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Philosophen biographisch

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Bayle, Pierre



Ob sich Philosophie mit Kritik und Skepsis hinlänglich charakterisieren läßt, mag auch angesichts einer »Konjunktur der Kritik« im späten iS. und 19. Jahrhundert bezweifelt werden. Indessen ist die beste Art. eine Philosophie in ihren zentralen Aussagen zu verstehen, diejenige, ihren Gegenpart in den Blick zu nehmen und zu erwägen, was sie beweisen muß. bzw. will, um diesen zu überwinden. Und gerade dieses selbsttätige und eigenverantwortliche Abwägen der Argumente von Für und Wider ist Kritik im ursprünglichen Sinne, ist der Mut. bisher ungeprüft hingenommene philosophische und religiöse Dogmen systematisch in Zweifel zu ziehen. Für B. gelten diese Forderungen im besonderen Maße. Einer calvinistischen Pastoren-familic entstammend, trat er unter dem Eindruck katholischer Kontroversschriften, die er während seiner Erziehung in einem [esuitcn-Kolleg studiert hatte. 2ijähng zumkatholischen Glauben über, machte diesen Entschluß jedoch nach weiteren 18 Monaten und heftigen Bemühungen des Elternhauses wieder rückgängig. Da er mit dem zweimaligen Religionswechsel gegen das im absolutistischen Frankreich Ludwig X

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V.

geltende Recht verstoßen hatte, floh er 1670 nach Genf, wo er neben einer fundamentalen theologischen Ausbildung auch eine in der Philosophie Descartes erhielt. Die Schließung der protestantischen Akademie 111 Sedan im Jahre 16S1 auf königliche Order — B. war 1674 heimlich nach Frankreich zurückgekehrt und hatte dort zwei Jahre später eine Professur erhalten - und die immer heftiger werdenden Repressalien gegen Protestanten machten eine Ãœbersiedlung nach Holland notwendig. In Rotterdam, wo er einen Lehrstuhl für Philosophie und Geschichte an der neugeschaffenen »Ecole Illustre« bekam, erschien B.s erstes Werk 16S3 unter dem Titel Pensees diverses, ecrites a im docteur de Sorbonne, a l occasion de la comete qui parut au inois de decembre 16S0 . Das Auftauchen des Kometen stellt hier den allenfalls äußeren Anlaß iür eine extensive Auseinandersetzung mit dem Aberglauben und den astrologischen Ressentiments seiner Zeit dar. Wichtiger ist hingegen die These, daß Religion und christliche Prinzipien schlechterdings unerheblich für die moralische Dignität einer Gesellschaft seien, daß also durchaus auch eine Gesellschaft von Atheisten Bestand haben könnte und daß Idolatrie, also Götzendienst im weitesten Sinne, verdammungswürdiger sei als Atheismus. Gedanken, die u.a. von Bernard le Bovier de Fontenelle und Voltaire aufgegriffen wurden und die als Vorbereitung der erbitterten Konfrontation von Vernunft und christlichem Glauben im iS. lahrhundert angesehen werden müssen. Die anonym veröffentlichten Pensees stellen darüber hinaus das Modell eines literarischen Genres der französischen Frühaufklärung dar: Es ist einerseits nicht in der für diese Art der Disputation üblichen Form eines Traktats, sondern in Briefform gehalten, andererseits ist »das hier eines von den Büchern, die für das Volk gemacht sind und für diejenigen, die nicht von Berufs wegen studieren« . Damit wurde B. den Forderungen eines im Entstehen begriffenen breiteren Lesepublikums gerecht, das zwar an den aktuellen geistigen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen der Zeit Anteil nehmen wollte, jedoch durch die überwiegend Fachgelehrten« und trockenen Publikationen abgeschreckt wurde. Dies erkennend, gründete der Philosoph 16S4 eine monatlich erscheinende Literaturzeit-schrift mit dem Titel Souvelle de la Republique des Lettres , die Maßstäbe für das Zeitschriftenwesen des 18. lahrhunderts setzen sollte. Anders als bereits existierende Organe gelang es den Souvelles. Diskussionen zu Problemen aus Theologie. Philosophie. Politik und experimentellen Wissenschaften in interessanter Weise mit Buchbesprechungen. Leserbriefen und Informationen aus aller Welt zu verbinden, ohne jedoch tendenziös zu wirken. Daß Nicolas de Malebranche und der Jansenist Antoine Arnauld die Souvelles zur Plattform ihrer heftig geführten Kontroverse über die Frage, »ob der Genuss jedes Vergnügens, so lange wenigstens als er dauert, glücklich macht« , wählten, daß sowohl Fontenelle als auch Gottfried Wilhelm Leibniz verschiedene Beiträge über cartesische Philosopheme beibrachten und gar die Engländer John Locke und Robert Boyle in Beziehung zu B. und seinen Souvelles traten, mag einen ersten Eindruck von deren Konzeption und Wirkung geben.

