Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Philosophen biographisch

Index
» Autoren
» Philosophen biographisch
» Bourdieu, Pierre

Bourdieu, Pierre



Auch B.. seit 1968 Leiter des »Centre de Sociologie Euro-peenne«. 19S2 an das renommierte »College de France« berufen und Herausgeber der anerkannten Fachzeitschrift Actes de la Recherche en Sciences Sociales, einer der wichtigsten Vertreter der heutigen französischen Soziologie, hat seine Karriere nicht als Soziologe, sondern als Philosoph und Ethnologe begonnen. Damit steht er nicht allem, denn erst seit iys§ kann man in Frankreich mit Soziologie als Hauptfach abschließen: einem Fach, das sich seit Emile Durkheims erstem universitären Lehrstuhl nur langsam von seinen wissenschaftlichen Ammen trennt: der Philosophie, der Geschichte und Pädagogik, der Anthropologie und Ethnologie. B. durchläuft zunächst die traditionelle geisteswissenschaftliche Ausbildung: Er absolviert seine Studien an der philosophischen Fakultät der Universität Paris und an der »Ecole Normale Supeneure«. mit ihrer Form von Lehrerausbildung eine der Kaderschmieden des Landes. B. selbst bezeichnet sie nicht unkritisch als »nationale Hochschule für die Intelligentsia». die »solch lupenreine Produkte des französischen Bildungssvstems. wie es Philosophen mit einer Herkunft aus der »Ecole Normale« nun einmal darstellen«, hervorbringt. 1954 besteht er dort die Agregation in Philosophie, arbeitet im folgenden ]ahr als Lehrer und Assistenzprofessor, lehrt dann ein Jahr an der Sorbonne und wird 1964 als Professor an die »Ecole Pratique des Hautes Etudes« berufen. Die Bilderbuchkarriere eines Wissenschaftlers, der als Kultur-, Bildungs- und Erziehungssoziologe den genannten Institutionen mehr als einmal den Spiegel vorgehalten hat.

