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Liebe und Tod sind enthumanisiert



Auch Mallarme kennt das Urthema aller Lyrik, die Liebe. Doch ist die Liebessituation Anlaß, geistige Akte auszusagen, gleichrangig neben Anlässen wie die leere Vase, wie ein Trinkbecher, wie ein Spitzenvorhang. Selbst ein in der Nähe herkömmlicher Frauenhuldigung gehaltenes Gedicht wie das herrliche Sonett O si chere de loin... aus dem Jahre 1895 ist durch seine schwierige Sprache dem natürlichen Liebesgefühl entrückt, läßt in der subtilen Erfahrung, daß der stumme Kuß mehr sagt als das Wort, die Grunderfahrung Mallarmes durchschimmern, daß das Wort erst an der Grenze des Schweigens seiner Bestimmung, Logos zu sein, innewird, aber auch seiner Unzulänglichkeit. Am deutlichsten ist die Ãoberwölbung der Liebessituation durch eine geistige in dem Sonett La chevelure vol d'une flamme... aus dem Jahre 1887. Es bewegt sich in einer Höhe, wo die Worte den irdischen Zweck des Sprechens, die Mitteilung im klaren Satzgefüge, tief unter sich lassen. Nur flüchtig, an ganz nebensächlicher Stelle, taucht ein Ich auf. Kein Du ist da, sondern nur ein Haar über einer Stirne; aber es wandelt sich metaphorisch in eine Flamme, die nun aus sich eine ganze Bilderkette des Brennens entläßt; diese ist das sinnliche Ereignis des Gedichts. Hinter ihm aber geschieht, als das eigentliche, ein ganz anderes Ereignis : Hoffen auf höchste Idealität, Scheitern, zweifelndes Sich-Beschei-den im Endlichen. Das Metaphernspiel entwest das Dingliche, das Haar; die innere Sinnschicht entwest das Liebesgefühl. Unvertraut-heit ist entstanden.
      Man kann sich das verdeutlichen durch Vergleich mit einem thematisch und künstlerisch ähnlichen Gedicht des Italieners Marino aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts, Mentre che la sua donna si pettina. Gemäß barockem Stilgesetz legt auch der Italiener über den sachlichen Vorgang eine dichte metaphorische Verbrämung, die recht kompliziert verfährt. Doch ist ihre Kompliziertheit auflösbar, weil ihre Mittel aus geläufigem metapho-rischem Gut bestehen Der damalige Leser kann sich in diesem zunächst schwierigen Gedicht zurechtfinden, weil er einen Halt hat an seinem bekannten Bildervorrat, der lediglich an der Oberfläche auf raffinierte Weise kombiniert und variiert wird. In Mallarmes Sonett aber sind die Metaphern nicht mehr aus einer Tradition verstehbar, sondern nur aus dem Gesamtwerk Mallarmes selbst, angesichts dessen sie sich als sehr weitreichende Symbole ontologischer Verhältnisse herausstellen. Sie lösen sich von ihrem sachlichen Anstoß, machen sich selbständig und ergreifen Bereiche, die mit dem Haar der Geliebten nichts mehr zu tun haben. Ein weiterer Unterschied liegt darin, daß Marino einen tatsächlichen äußeren Vorgang bedichtet , bei Mallarme es sich aber im Vordergrund überhaupt nur um einen Scheinvorgang handelt , hinter dem ein abstrakter Spannungsvorgang abläuft, der sich nicht auf einen menschlichen Kontakt bezieht. Das MARiNogedicht ergibt einen einfachen Sinn: der Liebende schaut zu, wie die Geliebte sich kämmt, und er wird sich seiner schmerzend glücklichen Liebe bewußt. Eine vollständige Auflösung des MALLARMEschen Sonetts dagegen ist nicht möglich. Sie ist absichtlich verwehrt, damit jener Rest an Mehrdeutigkeit bleibt, der vor dem Zurücklenken in natürliches Menschentum bewahrt.
      Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt man, wenn man die Todesgedichte Mallarmes mit denen anderer Lyriker vergleicht. Man halte Victor Hugos Tombeau de Th. Gautier neben Mallarmes Toast funebre, ä Th. Gautier . Dort Trauer um den Toten, der wohl weggestorben ist, doch menschlich nahe bleibt, umhegt von Erinnerungen des Dichters an die einstige Freundschaft und verschönt von oratorisch wirkungsvollen, ideell anspruchslosen Jenseitsbildern. Hier aber ist der Tote in unzugängliche Ferne gerückt, ist aufgebraucht von einem Denken, für das mit dem Tod auch die Seele stirbt, während sein Geist weiterdauert im hinterlassenen dichterischen Werk, das nun erst, da der Mensch erloschen ist, zu seiner wünschenswerten Unpersön-lichkeit frei wird, - eine doppelte Enthumanisierung also. Mallarmes Gedicht ist in der Erstfassung gleichzeitig mit demjenigen Victor Hugos entstanden. Beide Autoren sind ohne die Romantik nicht zu denken. Der eine, im hohen Alter stehend, war ihr Mitbegründer und Vollender. Der an-dere ist ihr abgefallener Erbe. Zwischen ihrem gleichzeitigen Dichten gibt es keine Brücke mehr.
     

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