Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

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Uwe Kolbe (-I957)



I.
      Als im Herbst 1989 die Berliner Mauer fiel, hielt sich Uwe Kolbe ein Gastsemester lang als Visiting Writer in Austin, Texas auf. Gefragt, woher er komme, gab er zur Antwort: 'Aus Deutschland bin ich, aus Hamburg, aber eigentlich aus Berlin, aus Ostberlin, also aus der DDR" . Diese Auskunft über eine prismatisch gebrochene Existenz benennt zugleich Grundthemen seines Werks. Wie kaum ein anderer Dichter seiner Generation hat der 1957 in Ostberlin geborene, seit der Ausreise in Hamburg und dann wieder in Berlin lebende Uwe Kolbe sein Selbstverständnis als deutscher Dichter - vor und nach 1989 - in den Mittelpunkt seines literarischen Schaffens gestellt. Neben den Liebesgedichten profilieren vor allem die politischen Texte mit ihrer radikalen Verteidigung der lyrischen Individualität und Subjektivität einen Autor, aus dessen biographischen Erfahrungen nach eigenen Worten das 'Material" seiner Gedichte erwachsen ist: 'Stoff ist in meinem, d.h. in unserem Falle, das Leben des Einen, das im Dasein des Anderen nie aufgeht" .
      Uwe Kolbe wurde hineingeboren in eine verunsicherte Generation, die, wie er 1979 in einem vielzitierten Interview erklärte, 'weder richtiges Heimischsein noch das Vorhandensein von Alternativen anderswo" empfand . Diese Grundspannung prägte die literarische Entwicklung von Anfang an. Äußerlich betrachtet, absolvierte Uwe Kolbe die für einen DDR-Autor typischen Bildungsstationen. Er leistete seinen Dienst bei der Nationalen Volksarmee ab und studierte in einem Sonderkurs am Leipziger Johannes R.-Becher-Institut . Doch innerlich blieb Kolbe ein unangepasster Autor, der schon als 'Hippiejunge mit seiner Gitarre in die willkürlichen Kontrollen der Volkspolizei" geriet , der als Baupionier bei der NVA wegen des Besitzes unerwünschter Literatur und angeblichen 'Geheimnisverrat^]" zehn Tage Arrest absitzen musste und der nach Ostern 1981 mit einem roten Solidarnosc-Abzeichen an der 'Thälmannjacke" zum Literaturstudium in Leipzig antrat. Diese Schritte der 'individuellen Abnabelung von der Utopie der reinen Lehre" hat Kolbe als 'Renegatentermine" bezeichnet, den Kampfbegriff totalitärer Ideologien dabei in einen Ehrentitel für die von 'ihr gehaßtefn] Zeuge[n] und Feind[e]" verwandelnd.
      Renegatentermine strukturieren zugleich die Werkbiographie. Mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 begann der Abschied vom 'Prinzip Hoffnung' auf einen künftigen 'wahren' Sozialismus, das bis dahin selbst regimekritische Autoren noch vereint hatte und im Land ausharren ließ. In diesem 'Elend der Alternativlosigkeit" seiner Generation fing Kolbe mit dem Schreiben von Gedichten an, die zuerst 1976 und 1979 in der Literaturzeitschrift Sinn und Form publiziert wurden. Titel wie Schwärze , Wir leben mit Rissen , Ungleichheit der Chancen signalisieren die Probleme literarischen Schaffens in der DDR. In raffinierten Titel-Enjambements treten die lähmenden Konsequenzen dieser Situation zutage: 'von der ödnis dieses reden // bleibt natürlich öde / und mein glücksempfinden, klagend, / bleibt natürlich aus" .