      B.s intellektuelle Entwicklung wird erst auf dem Hintergrund gegenwärtiger Wissenschaftstrends deutlich. Die französische Soziologie der 50er und ftoer ]ahre läßt sich zwei Linien zuordnen: einer ersten, die im universitären Bereich verwurzelt ist. auf einer althergebrachten philosophisch-humanwissenschaftlichen Basis steht, als deren Ausgangspunkt die Durkheim-Schule. ein laizistisch-kritischer und stark theone-orientierte Ansatz, zu sehen ist. Hier muß man B. trotz vieler inhaltlicher oder methodischer Differenzen sicherlich beheimatet sehen. Auf der zweiten Linie findet sich der durch die amerikanische Soziologie geprägte empirisch-deskriptive Zweig. der weniger stark an die Universität gebunden ist. die Theoriebildung eher zurückstellt und sich nicht mehr an philosophischen Fragestellungen orientiert, sondern Wirtschaft und Verwaltung zugewandt ist. sich mit dem Methodenarsenal der empirischen Sozialforschung in ihren Dienst gestellt hat. Gegen den reinen Empirismus hat -ich B. mehrfach ausgesprochen, so z.B. m Le Metier de Socioloouc . In diesem Feld kommt der Strukturalismus zum Tragen und bringt neue Orientierungen mit -:cn. Gemäß dem ursprünglich aus der Sprachwissenschaft stammenden Ansatz — der Anthropologe Claude Levi-Strauss baute bekanntlich sein System auf der Saussure-•:nen Phonologie auf- beruht der Strukturalismus, wie B. es formuliert, »auf der rrtizipiellen Entscheidung, die Fakten auf ihre Beziehungen zu befragen, die sie erst zu -.::em Svstem konstituieren«. Damit erhalten Details oder Fakten ihren Wert erst alsorganisierte Glieder einer Reihe . Em weiterer Grundsatz der fächerübergreifenden Lehre und Methode ist, daß der in einem System ermittelte innere Zusammenhang in anderen Systemen anwendbar sein muß. B.s erste Studien stehen methodisch ganz unter strukturalistischem Einfluß. Sie befassen sich mit der algerischen Gesellschaft, dem Stamm der Kabylen beispielsweise . Ihr Anliegen ist neben dem wissenschaftlichen auch ein politisches: B. will den algerischen Befreiungskampf, dessen Ziele und Grundlagen er nicht nur als differenziert, sondern sogar antagonistisch versteht, begreifen. In strukturalistischer Manier werden Sprache, Riten und mythologische Erzählungen als aufeinander bezogene Zeichensysteme verstanden, deren Struktur Ausdruck für das Funktionieren des menschlichen Geistes ist. B. legt u.a. eine Analyse des kabyhschen Hauses vor und zeigt, daß es »Gegensatzgefüge sind, die das Haus in seiner inneren und äußeren Strukturierung oder in seinem Verhältnis zur Außenwelt definieren« und meint damit die Grundstrukturen männlich-weiblich, hell-dunkel, öffentlich-privat, die der Anlage des Hauses zugrunde liegen, gleichzeitig aber weit darüber hinausweisen.
      Der Bruch mit dem Strukturalismus erfolgt in den 70er [ahren. als B. erkennt: daß sich Widersprüchlichkeiten aus dem Versuch ergeben, die Anwendung der strukturali-stischen Methode bis zur letzten Konsequenz zu treiben: reale Verhaltensweisen entziehen sich nur zu oft der Klassifizierung. Die Empirie stellt den universellen Geltungsbereich der strukturalistischen Theorie in Frage. B. erkennt, daß nicht alle kulturellen Svmbole oder Praktiken klassifizierbar sind, daß logische Modelle »falsch oder gefährlich werden, sobald man sie als reale Grundlagen der Praxis sieht« . Im Werk B.s findet sich jedoch nicht nur eine methodische Entwicklung, auch sein thematisches Interesse verschiebt sich, und das bereits während der 60er Jahre. Aufgrund seiner frühen Studien hat er erkannt, daß in der kabyhschen Gesellschaft beispielsweise der Kampt - wenn auch nicht der Klassen, so doch der Verwandtschaftsgruppen - um eine angemessene Position und Funktion in der Gesellschaft besteht. In den Industriegesellschatten sind es soziale oder Beruisgruppen. die nach den gleichen Zielen streben wie die kabyhschen Verwandtschattsgruppen. Damit ist die Brücke von der Ethnologie zur Soziologie geschlagen: B. wendet sich nun verstärkt den Einrichtungen zu. die 111 der französischen Gesellschaft die entscheidende Rolle im Verteilungskampf spielen: den Bildungsinstitutionen. Er entwickelt, ausgehend von einer stark revidierten, handlungstheorctisch orientierten Kapitalanalyse, seme Theorie vom symbolischen und kulturellen Kapital. Bei Angehörigen sozialer Gruppen erkennt er eine Strategie, die darin besteht, das Kapital an Ehre und Prestige zu akkumulieren«, wobei dieser Kampt jedoch nie offen ausgetragen wird . Damit sind »alle Handlungen, und selbst noch jene, die sich als interesselose und zweckfreie, als von der Ökonomie befreite verstehen, als ökonomische, auf die Maxnmerung ausgerichtete Handlungen zu begreifen.