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Philosophen biographisch

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Gadamer, Hans-Georg



Die Bedeutung G.s zu würdigen heißt, von seinem epochalen Buch Wahrheit und Methode zu sprechen, das i erschien und in der Philosophie, aber auch in der Literaturwissen-schatt. den Soziahvissenschaften. der Theologie und der Rechtswissenschaft eine andauernde und beeindruckende Wirkung gezeitigt hat. Seitdem ist die Position der »philosophischen Hermeneutik«, die in diesem Buch, wie es im Untertitel heißt, in ihren Grundzügen entfaltet wird, untrennbar mit dem Namen G.s verbunden. - Wahrheit und Methode ist nichts weniger als der ausgeführte Versuch, Hermeneutik als einen universalen Aspekt der Philosophie zu begründen: Verstehen im Medium der Sprache als vernünftige Aneignung von Tradition trägt alle Formen menschlicher Erkenntnis und menschlichen Umgangs und ist damit Basis und Grenze der spezialisierten methodischen Erkenntnis der modernen Wissenschaft wie auch jeder Verabsolutierung der Vernunft in Theorie und Praxis. Diese hier thesenhatt zugespitzte Grundeinsicht G.s ist das Resultat vielfaltiger und langjähriger Aneignung der europäischen Philosophie seit der Antike. Von herausragender Bedeutung ist jedoch der Einfluß Heideggers. Die Begegnung mit Heidegger in Freiburg 1923 und dann in den folgenden lahren von [ bis 1928 als dessen Schüler in Marburg ist für G. die prägende philosophische Erfahrung, der eigentliche Beginn des eigenen Philosophierens und dies, obwohl er schon seit 1918 ein intensives Studium der Geisteswissenschaften, insbesondere der Philosophie absolviert hatte: zuerst in der Heimatstadt Breslau, u.a. bei dem Neukantianer Richard Hömgswald. dann ab 1919 in Marburg, wo er bei dem alten hochangesehenen Paul Natorp. einem Vertreter der neukantianischen »Marburger Schule«, und bei Nicolai Hanmann sein Studium fortsetzte und 1922 mit einer Dissertation über Das Wesen der Lust in den platonischen Dialogen abschloß. Durch Heidegger vermag G. nun die aus der ursprünglichen Welterfahrung gedachte griechische Philosophie Piatons und Aristoteles und ihre Fragestellungen als eigene Fragen zu verstehen und sich damit von ideahstischen Systemvorstellungen zu lösen. Dazu verhilft ihm auch ein Studium der klassischen Philologie, das er 1927 mit dem Staatsexamen abschließt. Mit seiner Habilitation über Piatos dialektische Ethik - Phänomenologische Interpretationen :um Philebos findet G. ein großes Stück eigenen Bodens für seine weitere Entwicklung. Hatte sein Vater, ein pharmazeutischer Chemiker, noch dem jungen G. von den Geisteswissenschatten und den »Schwätzprofessoren« abgeraten, so ist die Platon-Arbcit G.s geradezu auch als Auseinandersetzung mit diesem Vorurteil zu lesen, als Klärung der schwer zu treffenden Unterscheidung zwischen haltlosem Geschwätz und sachhaltigem Gespräch in der Auseinandersetzung von Sokrates mit den Sophisten. Seite an Seite mit Karl Löwith und Gerhard Krüger beginnt G.s langjährige Lehrtätigkeit als Privatdozent in Marburg, unterbrochen von einem Jahr in Kiel . Nach der Ernennung zum Protessor bekommt G. bald einen Ruf nach Leipzig, wo er ab 1939 lehrt. Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft erlebt er nach eigenem Bekunden als bedrückend: da er sich aber politisch zurückhält , bleibt er von Verfolgung und Repression weitgehend verschont. Er hält sich mit einer gewissen unbetroffenen Naivität in einem eher politikfernen gesellschaftlichen und thematischen Gelände auf. und es gelingt ihm. sich zwischen äußerer und innerer Emigration hindurchzulavieren. Einerseits beschäftigt er sich in Lehrveranstaltungen auch mit dem verfemten Edmund Husserl, andererseits läßt er sich als Vortragender u.a. in Florenz und Paris zur Auslandspropaganda mißbrauchen. Nach dem Krieg wird der unkompromitierte G. Rektor der Leipziger Universität und muß sich nun mit der sowjetischen Besatzungsmacht arrangieren.

