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Antisthenes



Die Anristhenes-Philologie des 19. Jahrhunderts erweckt über weite Strecken hinweg den Eindruck einer verwirrenden Schnitzcljagd, bei der die Jäger weder wissen, welcher Spur sie folgen, noch, welches Tier sie langen sollen. So konnte es nicht ausbleiben, daß jedem genau die Beute ins Netz ging, die seinen jeweiligen Zwecken am dienlichsten zu sein schien: Einmal erscheint A. als der begnadete Schüler des Gorgias. der später aufgrund einer Begegnung mit Sokrates das Opfer eines philosophischen Bekehrungserlebnisses oirde; ein andermal wird ihm das Verdienst zugeschrieben, der einzige treue Bewahrer und Vermittler der von Piaton und Xenophon letztlich nur mißverstandenen sokratischen Lehre gewesen zu sein; dann wieder macht man ihn zum Urheber des Kynismus. dessen erstes Schulhaupt er gewesen sein soll: andere schließlich sehen in ihm hauptsächlich den philosophischen Erben Herakhts. den großen Antiplatoniker oder den geistigen Urgroßvater Zenons. Wenn eine platonische Dialogfigur gegen Unbekannt schimpft, so konnte dies nur eine gewollte Spitze gegen A. sein; wo Piaton nicht ausfällig wird, mußte sein schnödes Schweigen A. um so tiefer treffen.

      Schärtere Konturen gewinnt das Antisthenesbild für uns erst, seitdem neue, vollständige Fragmentausgaben die älteren rhapsodischen Sammlungen ersetzt haben, und seitdem die wissenschaftliche Beschäftigung mit griechischer Philosophie dem historisch Gesicherten den Vorrang gegenüber dem weltanschaulich Genehmen eingeräumt hat. Niemand wird bestreiten, daß A. Stü - soweit wir über denselben anhand der zwei einzigen vollständig überlieferten Reden urteilen können - deutliche Anklänge an die von Gorgias inaugurierte Kunstprosa aufweist. Dennoch zeigt eine genaue Analyse der antiken Quellen, daß A. - entgegen der Lehrbuchmeinung - aus chronologischen Gründen wohl kaum ein direktes Schülerverhältnis zu Gorgias unterhalten haben dürfte; sein eigentliches Milieu war vielmehr das des Sokratismus, mithin dasjenige des Dialogs, des Fragens und des Zweifeins. Es gilt als sicher, daß A. als erster >sokratische Dialoge< verfaßte und damit der Begründer des durch Piaton berühmt gewordenen Schrifttums ist. Wir können leider nicht mehr feststellen, in welchem Maße Piatons Dialoge von den Antisthemschen abhängen oder sich ihnen gegenüber abgrenzen. Da die doxographische Ãoberlieferung uns die beiden begabtesten Sokra-tesschüler jedoch als unversöhnliche Rivalen schildert, liegt die Vermutung nahe, daß der Sokrates des A. ein anderer gewesen ist als derjenige Piatons. Die Ursache der Rivalität zwischen A. und dem um 20 Jahre jüngeren Piaton ist nicht bekannt: man wird sie wohl dann zu suchen haben, daß noch nie zwei Koryphäen gleichzeitignebeneinander bestehen konnten. A. warf Piaton Arroganz und Autgeblasenheit vor: eine semer zahlreichen Schritten trägt als Titel eine obszöne Verballhornung von Piatons Namen, und von A. stammt einer der Lieblingssätze aller späteren Nominalisten: »Das Pferd sehe ich zwar, die Pferdheit dagegen nicht.« Von Piaton unterschied ihn sicherlich auch der unbedingte Wille, sich nichts vorzumachen und die Wahrheit nur in der Realität zu sehen, anstatt sie im Ideenhimmel anzusiedeln. Als jemand ihn fragte, welche Frau er heiraten solle, gab A. ihm zur Antwort: »Heiratest du eine Schöne, macht sie sich allen gemein; heiratest du eine Häßliche, trägst du die Last ganz allem.« Den Athenern legte er ans Herz, mehrheitlieh zu dekretieren, daß die Esel Pferde seien: da man diesen Vorschlag tür absurd hielt, gab A. seinen Mitbürgern zu bedenken, daß sie doch auch Schwachköpfe durch Handautheben zu Feldherren wählten. Ein ähnlich illusionsfemer denkerischer Rigorismus spiegelt sich auch in A. Haltung gegenüber der Physis-Nomos-Auseinandersetzung wider. Die Sophistik des 5. Jahrhunderts erkor die Frage, ob die schriftlich festgelegten Gesetze und die gängig befolgten Verhaltensweisen in einer unwandelbaren Natur des Universums und des Menschen begründet lägen oder ob sie vielmehr nur auf Tradition und Ãobereinkunft beruhten, zu ihrem Lieblingsthema. A. vertritt die These, daß es »nach dem Gesetz zwar viele, nach der Natur aber nur einen Gott« gebe, wobei seme Sympathie zweifellos der »Natur < gilt, das heißt der Erkenntnis des eigenen Göttlichen, dem man entgegen der relativen Gleichgültigkeit von Brauchtum und Gesetz tolgen muß. In die gleiche Richtung weist auch A." allegorische Homerauslegung: unter dem augenfälligen Schein des Gesagten verbirgt sich eine dem Gemeinen nicht zugängliche Wahrheit , die nur der Philosoph erkennen kann.
      Für die Folgezeit am wichtigsten war A." Auttassung. daß die Tugend lehrbar sei und daß derjenige, der sie einmal erworben hat. sie nicht mehr verlieren könne. Die Grundvoraussetzung für ein tugendhaftes Leben bildet die innere geistige Unabhängigkeit gegenüber den widrigen Umständen des äußeren Lebens: hierzu gehört, daß man den sinnlichen Freuden sowenig wie möglich stattgibt und strenge Enthaltsamkeit auf allen Gebieten übt. Die Liebe bezeichnete A. als em »Ãobel der Natur«: ferner meinte er. er sei »lieber wahnsinnig, als Freude zu empfinden«. Pointiert fmdet sich die Quintessenz semer Philosophie in jenem denkwürdigen Dikrum ausgedrückt, in dem es heißt, man solle »Verstand oder einen Strick erwerben« - ein Ratschlag, den man sich auch heute noch zu Herzen nehmen kann.
      Patzer. Andreas: Antisthenes der Sokratiker. Di«. Heidelberg iy~c.
      Luc Deit:


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