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Das Sagen des Ungesagten; einige Stilmittel



Es wird immer nur wenige Leser geben, welche die nötige Geduld aufbringen, um die ungewöhnliche Sprache Mallarmes zu entziffern. Er selbst rechnete nur mit diesen wenigen - soweit er überhaupt mit Lesern rechnete. Wie man diese abnorme Erschwerung der Sprache auch beurteilen mag, man muß sie zur Kenntnis nehmen als keineswegs vereinzeltes, obwohl extremes Merkmal modernen Dichtens. In vielen Reflexionen hat sich Mallarme um die Begründung seiner Sondersprache bemüht. Sie kreisen um den Gedanken, daß der Sprache jene Freiheit zurückzugeben ist, wo sie den offensteht, noch von keinem Mitteilungszweck verbraucht und noch nicht zu Klischees erstarrt ist, die dem Dichten und Denken verwehren würden, sich als etwas vollkommen Neues auszusagen. Dichten bedeutet für Mallarme, den urtümlichen Schöpfungsakt der Sprache so radikal zu erneuern, daß Sagen immer ein Sagen des bisher Ungesagten ist. Zwar sind solche Gedanken vor ihm schon mehrfach ausgesprochen worden. Aber er führt sie - theoretisch wie praktisch - so weiter, daß das erste Sagen des Ungesagten seine Anfänglichkeit bewahren soll, damit es, in einer gleichsam verewigten Nichtassimilierbarkeit durch das begrenzende Verstehen, davor behütet bleibt, in die Bahnen des Gewöhnlichen zurückzulen-ken. Er wünscht das dichterische Wort nicht mehr bloß als höheren, festlicheren Grad der verstehbaren Sprache, sondern als unauflösbare Dissonanz zu jeder Normalität überhaupt.

      Die Mittel einer solchen dichterischen Sprache müssen ungewöhnlich sein. Wir können sie hier nur andeuten. So findet man Verben im absoluten Infinitiv , Partizipien nach dem Muster des lateinischen Ablativus absolutus, grammatisch unbegründete Inversionen, Aufhebung des Unterschieds zwischen Einzahl und Mehrzahl, adjektivische Verwendung des Adverbs, Verkehrung der normalen Wortfolge, neuartige Unbestimmtheitsartikel usw. Statt den zeitlichen oder logischen Abfolgen in den Sachen und Themen nachzugehen, macht Mallarme den fast unmöglichen Versuch, mittels der notwendigerweise zeitlichen Entfaltung der Sprache etwas Simultanes, ja Zeitenthobenes auszusagen. Präpositionen haben jeweils und gleichzeitig mehrere Bedeutungen. Führend ist eine Technik, die in die Bedeutung eines Wortes diejenige des in seiner Nähe stehenden einblendet: , wie er einmalprogrammatisch sagt . In einem für eine Bibliothek bestimmten Vierzeiler treten und als Reim auf ; gemäß der genannten Technik, die einen sprachphilosophischen Grund hat, ist , auf reimend, zugleich mit seiner üblichen Bedeutung auch als Ableitung aus zu verstehen, so daß sich in diesem Verbum und zu der Bedeutung zusammenfinden .
      In weit größerer Häufung als in der Lyrik treten solche Mittel in der Prosa der Divagations auf. Es ist eine kontrapunktische Prosa voll verwinkelter Subtilitäten, mit der Fähigkeit, eine Gedankenlinie mit einer zweiten zu verflechten, so daß beide, manchmal sogar mehrere Gedanken gleichzeitig sprechen. Das Verfahren hat viel Ã"hnlichkeiten mit der Musik, insbesondere auch darin, daß durch die Gleichzeitigkeit mehrerer Gedankenlinien eine bewegte Synthese entsteht, die sich als eigenständiges Gebilde über die einzelnen Gedankenlinien legt, vergleichbar der synthetischen Gehörwirkung eines kontrapunktischen Musiksatzes.
      Im Ganzen konnten diese Stilmittel von niemandem übernommen werden. Auch insofern bestätigt sich die Nichtassimilierbarkeit Mallarmes. Nur einzelne davon kehren in der späteren Lyrik wieder, vor allem solche, die der Umkehrung oder Durchkreuzung sachlicher Ordnungen und der Entdinglichung des Realen dienen. Die Stilmittel Mallarmes bezwecken, im Widerstand gegen die moderne Lesehast einen Bezirk zu schaffen, worin das Wort seiner Ursprünglichkeit und Beständigkeit zurückgegeben ist. Bezeichnend, daß dies nur gelingt mittels Zertrümmerung des Satzes zu Fragmenten. Diskontinuität statt Verbindung, Nebeneinandersetzen statt Fügung: das sind die Stilzeichen einer inneren Diskontinuität, eines Sprechens an der Grenze zum Unmöglichen. Das Fragment erhält den Rang, Symbol der nahenden Vollkommenheit zu sein: . Auch das ist ein Fundamentalsatz moderner Ã"sthetik.
     

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