     
Beeinflusst ist dieses Schreiben aus einer 'Position einer Abweichung vom Erlaubten" vor allem von den Autoren der expressionistischen Anthologie Menschheitsdämmerung , die der jungen Nachkriegsgeneration in der wiederum von Kurt Pinthus besorgten Neuauflage den Anschluss an die klassische Moderne ermöglichte. Benn, Heym und Trakl, die Kolbe selbst als Vorbilder nennt, stiften thematische Zugänge und Motivvorräte , sind aber keine Paten neoexpressionistischer DDR-Lyrik. Denn wo die 'Humanitäts-Melodie" der Expressionisten verklungen, ihre antibürgerliche Protesthaltung desillu-sioniert und die 'Endzeit gelöstes Problem" ist, bleiben allein die sprachlichen Innovationen, aus denen Kolbe seine poetischen Mittel schöpft: Zertrümmerung der Syntaxordnung , kühne Neologismen, dunkle Chiffren, Dissoziation des lyrischen Ichs und Fragmentierung der poetischen Erfahrung.
      Mindestens ebenso stark wie der literarische Expressionismus fällt der Einfluss Franz Fühmanns ins Gewicht, seine lyrischen Selbstbefragungen angesichts der verunsicherten nationalen und individuellen Nachkriegsidentität. Dieser Lehrer, 'Förderer und Kritiker" , in vielen anderen Fällen bekannt für sein Engagement für die 'Veröffentlichung des Abgewiesenen" , verhalf Kolbes erstem Lyrikband mit einem elogischen Nachwort zu großer Aufmerksamkeit auch jenseits der DDR. Kolbes Gedichte deutet Fühmann als Fanal eines notwendigen Generationsbruchs:
Allein da ist eine Mittelzone der Ansätze, der Erprobungen, des Lösens vom Muster, des Übergangs, des Entdeckens des Themas, der Schritte zum Eignen und dabei auch jenes notwendigen Umwegs, den wir nun einmal nicht sehen können.

II.


Einen solchen Umweg abseits der Spruchbandparolen des offiziell verordneten sozialistischen Realismus nehmen Kolbes Gedichte der 80er Jahre. Die Bände Hineingeboren , Abschiede und Bornholm II bilden ein Triptychon lyrischer Systemkritik, eines imaginativen Ausstiegs aus einer durch Mauer und Stacheldraht verriegelten Wirklichkeit. Sie tragen scheinbar unverfängliche Titel wie Am Intershop und Gründliche Sicherheit , zielen aber bei näherer Betrachtung auf die nachhaltige Demontage ideologischer und gesellschaftlicher Scheinsicherheiten. Nicht immer ist das so eindeutig wie im Falle des Vers-Textes Kern meines Romans, der in der von Brigitte Böttcher herausgegebenen Debütantenanthologie Bestandaufnahme 2 erschien und nach Bekanntwerden des 'wahren Kerns' Lesungs- und Publikationsverbot für den Autor zur Folge hatte, weil er in der Form eines Akrostichons eine 'Losung des täglichen / Aufstands" verbreitete: 'Euch mächtige Greise zerfetze die tägliche Revolution" . Subtiler ist die Struktur des Gedichts Hineingeboren angelegt, das dem Debütband den Titel und Kolbes Generation - der sechs Jahre ältere Michael Wüstefeld konnotiert das 'Hineingeboren" mit 'gefangengenommen" - ein programmatisches Stichwort liefert:
Hohes weites grünes Land, zaundurchsetzte Ebene. Roter

Sonnenbaum am Horizont. Der Wind ist mein und mein die Vögel.

      Kleines grünes Land enges,
Stacheldrahtlandschaft.

      Schwarzer
Baum neben mir.

      Harter Wind.
      Fremde Vögel.
      Das Gedicht handelt von einem geteilten Land, das aber nicht mit den beiden deutschen Staaten gleichzusetzen ist. Voraussetzung von Kolbes Lyrik ist eine radikale Zweipoligkeit. Während die erste Strophe aus der Vogelperspektive heraus das Idealbild einer schönen Landschaft evoziert, die der Sprecher sich in den letzten beiden Versen in pathetischer Ele-vatio anzueignen weiß, zeugt die zweite Strophe, aus einer eher beengten und bodennahen Sichtweise heraus, von der Entfremdung dieser Landschaft und enthüllt damit den Autor als Gefangenen und Fremdling im eigenen Land. Statt der an Hölderlins Ode Mein Eigentum anklingenden Besitzanzeige dominiert nun die Ortszuweisung . Die ,,[s]tolze Vision" der sozialistischen Morgenröte am geschichtsphiloso-phischen Horizont wird enggeführt mit dem Bild des bedrohlich wirkenden schwarzen Baums. Geteilt wie das Land sind die Strophen mit ihrer unterschiedlichen Vokalstruktur und Metrik wie auch mit ihrem präzisen antithetischen Bau, der den Schmerz der Begrenzung und Teilung auf eklatante Weise sichtbar macht. Doch Kolbes Gedicht kommentiert nicht, sondern konstatiert in lakonischen Nominalreihungen Bild und Gegenbild, positiven Anspruch und negative Wirklichkeit. Insofern benennt der mit einem Punkt abgeschlossene Titel präzise Lebensgefühl und Schreibsituation einer Generation. Hölderlins 'freundlich Asyl" gewährt Kolbes Gedicht dem Autor nicht, wohl aber die Erkenntnis der Aporien der Freiheitssehnsucht in einer geschlossenen Gesellschaft. Hineingeboren lässt sich als ein Pointenepigramm in der Tradition Lessings lesen, das auf die denkende Mitarbeit des Lesers setzt. Die Gesamtaussage ergibt sich aus dem Gegenspiel von affirmativem und anklagendem Aus-drucksgestus. Der Text, der mit seiner Vogelmetaphorik in die Tradition der Ikarus-Lyrik gehört, beschreibt den Absturz des Mythos von einem 'besseren Land'.
      I

II.


