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Philosophen biographisch

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Blondel, Maurice



»Eine Dissertation über das Tun d action!? Großer Gott, was kann das sein? Das Stichwort Tun steht nicht einmal im Dictietmaire des sciences philosopluques von Adolphe Franck«. -dem einzigen damals«, berichtet B. über die Reaktion eines Freundes auf sein Vorhaben. Das »unphüosophische« Thema zu bewältigen, bedeutete für den Absolventen der »Ecole normale superieure« jahrelange intensive Arbeit. Die Dissertation L Action von 1S93 wurde dann sein Hauptwerk. Während sein Zeitgenosse Flenn Bergson sich zur selben Zeit der empiristisch-positivistischen Richtung der französischen Universitätsphilosophie anschloß, bezog sich B. aut die großen Versuche des deutschen Idealismus. Der Untertitel seines Werks. »Versuch einer Kritik des Lebens und einer Wissenschaft der Praxis«, spielt gleichzeitig auf Kants drei Kritiken und Hegels II issenschaft der Logik an. So ist es auch nicht verwunderlich, daß der Hegelianer Lasson der erste Propagandist B.s in Deutschland war und Rudolf Christoph Eucken ihn als Mitarbeiter für die Kant-Studien zu gewinnen suchte.

      B.s L Aaion ist zunächst eine Phänomenologie des menschlichen Lebensvollzugs. Sie sucht dabei im ersten Teil - gut cartesianisch - einen nicht bestreitbaren Ausgangspunkt in der Kritik eines Ästhetizismus zu gewinnen, der jede ethische Entscheidung relativiert und für den es kein »Problem des Tuns« gibt. Im Autweis der Widersprüchlichkeit einer »nihilistischen« Deutung der Wirklichkeit will B. sodann das in der Sinneswahrnehmung gegebene »Etwas« als unvermeidbar zu bejahendes Phänomen sichern. Dessen »objektive« Bewältigung durch die Wissenschatten scheitert an deren Methodenlücke: Sie setzen die synthetisierende Subjektivität des Wissenschattiers zu ihrem Gelingen voraus. Die Subjektivität selbst ist also zu ergründen, eine »Wissenschaft des Bewußtseins« ist für die Grundlegung der positiven Wissenschatten nötig. Diese zeigt, daß das Subjektive kein Epiphänomcn ist. sondern »Substitut und Svnthesc aller anderen Phänomene«. Die Analyse des Determinismus der Phänomene führt ausgehend vom »Etwas« zum »notwendigen« Autweis der im Organismus verleiblichten Freiheit. Von hier aus werden nun die Phänomene des menschlichen Selbstvollzugs aufgerollt, die menschlichen Versuche, ein Gleichgewicht zwischen den konkreten Selbst- und Weltgestaltungen und dem Dvnanusmus des innersten Wollens zu finden , sei es durch Metaphysik. Ideologie oder Kultus. Die Analyse des »Phänomens des Tuns« führt am Ende zu einem inneren Konflikt im Wollen selbst: »Vergeblich versucht man, das freie Tun aut das zu beschränken, was vom Willen selbst abhängt. Die unermeßliche Welt der Erscheinungen, in die sich das Leben des Menschen ergießt, scheint erschöpft zu sein, nicht hingegen das menschliche Wollen. Der Anspruch, sich selbst zu genügen, scheitert, doch nicht aus Mangel: er scheitert, weil in dem. was man bis jetzt gewollt und getan hat, das. was will und wirkt, stets über das hinausgeht, was gewollt und getan wird.«
Der große Mittelteil des Buches führt zu einer formalen Beschreibung des Problems und der mögUchen Lösung, die in ihrer Paradoxie von Philosophen wie Theologen als gleich anstößig empfunden wurde: »Absolut unmöglich und absolut notwendig für den Menschen: das ist genau der Begriff des Ãœbernatürlichen«, das einzig den Dynamismus des Wollens ausfüllen könnte. Der hier aufscheinende Konflikt stellt im vierten Teil vor eine Alternative und fordert eine Option: Selbstabschließung des Wollens, Versuch des Menschen, »sein unendliches Vermögen zu gebrauchen, um sich zu begrenzen«. »Gott sein ohne Gott« oder der Unendlichkeit des freien Wollens zu folgen — B. erneuert hier das Lehrstück der »Gottesbeweise« —. sich der »Heteronomie« des Guten zu überlassen, den Weg der »Selbstverleugnung« zu gehen nicht so fem. B. geht aber noch einen Schritt weiter, indem er die Frage nach Autorität und Glaubwürdigkeitsbedingungen einer Offenbarung steUt und sozusagen eine Knteriologie konkreter Religion entwickelt, die gewissermaßen schon eine »transzendentale Theologie« bezeugt.
      Der Kritik von philosophischer Seite konnte B. so begegnen . daß der Sacheinwand zurückgewiesen wurde, die Transzendenz, das Unendliche seien die Voraussetzung des Buches und die ganze Argumentation daher eine »petitio principii«. Doch löste dies heftige Kontroversen mit neuscholastischen Autoren aus. Das Bemühen um einen dritten Weg zwischen den Fronten historischer Kritik und archaisierender Neuscholastik in der sog. »Modernismus«-Krise im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verwickelte ihn vollends in das theologische Diskussionsteld . Die ganze Dramatik dieser Auseinandersetzungen zeigen erst die posthum veröffentlichten umfangreichen Korrespondenzen. Fortschreitende Erbhndung behinderte den Philosophen. Erst in den beiden letzten Jahrzehnten seines Lebens veröffentlichte er unter solch erschwerten Bedingungen ein monumentales Spätwerk 111 sieben Bänden {La peusee I — II: L Etre et les etres. L Action I—II : La philosoplue et l esprit chretien I-TI). Die Prägnanz und Frische des Frühwerks fehlen diesen Arbeiten, was zum Teil erklärt, daß sie wie erratische Blöcke weitgehend unausgewertet blieben. Die Wirkung B.s zeigt sich vor allem in seinen Schülern im französischen Südwesten und in einem epochalen - wenn auch teilweise hintergründigen - Einfluß auf das katholische Denken des 20. Jahrhunderts . Erst zu seinem 125. Geburtstag 1986 erinnerte sich die Sorbonne ihres bedeutenden Absolventen in einem Kongreß.van Hooff. Anton: Die Vollendung des Menschen. Freiburg l.Br. Hommes, Ulrich: Transzendenz und Personalität. Frankfurt am Main .
     


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