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Gassendi, Pierre



Die geschichtliche Situation, in die sich der junge Professor der Philosophie gestellt sah. illustriert nichts besser als eine Episode, die Kurd Laßwitz in seiner Geschichte der Atomistik erzählt. Im August 1624 wollte der Arzt und Chemiker Etienne de Claves zusammen mit zwei Gesinnungsfreunden in Paris mehrere gegen den Anstotehsmus gerichtete Thesen in einer öffentlichen Disputation erörtern. Die 14. These galt der Wiederherstellung der von Aristoteles verworfenen Atomistik, die »unerschrocken und mit den Zähnen« verteidigt werden sollte. Doch bevor es zu dem Streitgespräch kam. griff die theologische Fakultät der Sorbonne ein. verurteiltediese These als »falsch, verwegen und im Glauben irrig«. Heß de Claves verhaften und veranlaßte. daß der Pariser Gerichtshof cm Edikt erließ, in dem die Verbreitung aller »gegen die alten und approbierten Autoren« gerichteten Grundsätze unter Todesstrafe gestellt wurde. Es scheint, daß durch diese Maßnahme das Wiederaufleben der antiken Atomistik, das erst wenige Jahre zuvor - in Deutschland 1619 durch Daniel Senncrt, in Frankreich 1621 mit Sebastian Basso - begonnen hatte, um etwa ein Vierteljahrhundert verzögert worden ist. Daß die Atomlehre, also die Erklärung des Naturgeschc-hens aus den Eigenschatten der Atome bzw. deren Bewegung, nicht für eine längere Zeitdauer ins Hintertreffen geriet, sondern lebendiger Bestandteil neuzeitlichen Denkens wurde, ist wesentlich das Verdienst G.s. dem Friedrich Albert Lange in seiner Geschichte des Materialismus zudem das Zeugnis ausstellt. Erneuerer »einer ausgebildeten materialistischen Weltanschauung« gewesen zu sein. Allerdings hat G. zunächst Zurückhaltung geübt. Von seinen gegen die Scholastik gerichteten. 1624 in Grenoble veröttenthehten Exercitatioiics paradoxicae adversus Aristoteleos {Ãœbungen in Form von Paradoxieu gegen die ArisiotelikeR) hat er nur das erste Buch erscheinen lassen und den Rest auf Anraten seiner wahrscheinlich unter den Pariser Eindrücken stehenden Freunde zurückgehalten. Die Erstlingsschrift entstand in einer Zeit, in der sich der Anstotehsmus wegen seiner empirischen Mängel und der einseitigen Bevorzugung logischer Streitfragen wachsender Kritik gegenübersah, so daß die große Aufgabe der ersten Haltte des i~. Jahrhunderts in einer Reform der von der Scholastik übermittelten antiken Wissenschattslehre bestand. Während Francis Bacon durch eine sorgfältige »Interpretation der Natur«, das heißt durch Sammeln empirischer Fakten, eine Lösung des Problems herbeiführen zu können glaubte und Rene Descartes auf der anderen Seite das Heil von Einsichten erwartete, die der Vernunft unmittelbar einleuchten, schlug G. einen dritten Weg ein. indem er auf eine Naturphilosophie zurüekgriff, die sich bereits in der Antike in ausdrücklicher Opposition zur Lehre des Aristoteles entwickelt hatte. Er berief sich auf den Gewährsmann Epikur und widmete ihm nach gründlichen Quellenstudien mehrere Bücher, die freilich erst gegen sein Lebensende erschienen sind: De vita et mortbus Epicuri comnientartus. Lvon 1647; Anitnadrersioties in decinuim libnmi Diogenes Lacrtit. qui est de vita. moribus placilisqtie Epicuri. ebenda 1649. Das Hauptwerk G.s. in dem er im Anschluß an Epikur sein eigenes System dargestellt hat. das sechsbändige Syutagma pliilosophicum {Philosophischer TraktaT), ist erst 1658 erschienen.
