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Philosophen biographisch

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Elias, Norbert



Groß war das Erstaunen, als zu seinem 90. Geburtstag ein
Lvrikband von E. erschien. Unter dem Titel Los der Menschenhatte E. innerhalb von 60 Jahren zusammengetragen, was den Menschen durch Gesellschaftsordnung. Schicksal oder bewußte Entscheidung begegnete und wie sie selbst sich dazu verhielten. Das Werk von E. wird noch weitere Ãœberraschungen bereithalten: Ein Großteil seiner Manuskripte ist ungedruckt, eine Vielzahl englischer und holländischer Texte unübersetzt. Mit der Ehrenmitgliedschatt in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 1975 und der Verleihung des Theodor W. Adorno-Preises 1977 wollte die deutsche Sozio-logie in »korrekturstittendem Sinne« Umdeutung von Atiektkontrolle in soziale und politische Kontrolle basieren. »Gesellschaft« bedeutet für E. das Ensemble dieser historisch je verschiedenartigen Verflechtungen, in denen Menschen kooperieren. Konflikte austragen und sich so in eine immer stärkere Abhängigkeit voneinander begeben.

      Das zweite grundlegende Werk. Die höfische Gesellschaft . zieht diese Linie zum französischen Absolutismus weiter und expliziert vor allem den Begriff der »Konfiguration«. Das Versailles Ludwigs X

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interessierte E. insbesondere als ein Musterfall von Interdependenzen. in die der König als absoluter Herrscher verflochten war und die ihm die Aufrechterhaltung seiner Position erst ermöglichten. Nicht das einzigartige Individuum Ludwig X

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stand im Mittelpunkt der Macht, sondern das Ensemble höfischer Ideale, die - ungeplant. aber innerhalb des Systems vollkommen rational — den »Kömgsmechamsmus« in Gang hielten. Die erstaunliche Tatsache, daß sich Tausende von Menschen über Jahrhunderte hinweg ohne jede Eingrittsmöglich-keit von einer Herrscherfamilie regieren und ausbeuten ließen, erscheint so als Effekt einer Machtkonstellation, in der der Mensch sich nie als Individuum, sondern immer nur in bezug auf andere betrachtete und so eme Ordnung aufrechterhielt, die in Kleidung und Tischsitten ebenso ausgeprägt war wie in der Architektur. In dieser Perspektive interpretierte E. das Zeremoniell des »lever«: Das Nachthemd wurde zum symbolischen Objekt für die Verleihung von Macht und Prestige an die Höflinge und hielt das perpetuum mobile ihrer ständigen Konkurrenz untereinander in Gang. Zum Zeremoniell verurteüt. hätten die Adligen den Königsmechanismus nur unter Aufgabe ihrer eigenen Position zerstören können: Affektkontrolle diente als Machtpotential. Insbesondere in Frankreich wurde dieses Werk sehr positiv aufgenommen. Ein Ausländer, noch dazu ein »deutscher Gelehrter«, hatte es gewagt, eme der zentralen Epochen der französischen Geschichte, den Absolutismus, strukturell zu deuten, psychoanalytische Erklärungsmodelle in die Soziologie zu integrieren, und dies in einem leicht lesbaren und lebendigen Stil. Zudem stellte man erstaunt fest, daß E. bereits 30 ]ahre zuvor mit dem Prozeß der Zivilisation die aktuelle Debatte um Strukturalismus und historische Perspektive antizipiert und die Statik der von Levi-Strauss inspirierten Strukturbeschreibungen überwunden hatte. Gerade in der Fülle der heutigen Studien über die Geschichte des Körpers, des Fühlens und des Verhaltens wird E. inzwischen als Vorläufer sichtbar, als Vorläufer allerdings, der sich auch in seinem eigenen Leben auf die »lange Dauer« einrichten mußte, die er bei der Betrachtung sozialer Prozesse immer wieder gefordert hatte. Solche methodologische Selbstdisziplin läßt auch den Forscher selbst als Teil der Figuration erscheinen, die er untersucht.

