaltrigen Hölderlin und den frühreifen Schelling kennen. Die drei schließen einen engen Freundschattsbund. und die Tatsache, daß die drei Genies sogar eine Zeitlang m derselben Stube gewohnt haben, ist als denkwürdiges Ereignis in die Geistesgeschichte eingegangen. Bei H. allerdings, der sich vor allem in Rousseau vertieft, ist von Gerne noch kerne Spur. Als er wieder einmal zu spät und nicht ganz nüchtern ins Stift zurückkommt, soll ihm. nach einer Anekdote, der Stubenälteste verzweifelt zugerufen haben: »O Hegel. Du saufscht Dir g wiß noch Dein ganz bißle Verstand vollends ab!«
Nach dem Studium wird H. nicht Pastor, sondern nimmt eine Hofmeisterstelle bei einer Berner Patrizierfamilie an und entscheidet sich damit für die Möglichkeit, ebensoder alten Literatur und der Philosophie mich ergeben zu können, als in anderen Ländern und unter fremden Verhältnissen zu leben.« Die Stelle in Bern bringt aber auch eine tiefe Isolation mit sich. Um so größere Bedeutung hat daher der Briefwechsel mit den Freunden Hölderlin und Schelling. der einen guten Einblick in die geradezu hektisch anmutende intellektuelle Atmosphäre jener Zeit _ribt. Wenn Schelling schreibt: »Wir müssen noch weiter in der Philosophie«, und den Freund auffordert, seinen Beitrag dazu zu leisten, bekennt sich dieser nur als »Lehrling« â– jn. der neuesten Philosophie: »von meinen Arbeiten ist nicht der Mühe wert zu reden«
August 1795). In der Tat bleiben alle Schriften dieser »republikanischen Periode«, wie •:e genannt wurde. Manuskripte oder auch Fragmente. Ihr Grundtenor ist eine scharfe Kritik der eigenen Zeit. Sie entfaltet sich vor allem als Kritik des Christentums. i_ Kritik der Verbindung von Kirche und politischem Despotismus, »der nach Unterdrückung aller Freiheit des Willens durch die Geistlichkeit völlig gewonnenes Spiel hi: - bürgerliche und politische Freiheit hat die Kirche als Kot gegen die himmlisch;-Güter und den Genuß des Lebens verachten gelehrt.« Der abgelehnten Gegenwir: stellt der junge H. - wie übrigens viele seiner Freunde und Zeitgenossen — ein eicc::-tümlich erträumtes Ideal der Vergangenheit gegenüber: den griechischen Stadtstaat die Pohs. in der freie, gleiche, selbstbewußte Bürger leben, mit einer ebenso vemün::;-gen wie sinnlichen »Volksreligion« als Bindeglied ihrer frei bejahten Gemeinschafthch-keit. Bei aller Kritik des Christentums mißt H. also der Religion eine große Bcdeutu:._-bei. nicht zuletzt im Rahmen emer Volkspädagogik, mit der sich Hölderlin trägt.
      Em schönes Dokument jener Zeit ist H.s Tagebuch einer Reise durch die Berr.c: Oberalpen, die er im Juli 1796 »mit drei sächsischen Hofmeistern« unternimmt. E: zeigt semen scharfen Blick für die Eigenheit von Lebensgewohnheiten, Sitten, Gla.:-bensformen ebenso wie seine Kühle gegenüber der Schönheit der Natur, die sich bis l-. die spätere Kunsttheorie hinein durchhalten wird: »Der Anblick dieser ewig todte:: Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: ;. ist so.«
Durch die Vermittlung Hölderlins nimmt H. im Januar 1797 eine Hauslchrersteih bei einer Frankfurter Kaufmannsfamüie an, die ihn neben der Verbesserung seiner materiellen Umstände und der Möglichkeit wissenschaftlichen Arbeitern endlich au> der Berner Isolation befreit und den ersehnten Kontakt mit dem Freund bringt . Insgesamt liegen die vier Frankfurter Jahr^ für uns ziemlich im Dunkeln. Einerseits wissen wir aus Briefen ar. eine Stuttgarter Jugendfreundin, daß H. m Frankfurt »wieder etwas mehr der Weh gleich« wird. z.B. häufig ms Theater geht und im Main badet; Hölderlin beschreibt ihr. als »ruhigen Verstandesmenschen«, dessen Umgang wohltätig auf ihn wirkt. Andererseits aber ist sein Denken in derart rascher und grundsätzlicher Wandlung begriffen, daß dieser Umbruch zumindest in gewissen Phasen schwer nur anders denn als krisenhaft vorgestellt werden kann. Sein wichtigstes Ergebnis ist eine neue Auffassung der Geschichte bzw. der menschlichen Wirklichkeit überhaupt. H. verabschiedet in Frankfurt das Ideal der Vergangenheit , die republikanische Polis, und gelangt zur Anerkennung der geschichtlichen Entwicklung hin zur Gegenwart, schärfer: des Eigentums als Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. »Das Schicksal des Eigentums ist uns zu mächtig geworden, als daß Reflexionen darüber erträglich, seine Trennung von uns denkbar wäre.« Eme tragische, nicht widerrufbare, zu akzeptierende Entwicklung -: wie er jetzt auch die Person Jesu, dessen Leben er m Bern sich noch als eme Art jüdischer vernünftiger Sokratcs ausgemalt hatte, als tragische Gestalt deutet, die an ihrem Widerspruch zur Welt scheitern muß: verallgemeinert: »es ist ihr Schicksal, daß Kirche und Staat. Gottesdienst und Leben... .geistliches und weltliches Tun nie in Ems zusammenschmelzen können«. Und im Bemühen um die gedankliche Verarbeitung dieser Widersprüche gelangt H. auch zu emer Verflüssigung seiner Sprache, semer Bcgriiflichkeit. so daß man die Frankfurter Zeit ohne Ãœbertreibung als Wiege der Dialektik bezeichnen kann.