« Er legt. z.T. gemeinsam mit J.-C. Passeron. Untersuchungen über das französische Bildungssvstem vor : er zeigt, daß und wie in dieser Institution soziale Unterschiedeeingeschliffen und mternalisiert werden, so z.B. durch sprachliehe Codes; ihre Verletzung oder Unterwanderung durch illegitime Erben wird von den »rechtmäßigen« durch Schmälcrung oder Verlust des symbolischen Kapitals geahndet. Das Bildungssv-stem wird somit als Organ der symbolischen Gewaltausübung verstanden: Chancengleichheit wird als Illusion entlarvt und damit der Bildungsoptimismus jener Zeit gedämpft . Die härtesten Kämpte finden, so B.. nicht zwischen Mittel- und Oberschicht, sondern innerhalb dieser statt. Weiter ausgeführt werden diese Fragestellungen in La distinction. Cntique sociale du jugeinent . dessen Untertitel »Gesellschaftliehe Kritik des Geschmacksurteils« bereits kritisch auf die Kantische und alle philosophische Ästhetik Bezug nimmt. B. versucht nachzuweisen, daß es kein absolutes ästhetisches Empfinden ist, das ein Urteil über ein Kunstwerk prägt, sondern daß dieses durch Gruppenzugehöngkcit und Erziehung bestimmt wird. Nichts, so B.. dokumentiere unfehlbarer die eigene Klassenzugehörigkeit als der musikalische Geschmack. So ermittelt er, daß »Die schöne blaue Donau« von Arbeitern. Handwerkern und kleinen Angestellten, die »Rhapsody in Blue« von Technikern und leitenden Ingenieuren, das ■•Wohltemperierte Klavier« jedoch von Gymnasiallehrern. Professoren oder Kunstschaffenden als Lieblingsstück bezeichnet wird. In bezug aut andere kulturelle Erscheinungen wie Malerei. Fotografie. Mode. Wohnstil - »kulturell« wird hier im ethnologischen Sinn verstanden - stellt er fest, daß kulturelle Bedürfnisse und entsprechend deren Spielfelder ebenso von der Soziahsation abhängen wie die Raster, mit denen sie wahrgenommen werden, wie die Sprache und die Begrifflichkeit, mit denen über sie gesprochen, und die Wcrturteüe. die über sie gefällt werden.
      Wichtige Begriffe in B.s Theorie stellen schließlich »Feld« und »Habitus« dar. In der Gesamtgesellschaft können, so B.. verschiedene Felder unterschieden werden, so z.B. das intellektuelle Feld — und als dessen Teilsystem das literarische Feld -. das philosophische und das wissenschaftliche, das religiöse und das politische, wobei -Feld« Kräftefeld. Kampf- und Spielfeld bedeuten kann . Jedes Feld gehorcht trotz aller Autonomie und Verschiedenheit der Interessen jedoch invariablen Gesetzen. Innerhalb eines jeden Feldes wird die Auseinandersetzung zwischen den jeweils repräsentativen Institutionen und den Beteiligten ausgetragen, wobei es stets um die Akkumulation der vielfältigen Formen des Kapitals, vor allem aber des symbolischen geht. Die Elemente, die ein Feld bestimmen, schatten ein bestimmtes Ordnungsgefüge, stellen somit nicht allein ein »additives Gebilde« dar. sondern sind einem magnetischen Feld, einem System von Kraftlinien vergleichbar. Zwischen den Institutionen und den Beteiligten, aber v.a. zwischen den Beteiligten untereinander, läuft der Kampf um Aufrechterhaltung einer Lehre. Meinung, der Orthodoxie, bzw. der Entwicklung anderer, neuer, heterodoxer oder subversiver Vorstellungen. »Wahrheiten«. Beispielhaft hat B. diesen Mechanismus an Heideggers Destruktion des herrschenden akademischen Neukantianismus und der Parteinahme für eine neue »Ursprünglichkeit«, eine Metaphysik der Provinz gezeigt . Interessant ist die Feldtheorie beispielsweise auch für die Literaturwissenschaft, in der sich, von B. ausgehend, fast schon eine neue litcratursoziologische Schule in Frankreich gebildet hat. Der Begriff des Habitusstellt eine Vermittlungsmstanz zwischen »Struktur und Praxis«, zwischen Individuum und Kollektivität des jeweiligen Zeitalters, somit ein Svstem unbewußter, verinner-lichter Muster dar i Zur Soziologie der symbolischen Formen. 1974). B.s Arbeiten weisen trotz methodischer und thematischer Vielfalt ein gemeinsames Merkmal auf: sie basieren aut einem weiten anthropologischen Konzept, sehen Empirie und Theorie als nicht voneinander trennbare Bereiche und münden in wissenschattstheoretische. epistemo-logische Reflexion.
      Accardo. Ahm: Initiation a la Sociologic de l Illusiomsme Social. Paris 19S3. Honneth. Axel: Die zerrissene Welt der symbolischen Formen — Zum kultursoziologischen Werk Pierre Bourdicus. tu: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsvchologie. Jg. 36. 1984. S.
      Poüal. Michael: Gesellschaft und Soziologie in Frankreich. Tradition und Wandel in der neueren französischen Soziologie. Meisenheim iy~>:.
     