     
Erst 19S4 erhielt E. zum ersten Mal eine hauptberufliche Universitätsdozentur in Lcicester. wo er den Aufbau der soziologischen Fakultät maßgeblich prägte. Aber auch dort wurde er eher als Lehrer und Organisator anerkannt denn als originärer Wissenschaftler. Mehrere auf Englisch publizierte Beiträge gelangten nicht über Fachzeitschriften hinaus, und E. blieb der Außenseiter mit deutlichem deutschem Akzent, der sich der britischen und amerikanischen Soziologie ebenso verweigerte wie er beharrlich seinen eigenen Ansatz ausbaute. Auch nach seiner Emeritierung und der Rückkehr aus Ghana, wo er zwischen 1962 und 1964 als Professor für Soziologie tätig war, fand der Prozeß der Zivilisation nur langsam ein größeres Publikum; immer noch fiel er durch die Maschen der internationalen »Paradigmen-Gesellschaft« der Soziologen hindurch. Ohnehin war E. der Meinung, er habe sehr viel mehr aus den Zeitereignissen und aus den Theorien Freuds gelernt als aus den Standardwerken der etablierten Soziologie. Nur in den Niederlanden, wo E. seit 1969 Gastprofessuren wahrnahm und wo er heute noch lebt, wurden - aut dem Hintergrund eines traditionell größeren Pluralismus - seine Arbeiten zunehmend geschätzt und diskutiert.
      Inzwischen sind Begriffe wie »Interdependenz«. »Affekthaushalt« oder »Figuration« zum methodologischen Grundbestand der Soziologie avanciert, und nicht umsonst hat E. sein letztes Buch Die Gesellschaft der Individuen genannt, um so auf die ständig neue Konstitution dieses Verhältnisses hinzuweisen, das sich weder durch Systemtheorie noch durch einlmigen Evolutionismus erklären läßt. Die unfruchtbare Alternative von Freiheit oder Determiniertheit des Menschen und parallel von positivistischer oder materialistischer Sozialwissenschaft löst E. in der Erkenntnis des gesellschaftlichen Gehalts individueller, aber dennoch hochgradig systemstabilisierender Verhaltensweisen aut. Gegenüber der Klage über die im Prozeß der ZiviHsation verlorengegangene Unmittelbarkeit der Gefühle betont er den Gewinn an Verhaltenssicherheit, an Berechenbarkeit, der durch Wunsch- und Furcht-Denken, sei es im privaten Bereich, sei es in der Politik - wieder zunichte gemacht werde. Am »40. Jahrestag eines Kriegsendes« müsse sich die Menschheit als Einheit erkennen und organisieren, das Niveau ihrer Selbsterkenntnis auf das ihrer Kenntnisse über Technik und Natur heben. In diesem eingreifenden, auf die Zukunft gerichteten Impuls unterscheidet sich E. auch von Philippe Aries, mit dem er in Methodik und Thematik viele Berührungspunkte hat. Wo allerdings Aries das Mittelalter zum Teil als Zeit der Einheit und Ganzheit romantisiert, da betont E. dessen Grausamkeit und hebt die stabilisierende Wirkung der Attektkontrolle hervor, die erst die Balance zwischen Ich und Wir herstellen könne. Die Individualphilosophen der europäischen Tradition erscheinen ihm als »wirlose Iche«, den Existentialismus nennt er gar eine »tragikomische Vergeudung menschlichen Lebens«. So wurde ihm selbst die Dankrede für den Adorno-Preis zum Forum der Kritik an Adornos »Paralyse« angesichts des Traumas der Vertreibung durch den Nationalsozialismus und an seiner Resignation vor der politischen Polarisierung der Welt in autoritären Marxismus und Konsumgesellschaft. Selbstbewußt charakterisierte E. sich als jemanden, der, »ohne die Verbindung mit der Vergangenheit zu vergessen, sich nie der Autorität der Vergangenheit gebeugt hat«.
      Corte, Hermann: Ãœber Norbert Elias. Frankfurt am Main 1988.
      Gleichman, Peter Goudsblom.Johan Körte, Hermann : Materialien zu Norbert Elias Zivilisationstheorie. 2 Bde. Frankfurt am Main 1977 und 1984.
      Claudia Albert


Elias, norbert

Norbert Elias gehört zu jenen deutschen Intellektuellen, deren Lebenslauf durch den Nationalsozialismus massiv gebrochen wurde. Sein Forschungsprogramm - eine Untersuchung langfristiger gesellschaftlicher und psychologischer Entwicklungsprozesse, die er in Büchern wie Ãœber den Prozess der Zivilisat .....
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Canetti, elias

Geb. 25. 7. 1905 in Rustschuk ; gest. 14.8. 1994 in Zürich »Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf zusammenfindet und darüber wieder Eines wird.« Wenn auf einen modernen Autor der Begriff d .....
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Niebergall, ernst elias

»Jener bekannte Niebergall ist zweifellos ein Kerl gewesen«, schrieb Alfred Kerr 1915 in seiner Kritik der ersten Berliner Datterich-Aufführung, die an den einhundert Jahre zuvor geborenen Dichter erinnerte. Vor den Jubiläumsaktivitäten in Berlin und anderswo war er nur in seiner Heimatstadt bekannt .....
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Johann elias schlegel - gedanken zur aufnahme des dänischen theaters

[...] Denn eine jede Nation schreibt einem Theater, das ihr gefallen soll, durch ihre verschiedenen Sitten auch unterschiedliche Regeln vor, und ein Stück, das für eine Nation gemacht ist, wird selten den andern ganz gefallen. Wir können uns hiervon besonders durch den großen Unterschied des franzö .....
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Johann elias schlegel - vergleichung shakespeares und andreas grypbs bei gelegenheit des versuchs

