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Mulisch, Harry - Leben und Biographie



Zum schriftstellerischen Repertoire von Harry Mulisch gehören neben Romanen und Lyrik auch Bühnenstücke, Essays, Reportagen, Auto-biografien, Reiseberichte und sogar ein Opernlibretto. Der Autor hat stets dafür plädiert, alle seine Unternehmungen als Bausteine eines einzigen, kohärenten CEuvres zu betrachten.
      Mulisch wuchs bei seinem Vater, einem Bankier, in Haarlem auf, der sich 1936 von seiner jüdischen Erau scheiden ließ. Die Groß- und Urgroßmutter mütterlicherseits wurden im Zweiten Weltkrieg in den Gaskammern umgebracht. Mulischs Erühwerk zeugt von der Easzination des Alltäglichen, Banalen, das sich mit mystischen Elementen und literarischen Kunstgriffen paart. Seine späteren Arbeiten stellen die unmittelbare Wirklichkeit in den Vordergrund. In dieser Phase behandelte Mulisch die gesellschaftliche Relevanz, indem er sich nicht-fiktionalen Texten zuwandte, etwa in der Reportage Strafsache 40/61 über den Eichmann-Prozess.

      Politisches Engagement bestimmte weitgehend Mulischs Aktivitäten der 1960er Jahre. Er sympathisierte ebenso offen mit Fidel Castro wie mit der Pariser Studentenrevolte im Mai 1968 oder zwei Jahre später mit den Gegnern des Vietnam-Krieges. In den 1970er Jahren wandte sich Mulisch der Bühne zu; daneben erschienen 1973-78 auch sechs Gedichtbände.
      In der letzten Phase seines Werkes - charakteristisch hierfür ist Die Entdeckung des Himmels -wandte sich Mulisch wieder stärker dem Bereich des Imaginären zu. Allen Werken gemeinsam ist die stets spürbare Anwesenheit des Erzählers.
      In seinem Heimatland wurden dem Schriftsteller zahlreiche Ehrungen zuteil, darunter die Ernennung zum Ritter im Orden von Oranien-Nassau . 1992 widmete das Letterkundig Museum Mulischs Werk eine große Ausstellung. Literatur: H. Mulisch, Selbstporträt mit Turban , 1961.

      Das Attentat
Das Attentat gilt als Schlüsselwerk der niederländischen Literatur nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das dokumentarische Schlichtheit mit der Aufarbeitung der jüngsten Geschichte verbindet.
      Inhalt: Die Handlung des Romans spielt im Januar 1945 in Haarlem. Ein sechsfacher Schuss zerreißt die Stille einer Siedlung am Stadtrand. Bald darauf entdeckt die Eamilie des zwölfjährigen Anton Stenwijk vor ihrem Haus die Leiche des Kollaborateurs Eake Ploeg. In derselben Nacht werden Antons älterer Bruder und die Eltern von den deutschen Besatzern verladen und - wie sich später herausstellt - umgebracht; sie zünden das Haus an und nehmen Anton fest. Er verbringt die Nacht auf einer Polizeiwache, wo er im Dunkel einer Zelle auf eine verletzte Erau trifft. Obwohl er sie niemals sehen wird, verfolgt ihn die Erinnerung an ihr intensives Gespräch sein Leben lang.
      Diese erste Episode des Romans bildet den dramatischen Auftakt für vier weitere, in denen der weitere Lebensweg Anton Stenwijks geschildert wird: Die Jahre 1952, 1956, 1966 und 1981 bilden das äußere Gerüst für seine Karriere zum Anästhesisten, für seine Heirat und das Scheitern seiner Ehe. Es kommt immer wieder zu zufälligen Begegnungen mit Menschen, die direkt oder indirekt an den Ereignissen beteiligtwaren und Erinnerungen wachrufen. So wird Anton sukzessive gezwungen, sich der Vergangenheit zu stellen. Am Ende isl - scheinbar -alles erklärt: das Schicksal der Eltern und des Bruders, die Identität der Frau in der Zelle, die eine Widerstandskämpferin und an dem Anschlag beteiligt war, und schließlich die Frage, warum die Nachbarn seinerzeit den Toten vor das Haus der Stenwijks legten, statt vor eines der anderen Häuser: einer der Nachbarn hielt heimlich eine jüdische Familie versteckt, die man vor den Nationalsozialisten retten wollte -die Frage nach der Schuld bleibt ambivalent. Aufbau: In einem kargen, fast emotionslosen Ton gelingt es Mulisch, die Verbindung zwischen individuellem Einzelschicksal und kollektiver Schuld darzustellen. Gerade wegen seiner distanzierten Erzählweise, die das Alltägliche. Dingliche, Zufällige betont, wirkt die Ungeheuerlichkeit des geschilderten Verbrechens umso nachhaltiger auf den Leser, werden das kollektive Trauma und die psychosozialen Deformationen sichtbar gemacht, die der Zweite Weltkrieg und seine Vernichtungsmaschinerie in den besetzten Niederlanden hinterlassen haben. Dabei ist Das Attentat ein spannendes, die verschiedenen Handlungsstränge fast wie ein Krimi verknüpfendes Buch. Wirkung: Am 7. Oktober 1983 erhielt Mulisch in seiner Geburtsstadt Haarlem aus den Händen der ehemaligen Widerstandskämpfern Truus Menger das 200000. Exemplar von DasAttentat. Bis 1999 erlebte das Buch allein in den Niederlanden 35 Auflagen. Die gleichnamige Verfilmung wurde 1988 als bester fremdsprachiger Film mit dem Golden Globe und dem Oscar ausgezeichnet. Unter dem Titel De Oer-aanslag veröffentlichte Mulisch 1996 eine Faksimile-Ausgabe des Manuskripts.
      Die wichtigsten Bücher von Harry Mulisch
Archibald Strohalm 1952 Das preisgekrönte Romandebüt schildert die ekstatischen Visionen eines Schriftstellers, dessen Wahrnehmung die scheinbar chaotische Struktur des Buches vorgibt.
      Das steinerne Brautbett 1959 Der Amerikaner Norman Corinth kehrt in jene ostdeutsche Stadt zurück, an deren Zerstörung er im Krieg beteiligt war. Der Roman wirft die Frage nach Schuld und Schuldbewusstsein auf.
      Strafsache 40/61 1962 Das Werk stellt eine Reportage über den Eichmann-Prozess dar und wurde 1963 mit dem Vijverberg-Preis ausgezeichnet.
      Zwei Frauen 1975 In einer Rückblende erzählt die Hauptfigur Laura die fatale Geschichte ihrer Beziehung zu ihrer großen Liebe Sylvia.
      DasAttentat 1982 Der Mordanschlag auf einen Kollaborateur und die anschließende Vergeltungsaktion der Wehrmacht hat 1945 die Auslöschung der Familie des jungen Anton zur Folge.
      Die Entdeckung des Himmels, 1992 Der breit angelegte Zeitroman beschreibt das Eingreifen göttlicher Mächte in das Schicksal der Menschheit.
      Die Prozedur 1998 Der Roman setzt den jüdischen Golem-Mythos mit der modernen Genforschung gleich: Der Wissenschaftler Victor entdeckt den »Eobionten«, einen Organismus aus künstlicher Materie.
      Das Theater, der Brief und die Wahrheit 2000 Am Beispiel des Schauspielers Althans, selbst Opfer des Nationalsozialismus, warnt Mulischs doppelbödige Erzählung vordem neu aufkeimenden Antisemitismus und reflektiert gleichzeitig die Frage nach Dichtung und Wahrheit, Opfern und Tätern.
      Siegfried. Eine schwarze Idylle 2001 Ein im Wien des Jahres 1938 angesiedelter Roman über die üebesbeziehung von Adolf Hitler und Eva Braun. Aus dem Verhältnis geht ein Sohn hervor.