      »In meiner wissenschaftlichen Bildung, die von untergeordnetem Bedürfnissen der Menschen anfing, mußte ich zur Wissenschaft vorgetrieben werden, und das Ideal des Jünglingsalters mußte sich zur Reflexionsform, in ein System verwandeln: ich trage mich jetzt, während ich noch damit beschäftigt bin. welche Rückkehr zum Eingrellen in das Leben der Menschen zu finden ist.« Diese Stelle aus einem Briet an Schclling vom November 1800 könnte man gleichsam als Motto über die Jenaer Jahre stellen. H.s Mutter war bereits 1783 gestorben: 1-799 gibt ihm der Tod des Vaters mit der Aufteilung des Familienerbes zumindest vorläufig die nötige finanzielle Freiheit, sich endlich ganz der Philosophie zu widmen. H. entscheidet sich für Jena, das Ende des Jahrhunderts als Mittelpunkt der Frühromantik und durch Fichtes Lehrtätigkeit zum geistigen Zentrum aufgestiegen war. FL. in Jena »wie eine Obskurität« behandelt - so ein Schüler -. habilitiert sich sofort und lehrt zunächst als Privatdozent, ab 1805 durch Vermittlung Goethes als außerordentlicher Professor, mit einem bescheidenen Gehalt. Auf beiden Ebenen, der Veröfrentlichungs-wic der Lehrtätigkeit, entfaltet H. in Jena eine ungeheure Produktivität. Im Juli 1S01 erscheint die Differenz des Fichtescheu und Schelhngschen Systems der Philosophie, das ihn sofort auf dem Höhepunkt der Diskussion seiner Zeit zeigt. Programmatisch umreißen die einleitenden Bemerkungen über das »Bedürfnis der Philosophie« die bleibende Triebkraft seines Denkens wie die Zeitanalyse, aus der es entspringt. Diese geschichtliche Situation, die sich durch die politische Problematik nach dem revolutionären Bruch von 1789 auszeichnet, durch die theologische Problematik des Christentums nach der Aufklärung und die philosophische Problematik einer als starr empfundenen dualistischen Grundstruktur, wie sie in der Kantischen Philosophie vorherrscht und damit allgemeines Gedankengut der Zeit geworden war. analysiert H. als Entzweiung: »Wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und die Gegensätze ihre lebendige Wechselwirkung verloren haben, entsteht das Bedürfnis der Philosophie.« »Entzweiung ist der Quell des Bedürfnisses der Philosophie.« Daß H. sich dieser Problematik rückhaltlos stellt, macht seine Modernität ebenso aus wie sein spezifisch idealistischer, gleichsam »dynamischer« Impuls, die Gewordenheit. das Produziertsein dieser Gegensätze einsichtig zu machen und damit gleichzeitig zu überwinden. Basis ist dabei ein - etwa im Unterschied zum »Verstand« - genau bestimmter, eigentümlicher Begriff von Vernunft, der diese Ãœberbrückung erlaubt und trägt. Daher heißt es im gleichen Zusammenhang: »Solche festgewordenen Gegensätze aufzuheben, ist das einzige Interesse der Vernunft.«
Konkretes Ergebnis der Zusammenarbeit mit Schclling ist die Zeitschrift Kritisches Journal der Philosophie . von den Freunden gemeinsam herausgegeben. H.s große Beiträge im Journal setzen sich zentral mit der Gegenwartsphilosophie, d.h. mit der von Kant eröffneten Situation auseinander, umfassen dabei aber ein weites Spektrum vom antiken Skeptizismus bis zur zeitgenössischen Diskussion über das Naturrecht. Diese Aufsätze, die sich durch große stilistische Kraft auszeichnen, dienen ebenso der Selbstverständigung wie die Vorlesungstätigkeit. In diesen Vorlesungen, die von den Studenten noch eigens bezahlt wurden, las H. vor einem kleinen, aber sehr ergebenen Kreis von Schülern. Als »ein großes wirres Chaos, in dem alles sich noch erst ordnen und gestalten sollte, em allgemeiner Strudel und Taumel, in welchen alles hineingerissen wurde«, hat em Schüler rückblickend den Eindruck dieser neuesten Philosophie geschildert, und in der Tat gibt das erhaltene Material das Bild eines in ständigem Flusse befindlichen, sich ständig überholenden Denkens. Daß H. aber trotz aller Zumutungen dieses Denkens - eine Zumutung, die durch seine Schwierigkeiter. im mündlichen Vortrag noch gesteigert wurden - diese Studenten dennoch faszinierte, dürfte nicht zuletzt mit der Betonung der praktischen Relevanz spekulativer Erkenntnis für das Leben zusammenhängen, die nie mehr so stark wie in der Jenaer Periode zu spüren ist: »Denn das wahre Bedürfnis der Philosophie geht doch wohl auf nicht-anders als darauf, von ihr und durch sie leben zu lernen. «
In seinen Vorlesungsankündigungen findet sich immer wieder der Verweis auf ein »demnächst erscheinendes« eigenes Lehrbuch, ein eigenes »System der Wissenschaft". Wegen der dauernden Wandlung seiner Entwürfe erscheint es aber erst 1807, fr. Bamberg, in 750 Exemplaren - die Phänomenologie des Geistes. Summe der Jenaerjahre und zweifellos eines der originellsten Bücher der Philosophiegeschichte. Und eines der schwierigsten, denn H. entwickelt in den Jenaer Jahren und insbesondere in der Phänomenologie eine ganz eigene Begrifflichkeit, einen besonderen Sprachduktus, um die mit dem Stichwort »Entzweiung« angedeutete Problematik durch eine extreme dialektische Verflüssigung des Denkens bewältigen zu können. So lautet ein Schlüsselsatz der an programmatischen Äußerungen reichen Vorrede des Werkes: »Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es wesentlich Resultat, daß es erst am Ende das ist. was es in Wirklichkeit ist.«