Der Band Vaterlandkanal markiert einen Übergang in Kolbes lyrischem Schaffen. Geschrieben aus der Perspektive des untergegangenen Staates, dokumentieren diese Gedichte im Kontrast zur Vaterlandsnostalgie Volker Brauns die nüchtern-tagebuchartige Reflexion des Abschieds von der DDR. Immer wieder kreisen sie um das 'Unvergleichliche" und Unversöhnliche der 'beiden Welten mit dem Deutsch im Namen" . Wie sich vor allem an den Berlin-Gedichten illustrieren lässt, bündelt das Thema von 'Zwiedeutschland" und Zwiestadt - in einer älteren Gedichtfassung steht 'Unstadt" - nachdenklich-skeptische Reflexionen über die Identität des im geeinten Deutschland angekommenen Dichters unter den Bedingungen der deutschen


Nachkriegsgeschichte. Zwangsläufig verstärkt sich aus der Perspektive dieser 'Ankunftspoesie" die Erinnerungs- und Gedächtnisleistung der Poesie. In der auch formal - etwa in der Volksliedstrophe oder im Oden-Ton - reaktivierten Tradition der Deutschland-Gedichte von Hölderlin über Heine bis Becher und Brecht dienen Kolbes Gedichte aus den 90er Jahren der Selbstverständigung über die in Frage gestellte Herkunft und die sprachlich-ideelle Orientierung des Autors in der 'westlichen Welt".
      Notwendig wird zugleich die Umschreibung alter Prämissen der DDR-Literaturgeschichte. Kolbe, der lange Zeit im Koordinatensystem der poetopolitischen Opposition des Prenzlauer Bergs wahrgenommen wurde , erfuhr nach der Wende, dass er seit 1983 von der Staatssicherheit - u.a. von seinem Kollegen Sascha Anderson und von seinem Vater - bespitzelt worden war; noch bis 1989 lief der 'Operative Vorgang 'Poet'" gegen ihn. Damit erwies sich das Autonomiepostulat der Szene am Prenzlauer Berg, dem Kolbe weniger als 'Aktionär" denn als 'gebürtiger Berliner" angehörte , im Nachhinein als - wenn auch 'schöpferische - Illusion" . Es gibt in diesem Sinne kaum einen Autor, der 'mit dem real verkorksten Sozialismus so streng und sprachmächtig ins Gericht geht wie Uwe Kolbe" . Ein frühes Zeugnis dieses Ablösungsprozesses ist der im November 1985 entstandene Tübinger Spaziergang:
Deutschland, alter Apfelbaum niedergeschnittenen Stammes, einer deiner dürren Zweige trägt den letzten, roten Apfel, den ich pflück und esse, meinen Hunger stille, ob mir auch der Magen brennt.
Auch hier lässt sich Kolbes Konzept der ,,poetische[n] Umschreibung seiner selbst" erkennen. Das Reiseerlebnis schlägt sich in einer Landschaftsbeschreibung nieder, in der die Reminiszenz an die schwäbische Romantik ebenso enthalten ist wie die in der Eingangsapostrophe anklingende Tradition der Deutschlandklage, eine Kontrafaktur von Bechers Hölderlin-Gedicht Die Apfelbäume blühn in Nürtingen. Insofern sind mit dem Hunger des Spaziergängers auch ein nicht minder brennendes Heimweh und eine unstillbare Zugehörigkeitssehnsucht gemeint. Seine Identität findet der Dichter daher am ehesten in jenen deutschen Landschaften, die von 'ideengeschichtlicher wie von belletristischer Tradition" vermittelt sind.
      Ein solcher Traditionsort ist Vineta. Diese sagenumwobene, vom Meer verschlungene Ostseestadt, die schon in einer 'poetologischen Standortbestimmung" von 1994 als phantastischer Ersatz für ein verlorenes Land evoziert wird, verwandelt sich in dem späteren Lyrikband Vineta zur Allegorie eines untergegangenen Geschichtsbewusstseins, das die eigene fehlgeleitete Biographie einschließt. Nicht wirklich platonisch und Vineta sind verbunden durch die Suche nach 'Vinetas Idiom aus der Tiefe" und das in insistierenden 'Wiederholungen" umkreiste Thema einer Verlusterfahrung ohne benennbaren Neugewinn. Der Künstler porträtiert sich so als grenzüberschreitender Autor, derseine Heimat weder im 'Vaterland" noch an Orten der Fremde finden kann. In dem langen enigmatischen Titelgedicht Vineta beschwört der Dichter nochmals in elegischem Ton das 'Schweigen der Macht" und das wissende Schweigen der Dichter, um deren 'Furcht vor dem Wort" zu erklären.
      Mit dem Band Die Farben des Wassers , der zwischen April 1999 bis Januar 2001 entstandene Gedichte enthält und als Motto Mörikes Vers 'Doch immer behalten die Quellen das Wort" zitiert, knüpft Kolbe an die Tradition der schwäbischen Dichter an. Sie stiften einen neuen Vaterlandsbezug. Darauf verweisen die einzelnen Gedichten als Daten mitgegebenen Tübinger Lokalitäten wie 'Holzmarkt" und 'Brunnenstraße" ebenso wie die Anrufung von Mörikes märchenhaftem 'Land Orplid" und Hölderlins 'Hauptwort" 'Aber", das 'mehr Heimat war als dieser Planet" . Hölderlin als Aufrührer an der Seite demokratischer Dichter ist eine der wichtigsten Referenzfiguren in Kolbes Lyrik ; an seiner Rezeption lässt sich die Geschichte der DDR-Lyrik 'vom Schwung des Glaubens an die Verwirklichung eines Ideals über die lähmende Kollision mit der kläglichen Realität bis hinab in die Tiefe der Verzweiflung" gut verfolgen.
      Am Beginn des neuen Jahrhunderts protokollieren die Gedichte eine Situation selbstkritischen Abwägens und gründlicher Zweifel an der poetischen Retrospektive: wenn 'unsere Sicht statt ein Spiegel / nur Brecheisen des Überlebens ist" . In teils märchenhaften, teils mythischen Maskenspielen gesellen sich zur Spiegelfigur des Sisyphus als weitere tragische und tragikomische Figuren Orpheus, Narziss und Don Quichotte.
      Zu wissen, wer ich eigentlich war,dachte im Torkeln der Mann,der sich einen Ritter wähnteim Drehen der Arme, im Auftritt,im Schwellen der Halsschlagader,mit Wangenglühn und Windgriff ins Haar.
      Wer war ich eigentlich,bevor ich vom Pferd herabstiegund mich schämte.

