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Philosophen biographisch

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Aries, Philippe



Das Nahe als tern. das Selbstverständliche als Produkt historischer Entwicklung erscheinen zu lassen — mit dieser Sichtweise hat A. auch in der Bundesrepublik eine nach Zehntausenden zählende Leserschaft gefunden, ein Interesse für Mentalitäten und Lebensweisen geweckt, das inzwischen zahlreiche Stadtteilstudien und Regionalgeschichten hervorgebracht und statt der großen politischen Ereignisgeschichte den Alltag in den Mittelpunkt des Interesses gerückt hat. Seine außerordentliche Popularität verdankt A. einer Darstel-lungsweise, die ihn von der akademischen Historiographie ebenso weit entfernt wie vom unbetangenen Erzählen, »wie es denn eigentlich gewesen ist«. Ist auch sein Stil überaus plastisch und anschaulich, so fehlt ihm doch das - längst fragwürdig gewordene - Selbstvertrauen der großen Flistoriker des 19. Jahrhunderts, das Geschichte noch eindeutig als Zunahme an Fortschritt erscheinen ließ. Vielmehr bildet der produktive Zweitel an der Gegenwart den Motor seines Denkens. Wie die einflußreiche Histonkerschulc um die Zeitschrift Annales, betreibt A. Sozialgeschichte, wie sie sammelt er mit größter Akribie über Jahre und Jahrzehnte hinweg Detailergebnisse, um sie in umfangreichen Gesamtdarstellungen zu publizieren. Die erstaunliche Tatsache, daß er sich in einem langen Forscherleben nur mit zwei großen Themen, der Familie und dem Tod, beschäftigt hat. liegt allerdings im Gegenstand einer als Psvchohistone verstandenen Sozialgeschichte begründet: er läßt sieh nicht auf wenige greifbare Zeugnisse reduzieren, sondern nur mühsam aus Testamenten. Kirchenbüchern, Grabmälem. Anstandsleh-ren. Hochzeitsbräuchen, Predigten usw. rekonstruieren. Und hier trennen sich allerdings die Wege A." von denen der akademischen Geschichtswissenschaft, vor allem in Frankreich. Die Studie zur Geschichte der Kindheit stellt er unter das Motto der »Erfindung der Kindheit«. Der scheinbar selbstverständliche Tatbestand der aut Affektivität gegründeten bürgerlichen Familie erfährt hier eine grundlegende Revision: Kindheit wird als solche erst in dem Moment wahrgenommen, in dem mit der Ausbildung der bürgerlichen Wirtschaftsform das »ganze Haus«, jene mittelalterliche und frühneuzeitliche Lebens-, Arbeits- und Lerngemeinschaft, zu existieren aufhört und sich in die getrennten Funktionsbereiche Haus. Arbeitsplatz und Schule aufsplittert. Hier sieht A. den »Sündentall« der Moderne: das Kind wurde vorher, sobald es physisch dazu in der Lage war. in das Familiengescheheneinbezogen und als »kleiner Erwachsener« betrachtet. Zahlreiche, heute als »Ausbeutung« betrachtete Verhaltensweisen ihm gegenüber, so etwa die frühzeitige Verpflichtung zur Arbeit, das In-die-Lehre-Geben bei Freunden und Verwandten im Alter von 10 oder 12 Jahren, erscheinen so als Indizien einer ökonomisch, nicht affektiv funktionierenden Lebensgemeinschaft.

      Die wissenschaftliche Pädagogik, in dem Dilemma einer fortschreitenden Formali-sicrung ihrer Theorie und einer zunehmenden Hilflosigkeit gegenüber praktischen Problemen befangen, hat auf die These A." mit Abwehr und Betroffenheit reagiert. So sehr die Vorwürfe der Romantisierung der Vergangenheit und des Absehens von den psychischen Kosten der großen Lebensgemeinschaft für den einzelnen zutretten, so sehr provoziert A. doch durch seinen Blick aut em vorbürgerliches Zeitalter Fragen nach der Organisation von Lernen, dem Verhältnis von Praxisbezug und Theorie. Pädagogisierung des Lebens und praktischer Lebensuntüchtigkeit der Schüler.
      A. hat sich selbst als naiven »Sonntagshistoriker« bezeichnet - so der ironische Titel seiner Autobiographie . Seit i galt sein Interesse jedoch vor allem der Geschichte des Todes, der er wiederum fünfzehn Jahre intensiver Quellenforschungen widmete. Mehr noch als bei der Erforschung der Kindheit erweist sich hier eine weit in die Vergangenheit reichende Untersuchungsperspektive als notwendig, um von der heutigen Verdrängung des Todes zu der Tatsache vorzustoßen, daß er in der Vergangenheit wie selbstverständlich akzeptiert worden ist. Dem Leben im »großen Haus« entsprach das vorbereitete und öffentliche Sterben im Beisein aller Freunde und Verwandten, der Tod war allgegenwärtig und hatte nichts Beängstigendes an sich. Heute jedoch hat statt der Sexualität der Tod den Platz des wichtigsten Tabus eingenommen: A. Forschungen stellen einen historisch fundierten, massiven Protest gegen die Entmündigung des Individuums in den Intensivstationen der Kliniken dar. Im Einklang mit einer zunehmend kontrovers geführten öffentlichen Diskussion um humanes Sterben markiert A. die historischen Stationen vom Akzeptieren des Todes über sein Hinauszögern in einzelnen Fällen bis zu seiner völligen Technisierung in der Gegenwart, so in seinen Essais sur l histoire de a mort en oeeideut du moyen age a nos jours und in L homme devant la mort . Auch hier hat A. seine Forschungen mit umfangreichen ikonographischen Studien begleitet, die er unter dem Titel Images de l homme devant la mort veröffentlichte. Die Begeisterung für das Detail, mit der A. auch noch den entlegensten Fundennachspürt, ehe er sie der »notwendigen Algebra einer Theorie« unterwirft, hat sicherlich zur Rehabilitierung der Geschichtsschreibung in jüngerer Zeit beigetragen. Der Unterschied zwischen den Veröffentlichungen von A. und einer allzu selbstgewissen, auf Popularität bedachten historischen Sachliteratur besteht allerdings darin, daß er seinen Leser nicht mit einem neuen Erklärungsmodell für Welt und Geschichte entläßt, sondern ihn nachhaltig und produktiv verunsichert.

      Claudia Albert


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