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Comte, Auguste



Hätte C. mit seinem »voir pour prevoir» recht behalten, dann lebten wir heute in Verwirklichung seiner positiven Philosophie in einem von uns selbst herbeigeführten, nahezu vollkommenen gesellschaftlichen Glückszustand. Die Menschheit hätte ihr Geschick einer Elite von Männern anvertraut, die ihr großes Wissen zur Abschaltung des Krieges und zur Harmonisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse eingesetzt hätten kraft ihres Einblicks in das von C. gefundene Gesetz der Evolution des menschlichen Geistes. - Der Mann, dessen Zukunftsvision uns heute so gründlieh widerlegt erscheint, wurde als Sohn eines Finanzbeamten geboren, von dem er wohl die Vorliebe für Ordnung und Regelmäßigkeit in sein Denken übernahm. Am Lyzeum von Montpellier war der junge C. ein hervorragender Schüler. 1S14 bestand er die Aufnahmeprüfung in die Ecole Rovale Polytech-mque in Paris. Von hohem wissenschaftlichen Niveau, stand die Schule als eine Schöpfung der Revolution während der Restauration im politischen Verdacht, ihre Schüler 111 republikanischer und gottloser Gesinnung zu erziehen. 1S16 wurde C. mit anderen Schülern relegiert und die Schule selbst kurze Zeit darauf aufgelöst. Für C. bedeutete dies Abbruch des Studiums und Verlust einer wissenschaftlichen Laufbahn. Drei lahre lang widmete er sich 111 erzwungener Muße der Lektüre und dem Nachdenken, bis er eine Anstellung als Sekretär und Mitarbeiter des Grafen Samt-Simon fand, in dessen philosophischem und sozialretormenschen Denken bereits vieles von dem angelegt war, was von C. weiterentwickelt werden sollte. Die Freundschaft zwischen beiden brach 1824 an unterschiedlichen philosophischen Positionen auseinander.

