Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» MALLARME
» Enthumanisierung

Enthumanisierung



Ein Grundzug modernen Dichtens ist seine immer entschiedener werdende Trennung vom natürlichen Leben. Mit Rimbaud zusammen bringt Mallarme die radikalste Abkehr von der Erlebnis- und Bekenntnislyrik und damit von einem Typus, wie er damals noch, mit Größe, in Verlaine verkörpert war. Zwar ist auch ältere Lyrik, von den Trobadors bis in die Zeit vor der Romantik, nur in wenigen Fällen erlebnishaltig, selten nur tagebuchähnliche Mitteilung privater Gefühle; lediglich das romantisch infizierte Mißverständnis einiger Literarhistoriker machte sie im ganzen dazu. Immerhin bewegte sich aber die stilisierte, das Allgemeine kunstvoll variierende ältere Lyrik im Umkreis des menschlich Geläufigen. Moderne Lyrik scheidet nicht nur die private Person, sondern auch die normale Menschlichkeit aus. Keines der vorhin besprochenen Gedichte Mallarmes könnte biographisch erklärt werden - obwohl das aus Gründen der Neugier und Bequemlichkeit immer wieder versucht wird. Aber keines könnte auch ausgelegt werden als Sprache einer Freude, die wir alle kennen, einer Schwermut, die jeder versteht, weil jeder sie hat. Mallarme dichtet aus einem Zentrum heraus, für das man nur schwer einen Namen finden kann. Will man es Seele nennen, dann unter dem Vorbehalt, daß man damit nicht die unterscheidbaren Gefühle meint, sondern eine totale Innerlichkeit, die ebenso vorrationale wie rationale Kräfte umschließt, ebenso traumartige Gestimmtheiten wie stählerne Abstraktionen, und deren Einheit wahrnehmbar wird in den Schwingungsströmen der dichterischen Sprache. Mallarme ist den Weg weitergegangen, den Novalis und Poe empfohlen hatten, den Weg des dichterischen Subjekts in eine überpersönliche Neutralität.
      Er selbst hat oft darauf hingewiesen. So spricht er einmal davon, daß Lyrik etwas erheblich anderes sei als Enthusiasmus und Delirium, vielmehr ein genaues Verarbeiten der Worte, damit sie zu einer werden, . Das ist ein Fundamentalsatz absoluter Lyrik, deren Tönen aus keinem menschlichen Mund mehr zu kommen scheint, an kein menschliches Ohr mehr zu dringen nötig hat. Ein andermal nennt Mallarme den dichtenden Geist - eine Formel, an der das Fehlen jedes Normalbegriffs für Seele oder dergleichen zu vermerken ist. Doch gibt es einfachere Aussagen.

 Tags:
Enthumanisierung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com