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Augustinus, Aurelius



In der römischen Provinz Africa. als Kind des paganen Beamten Patncius und der Christin Monnica, wird A. geboren. Kindheit und lugend auf dem Land scheinen hart gewesen zu sein — was er später davon erzählt, wirft ein ernüchterndes Licht auf die zeitgenössische Realität eines Heranwachsenden. Schwierig und für seine Entwicklung prägend ist das Verhältnis zu seiner Mutter, einer willensstarken Persönlichkeit von großer Strenge und tiefer Religiosität, die aut die Bekehrung ihres Mannes und mehr noch ihres Sohnes alle Energien lenkt. Karthago, wo A. vier Jahre lang Rhetorik studiert, wird für ihn zur Befreiung aus der Enge von Familie und Provinz. Die Begegnung mit der Philosophie bestärkt ihn in der Kritik am Glauben seiner Mutter, besonders an der »Mvthenhaftigkeit« der Bibel. Er wendet sich dem Mamchäismus zu, jener einflußreichen spätantiken gnostisch-svnkretisdschcn Religion, welche ihren Anhängern den Weg weisen will zur Befreiung der Seele aus der irdischen Finsternis. Ihr radikal dualistisches Weltbild wird sein Denken ein Jahrzehnt lang beherrschen. Nach Abschluß seiner Ausbildung unterrichtet A. in Karthago sieben fahre lang Rhetorik. Fast jojährig wagt er gegen den heftigen Widerstand Monnicas den Aufbruch nach Italien. 383 S lehrt er in Rom. Später, gefördert von Symmachus, dem Kopf der paganen Aristokratie Roms, der in dem jungen Manichäer ein ideales Werkzeug seiner antikirchlichen Interessen vermutet, tritt er in Mailand die höchste Stelle an. die ein Rhetoriker in jenen Tagen erreichen kann: er wird kaiserlicher Redner am Hof. Dem Manichäismus inzwischen enttremdet — in späteren Jahren wird innerhalb der lateinischen Kirche A. zum entschiedensten Gegner der Mamchäer -. stößt er hier auf die ••platomci«. einen Kreis Intellektueller, die eine Renaissance plotinischen Denkens unter christlichen Vorzeichen inauguriert haben. Und er erlebt den Mailänder Bischof Ambrosius. einen machtbewußten hochgebildeten Politiker von bemerkenswerter rhetorischer Begabung. In dessen Predigten lernt er die allegorische Bibeiinterpreta-tion kennen, welche in der Tradition Philons die Texte des Alten und Neuen Testaments platomsch ausdeutet und aufwertet. Diese Synthese von Neuplatonismus und Christentum beeindruckt A. nachhaltig. Zwischen der Möglichkeit einer politischen Karriere und dem neuentdeckten Ideal eines christlichen Lebens der Philosophie reißt es ihn hin und her. Nicht die intellektuelle Botschaft von Christentum und Neuplatonismus stellt ihn vor Schwierigkeiten, sondern die mit ihr verbundene moralische Forderung.

