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Diktatorische Phantasie, Abstraktion und



In den früheren Kapiteln hatten wir mehrfach von der diktatorischen Phantasie gesprochen. Auch bei Mallarme ist von ihr zu sprechen, auch bei ihm treten ihre Bilder an die Stelle einer Wirklichkeit, die in ihren sachlichen Ordnungen den Künstler nicht mehr interessiert.

     
Die Phantasie verfährt hier viel stiller als in der Dichtung Rimbauds. Aber ihr stilles Wirken hat das Gewicht eines ontologisch begründeten Aktes. In ihrem Bedeutungskreis tritt, wie bei Novalis und Baudelaire, der Begriff der Abstraktion auf. , lautet eine bezeichnende Gleichung , in der , dem griechischen Wortsinn gemäß, auch , heißt. Doch ein anderer Begriff tritt daneben auf: regard absolu, absoluter Blick. Was mit ihm gemeint ist, ergibt sich aus dem Aufsatz Ballets . Dort lesen wir: . Einer Tänzerin zusehen heißt also, durch ihre empirische Erscheinung hindurch Urformen sehen. Solches Sehen erfolgt aus einem unpersönlichen, funkelnden, absoluten Blick> . Das scheint platonisch. Aber der Schluß des Aufsatzes lautet: Der Gedanke mündet sehr unplatonisch im Subjekt des Sehens. Es nimmt nicht objektive Urformen wahr, sondern die Urformen seines eigenen Geistes, produziert sie in die Erscheinungen hinein, indem es sie verwandelt zu Zeichen dieses Geistes. Die Erscheinungen, ihrer Empirie entkleidet, werden überwältigt vom absoluten Blick, der auf seinen eigenen Träger gerichtet ist und sie nur als frei verfügbare Zeichensprache für dessen Bewegungen brauchen kann. Der Ballett-Aufsatz ist die entschiedenste Rechtfertigung, die das unbeschränkt kreative Dichten bis dahin gefunden hat. Der kann daher als Stichwort festgehalten werden für die abstrakte Dichtung Mallarmes und seiner Nachfolger, aber auch für die abstrakte Malerei, die statt der Gegenstände ein Spannungsgefüge aus reinen Linien, Farben und Formen setzt.
      Soweit das Dichten Mallarmes überhaupt noch die erscheinende Welt streift, rückt es sie um und entzieht sie der normalen Sachordnung des Raums und der Zeit. Hier liegt - bei aller Andersartigkeit der Begründung - die Strukturverwandtschaft mit Rimbaud. Einige Beispiele seien noch angedeutet. Aus dem Vorgang, daß schwarze Hüte durch die Straße fliegen, wird: ; die Straße tritt vor das Geschehnis,dieses wiederum, in der Allgemeinheit des schwarzen Flugs , vor die Hüte; ein normales Sehen würde die Hüte zuerst wahrnehmen - hier aber stehen sie, als das ganz Beiläufige, am Ende. Auch Mallarme liebt es, das Entfernteste ineinanderzuschieben, in der Art der früher beschriebenen Einblendungstechnik Rimbauds. Der Anfang seines Aufsatzes Plaisir sacre enthält eine Aussage, die, ins Normale übersetzt , so lauten würde: im Herbst kehren die Pariser von der Jagd zurück, gehen ins Theater, lassen sich von der Musik bezaubern. Tatsächlich aber sagt der Text: Der Wind treibt zur Rückkehr vom Horizont in die Stadt; der Vorhang hebt sich über dem verlassenen Prunk des Herbstes; das Flattern des Fingerspiels, das den Blättern Ruhe gebietet, spiegelt sich im Becken des Orchesters . Man beachte, wie der Herbst erst in einer metaphorischen Versetzung zu Worte kommt, nämlich dort, wo die Rede ist vom Theater und vom Dirigenten . Beide Bereiche, Herbst und Theater, sind zu einer Einheit verschränkt, die nun freilich mehr ist als bloße Metapher. Die hierbei auch zu erkennende Ãoberordnung des Details über das Ganze, des Akzidentellen über die Sache ist ein weiteres - und zukunftreiches - Merkmal des irrealen Stils. Ein Engel mit nacktem Schwert heißt, in Konzentration auf die Eigenschaft des Schwerts: . Mallarme spricht von einer Gruppe von Tänzerinnen, doch nicht von den Gestalten, sondern von

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Diktatorische  Phantasie,  Abstraktion      


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