Diesem Bewußtsein von Resultathaftigkeit bzw. Prozessualität entspricht die Einbeziehung der geschichtlichen Dimension in die Philosophie als solche, die »nun nicht mehr nur eine Geschichte luv. sondern geschichtlich ist« . Dieses neue Geschichtsbewußtsein ist eine der wesentlichen, bleibenden Errungenschatten Hegels. Der systematische Stellenwert der Phänomenologie - ob Vorbereitung, ob schon erster Teil eines Systems der Wissenschaften selbst - ist bis heute umstritten; als »Wissenschaft des erscheinenden Bewußtseins« soll sie den Leser jedenfalls zum Resultat, auf den Standpunkt des »absoluten Wissens« hinführen. Und zwar durch einen langen Prozeß hindurch, in dessen Verlauf eine Fülle von historischen Bewußtsemsgestalten sozusagen dialektisch »durchgemustert« wird, indem die Wahrheit jeder Bewußtseinsform wie ihre Beschränktheit und somit die Notwendigkeit aufgezeigt wird, daß sie unter- und in die nächsthöhere übergeht . H. spricht von der »ungeheuren Arbeit der Weltgeschichte«, die der Geist in der Herausbildung all seiner Formen und Gestalten durchmacht. Indem er sich am Ende der Phänomenologie rückblickend als diesen ganzen Prozeß und dessen Ziel zugleich erkennt, kann er ihn insgesamt rechtfertigen: als »absoluter Geist« ist er somit mit sich und seiner Gegenwart »versöhnt«. Formelhaft verknappt, besteht in dieser dialektisch erlangten »Versöhnung« - ein Schlüsselbegriff der Phänomenologie - die Antwort auf die »Entzweiung« und damit das Zentralproblem der Zeit. - Die Phänomenologie war in aller Eile und unter dramatischen Umständen fertiggestellt worden, kurz vor dem Einzug der Franzosen in Jena, die am 13. Oktober 1806 in der Doppclschlacht von lena und Auerstädt Preußen endgültig besiegen. An diesem Tag hat H. auch sein berühmtes »Napoleonerlebnis«, mit dem die spätere geschichtsphilosophische Konzeption des »welthistorischen Individuums« als dem Vollstreckerdessen, was geschichtlich an der Zeit ist. zusammenhängen dürfte. In einem Brief an den Freund Niethammer in München schreibt er: »den Kaiser - diese Weltseele - sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten; - es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.«
Durch die Kriegswirren war H. in beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten geraten, die sich ab Februar 1S07 durch die Geburt eines Sohnes verschärfen, den er mit Christiana Burkhardtin. »eines Gräflichen Bedienten verlassenes Eheweib", gezeugt hatte . So geht H. auf das Angebot ein. die Redaktion der Bamberger Zeitung zu übernehmen. Die Tätigkeit 111 Bamberg ist für H. zwiespältig: einerseits interessieren ihn ja die Politik, die »Weltbegebenheiten«, überaus, und so entspricht sie 111 gewissem Sinne der Ãœberzeugung von der Bedeutung der theoretischen Arbeit : andererseits finden sich viele Klagen über die »Zeitungsgaleere«, da eine scharte Zensur, die nur »Tatsachenmeldungen« erlaubt, ständig als Damoklesschwert über dem Herausgeber schwebt. Dennoch läßt sich als Tendenz der Bamberger Zeitung erkennen, daß H. für eine tolerante Haltung gegenüber dem Protestantismus in Bayern wirbt und den Leser für die französische Politik bzw. Verfassungsreformen im französischen Sinn zu gewinnen sucht. »Der große Staatsrechtslehrer sitzt in Paris«, heißt es einmal in einem Brief über Napoleon, in dem H. weniger den großen Feldherrn sieht als den Urheber des Code Wipoleon. dessen ganze Politik also im Einklang steht mit den bürgerlich-rationalen Erfordernissen seiner Zeit.
      Zwar immer noch nicht auf dem ersehnten Lehrstuhl, jedoch in erheblich verbesserten Umständen befindet sich H. als Rektor des protestantischen Aegvdiengvmnasiums in Nürnberg . In dieser Funktion wird er in die heftigen religions-und kulturpolitischen Auseinandersetzungen hineingezogen, die der Gleichstellung der Protestanten durch das bayerische Religionsedikt von 1809 folgen. Hierbei bekennt er sich zu einem selbstbewußten, in der Bildung begründeten Protestantismus: »Unsere Universitäten und Schulen sind unsere Kirche. Die Pfarrer und der Gottesdienst tuts nicht, wie in der katholischen Kirche.« Als Professor für philosophische Vorbereitungswissenschatten muß H. wöchentlich 12 Stunden Religions-. Rechts-, Philosophie- und Psychologieunterricht geben. Sein für damalige Zeiten ausnehmend achtungsvolles Verhalten gegenüber den Schülern - »jeder konnte das Wrort verlangen und seine Meinung geltend zu machen suchen . . . Von der untern Gvmnasialklassc an. . . redete er jeden Schüler mit >Herr< an« - wurde m Lebenserinnerungen noch lange nach seinem Tode hervorgehoben. Da ihm außerdem als Lokal-Schulrat und Referent in Schul- und Studiensachen noch die Aufsicht über das gesamte Nürnberger Schulwesen zufällt, ist es um so erstaunlicher, daß es H. trotz aller »Amts-dienstzerstreuung« gelingt, seine IVissetischiift der Logik zu verfassen . Die drei Rezensionen des ersten Bandes reagieren mit Unverständnis und Abwehr - in der Tat mußte dieses vielleicht dunkelste oder tiefsinnigste Werk der Philosophiegeschichte die Zeitgenossen befremden.