      Die Aufhebung des Edikts von Nantes vom 14. Okt. 16S5. Inbegriff religiöser
Intoleranz und absolutistischer Machtvollkommenheit, bewog B. zu einer philosophischen Erörterung des Problems konfessioneller Nachsicht und Duldsamkeit. Der Com-mcnuüre philosoph.iquc sur ces paroles de Jesus-Christ: Contrains-les d entrer von 1686 {Philosophischer Kommentar über die Worte Jesus Christas: Zwinge sie einzutreteN) konstatiert die Unmöglichkeit einer rationalen Begründung von Glaubenssätzen und postuliert, da lediglich das je individuelle Gewissen in religiösen Dingen entscheiden könne, eine unbedingte Glaubens- und Gewissensfreiheit. Eine solche universale Toleranzforderung, die luden. Moslems. Sozinianer. ja sogar Katholiken und Atheisten ihre Freiheiten zugestanden hätte, mußte auf Unverständnis bei der Gruppe orthodoxer Calvinisten um Pierre Jurieu. einem ehemaligen Freund und Kollegen B.s aus Sedan, stoßen, die die gewaltsame Rückeroberung Frankreichs mit Hilie Englands avisierten. Der Avis important jux retugies , ein B. zugeschriebener, von ihm aber wohl lediglich bearbeiteter und mit Zusätzen versehener Aufruf gegen Gewalt und zur Loyalität gegenüber dem französischen König, führte dann nicht nur zu philosophisch-theologischen Auseinandersetzungen zwischen B. und luneu: letzterer betrieb auch die Dispension B.s von jeglicher Lehrtätigkeit in Rotterdam.
      Ungeachtet seiner zunehmend heikler werdenden finanziellen Lage nach der Amtsenthebung des Jahres i6yj. bemühte sich der Philosoph um die Verwirklichung eines schon in den _oer Jahren geplanten Projekts: eines Wörterbuchs, das sämtliche Fehler und Irrtümer der bekanntesten Nachschlagewerke, insbesondere aber diejenigen des Grand dictionnaire historique von Louis Moreri. auflisten und emendieren sollte. Dieses ursprüngliche Konzept eines aktualisierten »neuen« Wörterbuchs ließ B. jedoch zugunsten eines solchen »ganz neuer Art- fallen, das die zeitgenössischen geistesgeschichtlichen Auseinandersetzungen kritisch reflektierte. So erschien 1697 als Hauptwerk B.s das Dictionnaire historique et critique 111 zwei Folio-Bänden, das in alphabetischer Ordnung sowohl mythologische, biblische und historische Eigennamen als auch Artikel geographischer und naturwissenschaftlicher Gegenstände aufnahm. Seinen Ruf als »Rüstkammer der Aufklärung« erhielt dieses im talmudischen Stil gehaltene Lexikon weniger aufgrund seiner umfassenden Materialfülle - die biographischen und objektiv belegten Hinweise zu Beginn jedes Artikels sind eher knapp gehalten —, als vielmehr durch den erheblich umfangreicheren Anmerkungsteil, in dem die historischen Quellen überprüft und einander gegenübergestellt. Fehhnterpretationen offengelegt, tradierte Vorurteile auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht werden und vor allem die aktuellen philosophischen und theologischen Anschauungsinhalte zur Sprache kommen. Daß die tatsächlichen Inhalte der Artikel