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Das ontologische Schema - Die Abkehr vom Wirklichen



Wir sprachen mehrfach vom ontologischen Schema Mallarmes. Es bildet den eigentlichen Hintergrund seiner reifen Lyrik. Wie aus weiter Ferne lenkt es den Gedichtablauf, und zwar so, daß dieser selbst zum Vollzug eines ontologischen Vorgangs wird. Auf dieses Schema wird man dadurch aufmerksam, daß in den verschiedensten Gedichten immer wieder die gleichen Grundakte wiederkehren und den einfachsten Motiven, Worten und Bildern eine Dimension geben, die aus diesen selbst nicht erklärbar ist. Die theoretischen Belege sind in den Divagations und in einigen Briefen zu finden. Eine Kritik an diesem Schema braucht hier nicht unternommen zu werden. Denn wir haben es als Symptom der Modernität zu werten, nicht als philosophische Leistung. Sein durchaus originaler Gehalt besteht darin, den Grunderfahrungen der Modernität - Erfahrungen der mißlingenden Leidenschaft zur Transzendenz, der Unstimmigkeiten, des Risses - eine ontologische Deutung zu geben und sie, aus solcher Weite, wieder in die Lyrik überzuführen. Doch immer wieder muß gesagt werden, daß die Lyrik durch solche Beanspruchung, vielleicht Ãoberbeanspruchung, nicht ihr lyrisches Wesen einbüßt. Das große Künstlertum Mallarmes vermag das ontologische Schema und das dichterische Wort in jener Mitte vibrierenden Tönens und bestrickender Geheimnisfülle zusammenzuführen, die schon immer, wenn auch in begrenzteren Maßen, der Boden der Lyrik war.
      Den zu Beginn dieses Kapitels besprochenen Texten war zu entnehmen, daß einer der Grundakte MALLARMESchen Dichtens das Verweisen des Dinglichen in die Abwesenheit ist. Darin bekundet sich zunächst das gleiche Wegstreben aus der Realität wie in den Theorien Baudelaires und in der Poesie Rimbauds. Auch hängt es mit den gleichen zeitgeschichtlichen Gründen zusammen wie bei jenen - Gründe, die wir schon in den voraufgegangenen Kapiteln erörtert haben. Zu ihnen trat nun auch der wachsende Druck der naturalistischen Literatur. Doch Mallarme erweitert alle diese Gründe nach der Tiefe zu. Die Entrealisierung erscheint bei ihm als Folge einer ontologisch verstandenen Unstimmigkeit zwischen Realität und Sprache.
      Viele programmatische Sätze belegen sein künstlerisches Ziel. . Eine Prosastelle enthält, zusammengefaßt, folgenden Gedanken-gang: die Natur ist vorhanden, man kann ihr nur stoffliche Erfindungen hinzufügen, Städte, Eisenbahnen; die eigentliche Freiheit aber ist es, verborgene Beziehungen zu ergreifen, dank einer Innerlichkeit, die sich nach eigenem Ermessen über die Welt ausbreitet und sie vereinfacht; und so ist dichterische Schöpfung: . Die Ausmerzung des positiv Realen und die Einsetzung der kreativen Phantasie gehören zusammen. In der Dichtung führt das zu einem mehrfachen Verfahren. Dazu gehört die symbolische Verwendung anorganischer Gebilde. Wie bei Baudelaire, so werden auch hier Metalle, Juwelen, Edelsteine Zeichen der naturüberlegenen Geistigkeit. Daher ihre Rolle in der Herodiade als Ã"quivalente der lebensabtötenden Stufe, zu der sich das jungfräuliche Mädchen emporentwickelt. Daher die Liebe, mit der Mallarme in der von ihm redigierten Modezeitschrift La Derniere Mode Kleiderluxus und Schmuckstücke beschreibt. Doch die stärkste Entrealisierung erfolgt durch die schon mehrmals genannte Versetzung des Dinglichen in die Abwesenheit sowie durch Vermeiden sprachlicher Eindeutigkeit. Ein Mittel der letzteren ist die Periphrase. Hier berührt sich der realitätstilgende Stilwille Mallarmes mit Eigentümlichkeiten der Barockliteratur und ihrer französischen Abart, des Preziösentums. Wie bei dem letzteren, so hat auch bei ihm die Periphrase den Sinn, eine Sache von ihrer brutalen Stofflichkeit, aber auch von der Verbrauchtheit des für sie üblichen Wortes zu entlasten. Doch geht er weiter und bedient sich der Periphrase, um die Sache in Qualitäten aufzulösen, die inneren Bereichen angehören. Zwei Verse der Herodiade lauten: Das ist eine Umschreibung für Kerzen. Doch sind diese begrenzten Dinge überwältigt durch mehrfache symbolische Bezüge: Weinen, Nichtigkeit, Fremdheit. Diese bilden den eigentlichen Gehalt der Verse, gehören überhaupt nicht mehr zu den Kerzen, sondern zur inneren Lage der Sprecherin und, darüber hinaus, zu den Grundthemen Mallarmes.
     

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