      Allem schon vom Titel her. Als 11 issenschiifi der Logik setzt sie sich radikal von den beiden gewissermaßen »vertrauten« Auffassungen ab: der von Aristoteles her überlie-fertcn formalen Logik, welche die Regeln des Denkens als eine Art Werkzeug zum richtigen Denken betrachtet, sowie der transzendentalen Logik Kants, die zwar die gegenstandskonstitunve Tätigkeit des Denkens bewußt macht, aber - wie H. in seiner lebenslangen Polemik gegen Kant nicht müde wird zu betonen - bei dem »Gespenst des Dina-an-sich« stehenbleibt. Demgegenüber beansprucht die spekulative Logik, den »Gang der Sache selbst« darzustellen: »die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist«. Im ersten Teil, der »objektiven Logik«, werden die Lehre vom Sem und vom Wesen behandelt, im zweiten Teil »die subjektive Logik oder die Lehre vom Begriff.« Da sich der Fortgang der Bestimmungen streng aus der Dialektik des Gegenstandes selbst ergeben soll, kann die spekulative Methode dabei kein äußerlich Hinzukommendes sein: »Methode« - so das berühmte Diktum der Einleitung - »ist das Bewußtsein über die Form der inneren Selbstbewegung des Inhalts.« Und insofern die objektive Logik außer den Begriffen der traditionellen Ontologie auch die Vorstellungen der übrigen Metaphysik ihres Bildcharakters entkleidet, der Betrachtung unterzieht, kann H. sagen, daß die objektive Logik »an die Stelle der vormaligen Metaphysik« trete; ihr Inhalt ist, nach der ungeheuren Metapher, »die Darstellung Gottes. . .. wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist«. So ließe sich auch von der Wissenschaft der Logik her zwanglos ein Bogen zurück zur Zeitdiagnose der Dijjerenz-schrift schlagen, da der mit der Aufklärung aufgerissene Abgrund zwischen theologischer und philosophischer Reflexion in der logischen Wissenschaft überbrückt ist: wie in der Phänomenologie der »absolute Geist«, so steht am Ende der Logik die »absolute Idee« als Inbegriff des zu sich selbst gekommenen und mit sich selbst versöhnten Denkens.
      Aus Briefen wissen wir. daß H. als vierzig Jahre alter Mann allmählich unruhig wurde. Lassen wir es dahingestellt, ob der Zeitpunkt der Eheschließung als Ausdruck seiner »organischen Reife« anzusehen ist. wie sein erster Biograph Karl Rosenkranz meinte - im September 1S11 heiratet er schließlich die zwanzigjährige Marie von Tucher. die aus einer der angesehensten Nürnberger Patrizierfamilien stammt. 1813 wurde ein Sohn Karl und im folgenden Jahr Immanuel H. geboren; über einen Zeitraum von zwanzig Jahren scheint die Ehe sehr harmonisch verlaufen zu sein. Ãœberhaupt geben H.s Briefwechsel und die dazugehörigen Dokumente - z.B. haben sich drei Haushaltsbücher erhalten - aus der Mikroperspeknve einer Individualbiogra-phie einen interessanten Einblick 111 die Lebensformen des deutschen Bürgertums zur Zeit des Biedermeier, am Vorabend der industriellen Revolution. - H. leidet zunehmend unter der intellektuellen Isolation seiner Provinzexistenz; »ein lebendiger Wir-kunaskreis«. schreibt er. »ist der höchste Wunsch meines Lebens.« Daß man aber allmählich auf seine wissenschaftliche Leistung aufmerksam geworden war, zeigt nichts deutlicher als die Tatsache, daß im Jahre 1816 drei Berufungen zugleich auf ihn zukommen. Die Entscheidung für Heidelberg, wo er von 1816 bis 1818 lehrt, war wichtig vor allem durch die Begegnung mit den Kunstwelten der Heidelberger Romantik, der mittelalterlichen Malerei und der italienischen Renaissancemusik -Erfahrungen, die seinen Kunstbegriff ausweiten und fruchtbar in die Vorlesungen über Ästhetik eingeflossen sind. Neben der Lehrtätigkeit ist H. Mitherausgeber der Heidelberger Jahrbücher. Hier erscheint auch sein Aufsatz I erhandlungen inii* Versammlung der Landstände des Königreichs Württemberg im Jahr 1815 und 1S16. mit ;cm H. in den aktuellen Verfassungsstreit eingreift. Zugunsten des Königs - tür H. haben die Landstände mit ihrer Berufung auf ihre herkömmlichen Rechte die Entwicklung seit der Französischen Revolution »verschlafen«. Als »Leitfaden«. »Zum Gerrauch seiner Vorlesungen«, erscheint im Sommer 1817 die Enzyklopädie der philosophi-::nen Wissenschaften im Grundrisse. Wenn auch dieses Werk für die zweite und dritte Auflage noch erheblich verändert und erweitert werden wird, so ist ::och hier die grundsätzliche Konzeption seiner Philosophie mit ihrem triadischen Aufbau von Logik. Natur- und Geistphilosophie vollständig ausgearbeitet. Ebenso ibgeschlossen erscheint der systematische Charakter seiner Philosophie, siebzehn Jahre fast, nachdem er geschrieben hatte: »das Ideal des Jünglingsalters mußte sich zur Reflexionsform, in ein System verwandeln«. Hierbei ist mit »System« ein sich selbst Tragendes Ganzes gemeint, in dem jeder Teil aut jeden anderen verweist, wie es im Begriff der »Totalität« am stärksten zum Ausdruck kommt. Mit H.s Worten: »Die eigentliche Bedeutung von System ist Totalität.«