allzuoft kaum mehr einen Bezug zum Namenseintrag selbst besitzen , ein Prinzip, das d Alembert und Diderot auch für die Encyclopedie verwenden sollten, vermochte wohl lediglich die staatlichen Zensoren irrezuführen, nicht aber die interessierte Leserschaft. Das Grundanliegen vieler Artikel ist hier, wie bereits in den Pensees, die Kritik an den dogmatisch vertretenen religiösen Offenbarungswahrheiten, die Grundlegung eines laizistischen Moralbegriffs, die Rehabilitierung der zuvor pejorativ gefaßten menschlichen Leidenschaften und die Formulierung desunaufhebbaren Widerspruchs von Vernunft und Glauben, den aufzulösen Leibniz daraufhin in seiner Theodizee bemüht war. »Man muss nothwendig«. so sagt B. im Artikel Pyrrhon. »wählen zwischen Philosophie und dem Evangelium: wollt ihr nur glauben, was deutlich und den allgemeinen Begriffen gemäss ist. so ergreitt die Philosophie und lasst das Christcnthum; wollt ihr aber die unbegreiflichen Mysterien der Religion glauben, so ergreift das Chnstenthum und lasst die Philosophie: denn es ist ebenso unmöglich, die Deutlichkeit und die Unbegreiflichkeit zu verbinden, wie es unmöglich ist. die Bequemlichkeit eines viereckigen und eines runden Tisches zu vereinigen.«
Die Wirkung des Dictionnaire - es erlebte allein im 18. Jahrhundert nach der zweiten Auflage von 1702 noch acht weitere - war nicht allein auf Frankreich beschränkt. Schon 1709. also drei ]ahre nach dem Tode B.s. erschien eine vierbändige englische Ausgabe, 1741 der erste Band der ebenfalls vierbändigen deutschen Ãœbersetzung, die Gottsched besorgte. Ihr verdankt B. wohl auch seinen Einfluß auf die deutsche Aufklärung, der sich allen voran bei Hermann Samuel Reimarus, Gotthold Ephraim Lessing und bei Friedrich dem Großen nachweisen läßt. Trotz dieser ausgeprägten Wirkungsgeschichte bleiben auch noch in der heutigen B.-Forschung wesentliche Punkte seiner Aussagen und Gedanken umstritten: Liegt B.s Bemühen um die Beseitigung religiösen Autoritätsglaubens begründet in einer calvinistischen Denktradition, und sind die Pensees und einige Artikel des Dictionnaire dann in diesem Sinne gleichsam apologetisch zu interpretieren? Oder sind seine Anstrengungen ganz im Sinne einer aufklärerisch-skeptizistischen. epikureisch-libertinistischen Tradition, wie sie Pierre Gassendi und Francois de la Mothe Le Vayer vertraten, zu sehen? Indessen ist man sich einig darin, »daß von diesem Franzosen Erschütterungen aut das gesamteuropäische Denken ausgegangen sind«, die bei der Lektüre des Dictionnaire auch heute noch empfunden werden könne.
      Schalk. Fritz: Studien zur französischen Aufklärung. Frankfurt am Main 19S4. Labrousse. Emest: Pierre Bavle. La Have 1963 64.
      Sugg. Elisabeth Bemhardine: Pierre Bayle - Ein Kritiker der Philosophie semer Zeit. In: Forschungen zur Geschichte der Philosophie und der Pädagogik. 4. Bd.. Hett 3. Leipzig 1930.
     


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