     
Die eingangs gestellte Identitätsfrage hat ihre Tücken. Denn die drei Mittelverse sprechen sowohl von den Anzeichen eines bevorstehenden Sturzes wie auch von einem zurückliegenden heldenhaft-theatralischen Auftritt. An diese Vergangenheit erinnern die Schlussverse. Aus der späteren historischen Erkenntnis, die zur Relativierung der noch im Gedicht Don Quichotte von 1980 verteidigten Position künstlerischer Freiheit führt, hat die Scham über die trügerischen Hoffnungen und das wissende Schweigen von gestern gesiegt.
     

I

V.


Dass neben den 'vaterländischen' Gedichten die Liebeslyrik eine führende Rolle in Kolbes Lyrikbänden spielt, verwundert nicht, geht es doch in beiden Genres um Fragen von Identität und Differenz, Utopie und Desillusionierung, Annäherung und Trennung. Schon die Gedichte des Bandes Abschiede sprechen von Liebesvereinigungen, die Fremdheit herstellen, von schnellen, unerfüllten Begegnungen, Trennungen und Enttäuschungen. Sie spielenvirtuos mit den Möglichkeiten der Tradition zwischen ,,[r]omantisierende[m] Dank" , ,,torkelnde[m] Hymnus" und 'Morgenlied" . Nicht wirklich platonisch, der Lyrikband von 1994, knüpft an die 'profane Linie' der Liebesliteratur an, die mit Martials Epigrammen beginnt und von den mittelalterlichen Vagantenliedern über Bänkelsang und Moritat bis zu den erotischen Chansons des 20. Jahrhunderts führt. In dieser Tradition der Liebesgedichte 'ohne Liebe" sind Satire und Sarkasmus ebenso statthaft wie die Vermischung der Stilebenen, heitere und frivole Zwischentöne. Das Gedicht Landpartie mit E.F. hat Kolbe als Referenz und Reverenz auf einen berühmten Vorgänger, Frieds Was es ist , geschrieben:

Es ist banal,sagen die Besitzer der Gärten.
      Es ist für dich, sagen die Vögel.
      Ist es im Internet?fragen die Jüngsten.
      Es ist das Netz, das mich hält, sage ich.
      Ist das ein Gedicht?mäkeln Gebildete.
      Ich weiß, es ist ein schöner Augenblick.
      Sie lacht,die kleine Göttinan meiner Seite.