Dissemination und dialektik der totalität: derrida, jean-pierre richard und mallarme

Die Konfrontation zwischen Strukturalismus und Dekonstruktion im vorigen Abschnitt könnte als eine theoretische Einleitung zu Derridas Kritik an Jean-Pierre Richards thematischer Interpretation von Mallarmes Dichtung gelesen werden. Obwohl Richard kein Vertreter des linguistisch-semiotischen Strukt .....
[ mehr ]
Index » Derrida: Dekonstruktion, Philosophie und Literaturtheorie

Bourdieus kritik an derrida

Bourdieus Kritik ist deshalb wichtig, weil sie einerseits das Verhältnis der Dekonstruktion zu den Sozialwissenschaften zur Sprache bringt, andererseits auf die Funktion oder Dysfunktion dieser philosophischen Richtung in den Institutionen und in der Marktgesellschaft eingeht. Dies ist der Grund, we .....
[ mehr ]
Index » Kritik der Dekonstruktion

,das erlebnis des marschalls von bassompierre

Ãœber die Herkunft der Novelle wurde im ersten Band der Novellengeschichte ,Die deutsche Novelle zwischen Klassik und Romantik ausführlich berichtet. Goethe fand sie in den Memoiren Bassompierres und fügte sie mit kleinen Korrekturen seinen .Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten ein. Die Korrekt .....
[ mehr ]
Index » Hugo von Hof mannsthal

Choderlos de laclos, pierre frangois

Choderlos de Laclos ist heute vor allem wegen seines einzigen Romans Gefährliche Liebschaften bekannt, in dem er ein Bild der dekadenten höfischen Gesellschaft am Vorabend der Französischen Revolution 1789 zeichnet. Aufgrund präziser Analyse und satirischer Betrachtungsweise hat der Autor einen zeit .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Epilog: von habermas zu bourdieu

Im vorigen Abschnitt sollte u. a. gezeigt werden, welche Folgen die Ãœberbetonung des sozialen Konsensus sowie die Abkoppelung der Kommunikation als 'kooperativer Wahrheitssuche" von den Realfaktoren gesellschaftlichen Umgangs haben können. Pierre Bourdieu, der, wie sich herausstellen wird, eher die .....
[ mehr ]
Index » Ideologie und Theorie » Jenseits der Ideologie: „freischwebende Intelligenz" und „ideale Sprechsituation"

Derrida, jean-pierre richard und mallarme: dekonstruktion oder dialektik der totalität?

Es geht hier im Anschluß an die dekonstruktive Aufhebung des Gegensatzes literarisch/philosophisch um zwei Mallarmc-Kommentarc, die einander widersprechen. Der eine ist Dcrridas bekannter Text "La Double seance", der zuerst in Tel Quel , später in La Dissemination erschien, der andere Jean-Pierre Ri .....
[ mehr ]
Index » Literarische Ästhetik - Aufläse » Dekonstruktion: Theorie und Praxis

Teilhard de chardin, marie-joseph pierre

Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin ist der bekannteste Jesuitenpater des 20. Jahrhunderts. In seinen Schriften will er Naturwissenschaften und Theologie miteinanderversöhnen. Teilhard wuchs in katholischer Frömmigkeit auf und übernahm von seinem Vater das naturwissenschaftliche Interesse. 1899 .....
[ mehr ]
Index » Autoren

Schaeffer, max pierre

auch unter dem Pseud.: Robert Williams Biografie: *1928in Essen. M. P. Schaeffer war Seekadett bei der Kriegsmarine und arbeitete als Journalist und Sachbuchautor. Er war jahrelang Chefreporter einer großen deutschen Zeitung. M. P. Schaeffer lebt als Journalist und freier Schriftsteller in München. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Deutschsprachigen Krimi-Autoren

 Tags:
Bourdieu,  Pierre    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com