      G., der seit 1634 Kanonikus war. ging, um den antiken Materialismus mit dem christlichen Dogma in Ãœbereinstimmung zu bringen, von dem Grundsatz aus: »Die erste Ursache von allem ist Gott.« Demgemäß sind auch die Atome und ihre Bewegungen göttlichen Ursprungs. G. ist der erste unter den neuzeitlichen Anhängern der Korpuskulartheorie, der ausdrücklich den leeren Raum voraussetzte, und er ist auch der erste, der - im Gegensatz zu Demoknt und Epikur - eine endliche, wenn auch sehr große Zahl von Atomen angenommen hat. Erst John Dalton hat 150 Jahre später - in seinem .Wie System ot Chemical PhilosopH) von 1S08 - dieser Voraussetzung wieder das ihr gebührende Gewicht verliehen, und der Name G. ist infolgedessen engstens mit der Quantentheorie unseres Jahrhunderts verbunden, die wesentlich an die Bedingung einer endlichen Atomzahl geknüpft ist. G. hat auf dem Boden der Atomistik und des Erhaltungssatzes der Materie eine umfassende Matenethcorie entwickelt, indem eretwa die verschiedene Dichte und Durchsichtigkeit der Körper durch die verschiedene Größe der Poren zwischen den Atomen, die Verdunstung durch Abtrennung einzelner Atome von der Flüssigkeitsmasse und Fluidität. Weichheit sowie Elastizität durch verschiedenartige Beweglichkeit der Atome erklärt hat. So zutreffend seine Anschauungen teilweise sind, so hat er andererseits die Korpuskularphilosophie auch in Gebiete hineingetragen, aus denen sie später wieder verbannt wurde. Wärme und Kälte hat er beispielsweise auf die Bewegung spezieller Wärme- und Kälteatome zurückgeführt; auch den Schall und das Licht hielt er für korpuskulare Phänomene. In bezug auf das Licht hat sich Isaac Newton, der nach dem Bericht Voltaires von G. überhaupt große Stücke gehalten hat. seinem Vorgänger angeschlossen.
      Da es in G.s Materietheorie neben der Leere nur die Atome und ihre Bewegung gibt, hat sie große Ähnlichkeit mit der kinetischen Gastheorie des 19. Jahrhunderts. Allerdings hat Laßwitz in einer profunden Analyse der beiderseitigen Unterschiede daraufhingewiesen, daß G. nur die Dichte-, nicht aber die Geschwindigkeitsverteilung der Atome würdigte, weil er der Meinung war. die Atome änderten beim Stoß allenfalls ihre Richtung, nicht aber die Geschwindigkeit. Das erklärt auch den Umstand, daß in seiner Naturphilosophie mathematische Betrachtungen gänzlich fehlen. Was seinen Materialismus im weiteren Sinne betrifft, der ihn ebenso wie sein entschiedenes Bekenntms zum Sensualismus mit Descartes in Konflikt geraten ließ i.Disquisitio metaphysica von 1644: Metaphysische ErörterunG), so hat G. nach dem Urteil Langes und Laßwitz der zentralen philosophischen Frage, wie aus der Mechanik der Atome die Sinnesempfindungen abzuleiten seien, ratlos gegenübergestanden, obgleich er die Lebenserscheinungen mechanisch interpretiert und daraufhingewiesen hat. daß komplexen Systemen andere Eigenschaften zukommen als ihren Bestandteilen. Die »rationale Seele« jedenfalls hat er für etwas Immaterielles gehalten.
      Im dritten Teil des zweiten Bandes des Syntagtna philosophicum hat G. die Ethik abgehandelt und sich auch auf diesem Gebiet als Schüler Epikurs erwiesen. Wie dieser war er der Meinung, das Ziel der Morallehre sei die Glückseligkeit der Menschen und die Lust das höchste Gut. An gleicher Stelle erörterte er die Frage, ••wie das Fatum mit dem Glück und der Freiheit versöhnt werden kann«. Er verwarf Epikurs Lehre, daß die Freiheit des Willens in den willkürlichen Sprüngen der Atome wurzelt, und huldigte einem strengen Determinismus. Dennoch war er der Meinung, daß es eine Freiheit des Intellekts gäbe. Er schrieb: »Gott sah ohne Zweifel das Verhaken des Petrus voraus , aber er sah zugleich voraus, daß es nach eigener Wahl und freier Selbstbestimmung erfolgte.« Friedrich der Große, der sich während des Siebenjährigen Krieges eingehend mit G. beschäftigt hat. fällte das tolgendc. noch immer gültige Urteil über seine Philosophie. An Jean-Baptiste d Argens schrieb er: »Ihren Gassendi habe ich gelesen und darf Ihnen nun sagen, welchen Emdruck er aut mich gemacht hat. Semen physikalischen Teil finde ich sehr gut. insofern er die Entstehung der Körper betrifft sowie die Einheiten, aus denen die Materie zusammengesetzt ist. und insofern er Epikurs System erklärt... Seine >Moral< ist sicherlich der schwächste Teil seines Werks: ich habe nichts Gutes darin gefunden ... Der Artikel über die Freiheit ist der schwächste von allen.«
Tack, Reiner: Untersuchungen zum Philosophie- und Wissenschaftsbegritt bei Pierre Gassendi. Meisenheim Glan iy~-t.
      Laßwitz. Kurd: Geschichte der Atomistik vom Mittelalter bis Newton. Zweiter Band. Höhepunkt und Verfall der Korpuskulartheorie des siebzehnten Jahrhunderts. Nachdruck der Ausgabe Hamburg und Leipzig iSyo. Darmstadt 1963.
      Virich Hoyer


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