     
Drei Anfragen oder Vorwürfe an die Adresse der Liebe gibt es bei Fried und bei Kolbe. Doch Kolbe ersetzt die Friedschen Anapäste durch unregelmäßige Rhythmen und Verse ungleicher Länge; statt der monotonen Wechselrede herrscht ein munteres Frage-Antwort-Spiel vor, und Frieds Prolog der Vernunft antwortet ein Epilog über die Inspiration. Zudem ist es nun das lyrische Ich selbst, das seinen Widersachern, gleichviel ob Gartenbesitzer, Internet-Surfer oder Akademiker, keine Antwort schuldig bleibt. Die Vögel, traditionelle Begleiter und Mitwisser des 'Ibykus im Prenzlauer Berg" , stehen ihm bei. Erstaunlicherweise ergreift der Dichter Partei für die Liebe, ohne dieses Wort auch nur einmal auszusprechen. Diese Leerstelle, das 'Es" im Text, das grammatisches, nicht personales Subjekt ist, kann die Liebe sein oder das Liebesgedicht. 'Es" ist die Gewalt der Liebe, die den Liebenden überwältigt und zu einem Leidenschaften unterworfenen Subjekt im Wortsinne macht. Im Gegensatz zu Fried dekonstruiert Kolbe aber die herkömmlichen Erklärungsversuche der Liebe . Doch immer noch -und hier rekurriert er auf das wirkungsmächtigste Liebesmodell abendländischer Literatur, den Piatonismus - ist es die 'kleine Göttin" an des Dichters Seite, die schmunzelnd das letzte Wort über die Liebe behält. Landpartie endet mit einem amüsierten Musenanruf.
     

V.


Trotzige Vaterlandsgesänge, politische Lyrik ohne 'Protest" , verletzte und verletzende Liebeslyrik 'ohne Liebe": Die Gebrochenheit vieler Gedichte, ihre radikale Subjekti-vität, ihre hymnische Strophen, Oden, Elegien, Tagelieder, auch Prosagedichte umfassende Formenvielfalt und ihr originelles Spiel mit intertextuellen Bezügen schlagen sich in einer erstaunlich konstanten Poetik hochgradiger Irritation nieder. Gleichwohl hat sich im literarischen Selbstverständnis eine Wandlung vom monologischen ,flistrionen" auf der Sprachbühne der DDR, auf der es keine Sprache Jenseits des Vokabulars der Macht und Anpassung" gab , zum 'Zeitgenosse[n], Wahlbürger, Teilnehmer am aktuellen Gespräch" vollzogen; in dem Band ortvoll ist diese kritische Zeitgenossenschaft vor allem inspiriert von ost- und mitteleuropäischen Städten.
      Mit wachsendem Abstand zur DDR nimmt auch die 'syntaktische, rhythmische, metrische Komplexität der Schreibweise" zu. Doch die daraus resultierende 'Dunkelheit" der Sprache ist kein Produkt hermetischer Sinnverweigerung, sondern ergibt sich notwendig aus der Verfinsterung der Zusammenhänge zwischen Ich und Gesellschaft, aus der Spannung zwischen 'Subversions-Spektakel" und poetischer 'Sekundenerkenntnis" . 'Das unverständliche Gedicht" liest einem Leser, der sich vor der 'Zerrissenheit" solcher Verse ängstigt und von ihnen 'mehr Sichres", ja 'Trost" verlangt , die Leviten. Poetische Intuition lässt sich denn auch weder steuern noch erklären:
Die Verse sprießen, ob geackert wird, ob nicht,sie feiern Fortschritt oder Weltuntergangam liebsten ganz, Grabrede oder Hochzeitssegen,abstrus am Busen des Absurden.

     
Kolbes Gedichte gehen aufs Ganze, erfüllen, wie Fühmann früh erkannte, das 'Kriterium höchster Präzision bei gleichzeitiger Mehrauslegbarkeit" . Erklärtes Ziel bleibt,
Dagegen zu sprechen, die Höhe herunterzuholen, Konstrukte zu stutzen, den Infinitiv abzuschließen, die Sätze zu untergraben.

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