Von den Auseinandersetzungen der Wirkungsgeschichte her ist H.s ölientliche Wirksamkeit in Berlin gleichsam vorbelastet. Sein Schüler Rosenkranz sah in der Berufung nach Berlin eine »höhere Notwendigkeit«, da die Hegeische Philosophie ja die »Vollendung« der preußisch-kantischen sei. 1857. dreizehn Jahre später und nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution, sieht Rudolf Ha vm in seinen Vorlesungen Hegel und seine Zeit ebenfalls eine Wahlverwandtschaft -jetzt aber kritisch gewendet: •Das Hegeische Svstem wurde zur wissenschaftlichen Behausung des Geistes der preußischen Restauration.« Nach seinen eigenen Äußerungen jedenfalls geht H. nach Berlin, »um in einem Mittelpunkt und nicht in einer Provinz zu sein«, und dies ist auch der Tenor des Konzepts semer Rede beim Antritt des philosophischen Lehramtes an der Universität Berlin . H.s Lehrtätigkeit konnte so unterschiedlich gesehen werden, da sich Preußen selbst äußerst zwiespältig darstellt: im Gefolge des Stem-Hardenbergschen Reformwerks auf dem Weg zu einem vergleichsweise modernen Staat, mit der besten Universität der Zeit, wurde es in der Zeit der »Dcmagogenvcrfolgung«. der Karlsbader Beschlüsse zu einem Zentrum der geistigen Unterdrückung. Und genau in dieser Periode erscheinen die Grundlinien der Philosophie des Rechts . H.s staatstheoretisches Hauptwerk, von einem heutigen Interpreten als »vermutlich tiefsinnigste und umfassendste Theorie in der gesamten Geschichte der politischen Philosophie« bezeichnet . Ihr Erscheinen löst einen Eklat aus. da sich H. in der Vorrede unter anderem sehr polemisch mit den nationalistischen Tendenzen in der burschenschafthehen Bewegung auseinandersetzt. Die Absicht der Rechtsphilosophie läßt sich als Versuch umschreiben, die wesentlichen Elemente der Moderne theoretisch zu rekonstruieren und im Staat als der konkreten Form von »Sittlichkeit« zur Versöhnung zu bringen. Dabei steht sie. noch vor der Entwicklung der Sozialwissenschatten. in der Tradition der praktischen Philosophie, die im wesentlichen zwei verschiedene Systeme hervorgebracht hatte: die antike Konzeption einer substantiellen Gemeinschalt und die neuzeitliche Begründung vom autonomen Inviduum her. die seit Hobbes mit dem Begriff des Sozialvertrags arbeitet. Die Rechtsphilosophie will beide Systeme miteinander verschmelzen. Ihr wesentlicher gedanklicher Schritt ist hierbei die scharfe begriffliche Unterscheidung zwischen »Staat« und »bürgerlicher Gesellschaft« sowie deren Bestimmung als »Arbeltsgesellschaft«, die auf dem »System der Bedürfnisse«; schärfer: dem allgemeinen wechselseitigen Egoismus beruht: »In der bürgerlichen Gesellschaft ist jeder sich Zweck, alles andere ist ihm nichts.« Demgegenüber vertritt der Staat als die »Sphäre des Allgemeinen« das Interesse der Allgemeinheit, und insofern kann H. ihn als »die Wirklichkeit der konkreten Freiheit« bezeichnen. Wenn auch, vor allem mit der Kritik an der Rechtsphilosophie durch den jungen Marx, häufig das Pseudologische vieler Ableitungen historisch gewordener Institutionen wie der Erbmonarchie als »philosophische Einsegnung des Bestehenden« kritisiert wurde, so darf man dabei die sozialethisch-kapitalismuskritische Absicht von H.s liberalem Konservativismus, wie sie etwa im Begriff der »Sittlichkeit« zum Ausdruck kommt, nicht aus den Augen verlieren.
      Im Gesamtbild der Berliner [ahre fällt der »Bürger« H. ms Auge - nicht die Welt des Hofes, sondern das gesellige Leben der Großstadt mit ihren Salons, den Einladungen und insbesondere den kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen bildet das Umfeld, in dem er sich bewegt. Und hier steht er selbst wiederum im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, da seine Vorlesungen zur Attraktion, seine Äußerungen etwa zu einer Opernaufführung Stadtgespräch werden -: 1824 bereits widmet ihm das Brock-Iiaits-Kotiversatiotislexikon eine ausführliche Darstellung. In den Vorlesungen kann H. ausführlicher und verständlich-ansprechender die ganze Universalität seines Wissens entfalten; ihre Themen umfassen Logik. Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. Naturphilosophie. Anthropologie und Psychologie. Rechts-, Religions- und Kunstphilosophie. Philosophie der Geschichte sowie die gesamte Geschichte der Philosophie. Ãœber seine merkwürdige Vortragsweise berichtet ein polnischer Hörer: »Denkt ihr vielleicht, daß die persönliche Gabe der Rede das Urteil der Hörer bezaubert? Keineswegs. H. sprach nicht glatt, nicht fließend, fast bei jedem Ausdruck krächzte er. räusperte sich, hustete, verbesserte sich ständig . . . Seine Vorlesung war eher ein Monolog, es schien, als vergäße er seine Hörer. .. Oft jedoch, wenn er sich räusperte, hielt er in seinem Vonrag inne: es war zu erkennen, daß sein Gedanke untertauchte ... In solchen Augenblicken der Inspiration war er von großer Poesie, in solchen Augenblicken sprach er glatt und seine Worte fügten sich zu einem Bild voller unvorhergesehenen Zaubers zusammen ... So versteht ihr. daß H. . . .dennoch mit magischer Kraft die Zuhörer gefangennahm und festhielt.«
Sehr schnell bildet sich um H. eine Schule. Sie erlangt einen so großen Einfluß, daß schon Anfang der 20er Jahre der Vorwurf erhoben werden konnte, daß man durchaus Hegelianer sein müsse, um an der Berliner Universität eine Anstellung zu erhalten. Ihr Organ sind ab 1S27 die Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik - von den Gegnern kurz »Hegelzeitung« genannt - in denen von H. eine Reihe wichtiger, ms Grundsätzliche gehender Besprechungen erscheinen. 1830 ist H. als Rektor der Berliner Universität auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Ãœber die eiiolische Reformbill . seine letzte größere politisch-publizistische Schrift, entsteht als Antwort auf die Erschütterungen der französischen Julirevolution und der belgischen Revolution von 1830, die er als ernste Bedrohung des politisch-gesellschaftlichen Gleichgewichts emptand.
     