Wie sorgfältig Shakespeare gewesen, seine Charaktere zu bilden, sieht man daraus, daß er meistens ihre ganzen Charaktere einem andern in den Mund gelegt und sie so beschreiben lassen, daß fast nichts hinzuzusetzen übrig bleibt. [...] Man sieht, daß diese Charaktere alle eine ziemlich große Ähnlich .....
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Leppert, norbert

Biografie: *27.8.1 in Lübeck. N. Leppert war zunächst als Redakteur bei verschiedenen Regionalzeitungen tätig und ist seit 1971 Gerichtsreporter bei der Frankfurter Rundschau. Was dem Autor im Tagesjournalismus zu kurz kommt, stellt er in seinen Justizkrimis dar. Seit 1996 arbeitet er auch als Drehb .....
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Jacques, norbert

Biografie: *6.6.1 in Luxemburg, tl6.5.1 in Koblenz. N. Jacques studierte in Bonn, war dann zuerst als Journalist in Hamburg tätig, später arbeitete er als freier Schriftsteller. Bis 1954 lebte er auf seinem Gut bei Linda, danach in Hamburg. Mit seiner Schöpfung des genial-wahnsinnigen Super-verbrech .....
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Ehry, norbert

auch unter dem Pseud.: Hans Riesling Biografie: *1 in Frankfurt/M. N. Ehry besuchte die Filmhochschule in München, studierte Theaterwissenschaft und arbeitete in verschiedenen Filmberufen. Die Produktion Amok, in der N. Ehry das Abgleiten eines Normalbürgers in den Rechtsextremismus zeigte und mit d .....
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Norbert gstrein: »die englischen jahre« (i999) - der erzähler im labyrinth der finten

Falschmünzer in der Emigration Im Jahr 1999 räumte der Romanautor Daniel Ganzfried, Sohn jüdischer Ãœberlebender des Holocaust, endgültig mit der Legende eines Falschmünzers auf. Vier Jahre zuvor war unter dem Autornamen Benjamin Wilko-mirski ein Buch mit dem Titel »Bruchstücke. Aus einer Kindhei .....
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Elias canetti: »die blendung« (i935) - der roman als marionettenspiel

Weltblinder Büchermensch Im zweiten seiner autobiographischen Bücher, »Die Fackel im Ohr« , berichtet Elias Canetti von künstlerischen Plänen aus der Wiener Zeit zwischen 1929 und 1931, von Plänen zu einer »Comedie humaine an Irren«. Acht Figuren schweben ihm vor: der Wahrheitsmensch, der Phantas .....
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Käser, norbert c.

alto adige Sauer, Benedikt. In: Neuburger Kaser-Symposi- um, 1993, S. 87 - 90. gaenseklein Sauer, Benedikt. In: Neuburger Kaser-Symposi- um, 1993, S. 94 - 96. Ich krieg ein Kind Selbmann, Rolf. In: Neuburger Kaser-Symposi- um, 1993, S. 75 - 85. marmor Sauer, Benedikt. In: Neuburger .....
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Wiener, norbert

Norbert Wiener gilt als »Vater der Kybernetik«, die er als eigenständige Wissenschaft begründete. Er führte die Ergebnisse bislang voneinander getrennter Wissensgebiete zusammen und ermöglichte, dass dort ungelöste Probleme mit den Mitteln der Kybernetik bearbeitet werden können. Wiener ist außerdem .....
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Canetti, elias

»Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf zusammenfindet und darüber wieder Eines wird.« Wenn auf einen zeitgenössischen Autor der Begriff des Dichters im emphatischen Sinn noch paßt, dann auf .....
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Lönnrot, elias

Der finnische Landarzt Elias Lönnrot hat für die Sprache, Literatur und Volkskunde seines Heimatlands Ähnliches geleistet wie etwa zur gleichen Zeit die Brüder Jacob und Wilhelm -» Grimm im deutschsprachigen Raum und er hat mit seiner epischen Dichtung Kalevala die Bildung einer einheitlichen finni .....
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Canetti, elias

Das Werk von Elias Canetti richtet sich - unter dem Eindruck der bewegten Geschichte des 20. Jahrhunderts - gegen die auf Rationalität angelegte wissenschaftliche Welterfahrung. Zu den wiederkehrenden Themen gehören die Auflehnung gegen die Endlichkeit des Daseins und die Ablehnung abstrakter Denksy .....
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Schlegel, johann elias

Der Dramatiker, Literaturtheoretiker, Ãœbersetzer und Jurist S. wurde als Sohn einer gutbürgerlichen Meißener Familie geboren: der Vater war kursächsischer Appellationsrat und Stiftssyndikus, der Großvater hatte als Oberhofprediger den Adelstitel erhalten, dessen sich aber erst S.s Neffe, der Romant .....
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