» » » Poesie pure
Poesie pure
In diesem Zusammenhang ist noch einmal kurz der Begriff der poesie pure zu streifen. Gelegentlich war er von Sainte-Beuve, Baudelaire und anderen gebraucht worden. Auch bei Mallarme taucht er auf. Im 20. Jahrhundert bezeichnet er eine Dichtungslehre, die auf Mallarme beruht. Was er meint, läßt sich erkennen anhand der Bedeutung der bei Mallarme häufig erscheinenden Wörter und . Sie heißen stets . Es sind privative Begriffe, ähnlich wie bei Kant, der Vorstellun-gen rein nennt, . Nennt Mallarme ein Ding rein, so meint er seine Wesensreinheit, sein Freisein von störenden Beimischungen. Was Reinheit für seine Lyrik im ganzen bedeuten kann, erhellt aus einer Briefstelle vom Jahre 1891: . Die Voraussetzung dichterischer Reinheit ist also die Entdinglichung. Auch alle sonstigen Merkmale moderner Lyrik treten in diesem Begriff zusammen, wie ihn Mall-arm£ gebrauchte und an die Folgezeit weitergab: Abgesehen von alltäglichen Erfahrungsstoffen, von lehrhaften oder sonstwie zweckhaften Inhalten, von praktischen Wahrheiten, von Jedermannsge-fühlen, von der Trunkenheit des Herzens. Durch die Entäußerung von solchen Elementen wird die Dichtung frei zum Waltenlassen der Sprachmagie. Im Spiel der Sprachmächte, die unterhalb und oberhalb der Mitteilungsfunktion liegen, gelingt das zwingende, sinnentbundene Tönen, das dem Vers die Kraft eines Zauberspruchs erteilt. Mallarme hat, wie seine Vorgänger, oft von der Nähe zwischen Poesie und Musik gesprochen. Einige seiner Äußerungen dieser Art haben später zur Definition der poesie pure gedient. So schrieb 1944 A. Berne-Joffroy : < Poesie pure ist der hohe Augenblick, wo der Satz auf harmonische Weise seine Inhalte vergißt. Sie ist der Vers, der nichts mehr sagen, sondern nur singen will> {213, S. 202). Doch darf bei Mallarme selber unter Musik nicht bloß der Wohllaut der Sprache verstanden werden. Gemeint ist vielmehr eine Schwingung auch der intellektuellen Gehalte der Dichtung und ihrer abstrakten Spannungen, die mehr dem inneren als dem äußeren Ohr vernehmbar ist. Im übrigen fügt sich der Begriff der poesie pure folgerichtig in die Anlage der MALLARMESchen Lyrik. Er ist, in seiner privativen Bedeutung, das dichtungstheoretische Äquivalent für das Nichts, um das sie kreist. Über Mallarme hinaus behält er seine Geltung für alle Lyrik, die nicht primär Empfindung und Reaktion auf Weltinhalte sein will, sondern Spiel der Sprache und der Phantasie. |