Es ist ungewiß, ob H. als Opfer der Cholera oder eines Magenleidens starb. Nichts scheint seine Persönlichkeit in ihrer Verbindung von Realismus. Optimismus. Skepsis und Genie treffender zum Ausdruck zu bringen als die letzten Zeilen des Gedichts Entschluß, das er 1801 in Jena, ernunddrcißigjährig. schrieb: »Strebe, versuche du mehr als das Heut und das Gestern! So wirst du Besseres nicht, als die Zeit, aber aufs Beste sie sein!« Das Vakuum, das sein Tod zurückließ - »H. hinterläßt eine Menge geistreicher Schüler, aber keinen Nachfolger« - wurde von seinen unmittelbaren Schülern zunächst durch die Herausgabe seiner Werke gefüllt. In dieser sog. Freundesi creinsansgabe steht vor allem der »Berliner H.». d.h. die Enzyklopädie und die Vorlesungen, im Mittelpunkt, wobei auch die von H. selbst in Druck gegebenen Texte durch zahlreiche Zusätze aus Vorlesungsmitschriften angereichert wurden. Insgesamt bot diese das ganze Hegelverständnis des ig. Jahrhunderts prägende Ausgabe sein Denken als geschlossenes, in sich abgerundetes System dar; entwieklungsgeschichtliche. gar auf Widersprüche hinweisende Gesichtspunkte blieben demgegenüber fast gänzlich unberücksichtigt. Aber unvermeidlich mußte ein so umfassendes, komplexes und zugleich immer vielschichtig aut die eigene Zeit bezogenes Denken wie das H.s die unterschiedlichsten und auch gegensätzlichsten Auslegungen hervorrufen. Ausgehend vom Streit um das Verhältnis von Theologie und Philosophie kam es in den 30er lahrcn sehr schnell zur Spaltung der Hegelschule. Die Grundtrage war dabei zunächst die unmittelbar politische, ob in der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Zeit Vernunft gefunden oder vermißt wurde, diese Wirklichkeit also denkend gerechtfertigt oder durch Denken und Handeln verändert werden sollte. Die Absicht der sog. Alt- oder Rechtshegehaner liet insgesamt aut eine modifizierende Bewahrung des Systems hinaus. Die Parole der Jung- oder Linkshegelianer lautete hingegen auf »Verwirklichung« der H.sehen Philosophie . Zwischen diesen Polen fand das H.sche Denken aber auch eine rasche Ausbreitung in ganz Europa, insbesondere in Italien und in den slawischen Ländern, da es sich bei der Suche nach einem geschichtlich begründeten Nationalstaat anbot.
      Mit der Entdeckung des Proletariats als Träger des welthistorischen Vernunftprinzips wird aus der »Verwirklichung« der Philosophie zugleich ihre »Aufhebung« - ein Programm, das sich im Denken des jungen Marx durch die Hegelkritik hindurch als umfassende Zeitkritik darstellt. Ãœber Marx und Engels, die sich als die eigentlichen Erben H.s verstanden, blieb sein Denken eng mit der geschichtlich-politischen Entwicklung verbunden - eine bedeutende Strömung des kritischen Marxismus der 20er Jahre wurde geradezu »Hegelmarxismus« genannt. Als es im Gefolge von Wilhelm Dihhcysjngendgeschichte Hegels mit dem sog. Neuhegelianismus zu einer ersten »Hegelrenaissance« gekommen war , haben selbst der italienische und deutsche Faschismus - etwa über den Staatsbegriff der Rechtsphilosophie - H. für sich zu vereinnahmen versucht . Ein weiterer wesentlicher Schritt der Rezeptionsgeschichte bestand in der existentialistischen Wiederentdeckung der Phänomenologie des Geistes im Frankreich der 30er Jahre, hatte doch die Phänomenologie die Struktur des Selbstbewußtseins erstmals in seinem dialektischen Bezug auf anderes Selbstbewußtseinbzw. als ein »Kampf um Anerkennung« beschrieben .
      Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Interpretation H.s noch lange in die Auseinandersetzung zwischen »orthodoxem« und »kritischem Marxismus« eingebunden , wobei sich mit H.-G. Gadamer, K. Löwith, J. Ritter u.a.m. ein eigenständiger, sowohl historisch als auch systematisch orientierter Pol der Hegelinterpretation herausbildete. In gewissem Sinn versachlicht und verbunden mit intensiver philologischer Forschung dauert die Auseinandersetzung um H. auch heute noch an - die Arbeit im Umkreis der historisch-kritischen Ausgabe seiner Gesammelten Werke hat 150 Jahre Auslegungsgeschichte ebenso in Frage gestellt wie erneut in Fluß gebracht.
     


