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Stilentwicklung



Mallarme hat sich Zeit gelassen. Im zähen Widerstand gegen einen ungeliebten Beruf , gegen eine zuweilen große Armut, gegen eine jahrelange neurasthenische Schlaflosigkeit hat er sein Werk zur Vollendung gebracht. Um dieses Werkes willen nahm er eine Mühsal auf sich, die nicht geringer ist als die Mühsal einer ethischen Zucht. Die Abfassung der einzelnen Gedichte erstreckte sich oft über einen Zeitraum von zwanzig, ja.dreißig Jahren. Wie bei Baudelaire, so waren auch bei ihm die Leitthemen früh da. Die weitere Entwicklung bestand im vielfachen Umarbeiten der ersten Entwürfe. Es ist eine Entwicklung der inneren, nicht äußeren Dimension. Er durfte sich, wie man schon einem Brief vom Juli 1866 entnehmen kann, auf die Ãoberzeugung verlassen, die Linien seines künftigen Werks fest in der Hand zu haben. Das Werk sollte, wie bei Baudelaire, ein architektonisches Ganzes werden. Dies allerdings wurde es nicht. Die durchgegliederte Thematik, in der er dachte und dichtete, ergab kein Buch, das eine ähnliche Geschlossenheit gehabthätte wie die Fleurs du Mal. Dennoch ruhen die Einzelteile auf einem festen Grundriß. Auch der Torso, den Mallarme hinterließ, ist Bauwerk, nicht Häufung. Daß er ein Torso blieb, ist nicht Folge eines persönlichen Versagens, sondern des übermenschlichen Ziels. Sowenig wie bei Baudelaire wird man von Unfruchtbarkeit sprechen dürfen. Dies verbieten schon die neben den Gipfeltexten stehenden Erzeugnisse. Zu ihnen gehören die Contes Indiens , ein noch kaum gewürdigtes Wunderwerk französischer Prosa, worin sein dunkles Dichten sich zur Heiterkeit des Märchens entspannt, ferner die vielen Gelegenheitsverse, die gereimten Briefadressen und schließlich die Ãobungssätze, die er sich für seinen englischen Sprachunterricht zurechtgemacht hatte: maliziöse Aphorismen im Zwielicht skurrilen Tiefsinns. Es ist Vorsicht geboten, wenn er selber diese Erzeugnisse als Nebenwerke abtut. Sie sind der schalkhafte Ãoberschuß seiner Phantasie, seines alle Wirklichkeiten verrückenden Spieltriebs, und der gleichen Wurzel entsprungen wie die dunkle Schwere seiner Hauptwerke.
      Was in Mallarmes durchaus vorhandener Fruchtbarkeit ein Strömen, Blühen und Atmen war, ist in den Dichtungen komprimiert zu hochgradigen Energiespannungen auf engsten Sprachfelderh. Man kann das verfolgen anhand der verschiedenen Fassungen seiner Gedichte. Jeder etwas zu laute, des Oratorischen verdächtige Sprachton verschwindet. Klischeehafte Wörter weichen solchen mit Seltenheitswert. Satzbögen verwandeln sich in atomisierte Sätze, damit die syntaktisch möglichst unabhängig gesetzten Wörter jeweils aus sich selber leuchten. Die ursprünglich am Anfang eines Gedichts genannte Sache wird an eine spätere Stelle verschoben, damit der Anfang frei ist zu einer von der Sache entfernten Aussage. Oder, wenn eine Sache zuerst in ihrer einfachen und gewohnten Ganzheit erschienen war, zersplittert sie in den späteren Fassungen in vieldeutige, isolierte Details. Immer geringer wird die Zahl der Motive, immer gewichtsloser die Dingwelt und, in umgekehrter Proportion dazu, immer abnormer der Gehalt. Wo ursprünglich die Verse erzählten, beschrieben, fühlten, also die Aufmerksamkeit auf einen begrenzten Inhalt lenkten, lenken sie sie nun auf sich selber, auf das Selbstsein der Sprache.
      Man kann solches Umdichten vergleichen mit ähnlichen Gepflogenheiten stilstarker Maler. Von El Greco gibt es drei Fassungen einer

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