      Schon in der Jugendschritt von 1822. Prospectus des travau.x scientißques necessaires pour reorganiser la societe , das metaphvsische oder abstrakte und das wissenschaftliche oder positive Stadium iErwachsenenakeR). Sie markieren den Weg menschlichen Geistes zu seiner Vervollkommnung. Im ersten, theologischen Stadium sucht der Mensch nach der wahren Natur aller Dinge, nach Ursprung und Ziel, also nach absoluter Erkenntnis und findet sie in Gott, nach dessen Willen alles geschieht und den der Mensch nur zu inszenieren hat. Im zweiten, metaphysischen Stadium wird die göttliche Macht durch abstrakte Wesenheiten ersetzt, von denen sich nun das menschliche Denken leiten läßt. Erst im dritten, positiven Stadium stützt sich das menschliche Wissen strikt auf Beobachtung und Erfahrung, der menschliche Geist erkennt die Unmöglichkeit, absolute Begriffe zu bilden. Aus der Verbindung von empirischer Beobachtung und logischem Denken schließt er auf die Konstanz von Beziehungen zwischen den Phänomenen nach der Art von Naturgesetzen. »Comtes neue Philosophie ist Relativismus im radikalen und buchstäblichen Sinne, weil sie ausschließlich in Beziehungen denkt« . Allerdmgs waren auch die früheren Stadien menschlichen Denkens nicht sinnlos für den menschlichen Fortschritt, denn um überhaupt Tatsachen entdecken zu können, mußte der Mensch zuerst eine wegweisende Theorie besitzen. Wäre der Mensch während seines theologischen und metaphysischen Stadiums nicht von einer übertriebenen Einschätzung seiner Erkenntnisfähigkeit ausgegangen, dann könnte er in semem positiven Stadium niemals all das wissen und tun, was er tatsächlich weiß und kann. — Mit dem Dreistadiengesetz korrespondiert das Enzyklopädische Gesetz, mit dem C. eine Rangordnung der Wissenschaften aufbaut. Sie folgt einer Reihe von abnehmender Allgemeinheit bzw. zunehmender Komplexität. Die Rangfolge beginnt mit der Astronomie, nach damaligem Wissensstand der allgemeinsten Wissenschaft, die sich rein mathematischen Gesetzen erschließt. Dieser Physik des Himmels folgt die der Erde, sie fügt der mathematischen Messung das Experiment hinzu und wird so der größeren Komplexität ihres Gegenstandes mit einer verfeinerten Methode gerecht. Auf die Physik folgt die Chemie mit ihrer Klassifizierung der Elemente und Verbindungen. Dann folgt der Sprung von der anorganischen zur organischen Natur, zur Biologie. Die ihrer nochmals größeren Komplexität angemessene Methode ist die der Vergleichung. Die Wissenschaft mit der höchsten Komplexität ist schließlich die soziale Physik, von C. nunmehr Soziologie genannt. Ihr Gegenstand ist die menschliche Gesellschaft, die C. ebenfalls von gesetzmäßigen Entwicklungen beherrscht sieht, denen man mit der historischen Methode auf den Grund kommt. Die historische ist eine vergleichende Methode, mit der in deduktiver Weise Lebensformen in ihrem geschichtlichen Zusammenhangbetrachtet werden, um an Einflüssen. Tradierungen und Veränderungen den prozeßhaften Charakter des Geschichtlichen ablesen zu können. Mit dieser Komparanstik wendet sich C. gegen den Empirismus als Methode, dem er lediglich die Funktion der Ãœberprüfung, nicht aber der Verallgemeinerung oder Induktion zubilligt. Nachdem er sein Systeme de poHtique positive veröffentlicht hatte, begann C. im folgenden Jahr 1S26 vor einem kleinen Kreis mit einer Vortragsreihe, die er dann ab 1830 zu seinem sechsbändigen Hauptwerk, dem Cours de philosophie positive 1 Einleitung in die positive Philosophiei ausformulierte. 1S4; lag das Werk vollständig vor.
      Wer sich wie C. ausschließlich auf empirische Beobachtung und logisches Denken verlassen wollte, dem konnte nicht entgehen, daß der Mensch im intellektuellen Bereich deutlichere Fortschritte machte als im moralischen, daß er in den Naturwissenschatten deutlicher vorankam als in den Sozialwissenschatten. C. sah seine Zeit in einer großen politischen und moralischen Krise, deren Grund er in ihrem Mangel an Stabilität der Moralvorstellungen und der sozialen Ordnung rand. Dies wiederum rührte von dem Nebeneinander und Durcheinander der drei verschiedenen menschlichen Denkweisen her. die er mit bestimmten Organisationsformen der menschlichen Gesellschaft verknüpft sah: das theologische Denken mit der militärischen Ordnung. das metaphvsische mit der feudalen, und das positive mit der industriellen Ordnung. Die geistige Anarchie, die nur aut die Steigerung individueller Rechte statt gemeinsamer Pflichten aus ist. nur auf abstrakte Freiheit statt freiwilliger Unterordnung, nur aut Gleichheit statt Rangordnung, diese Anarchie kann nur mit der stabilisierenden Kraft einer strikten Ordnung autgehoben werden. So kommt es. daß der im revolutionären, atheistischen Geist autgewachsene C. auf ein System schwört, das eine konservative Ordnung nach dem Vorbild der katholischen Kirche mit revolutionärem Fortschritt vereinigen soll. Ordnung und Fortschritt seien die zwei Bedingungen, die in einer fortschrittlichen Zivilisation gleichzeitig erfüllt sein müssen: »Keine gesellschaftliche Ordnung kann sich jetzt aufrichten und dauern, wenn sie sich nicht mit dem Fortschritt verträgt. Kein Fortschritt kann sich vollziehen, wenn er sich nicht auf Befestigung der Ordnung richtet. In der positiven Philosophie sind Ordnung und Fortschritt die beiden untrennbaren Seiten desselben Prinzips.« Den mangelnden sozialen Fortschritt erklärt C. aus dem unentwickelten Zustand der positiven Sozialwissenschaften. denen es noch nicht hinreichend gelungen ist. die Naturgesetze der sozialen Phänomene zu enthüllen. Der Atheist C. bevorzugte für seine gesellschaftliche Vision das katholische Sozialsvstem, weil dieses im Mittelalter die Fähigkeit bewiesen habe, einen funktionierenden sozialen Organismus zu schaffen. Zwar sah C. im Protestantismus den Ausdruck der geistigen Emanzipation, und mit seiner Gewissens- und Meinungsfreiheit wurde er zur wichtigen revolutionären Kratt, aber sein ständiges Infragestellen der Grundlagen der Gesellschaft zerstörte die bisher funktionierende soziale Ordnung. ••Wenn man die glänzenden Kapitel in C.s Werk über die bleibenden Verdienste des katholischen Systems liest, kann man die Frage nicht abweisen, ob C. nicht unfreiwillig die entgegengesetzte Notwendigkeit bestätigt: die theologischen Grundlagen des Christentums zu bewahren oder wiederherzustellen, um eine katholische »Ordnung« sozial errichten zu können" .
      C.s Privatleben verlief chaotisch und ungesichert. Er lebte mit einer schlechtbeleumundeten Frau zusammen, die er schließlich kirchlich heiratete. Die Ehe wurde eineinziges Drama. C. war von Eitersucht geplagt, nach einem Tobsuchtsantall lieferte man ihn vorübergehend m eine Irrenanstalt ein. er konnte nicht mehr wissenschaftlich arbeiten. Nur allmählich besserte sich seine Verfassung: 1S29 nahm er seme Vorlesungen wieder auf. Nach der Julirevolution von 1S30 bezog er aus Mathematikstunden und als Repetitor an der wiedereröffneten Ecole Polvtechmque nun endlich ein geregeltes Einkommen. 1842. als der Cours fertig war. trennte sich C. von semer Frau. 1S44 lernte er Clotilde de Vaux kennen, eine Begegnung, die von ihm als seme »moralische Wiedergeburt« gedeutet wurde und über den frühen Tod Clotildes 11S45) hinaus sich tiet auf das Leben C.s auswirkte. Seme Schulanstellung hatte C. schon bald wieder verloren, und nur die Unterstützung von Freunden, zu denen zeitweise lohn Stuart Mill zählte, machte es ihm möglich, an seinem Werk weiterzuarbeiten. 1854 konnte er sein Systeme de politiqtie positive in vier Bänden absehließen. 1856 tolgte noch der erste Band einer Sy>ithese subjeetive. Als C. 1S57 starb, war er für seme Jünger in der »Societe positiviste« zum Hohepriester der Menschheit geworden und wurde wie ein Heiliger verehrt. Getreu seiner eigenen Devise: »voir pour prevoir». hatte sich C. an Voraussagen gewagt, die allesamt nicht eintraten. Die moderne Industrie hätte die Abschaffung der Kriege mit sich bringen sollen, weil das industrielle Zeitalter »wissenschattlich und folglich pazifistisch« sein werde. Mit dem wissenschaftlich abgesicherten sozialen Fortschritt werde auch die Achtung vor dem Menschenleben steigen. Letztlich sah C. die Macht bei den Gelehrten, den Finanzmagnaten und den Industriekapitänen ruhen. Aber weder deren Herrschaft in den kapitalistischen Gesellschaften noch diejenige der Funktionärseliten in den sozialistischen Staaten kann tür sich in Anspruch nehmen, den positiven Geist im Sinne C.s verwirklicht zu haben.
     


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