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Index » Textsammlung zur deutschen Literaturgeschichte

Hegel, georg wilhelm friedrich

Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt als der bedeutendste und einflussreichste Philosoph des 19. Jahrhunderts. Er führte die Philosophie des deutschen Idealismus auf ihren Höhepunkt. Hegel stammte aus einer Theologen- und Beamtenfamilie, besuchte die deutsche und die lateinische Schule seiner Vaterst .....
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Gull, friedrich wilhelm

Will sehen, was ich weiß, vom Büblein auf dem Eis Ayren, Armin. In: Frankfurter Anthologie 9, 1985, S. 77-81. Gelbrich, Dorothea. In: Gestörte Idylle, 1995, S. 125 - 142. .....
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Novalis (d.i. georg philipp friedrich von hardenberg)

Geb. 2.5.1772 auf Gut Oberwiederstedt bei Mansfeld; gest. 25.3.1801 in Weißenfels Der schwäbische Spätromantiker Justi-nus Kerner übersendet am 25. Januar 1810 Ludwig Uhland einen Auszug aus dem biographischen Porträt des N., das August Coelestin Just, ehemaliger Vorgesetzter und väterlicher Freund .....
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Friedrich wilhelm schuster

1824 in Mühlbach geboren, besuchte Schuster die Volksschule seiner Heimatstadt, das Gymnasium in Hermannstadt und Schäßburg. In Hermannstadt war er Schüler Johann Karl Schullers, der seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die deutschen Klassiker und Shakespeare, sondern auch auf die Volksdichtung lenkte .....
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Gotter, friedrich wilhelm

Schlafe, mein Prinzchen! Kaiser, Gerhard. In: Goethe bis Heine, 1988, S. 251 -253. Schulz, Gerhard. In: Frankfurter Anthologie 18, 1995, S. 23 - 26. .....
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Friedrich wilhelm schuster

Mit einem einzigen dramatischen Werk ging Friedrich Wilhelm Schuster in die siebenbürgisch-sächsische Literaturgeschichte ein: Alboin und Rosimund. Die Behandlung dieses Stoffes aus der Zeit der germanischen Wanderungen scheint ein abwegiges Unterfangen zu sein, und selbst seine Zeitgenossen mögen .....
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Friedrich georg jünger

Das Werk Friedrich Georg Jüngers beruht auf ganz anderen Voraussetzungen, schon darum, weil Jünger einer älteren Generation angehört und nicht wider ein verlorenes Ge= Schichtsbewußtsein mythische Ersatzbegriffe ausspielt, son= dem ein verirrtes Geschichtsbewußtsein mit ursprünglichen Kräften neu ve .....
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Friedrich wilhelm seraphin

Friedrich Wilhelm Seraphin wurde 1861 als Sohn eines Hermannstädter Schusters geboren. Da die Mutter schon früh starb, kam er in das Haus seines Oheims, des damaligen Kleinschenker Pfarrers, unter dessen Obhut er das siebenbürgisch-sächsische Volksleben kennenlernte. Er besucht zunächst das Hermanns .....
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Jünger, friedrich georg

Wie es in der Urkunde des Immermann-Literatur-Preises heißt, der dem Dichter 1953 verliehen wurde, verbindetj. die Heiterkeit des Geistes mit klarer Humanität und bewahrt unbeirrbar in unserer schwankenden Zeit das Vertrauen zum Leben in seinem Schaffen. Der Sohn eines Apothekers und jüngere Bruder .....
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Jünger, friedrich georg

Beschwörung Blöcker, Günter. In: Frankfurter Anthologie 1, 1976, S. 135- 138. Der Mohn Speier, Hans-Michael. In: Gedichte und Interpretationen 5, 1983, S. 320 - 335. Der Pfau Arendt, Dieter. In: Zeitwende 35, 1964, S. 30 - 39. Der Taurus Pfeiffer, Johannes. In: Wege zur Dichtung, 1969 .....
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Novalis (d. i. georg philipp friedrich freiherr v. hardenberg)