      Als G. 1947 nach Frankfurt am Main und dann 1949 als Nachfolger von Karl Jaspers nach Heidelberg berufen wird, kann er sich endlich wieder uneingeschränkt der gehebten akademischen Lehrtätigkeit widmen. G.. der bis dahin nicht allzuviel veröffentlicht hat. beginnt seine langjährige Arbeit an Wahrheit und Methode, begründet 1951 die wichtige Fachzeitschrift Philosophische Rundschau und findet zudem noch genügend Gelegenheiten, das von ihm Erarbeitete in Aufsätzen und Rezensionen öffentlich zur Diskussion zu stellen. Die Erfahrungen in der Lehre, die Beschäftigung mit der antiken Philosophie und der humanistischen Tradition, die Auseinandersetzung insbesondere mit Hegel, den Hermeneutikern Schleiermacher und Dilthey, mit Husserl und Heidegger und nicht zuletzt die jahrzehntelange mterpretatorische Erfahrung mit dichterischen Texten finden ihren zusammenhängenden Ausdruck schließlich in dem Hauptwerk von i. Die Erfahrung der Kunst ist ihm dabei der Ausgangspunkt zur Wiedergewinnung eines umfassenden philosophischen Wahrheitsverständnisses jenseits der Abstraktionen des ästhetischen Bewußtseins, jenseits aber auch eines historisch gleichgültigen Geschichtsverständnisses in den Geisteswissenschaften. Hermeneutik ist dann nicht in erster Linie eine Kunstlehre des richtigen Verstehens im Sinne einer Interpretationsteclmik, sondern das Bewußtmachen der jeder verstehenden Aneignung zugrundehegenden Bedingungen, z.B. des Wechselspiels von Vorverständnis und Textsinn im hermeneutischen Zirkel, der geschichtlichen Gebundenheit jeder Interpretation oder der Möglichkeit der Verschmelzung verschiedener historischer Horizonte im wirkungsgeschichthchen Bewußtsein. Zentral ist dabei die These, daß jede Aneignung der Ãœberlieferung diese ernst nehmen muß und sie nicht überheblich vergegenständlichen darf, will sie denn produktive Aneignung und nicht anmaßende Kritik sein. Als Möglichkeitsgrund und Begrenzung verstehender Welterschließung ist die Sprache der letzte Horizont einer hermeneutischen Ontologie.
      Insbesondere G.s Kritik der allzu vernunftgläubigen Aufklärung und im Gegenzug seine Rehabilitierung des Vorurteils, der Autorität und der Tradition als geschichtlichen Bedingungen des Verstehens provozieren in den 60er Jahren eine lebhatte Debatte um Hermeneutik und Ideologiekritik. Jürgen Habermas als Protagonist der ideologiekritischen Position macht gegen G. »die transzendente Kratt der Reflexion« geltend, die »den Anspruch von Traditionen auch abweisen kann«, und wirft der Hermeneutik irrationalistische Tendenzen vor. G. ist trotz einiger Zugeständnisse nicht bereit, die ■•Universalität der Hermeneutik« einzuschränken: »Von dieser Gesprächsge-meinschaft ist nichts ausgenommen, kerne Welterfahrung überhaupt.« Die Debatte bleibt unentschieden. G. veröffentlicht in den folgenden Jahren eine Reihe Kleiner Schriften , Sammlungen zumeist verstreut erschienener Arbeiten, in denen er die Voraussetzungen und Konsequenzen seiner Ãœberlegungen anhand von Einzelfragen weiter ausführt bzw. in Interpretationen bedeutender Dichtung konkretisiert. Piaton, Aristoteles. Husserl. Heidegger und auch Hegel markieren das Gelände, in dem G. das eigene Profil der philosophischen Hermeneutik zu bestimmen sucht. Eine besonders markante Rolle spielen dabei Fragen der praktischen Philosophie und der hermeneutischen Ästhetik , in der er die Erfahrung des Schönen und der Werke der »Kunst heute. Kunst gestern und von jeher« als ein Modell übergreifender Wirkhchkeitsdarstcllung und »Kommunikationsstiftung« deutet.
      Konservativismus und Kontinuität bestimmten Leben und Werk G.s ebenso wie eine seltene Offenheit und Gcsprächsbereitschaft. die ihn noch eine nach der Emeritierung in den USA aufgenommene Lehrtätigkeit als »zweite Jugend« erleben lassen. Der Philosoph G.. mittlerweile mit großen Preisen geehrt und mit der Herausgabe seiner Gesammelten Werke gewürdigt, erinnert immer wieder nachdrücklich daran, »daß es kein höheres Prinzip gibt als dies, sich dem Gespräch offenzuhalten«.
     


Gadamer, hans-georg

Hans-Georg Gadamer gehörte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den international beachteten Philosophen. Als Schüler von Martin -»Heidegger geriet er in Kontroversen mit Vertretern der kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Der Sohn eines Chemikers wuchs in Breslau auf. 1919 ging die .....
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Von gadamer zu jauß: hermeneutik und Ästhetik

Auf den ersten Blick mag es merkwürdig erscheinen, daß ein Autor wie Gadamer, der am philosophischen Wahrheitsbegriff festhält und den Gedanken an einen Wahrheitsgehalt des Kunstwerks nicht preisgeben möchte, zum Bürgen einer Rezeptionstheorie wird, die sich gegen die Reduktion literarischer Texte a .....
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Gadamer,  Hans-Georg    





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