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Morgner, Irmtraud - Leben und Biographie



Mit Irmtraud Morgner verband sich die Hoffnung auf eine Erneuerung der DDR-Literatur jenseits des staatlich verordneten Realismus. Ihre Romane versprachen, das sozialistische Anliegen der Literatur fortzuführen, aber auch den Bereich der lange verpönten Subjektivität zu integrieren und Anschluss an die formalen Entwicklungen der internationalen literarischen Moderne zu gewinnen.
      Morgner nahm 1952 das Studium der Germanistik in Leipzig auf und arbeitete zwei Jahre als Redaktionsassistentin der Zeitschrift Neue deutsche Literatur. Ab 1958 lebte sie als freie Schriftstellerin in Berlin.
      Die ersten Erzählungen Morgners {Das Signal stehtauf Fahrt, 1959; Notturno, 1964) und der Roman Ein Haus am Rand der Stadt folgen noch weitgehend dem Konzept eines abbil-denden Realismus. Mit Hochzeit in Konstantinopel und Die wundersamen Reisen Gustav des Weltfahrers entdeckte Morgner jedoch den anarchischen Reichtum und die widerständigen Kräfte der Fantasie, die sie als spezifische Bestandteile einer weiblichen Gegenkultur begreift; deren vordringliche Aufgabe ist es laut Morgner, »den Eintritt der Frau in die Historie« zu thematisieren. Die Romane der Autorin wollen die unter den Gesetzen des Patriarchats und der Klassengesellschaft betriebene Historiografie von Mythen und Fakten in sozialistischer wie feministischer Absicht umschreiben, um zu einer ganzheitlichen Perspektive zu gelangen; sie verstehen sich demgemäß als ein Plädoyer für die verdrängte Androgynie des Menschen. Diesem Programm ist auch Morgners geplante Romantrilogie verpflichtet, die sie vor ihrem Tod nicht abschließen konnte.
      Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura
Leben undAbenteuerderTrobadoraßeotr/zist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten anspruchsvollen Romanfolge von Irmtraud Morgner. 1983 erschien mit Amanda. Ein Hexenroman der zweite Teil; den dritten Band konnte die Autorin vor ihrem Tod nicht mehr vollenden.
      Inhalt: Die altprovenzalische Minnesängerin Beatriz de Dia leidet darunter, als Frau in der von Männern beherrschten Domäne des Minnesangs selbst das Objekt jener liebe zu sein, die sie doch als deren Subjekt besingen will. Sie entzieht sich dieser Situation durch einen Zauberschlaf, aus dem sie 800 Jahre später während der Pariser Maiunruhen erwacht. Nach schrecklichen Erfahrungen mit dem Chauvinismus französischer Männer gelangt sie in die DDR, das ihr angepriesene Land der realisierten Frauenemanzipation. Ihre Hoffnungen werden enttäuscht, doch findet sie Trost in der Freundschaft mit Laura Salman. Die komplementären Perspektiven der Frauen, der utopischen Sicht der Naiven aus der Welt des Mittelalters und der Pragmatikerin aus der Gegenwart, reflektieren die historischen Leistungen der DDR, aber auch ihre Defizite und aktualisieren den utopischen Anspruch auf eine Versöhnung von Sozialismus und Feminismus.
      Nach einer Reise kehrt Beatriz in die DDR zurück, in der Ãoberzeugung, dass die sozialistische Gesellschaft die Emanzipation der Frau energischer betreibt als andere europäische Länder. Sie übernimmt deshalb die von Laura so vorbildlich verkörperte Rolle der praktischen DDR-Bürgerin und stirbt in Ãobereinstimmung mit diesem Selbstverständnis durch einen Sturz beim Fensterputzen. Laura hingegen wird der Sitz von Beatriz in der Tafelrunde angeboten, die jene versammelt, die sich um die Emanzipation der Menschen verdient gemacht haben. Struktur: Der Kritik an der verfälschenden Energie eines von Klassen- und Geschlcchter-gegensätzen bestimmten Diskurses entspricht die Absage an eine konventionelle Erzählweise mit ihrer herrschenden männlichen Perspektive und ihrer konventionellen linearen Struktur.
      Stattdessen verbindet der Roman Textsegmente ganz unterschiedlicher Gattungen wie Reportage und Märchen, Sagen und Lieder, Satiren und Zeitungsannoncen zu einem komplexen Textgewebe und erzählt seine fantastische Geschichte in einer Vielzahl von Episoden, in der unterschiedliche Figuren aus zum Teil widersprüchlichen Perspektiven ihre Sicht der Ereignisse mitteilen. Das Spielen mit den Elementen von Mythen und Legenden zeigt den mutwilligen Irrationalismus der Autorin, die der vom Sozialismus entmachteten Kraft von Eantasie und Traum wieder zu ihrem Recht verhelfen will.
      Wirkung: Leben und Abenteuer der Trobadora ßeofr/'zwurde von den Lesern im Osten wie im Westen als literarisches Ereignis gleichermaßen gefeiert, war hier doch ein völlig neuer literarischer Ton vernehmbar, der Sozialismus, Feminismus und Subjektivität integrierte.

Androgynie
Begriff: Seit -» Piaton existiert die Vorstellung des Kugelmenschen, einer vollkommenen menschlichen Gestalt, in der männliche und weibliche Anteile harmonisch vereinigt sind. Unter dem Begriff der Androgynie ist diese Utopie einer von Geschlechterspannungen freien Menschlichkeit immer wieder in der Literatur formuliert worden.
      Entwicklung: Das Zeitalter der Romantik kennt eine Vielzahl androgyner Gestalten, seien es Männer, die in der Assimilation von weiblichen Eigenschaften ihre ästhetische Wahrnehmung zu erweitern suchen, sei es von Frauen, die männliche Rollenmuster usurpieren, um eine größere Autonomie zu gewinnen, wie Mademoiselle de Maupin von Theophile Gautier . Mit der Pathologisierung der Abweichung von normativen Geschlechtskonstruktionen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-derts gewinnt die Androgynievorstellung in der Literatur von Dekadenz und Symbolismus zusätzlich den Reiz des Verbotenen und Subversiven. Gestalten wie Salome von Oscar -» Wilde spielen gegenüber einer in bornierten Vorstellungen befangenen Welt erotischer Mittelmäßigkeit aggressiv ihre Doppelgeschlechtlichkeit aus. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat die Frauenbewegung dank ihrer intensiven Beschäftigung mit Autorinnen wie Virginia -»Woolf auch die Androgynie als eine dem Geschlechtsdimorphismus überlegene Form des Menschseins wiederentdeckt, in der sich die Erinnerung an ein verlorenes Paradies vor der Aufspaltung in eine binäre Geschlechtlichkeit erhalten hat. Um eine umfassende Historiografie bemüht sich die Autorin Irmtraud Morgner, indem sie feministische Positionen mit patriarchalen Strukturen verknüpft.
     


Morgner, irmtraud

»Mein Vater ist Lokführer. Jeder Junge, dessen Vater Lokführer ist, wünscht sich.. .erst mal den des Vaters. Ich war offensichtlich ein Mädchen und wünschte trotzdem so. ...Vielleicht zeigte dieser Wunsch das Körnchen natürliche Widerspenstigkeit an, das ein konventionell erzogener weiblicher Mensc .....
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