      Eine erste Vorleistung aut das Leben des weltlichen Rückzugs ist die Trennung von seiner Lebensgefährtin, mit der er 15 Jahre zusammenlebte und einen Sohn hatte. Der Knoten löst sich schließlich im Sommer 386. in seiner >Bekehrungheilsam>. vermag sie doch die Gemaßregelten zurückzuführen zum Heil. Er verteidigt nun Zwangsmittel gegen Häretiker, wobei seine Theologie der »väterlichen Zurechtweisung« nicht nur der restriktiven Reichspolitik die theoretische Legitimation liefert, sondern letztlich zu einem der ersten Schritte wird aut dem Weg hin zu der von Thomas von Aquin unternommenen theologischen Rechtfertigung der Inquisition.
      Die Einnahme Roms durch Alanchs Goten 410 schlägt ungeheure Wellen im Reich. Der Fall der Stadt, die seit Konstantin und dessen Theologen Eusebios weite Teile der Kirche als Verwirkhcherin und Verwirklichung der Heilsbotschaft begreifen, bringt die Vertreter der christlichen Reichsideologie in ärgste Verlegenheit und liefert den immer noch einflußreichen Gegnern der Christen willkommene Argumente. Die hier entflammte Diskussion wird A. zum Anlaß, ein lange durchdachtes Problem zu behandeln: Gottes Wirken in der Geschichte. In isjähriger Arbeit schreibt er die letzte große Apologie der frühen Kirche: De Civitate Dei - den Gottesstaat. In ihr entwirft A, eine Geschichtstheologie, welche die protane Geschichte einbettet in den eschatologi-schen Bogen der Heilsgeschichte. Unser ursprüngliches Sein, das Paradies, ist ge-sehichtslos. Geschichte entsteht erst mit dem Sündenrall des Menschen. Unsere geschichtliche Existenz ist Ausdruck und Resultat des Verlusts dieses ursprünglichen Ideals: wir sind verurteilt zum Autenthalt in der Fremde, dem Ort der Selbst- und Gottesentfremdung: der Geschichte. Das Paradies auf der einen. Gericht, Erlösung und Verdammnis aut der anderen Seite bilden die eschatologischen Brückenköpfe der Geschichte. Wie der Mensch selbst, gewinnt auch die Geschichte allein aus diesen Bezugspunkten jenseits der Geschichte Sinn und Ziel. Das christliche Gegenstück zu Piatons Staat formuliert einen merklichen Rückzug aus der politischen und historischen Theorie: die transzendente Bestimmung der Geschichte macht die Reflexion geschichtsimmanenter Probleme entbehrlich. Die so gewonnene Distanz zur Realgeschichte eröffnet A. aber auch ein unabhängigeres Urteil. Vor dem Hintergrund seiner Betrachtungen zum egozentrischen Denken und Handeln der - gefallenen — Menschen und zum enormen Konfliktpotential jeder staatlichen Ordnung übt er vernichtende Kritik am römischen Imperialismus. Doch weiß er. in einer die Forschung bis heute verwirrenden Ambivalenz, dem römischen Staat auch Gutes abzugewinnen: dieser etabliert eine Ordnung institutioneller Gewalt, die das Chaos unkontrollierter Gewalt in Schach hält. Solche Ordnungsleistung schafft den Rahmen, innerhalb dessen die Kirche ihre Interessen verfolgen kann, weshalb für A. die Christen auch zu Recht am Staat teilnehmen - als Steuerzahler. Soldaten. Politiker. Auf eschatologischer Ebene freilich klammert er Rom aus der Heilsgeschichte aus: einen römischen >Gottesstaat< kann es nicht geben - Rom. historisch relativ und theologisch neutral, bleibt im Raumdes Profanen. A." Absage an die eusebianische Reichstheologie lockert theoretisch die Bindung der Kirche an den spätantiken Staat: gleichzeitig formulieren seine Zugeständnisse an dessen Ordnung ein Toleranzedikt, das m der Rezeptionsgeschichte des Textes die größten Wirkungen zeitigen wird.
      Als folgenreich erweist sich auch ein anderes Thema, das ihn in jenen Jahren beschäftigt. Aufmerksam geworden auf Äußerungen des britischen Mönchs Pelagius. der eine moralische Erneuerung der Kirche zu fördern sucht, sieht A. das Menetekel einer drohenden neuen Häresie aufflammen. Mit der Härte, die er m der Verfolgung der Donatisten gewonnen hat. initiiert er gegen diesen und seine Anhänger eine Kampagne von bis dahin in der Kirche unbekannter Intoleranz und Unerbittlichkeit. Besonders die Schritten des jungen süditalischen Bischofs Julian von Eclanum. eines entschiedenen Parteigängers des Pelagius. der gerne die philosophischen Argumente des jungen A. gegen die Gnadenlehre des alten ausspielt, lassen A." Position von Entgegnung zu Entgegnung sich verhärten. Die Radikalität seiner in dieser Auseinandersetzung formulierten »Theologie der Gnade« weckt selbst in konservativen Kirchenkreisen Unbehagen: bei aller Wirkmächtigkeit - von Thomas bis Luther - ist die Version, die sich in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten durchsetzen wird, beträchtlich gemäßigter. Der A. des pelagianischen Streits läßt den klassischen Gedanken, die Glückseligkeit sei zu erlangen durch ein Leben in Weisheit und Tugend, weit hinter sich. Was der Mensch Gutes tut und erfahrt, ist allein Werk Gottes. Ausdruck seiner Gnade. Diesen Gedanken begründet er aut zwei Ebenen: psvcholo-gisch mit der Unfreiheit des menschlichen Willens, theologisch mit der Ursünde Adams. Ursprünglich besitzt der Mensch Willensfreiheit - als Vermögen einer grundsätzlichen Entscheidung zum Guten. Sucht er nun das Gute in der »Selbstliebe«, das heißt in einer eigenen, die göttliche ignorierenden Ordnung, wird sein Wille zum Getangenen schlechter Gewohnheiten, endlich zum Opfer der unkontrollierbaren Triebe: Der selbst zu verantwortende falsche Gebrauch der Willensfreiheit bewirkt deren Verlust. Diesem Sündig-Werden des Einzelnen geht das Sündig-Gewordensem der gesamten Menschheit in Adam voraus. Die Schuld des Repräsentanten der Menschheit wird zur Schuld der Menschheit: sein Mißbrauch menschlicher Freiheit verdirbt die freie Natur aller Menschen. Diese Schuld wird von Generation zu Generation vererbt - A. ist der eigentliche Schöpfer der Idee der Erbsünde -. und zwar durch die Sexualität. Diese ist gleichermaßen Ursache. Motor und Transportmittel der Erbsünde, wie auch deren Strafe — den Menschen auterlegt für den Ungehorsam Adams, zeigt sie sich selbst ungehorsam. Von semer gesamten LJisposition her ist der Mensch also prädestiniert zum Schlechten, die Menschheit bestimmt zur Verdammnis. Vor ihr bewahrt allein das bewußte Eingreifen Gottes eine kleine Zahl Erwählter - als Beweis seiner Barmherzigkeit. Beweis seiner Gerechtigkeit ist der verdiente Untergang der Masse. Der Gottesbegriff, der hier deutlich wird, bleibt in der Theologie der frühen Kirche ohne Parallele. Eine willkürliche Prädestination ersetzt den Gedanken eines gerechten göttlichen Handelns. Gott wird zum spätantiken Autokrator, der den Großteil semer Schöpfung in den Abgrund seiner Gerechtigkeit stürzen läßt. So betrachtet, macht dieser radikale Bruch mit den klassischen Konzepten auch Sinn: diese entsprechen nicht mehr den Lebenserfahrungen der Spätantike.
     