»Was war jene Blume, welche / Weiland mit dem blauen Kelche / So romantisch süß geblüht / In des Ofterdingen Lied? / Wars vielleicht die blaue Nase / Seiner mitschwind-süchtgen Base, / Die im Adelsstifte starb? / Mag vielleicht von blauer Färb / Ein Strumpfband gewesen sein, / Das beim Hofball fiel .....
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Christian dietrich grabbe (i80i-i836) und georg büchner(i8i3-i837)

Grabbe, Sohn eines Detmolder Zuchthausverwalters, war eine unglückliche Natur. Er scheiterte sowohl als Schauspieler wie auch als Rechtsbeamter, verkam schließlich in Trunksucht und ging an Tuberkulose zugrunde. Er war ein genialer Nachfahre des Sturm und Drang und ein entschiedener Gegner der Roman .....
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Georg herwegh (i8i7-i875)

mit seinen 'Gedichten eines Lebendigen" , die vor allem durch starke Affekte auffielen . Herwegh begründete mit seiner 'Arbeiter-Marseillaise" die deutsche Arbeiterdichtung: Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. Brich das Doppe .....
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Friedrich hebbel (i8i3-i863)

Als Sohn eines Maurers in Wesselburen geboren, wuchs der junge Hebbel in drückender Armut auf. 'Die Armut hatte die Stelle seiner Seele eingenommen", sagte der Dichter später von seinem Vater, der die dichterischen. Pläne seines Sohnes unterdrückte und ihn zum Maurerhandwerk zwang. Als er starb, kam .....
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Wilhelm hauff (i802-i827)

Ebenfalls ein häufiger Besucher im gastlichen Kernerhaus war Wilhelm Hauff. Er war ein äußerst begabter Erzähler von reicher Phantasie, glücklicher Gestaltungskraft, anmutiger Form und feiner Sprache. Davon zeugen vor allem seine nach dem Muster von 'Tausendundeine Nacht" erzählten reizvollen Märche .....
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Friedrich rückert (i788-i866)

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar. O wie liegt so weit, o wie liegt so weit Was mein einst war! Auch Rückert, gebürtig aus Schweinfurt, gestorben in Neuses bei Coburg, rief in seinen 'Geharnischten Sonetten" zum Kampf gegen Napoleon auf. In seinen sechs Bänden ly .....
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Jakob (i785-i863) und wilhelm grimm (i786-i859)

Die von der Romantik angestrebte Wiederbelebung alten deutschen Literaturgutes, wie sie schon Arnim und Brentano in 'Des Knaben Wunderhorn" versuchten, fand ihre fruchtbarsten Vertreter in den beiden Brüdern Grimm, die zeitlebens eng zusammenarbeiteten. Ihr Name ist für immer mit ihren unvergänglich .....
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Wilhelm heinrich wackenroder (i773-i798)

Nur 25 Jahre alt wurde der zarte Wackenroder, in dessen 1797 erschienenen 'Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders" alles das enthalten ist, was das Wesen der Romantik ausmacht. In seinem Werk erscheint zum ersten Male die altdeutsche Kunst, die sich ihm auf gemeinsamen Wanderungen mi .....
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Wilhelm müller (i794-i827)

Von Wanderlust und Naturliebe kündete auch der Dessauer Wilhelm Müller in seinen Liedern 'Am Brunnen vor dem Tore", 'Im Kug zum grünen Kranze", 'Das Wandern ist des Müllers Lust". In der Vertonung durch Franz Schubert sind sie zu echtem Volksgut geworden. .....
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Friedrich baron de la motte-fouque (i777-i843)

Fouque war zu seiner Zeit einer der beliebtesten Modeschriftsteller, der durch seine Dichtungen aus dem Mittelalter am meisten vor Richard Wagner zum Bekanntwerden der germanisch-deutschen Götter- und Heldensagen beige^ tragen hat. Ihm verdanken wir das heute noch am meisten gelesene Märchen der Rom .....
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Stefan george (i868-i933): komm in den totgesagten park ... - kein laufplatz für jogger

Komm in den totgesagten park und schau: Der Schimmer ferner lächelnder gestade • Der reinen wölken unverhofftes Blau Erhellt die weiher und die bunten pfade. Dort nimm das tiefe Gelb • das weiche grau Von birken und von buchs • der wind ist lau • Die späten tosen welkten noch nicht ganz • .....
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Index » Stationen der deutschen Lyrik » Feier später Schönheit

Novalis (friedrich von hardenberg, i772-i80i)

Der bedeutendste dichterische Geist der Frühromantik, ja der Inbegriff des Romantikers überhaupt, war der frühvollendete Novalis. Seine dichterische Begabung entzündete sich an dem frühen Tod seiner jugendlichen Braut, die er nur um wenige Jahre überlebte. In seinen 'Hymnen an die Nacht" rührt Noval .....
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Index » DIE DEUTSCHE ROMANTIK

Jean paul friedrich richter (i763-i825)

Während Heinrich von Kleist an der Wirklichkeit zerbrach, hat sie Jean Paul gemeistert und überwunden. Aus der Enge des damaligen Bayreuth baute er sich das Weltall seiner sehnsüchtigen Träume und Ideale. Und was die Bereicherung der deutschen Sprache vom Dichterischen her angeht, muß Jean Paul nebe .....
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Index » ZWISCHEN KLASSIK UND ROMANTIK

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Hegel,  Georg  Wilhelm  Friedrich    





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