      Die Entdeckung des Himmels
»Ein heiteres Spiel, ein ernster Scherz« nannte Harry Mulisch sein 1992 erschienenes Opus magnum Die Entdeckung des Himmels, einen breit angelegten psychologischen Gesellschaftsroman, der Zeitgeschichte der 1960er und 1970er Jahre, Ethik und Philosophie in einem komplexen Universum vereint. Inhalt: Gott beauftragt seine himmlischen Heerscharen, die in einem Geheimversteck in Rom lagernden mosaischen Gesetzestafeln von der Erde zu holen und in den Himmel zu bringen. Da kein Mensch von ihrer Existenz weiß, muss ein Wesen erschaffen werden, das den Plan ausführen kann. Deshalb planen die Engel die Zeugung der Hauptfigur, Quinten Quist.
      Seine zwei biologischen und befreundeten Väter sind der Sternenforscher Max Delius und der Sprachenforscher Onno Quist. Als Mutter wird die Musikerin Ada auserkoren, die erst die Geliebte des einen, später die Frau des anderen wird. Noch während der Schwangerschaft verliert sie durch einen Autounfall ihr Bewusstsein und vegetiert im Krankenhaus dahin.
      Im Mittelpunkt des Romans stehen Erziehung und Reifeprozess des von den Göttern erwählten Boten. Ein Kernstück spielt auf dem Schloss Groot Rechteren, von deren Bewohnern Quinten aufgezogen wird, darunter der Bildhauer Kern und der Ãobersetzer Proctor. Dank der unkonventionellen Ausbildung und der unterschiedlichen Anlagen seiner beiden biologischen Väter ist er befähigt, seine göttliche Mission zu erfüllen: In derselben Nacht, in der seine leibliche Mutter stirbt, stiehlt Quinten die steinernen Gesetzestafeln aus dem Sancta Sanctorum in Rom. Am Tag ihrer Einäscherung fährt Quinten in den Himmel auf, während die Buchstaben der inzwischen nach Israel zurückgekehrten Tafeln in den Himmel aufsteigen. Aufbau: Die Entdeckung des Himmels verbindet Mulischs pessimistische Weltsicht mit einer sprachgewaltigen Bilderflut. Durchwoben wird der labyrinthisch konstruierte Roman von Wort- und Zahlenspielen sowie zahlreichen literarischen Verweisen . Ebenso greift Mulisch bereits behandelte Themen früherer Werke auf . Wirkung: Von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert und allein in den Niederlanden mit einer Erstauflage von 250000 Exemplaren gestartet, wurde Die Entdeckung des Himmels das bis heute erfolgreichste Werk von Mulisch. Allerdings wurden auch kritische Stimmen am zunehmend patriarchalischen Weltbild des Autors laut, dessen Kosmos keine andere Lesart als die von ihm festgelegte zulässt.
     


Oberländer, harry

an Christian friedlich hölderlin Braune-Steininger, Wolfgang. In: Portraitge-dicht, 1988, S. 360 - 366. .....
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