A. designiert einen Nachfolger und sichtet seinen reichen literarischen Nachlaß. Ergebnis dieser Arbeit sind die in der antiken Literatur einzigartigen Retractationes, ein kommentierender chronologischer Werkkatalog, dessen erklärte Absicht das Offenlegen seiner geistigen Entwicklung ist und deren Kritik aus der Optik der eigenen späten Position. A. ist der erste abendländische Denker, der seinen Weg bewußt als Entwicklung erkennt.
      Die Ereignisse der Völkerwanderung grellen nach Atrika. Geiserichs Vandalen landen in Mauretanien und rücken nach Osten vor. Die römische Ordnung in Afrika bricht zusammen: nacheinander fallen alle Städte in die Hände der Germanen. Vom Winter 429 30 an belagern sie Hippo. Die Belagerung, die über ein Jahr dauert, macht das Leben in der Stadt unerträglich. A. verzweifelt angesichts der aussichtslosen Lage, und er erkrankt schwer. Possidius. der die letzten Jahre A.s an dessen Seite erlebt hat, gibt uns von jenen Tagen einen eindringlichen Bericht: der alte Bischof, vom Fieber aut sein Lager getessek. verbringt sie in strenger Einsamkeit : an der Wand neben seinem Lager hängen die vier Bußpsalmen Davids; immer wieder liest er sie. und. so Possidius. er weint Tag und Nacht, zehn Tage lang.
      Flasch. Kurt: Augustm. Einführung m sein Denken. Stuttgart 1980.
      Brown. Peter: Augustine ot Hippo. A Biographv. London 196": dt. Frankfurt am Main 1973.

      Peter Habermehl


Augustinus

Aurelius Augustinus gehört - neben Ambrosius , Gregor 1. und Hierony-mus - zu den lateinischen Kirchenvätern, die die Lehre der römisch-katholischen Kirche nachhaltig prägten. Sein überliefertes schriftstellerisches Werk umfassl 113 Bücher. 218 Briefe und nahezu 1000 Predigten. Nach einer Rhetori .....
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